„Stellen wir uns vor, inmitten“ keiner Katastrophe …

„Vielleicht stellen wir uns […] vor, inmitten irgendeiner künftigen Katastrophe würden wir auf Seiten der Retter sein. Doch wenn Staaten zerstört, lokale Institutionen korrumpiert und Marktanreize auf Mord ausgerichtet wären, würden sich nur wenige von uns anständig verhalten. Wir haben wenig Grund zu der Annahme, dass wir den Europäern der 1930er und 1940er Jahre moralisch überlegen oder weniger anfällig für Ideologien sind, wie Hitler sie so erfolgreich propagierte und umsetzte.“

Bei den aktuellen Berichten zu den Zuständen an den Grenzen fällt wie von selbst der von Zygmunt Bauman zitierte Timothy Snyder ein, auf welcher „Seite zu sein stellen wir uns vor inmitten einer Katastrophe“ …

Bei den aktuellen Berichten, wieder einmal aktuellen Berichten, etwa über jene, die ohne Auftrag, ohne Befehl bewaffnet an die Grenzen hetzen, um gegen Menschen zu kämpfen, und sich dabei „anständig“ wähnen im himmlerischen Verständnis, gegen Menschen zu kämpfen, die nicht zum Kämpfen an die Grenzen kommen, sondern …

Bei den aktuellen Berichten etwa über jene, die beispielsweise für kurz Minister gewesen sind, weiterhin treuen Gesinnungsknappen, die vom Warnschießen an den Grenzen sprechen, gegen Menschen, die nicht zum Schießen an die Grenzen kommen, sondern ….

Bei den aktuellen Berichten über jene, die von nichts anderem reden können, als von „Ansturm“, als ginge es um einen Krieg an den Grenzen, für sie von Menschen entfacht, die an die Grenzen kommen, aber die Menschen kommen nicht an die Grenzen, um zu stürmen, sondern …

Es gibt aber auch jene, die sich anders verhalten, die sich „anständig“ verhalten, „anständig“ nicht im himmlerischen Sinn, und sich etwa für eine Öffnung der Grenzen einsetzen, dafür auch auf die Straße gehen, zur Stunde nicht in Wien, aber beispielsweise in Berlin, in Brüssel.

Menschen, die sich „anständig“ verhielten, „anständig nicht im himmlerischen Sinn, gab es auch in den 1930er und 1940er Jahren. Es waren zu wenige.

Die Frage ist nur, werden es in der Gegenwart und in der Zukunft, beginnend mit den 20er Jahren, endlich genügend sein. Oder werden wieder zu viele auf keine Seite stehen, nicht auf der Seite der Retterinnen, nicht auf der Seite der Retter, sondern einfach wieder gewähren lassen, wieder alles mitverfolgen auf ihren Smartphones mit größter Anteilnahme für ihre Handys, jene, die vom Schießen reden, die vom Ansturm reden, jene, die sogar ohne Befehl an die Grenzen hetzen, um Menschen …

PS Bauman zitiert Snyder in seinem Buch „Retrotopia“. Ein Buch, kurz zusammengefaßt, das besonders in Österreich zu lesen vonnöten. Ein Kapitel etwa hat den Titel „Zurück in den Mutterleib“, wie passend zum stelzerischen Beharren auf die oberösterreichische Landeshymne; allerdings die Kapitelüberschrift muß ein wenig für dieses Land passender dazu gedacht werden: Nicht heraus aus dem Muaderleib.

PPS Wenn Sie einwenden wollen, ach wieder der Verweis auf die Zeit des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus, dann kann es darauf nur die Antwort geben, es ist kein Verweis auf diese schwarze austrofaschistische und nationalsozialistische Zeit, sondern das Einmahnen des Handelns im Sinne des zahlreichen Gedenkens an diese Zeit, auch von denen, die von nichts anderem eifern als von Ansturm, Schießen, Grenzsperrungen …

Le Boulogne blanche

Wolfgang Amadeus Mozart als den weißen Boulogne zu bezeichnen, heißt menschgemäß, dem Rassismus in die Falle zu gehen.

Dennoch soll in diese Falle gegangen werden, nicht aber, um einen sogenannten positiven Rassismus zu verbreiten, sondern sich an dem Bau einer Straße zu beteiligen, die in ein anderes Schreiben von Geschichte und somit von Gegenwart führte …

Joseph Boulogne, Chevalier Saint-Georges, wird mit einer Selbstverständlichkeit und wohl in hehrer Absicht bezeichnet als „Le Mozart noir“, als „The black Mozart“, als „der schwarze Mozart“ …

Nun, die tatsächliche Geschichte hält dem nicht stand, Boulogne, der eine Quelle der Inspiration auch für andere war, die heute noch nicht nur in Österreich größte Verehrung genießen und unablässig gespielt werden, als den „schwarzen Mozart“ zu bezeichnen, diese würde eher die Bezeichnung „der weiße Boulogne“ für Mozart rechtfertigen.

Wolfgang Amadeus Mozart, von dem es heißt, er sei ein rechter Schelm gewesen, hat Boulogne dafür, ein weißer Boulogne geworden zu sein, vielleicht doch gedankt, auf eine seine besondere Weise, dadurch, daß er ihm in seiner „Zauberflöte“ ein Denkmal wohl setzte, mit einer Figur, der nicht zu trauen ist, die, eingeschrieben in ihren von Schikaneder und Mozart gegebenen Namen, allein zu bleiben hat, bereit dazu, die weißschöne Pamina zu vergewaltigen, käme nicht rechtzeitig die weißstrenge Königinmutter hinzu …

Alles fühlt der Liebe Freuden,
Schnäbelt, tändelt, herzt und küßt;
Und ich sollt' die Liebe meiden,
Weil ein Schwarzer häßlich ist!
Ist mir denn kein Herz gegeben?
Bin ich nicht von Fleisch und Blut?
Immer ohne Weibchen leben,
Wäre wahrlich Höllenglut!
Drum so will ich, weil ich lebe,
Schnäbeln, küssen, zärtlich sein!
Lieber guter Mond, vergebe,
Eine Weiße nahm mich ein.
Weiß ist schön! Ich muß sie küssen;
Mond, verstecke dich dazu!
Sollt' es dich zu sehr verdrießen,
O so mach' die Augen zu!

Das darf Monostatos singen in der Musik vom weißen Boulonge, der dem schwarzen Mozart damit wohl ein recht besonderes Denkmal …

„Black is ugly“, ach das singt doch ein Schwarzer selbst, dann wird es wohl stimmen, so wie, weil eben wieder einmal der „Zigeunerbaron“ auf einer wienerischen Bühne, „Zigeuner keine Fremdbezeichnung“ sei, da doch, so die Direktion und Dramaturgie, da doch die „Zigeuner“ sich selber als „Zigeuner“ bezeichnen, auf der Bühne, die „Zigeuner“ Strauß und Schnitzer …

Ob „Black is beautiful“ eine späte, sehr späte Antwort auf „black is ugly“ ist, kann nicht gesagt werden, aber eines kann gesagt werden, was einmal in die Welt getragen, wirkt lange nach, sehr lange, und es wird auch alles dazu getan, daß es weiter wirkt und wirkt …

Ist nicht gerade die „Zauberflöte“ die Oper schlechthin, in die schon Kinder, kaum daß sie sitzen können, scharenschweise getrieben werden, sogar in für sie eigens aufbereitete Aufführungen? Und hallt es nicht gerade jetzt in Zeiten der sogenannten sozialen Medien massenhaft zurück, was „the black“ ihnen sind?

Der Musikkritiker

„Mit dem ‚Zigeunerbaron‘ ist das bekanntlich so eine Sache. Ja, da reiht sich musikalisch Hit an Hit, Ohrwurm an Ohrwurm. Die Handlung jedoch ist – höflich formuliert – hanebüchen und in Zeiten der auch übertriebenen politischen Korrektheit überaus problematisch. Zwar sind die Zigeuner die Guten; an Klischees inklusive einer Kriegsverherrlichung mangelt es allerdings nicht.

Was also tun mit dieser 1885 uraufgeführten Mixtur aus Operette und Oper, dieser Geschichte rund um die Zigeunerin Saffi […]“

So beginnt der Musikkritiker in der Tageszeitung „Kurier“ am 2. März 20 seine mit „Als wäre es ein bitterböses Stück von Brecht“ überschriebene Premierenkritik. Er wird wohl erst vor kurzem eine recht gute Beurteilung seiner VwA im Fach Brechts Dramaturgie erhalten haben.

Nachdem die Direktion und die Dramaturgie der Volksoper in ihrer Stellungnahme so überzeugend darlegte, weshalb Zigeunerinnen ohne Anführungszeichen gesagt und geschrieben werden könne, weil vor allem Zigeuner keine Fremdbezeichnung sei, ist es nun für den Musikkritiker eine Selbstverständlichkeit, Zigeuner ebenfalls ohne Anführungszeichen zu schreiben,und das wird viele der Lesenden dieser Tageszeitung freuen, daß der Musikkritiker die Bezeichnung Zigeuner für eine Massenzeitung, also nach österreichischen Verhältnissen ist es eine Massenzeitung, zurückerobert zu haben, abgestützt durch die eindrucksvolle Argumentation von Direktion und Dramaturgie der Volksoper, das wird die Lesenden der sogenannten Mehrheitsgesellschaft freuen, daß ihr selbstverständliches Verwenden des Wortes Zigeuner durch ihre Tageszeitung Bestätigung und Anerkennung findet, gerade in diesen „Zeiten der auch übertriebenen politischen Korrektheit“ …

Brechts Dramaturgie mag das Spezialfach des Musikkritikers sein, der Strauß mit seinem Schnitzer hingegen nicht, sonst hätte er Zigeunerin in Anführungszeichen setzen müssen. Denn. Die Zigeunerin Saffi ist keine Zigeunerin. Die Anführungszeichen hätten genügt, um zu verdeutlichen, daß die Saffi von Strauß mit seinem Schnitzer keine Zigeunerin ist. Wann Anführungszeichen zu setzen sind, ist dem Musikkritiker durchaus geläufig. So weiß er „Zigeuner-Romantik“ in Anführungszeichen zu bringen …

Nach den Morden nicht nur im tiefsten Burgenland, nach den Ausschreitungen in so vielen Teilen Europas gegen Menschen, die ohne Anführungszeichen als Zigeuner vorgeführt werden, kann wohl von keiner „übertriebenen politische Korrektheit“ gesprochen und geschrieben werden, sondern nur davon, nicht das Barbarische durch das dermaßen freiwillige, dermaßen unbewußte und dermaßen unreflektierte Verwenden von Wörtern, die weiterhin nichts anderes als Schlachtwörter sind, zu bedienen, gerade in diesem Land …

Übrigens. „Der Musikkritiker“- auch ein Ohrwurm, aber den hat kein Strauß mit seinem Schnitzer g’schriebn …

„Aula“ ist zu buchstabieren wie „Zur Zeit“ und „Zur Zeit“ wie „Kurze Regierung“

Seit 18 liege der österreichischen Behörde, ist nun im Februar 2020 zu lesen, eine „Sachverhaltsdarstellung mit einem umfangreichen Dossier“ vor, ein „historischer Sachverständiger“ sei mit der Analyse der Texte beauftragt, und bis zum Sommer 2020 solle es eine Entscheidung geben, ob es zu einer Anklage komme oder nicht, zu einer Anklage auch gegen Martin Pfeiffer, gegen den „Aula-Chefredakteur“.

Es geht also ausschließlich um die Texte in der „Aula“.

Nach der Tafel ist „Aula“ wie folgt zu buchstabieren: „Au“ wie „Zur“ und „la“ wie „Zeit“ – „Zur Zeit“.

Und „Zur Zeit“ wie „Regierung“. Und das war die türkis getupfte schwarz-blaue Regierung, die viele für kurz gewesene Mitglieder hatte, deren Kompetenzen eine war, für die „Zur“ wie „Au“, „Zeit“ wie „la“ Beiträge zu liefern. Gesinnungsgemäß auch und das recht regelmäßig wie Martin Pfeiffer.

Und was Martin Pfeiffer für Beiträge liefert für „Zur Zeit“ wie „Aula“ und „Aula“ wie „Zur Zeit“ inmitten seiner Kameraderie, die für kurz gewesene Regierungskameraderie, nun, der beauftragte „historische Sachverständige“ würde nicht herausfinden können, welche Texte von Pfeiffer für „Aula“, welche Texte von Pfeiffer für „Zur Zeit“, würden alle Hinweise entfernt werden, in welchem Magazin welcher Text beispielsweise von Pfeiffer veröffentlicht.

Seit 18 liege der österreichischen Behörde, ist nun im Februar 2020 zu lesen, eine „Sachverhaltsdarstellung mit einem umfangreichen Dossier“ vor, ein „historischer Sachverständiger“ sei mit der Analyse der Texte beauftragt, und bis zum Sommer 2020 solle es eine Entscheidung geben …

Jahre vergehen also, bis überhaupt eine Entscheidung gefällt wird, ob je eine Anklage erhoben wird oder nicht, und was für ein Aufwand betrieben wird, „ein historischer Sachverständiger“ wird beauftragt … es geht auch schneller, aber nur wenn es nicht um die Magazine der für kurz gewesenen Regierungsmitglieder geht, sondern um …

Dann wird nicht entschieden, sondern angeklagt und verurteilt

Es wird nicht entschieden, sondern angeklagt, aber unterschieden, wer beispielsweise gesinnungsgemäße Tattoos … und wenn ein akademischer Körper mit gesinnungsgemäßen Tattoos, dann wird nicht angeklagt, sondern …

Maria Theresia und ihre Familie gegen die „Zigeuner im knallharten Verteilungskampf“

Von einem Parteipolitiker gibt es den Witz, er habe nur ein Buch gelesen.

Kein Witz ist es hingegen: Ganz Österreich kommt mit einem Buch aus. Mit noch weniger als einem ganzen Buch, ganz Österreich kommt mit dem Titel des Buches allein aus.

Wie auch vorgestern wieder. Morgenjournal. 7.27 Uhr. Christa Maier. Peter Lund. Sie, die Journalistin. Er, der Regisseur. Gesprochen wurde über die gestrige Premiere in der Volksoper.

Stenogramm des Vorgestrigen:

„Der Zigeunerbaron um 1740 … zur Zeit Maria Theresias … schon während der Ouvertüre historische Fakten und zeitgeschichtliche Vorurteile gegen Zigeuner vermittelt … Originalzitate aus der Zeit, was den Zigeunern alles unterstellt … unchristlicher sowieso, Klauen und Dieberei, aber eben auch, daß sie von den Türken ausgesandt wurden, um uns zu verderben, das finden wir sehr spannend, weil das, da die Geschichte spielt, gleich nach den Türkenkriegen, schlägt ihnen gleich noch mal eine ganz andere Form von Haß entgegen, es geht richtig um was … und dementsprechend zeigt Regisseur Peter Lund in seiner Textfassung als Zusammenprall bzw. Kampf der Kulturen … weil natürlich geht es um einen knallharten Verteilungskampf … ist eine märchenhafte Geschichte … die Polarität von arm und reich sowie die gegensätzliche Normen und Werte illustriert Peter Lund ganz deutlich … die Zigeuner haben wir ein bisschen entkitscht … nicht dauernd die Fröhlichsten … wenn du immer Hunger hast, und nie was zu essen, natürlich bist du dann fröhlich, wenn du mal was …“

Eigentlich müßte hierzu nichts mehr angemerkt werden, es reicht ein Verweis auf das Programmheft „Ihre Dienste werden weiter benötigt – Auf die Bühne getrieben“, das nicht von Lund, nicht von der Direktion Meyer und der Dramaturgie der Volksoper, nicht vom Animationsgrafiker zusammengestellt …

Weil aber „historische Fakten“, „zeitgeschichtliche Vorurteile“ und auch die Habsburg in diesem morgendlich gesendeten Gespräch angesprochen wurden, ist doch noch einmal hervorzuheben, was für einem „knallharten Verteilungskampf“ die arme Habsburg in ihrer armselig windschiefen und nur mit dem Kreuze möblierten Hütte im sumpfigen Banat ausgesetzt war, daß sie einzig in der ethnischen Auslöschung der „Zigeuner“ ihre Rettung sah, sie darin ihre einzige Möglichkeit sah, wenigstens ein wenig von den knapp zu verteilenden Gütern abbekommen zu dürfen, und auch ihrem Sohne war dieser „knallharte Verteilungskampf“ nicht erspart geblieben

Nur der Hunger ist steter Gast in der habsburgischen Hütte, die Fröhlichkeit macht stets um solch eine Hütte einen weiten Bogen, denn sie weiß, wo der Hunger Dauergast, ist sie fehl am Platz, an solchen Hüttentüren klopft ohnehin Gevatter Rosenkranz …

Kurz danach schon seine nächste Überraschung

Am Mittwoch habe er bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur geheimnisvoll angedeutet, er verrate noch nicht alles, es werde noch eine Überraschung geben.

In einem Exklusiv-Interview, das er an diesem Freitag einem Radiosender gibt, hat er die angedeutete Überraschung öffentlich gemacht, schneller als erwartet, so kurz nach seinem Ascher…

Und es ist wahrlich eine Überraschung.

Sein Wahlziel. Er wolle das wieder werden, was er bereits gewesen …

Er möchte zurück, dorthin, wo er erfolgreich ein Amt aus…

Ausgetrocknete Seen

Radio Strandbad sendet aus dem Strandbad Klagenfurt den Bericht über eine bevorstehende Wahl.

Reporter: Es wird fest mit einem Wahlsieg der Partei gerechnet, die am meisten und am massivsten auf die Anti-Migrationshaltung setzt. Wie kaum in einem anderen Land. Von Flüchtlingskrisen betroffen ist. Wo es auch wirklich Probleme für die Bevölkerung gibt. Das sehen Sie auch hier. Ausgetrocknete Seen und so weiter und so fort.

Quelle: ORF, Morgenjournal, 27. Februar 2020, Christian Wehrschütz kommt auch auf die „Anti-Flüchtlings-Stimmung“ in Slowenen zu sprechen. Er berichtet, daß es eine weit verbreitete „Anti-Migrations-Haltung“ geben würde, das auch immer an der Grenze zu Kroatien gesehen werden konnte, und er, Wehrschütz, sagt wörtlich: „Wo es auch wirklich Probleme für die Bevölkerung gibt, zerstörte Wälder“ —– —

Des Hünderls zweit Muaderleib

Zur Forderung, eine Neuausschreibung der OÖ. Landeshymne durchzuführen, sagt Stelzer: „Kein Oberösterreicher verbindet unsere Landeshymne mit Antisemitismus oder anderen furchtbaren Dingen, es findet sich kein verwerfliches Wort in unserem ‚Hoamatgsang‘. Im Gegenteil: Die Landeshymne ist seit 68 Jahren Bestandteil der oberösterreichischen Kultur und Identität. Daher gibt es für mich keinen Grund für eine Änderung.“


Die „Kultur und Identität“ von Thomas Stelzer, dem derzeitigen Landeshauptmann von Oberösterreich … Es sträubt sich alles, dazu Bilder sich vorzustellen. Denn. Diese Bilder könnten nur nach höchst aufwendigen, langwierigen Sitzungen wieder aus…

Hoamatland, Hoamatland!
han di so gern
Wiar a Kinderl sein Muader,
A Hünderl sein‘ Herrn.

Dahoam is dahoam,
Wannst net fort muaßt, so bleib;
Denn d’Hoamat is ehnter
Der zweit Muaderleib.

Es ist wahr, es findet sich „kein verwerfliches Wort“ in der stelzhamerischen Hymne, nur das Menschliche, das allzu Menschliche, die Sehnsüchte also, als Hündchen zu leben, behütet und sicher im Leib der Mutter, und draußen wacht sein Herrchen, hält fest in der Hand die Leine, und das Hündchen braucht nur, wenn es fürchtet, sein Herrchen könnte fortgegangen sein, an der Kette zu zerren, und das Herrchen strafft ein wenig die Nabelschnur, damit das Hündchen weiß, er ist ja da, er ist da …

OÖ. Die Generalversammlung der IG Autoren fordert eine Neuausschreibung der oberösterreichischen Landeshymne.
Der Grund: „Angesichts des alarmierenden Erstarkens von Rechtsextremismus und Antisemitismus ist es unhaltbar, wenn selbst die offizielle Website des Landes Oberösterreich Franz Stelzhamer als untadelige Persönlichkeit darstellt“. Über seinen „Judenhass, der in einem nur dürftig verbrämten Genozidverlangen gipfelt, findet sich bis heute kein Wort“, so die IG Autoren. Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) widersprach dieser Darstellung in einer Presseaussendung:  „Die Texte von Franz Stelzhamer wurden bereits im Jahr 2010 im Rahmen eines Symposiums  thematisiert. Dazu ist 2014 die Publikation „Der Fall Franz Stelzhamer. Antisemitismus im 19. Jahrhundert“ erschienen“. Der oberösterreichische Dichter Franz Stelzhamer veröffentlichte 1852 im Privatdruck in München den Sammelband „Das bunte Buch“ der den antisemitischen Text „Jude“ beinhaltet. Stelzer dazu: „Den Text kann man weder schönreden, noch gutheißen. Dennoch muss man Franz Stelzhamer (1807-1874) im gesamten Kontext des 19. Jahrhunderts betrachten. Er war leider wie viele andere seiner Zeit auch vom Antisemitismus geprägt.“

Bemerkenswert an dem Widerspruch des Landeshauptmannes, wie es „meinbezirk – oberösterreich“ am 25. Februar 20 berichtet und hier zitiert wird, sein Verweis, er sei leider wie viele andere „seiner Zeit auch vom“ …

Ach, es ist nur die Zeit, und die Zeit nur erzieht die Kinder, wie es in dieser Partei stets gewußt wird, wenn es beispielsweise um Antisemitismus geht, dann wird ein Nationalratspräsident etwa für einen Fasslabend zum „Kind seiner Zeit“ … Und dann gab es zu diesen Zeiten die armen Kinder, wie es zu allen Zeiten die verwahrlosten Kinder gibt, die von keiner Zeit eine Erziehung erfahren, Kinder, deren Aufzucht die Zeit verweigert …

Bemerkenswert ist auch die Erledigungskompetenz des Landeshauptmannes; einmal etwas thematisieren, wie die Texte von Franz Stelzhamer, und schon ist es für alle Zeit erledigt. Diese Erledigungskompetenz kann immer wieder gerühmt werden. Etwa auch, wenn einer nach Deutschland fährt, zu Höcke, dann reicht es für den Landeshauptmann, ein klärendes Gespräch, damit es vom Tisch …

Es zeichnet den Landeshauptmann nicht nur seine Erledigungskompetenz aus, sondern auch sein Wissen darum, welche Grundstoßrichtung in Ordnung ist …

Kurz ist es nicht her, daß ein Kapitel verfaßt wurde, in dem davon die Rede ist, daß alle Landeshymnen in Österreich neu zu schreiben sind, weil diese zum …

Der Anlaß dazu war vor Jahren, daß einer aus dem Oberösterreichischen, dessen Kultur und Identität die stelzhamerische Hymne ist, einen Museumsdirektor aus dem Amt haben wollte, weil diesem die stelzhamerische Hymne nicht Kultur und Identität sein will …


„Drei Stunden am Tag oder die 15-Stunden-Woche reichen völlig aus“

In acht Jahren wird es einhundert Jahre her sein, daß John Maynard Keynes zum ersten Mal von der 15-Stunden-Woche sprach …

Es gibt nicht wenige, die meinen, der „Jahrhundertökonom“ habe sich mit seiner „Prognose“ der 15-Stunden-Woche“ geirrt. Das kann nur als Irrtum gesehen werden, wenn es nicht als Anleitung zum Glücklichsein verstanden wird, vor allem wenn es als Anleitung zum Handeln ignoriert wird …

Gedruckt wurde seine Anleitung zum Handeln dann 1930. Es bleiben immer noch zehn Jahre für die Umsetzung der 15-Stunden-Woche. Keynes sprach davon, daß in einhundert Jahren, also 2030, die 15-Stunden-Woche umgesetzt. Es bleiben also noch zehn Jahre dafür, daß 2030 kein Mensch mehr sagen kann, Keynes habe sich mit seiner Prognose der 15-Stunden-Woche geirrt.

Dabei könnte es die 15-Stunden-Woche, wäre Keynes‘ Schrift als Anleitung zum Handeln von Anfang an gelesen worden, seit neunzig Jahren schon geben, zum Beispiel in – auch in Österreich, wo gerade um eine Arbeitszeitverkürzung um — — ach, die Ziffer selbst schämt sich, mit einer Arbeitszeitverkürzung um gerade eine Handvoll Stunden in Verbindung gebracht zu werden … dennoch jaulen sonntäglich jene auf, die Keynes in seiner Schrift selbst so vortrefflich …

Kurz, sehr kurz ist es her, daß in einem Kapitel von einer Steuer geschrieben, die es in Österreich seit sehr langer, sehr langer Zeit schon geben könnte, eine Steuer, die durchaus im Zusammenhang mit der Arbeitszeitverkürzung zu denken ist. Stattdessen gibt es in Österreich weiterhin aber nur Geschwefel um diese Steuer …

Genug der Einleitung zu den „Wirtschaftlichen Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ von John Maynard Keynes. Allemal zu lesen, gerade in dieser Zeit, auch in Österreich, die Anleitung zum Handeln, das zum Glücklichsein, zum guten Leben führt:

„Wir leiden gerade unter einem schweren Anfall von wirtschaftlichem Pessimismus. Sehr häufig hört man Leute sagen, dass die Epoche des enormen wirtschaftlichen Fortschritts, die das neunzehnte Jahrhundert kennzeichnete, vorüber sei; dass die schnelle Verbesserung des Lebensstandards sich nun verlangsamen würde −; dass ein Rückgang des Wohlstands in dem vor uns liegenden Jahrzehnt wahrscheinlicher sei als eine Steigerung […]

Wir leiden nicht unter Altersrheumatismus, sondern unter den wachsenden Schmerzen überschneller Veränderungen, unter der Schmerzhaftigkeit von Korrekturen beim Übergang von einer Wirtschaftsperiode in eine andere. Der Anstieg der technischen Leistungsfähigkeit war schneller als unser Vermögen, Arbeit zu schaffen; die Verbesserung des Lebensstandards war ein wenig zu rasch […]

Die herrschende weltweite Depression, die ungeheure Anomalie von Arbeitslosigkeit in einer Welt voller Bedürfnisse, die verheerenden, von uns begangenen Fehler haben uns blind für das werden lassen, was unter der Oberfläche vor sich geht − was eine zutreffende Interpretation der Entwicklungstendenz wäre. Denn ich sage voraus, dass die beiden entgegengesetzten Irrtümer des Pessimismus, die jetzt in der Welt so viel Lärm machen, sich noch in unserer eigenen Zeit als falsch herausstellen werden − der Pessimismus der Revolutionäre, die glauben, die Dinge seien so schlecht, dass nichts als ein gewaltsamer Umsturz uns retten kann, und der Pessimismus der Reaktionäre, die das Gleichgewicht unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens für so gefährdet halten, dass wir keine Experimente riskieren dürfen.

Meine Absicht in diesem Aufsatz ist es jedoch nicht, die Gegenwart oder die nahe Zukunft zu untersuchen, sondern mich von der kurzen Sicht freizumachen und mich auf Schwingen in die Zukunft zu bewegen. Welchen Stand des wirtschaftlichen Lebens können wir vernünftigerweise von jetzt an in hundert Jahren erwarten? Was sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten für unsere Enkelkinder?

[…]

Zu irgendeiner Zeit vor dem Beginn der Geschichte − vielleicht sogar in einer jener angenehmen Zwischenräume vor der letzten Eiszeit − muss es eine Zeit des Fortschritts und der Erfindung gegeben haben, die mit der, in der wir heute leben, vergleichbar ist. Aber während des größten Teils der aufgezeichneten Geschichte gab es nichts derartiges. Die moderne Zeit begann, so denke ich, mit der Kapitalakkumulation im sechzehnten Jahrhundert. Ich glaube − aus Gründen mit denen ich die vorliegende Gedankenführung nicht belasten muss −, dies ist ursprünglich auf Preissteigerungen und daraus resultierenden Profiten zurückzuführen, die durch die Gold- und Silberschätze ermöglicht wurden, die Spanien aus der Neuen Welt in die Alte brachte. Von dieser Zeit an bis heute wurde die Kraft der Akkumulation, die über viele Generationen hinweg geschlafen zu haben scheint, mittels Zinseszins wiedergeboren und in ihrer Stärke erneuert. Und die Macht des Zinseszins über zweihundert Jahre hinweg ist etwas, was die Vorstellungskraft ins Wanken bringt.

[…]

Vom sechzehnten Jahrhundert an, und besonders nach dem achtzehnten, begann das große Zeitalter wissenschaftlicher und technischer Erfindungen, das seit den Anfängen des neunzehnten Jahrhunderts in vollem Fluss ist − Kohle, Dampf, Elektrizität, Erdöl, Stahl, Gummi, Baumwolle, die chemischen Industrien, automatische Maschinerie und die Verfahren der Massenproduktion, Rundfunk, Buchdruck, Newton, Darwin und Einstein, und tausend andere Dinge und Menschen, die zu bekannt und vertraut sind, als dass sie alle aufgezählt werden müssten.

[…]

Was ist das Ergebnis? Trotz eines ungeheuren Wachstums der Weltbevölkerung, die notwendigerweise mit Häusern und Maschinen ausgerüstet werden musste, ist der durchschnittliche Lebensstandard in Europa und den Vereinigten Staaten, wie ich annehme, um etwa das Vierfache gestiegen. Das Kapital ist mit einer Geschwindigkeit gewachsen, die über dem Hundertfachen dessen liegt, was jedes frühere Zeitalter gekannt hat.

[…]

Gleichzeitig haben technische Verbesserungen in der Fertigung und im Transportwesen in den letzten zehn Jahren einen größeren Fortschritt gemacht als je zuvor in der Geschichte. In den Vereinigten Staaten war der industrielle Output pro Kopf 1925 um 40 Prozent höher als 1919. In Europa sind wir durch zeitweilige Hindernisse aufgehalten worden, aber trotzdem kann man mit Sicherheit sagen, dass sich die technische Effizienz alljährlich um ein Prozent vermehrt. Es gibt Anzeichen dafür, dass der umwälzende technische Wandel, der bisher hauptsächlich das Gewerbe und die Industrie betroffen hat, sich bald auch über die Landwirtschaft hermachen wird. Wir stehen vielleicht am Vorabend von Verbesserungen in der Leistungsfähigkeit der
Nahrungsmittelerzeugung, die so groß sein werden wie die, die bereits im Bergbau, im Produzierenden Gewerbe und im Transportwesen stattgefunden haben. In wenigen Jahren − damit meine ich, noch zu unseren Lebzeiten − werden wir in der Lage sein, alle Tätigkeiten in der Landwirtschaft, im Bergbau und im Produzierenden Gewerbe mit einem Viertel der menschlichen Anstrengungen durchzuführen, an die wir gewöhnt waren.

Im Augenblick schmerzt uns die hohe Geschwindigkeit dieser Veränderungen und bringt schwer zu lösende Probleme mit sich.

[…]

Wir sind von einer neuen Krankheit befallen, deren Namen einige Leser möglicherweise noch nicht gehört haben, von der sie aber in den nächsten Jahren noch viel hören werden − nämlich technologische Arbeitslosigkeit. Hiermit ist die Arbeitslosigkeit gemeint, die entsteht, weil unsere Entdeckung von Mitteln zur Einsparung von Arbeit schneller voranschreitet als unsere Fähigkeit, neue Verwendungen für Arbeit zu finden. Dies ist aber nur eine vorübergehende Phase einer mangelhaften Anpassung. Auf lange Sicht bedeutet all dieses, dass die Menschheit dabei ist, ihr wirtschaftliches Problem zu lösen. Ich möchte voraussagen, dass der Lebensstandard in den fortschrittlichen Ländern in hundert Jahren vier- bis achtmal so hoch sein wird wie heute. Selbst im Lichte unseres heutigen Wissens hätte dies nichts Überraschendes. Es wäre aber auch nicht unsinnig, mit der Möglichkeit eines noch viel rascheren Fortschritts zu rechnen.

II.

Wir wollen einmal unterstellen, dass es uns allen von heute an in hundert Jahren in wirtschaftlicher Hinsicht im Durchschnitt achtmal besser geht als heute. Dies bräuchte uns ganz gewiss nicht zu überraschen. Nun ist es wahr, dass die Bedürfnisse der Menschen unersättlich zu sein scheinen. Aber sie zerfallen in zwei Klassen − solche Bedürfnisse, die absolut in dem Sinne sind, dass wir sie fühlen, wie auch immer die Situation unserer Mitmenschen sein mag, und solche, die relativ in dem Sinne sind, dass wir sie nur fühlen, wenn ihre Befriedigung uns über unsere Mitmenschen erhebt, uns ein Gefühl der Überlegenheit gibt. Bedürfnisse der zweiten Klasse, also solche, die das Verlangen nach Überlegenheit befriedigen, mögen in der Tat unersättlich sein; je höher das allgemeine Niveau, desto höher sind sie. Aber dies gilt nicht in gleicher Weise für die absoluten Bedürfnisse − es mag bald ein Punkt erreicht sein, vielleicht viel eher, als wir uns alle bewusst sind, an dem diese Bedürfnisse in dem Sinne befriedigt sind, dass wir es vorziehen, unsere weiteren Kräfte nicht-wirtschaftlichen Zwecken zu widmen.

Nun zu meinen Folgerungen, die Sie, wie ich glaube, immer verblüffender finden werden, je länger Sie darüber nachdenken. Unter der Annahme […] komme ich zu dem Ergebnis, dass das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gelöst sein dürfte, oder mindestens kurz vor der Lösung stehen wird. Dies bedeutet, dass das wirtschaftliche Problem − wenn wir in die Zukunft sehen − nicht das beständige Problem der Menschheit ist. Warum, werden Sie fragen, ist das so verblüffend? Es ist verblüffend, weil − wenn wir statt in die Zukunft, in die Vergangenheit blicken − wir finden, dass das wirtschaftliche Problem, der Kampf ums Dasein, bisher immer die wichtigste, allerdringlichste Aufgabe der Menschheit war −[…] von den Anfängen des Lebens in seinen primitivsten Formen. Folglich sind wir durch die Natur ausdrücklich zu dem Zweck entwickelt worden − mit all unserer Antriebskraft und unseren tiefsten Trieben −, das wirtschaftliche Problem zu lösen. Wenn das wirtschaftliche Problem gelöst ist, wird die Menschheit eines ihrer traditionellen Zwecke beraubt sein.

Wird dies eine Wohltat sein? Wenn man überhaupt an die wirklichen Werte des Lebens glaubt, so eröffnet sich zum mindesten die Aussicht auf die Möglichkeit einer Wohltat. Dennoch denke ich mit Schrecken an die Umstellung der Gewohnheiten und Triebe des durchschnittlichen Menschen, die ihm über ungezählte Generationen anerzogen wurden, und die er nun in wenigen Jahrzehnten aufgeben soll. Um die heutige Sprache zu gebrauchen − müssen wir nicht mit einem allgemeinen „Nervenzusammenbruch“ rechnen?

[…]

Für diejenigen, die für ihr tägliches Brot schwitzen müssen, ist Freizeit eine langersehnte Süßigkeit − bis sie sie bekommen.

[…]

Zum ersten Mal seit seiner Erschaffung wird der Mensch damit vor seine wirkliche, seine beständige Aufgabe gestellt sein − wie seine Freiheit von drückenden wirtschaftlichen Sorgen zu verwenden, wie seine Freizeit auszufüllen ist, die Wissenschaft und Zinseszins für ihn gewonnen haben, damit er weise, angenehm und gut leben kann. Die emsigen und zielbewussten Geschäftsmänner mögen uns alle mit sich in den Schoß des wirtschaftlichen Überflusses ziehen. Aber es werden nur solche Menschen sein, die am Leben bleiben können und eine höhere Perfektion der Lebenskunst kultivieren, sich nicht für die
bloßen Mittel des Lebens verkaufen, die in der Lage sein werden, den Überfluss zu genießen, wenn er kommt. Allerdings, so glaube ich, gibt es noch niemanden, der dem Zeitalter der Freizeit und der Fülle ohne Furcht entgegenblicken könnte.

Denn wir sind zu lange trainiert worden, zu streben statt zu genießen. Für den durchschnittlichen Menschen ohne besondere Begabungen ist es eine beängstigende Aufgabe, sich selbst zu beschäftigen, besonders, wenn er nicht mehr mit der Heimat oder den Sitten und Gewohnheiten oder den geliebten Gepflogenheiten einer traditionellen Gesellschaft verwurzelt ist. Nach dem Verhalten und den Tätigkeiten der heutigen wohlhabenden Klasse in irgendeinem Viertel der Welt geurteilt, sind die Aussichten sehr deprimierend! Denn diese stellen sozusagen unsere Vorhut dar − diejenigen, die das verheißene Land für uns übrige auskundschaften und dort ihr Lager aufschlagen. Die meisten von denen, die ein eigenständiges Einkommen haben, aber ohne Anhang oder Pflichten oder Bindungen sind, haben, so scheint es mir, bei der Lösung der ihnen gestellten Aufgaben katastrophal versagt.

Ich bin sicher, dass wir mit ein wenig mehr Erfahrung die neugefundenen Gaben der Natur ganz anders nutzen werden als es die Reichen heute tun, und dass wir einen Lebensplan für uns entwerfen werden, der ganz anders als der ihre ist.

Für lange Zeiten wird der alte Adam in uns noch so mächtig sein, dass jedermann wünschen wird, irgendeine Arbeit zu tun, um zufrieden sein zu können. Wir werden mehr Dinge für uns selbst tun können, als es bei den Reichen heute üblich ist, und nur allzu froh sein, dass wir kleine Pflichten, Aufgaben und Routinesachen haben. Aber darüber hinaus sollten wir uns bemühen, die Butter auf dem Brot dünn zu streichen − um die Arbeit, die dort noch zu tun ist, soweit wie möglich zu teilen. Mit Drei-Stunden-Schichten oder einer Fünfzehn-Stunden-Woche kann das Problem eine ganze Weile hinausgeschoben werden. Denn drei Stunden am Tag reichen völlig aus, um den alten Adam in den meisten von uns zu befriedigen!

Es gibt auch Veränderungen in anderen Bereichen, die wir erwarten müssen. Wenn die Akkumulation des Reichtums nicht mehr von hoher gesellschaftlicher Bedeutung ist, werden sich große Veränderungen in den Moralvorstellungen ergeben. Wir sollten imstande sein, uns von vielen der pseudomoralischen Grundsätze zu befreien, die uns seit zweihundert Jahren peinigen und durch die wir einige der unangenehmsten menschlichen Eigenschaften zu höchsten Tugenden gesteigert haben. Wir sollten uns wagen, den Geldtrieb nach seinem wahren Wert einzuschätzen. Die Liebe zum Geld als ein Wert in sich − was zu unterscheiden ist von der Liebe zum Geld als einem Mittel für die Freuden und die wirklichen Dinge des Lebens − wird als das erkannt werden, was sie ist, ein ziemlich widerliches, krankhaftes Leiden, eine jener halb-kriminellen, halb-pathologischen Neigungen, die man mit Schaudern den Spezialisten für Geisteskrankheiten überlässt.

Wir werden dann endlich die Freiheit haben, uns aller Arten von gesellschaftlichen Gewohnheiten und wirtschaftlichen Machenschaften zu entledigen, die die Verteilung des Reichtums und der wirtschaftlichen Belohnungen und Strafen betreffen, und die wir jetzt unter allen Umständen, so widerlich und ungerecht sie auch sein mögen, mit allen Mitteln aufrechterhalten, weil sie ungeheuer nützlich für die Förderung der Kapitalakkumulation sind.

Natürlich wird es immer noch viele Leute mit einer starken, unbefriedigten Zielstrebigkeit geben, die dem Reichtum blindlings nachjagen werden − bis sie einen annehmbaren Ersatz finden können. Aber wir übrigen werden nicht mehr verpflichtet sein, ihnen Beifall zu spenden und sie zu ermutigen. Denn wir werden wesentlich wissbegieriger, als es heute opportun ist, nach dem wahren Charakter dieser
„Zielstrebigkeit“ fragen, mit der die Natur beinahe alle von uns in verschiedenen Abstufungen ausgestattet hat. Denn Zielstrebigkeit sollte eigentlich heißen, dass wir uns mehr mit den Ergebnissen unseres Handelns in einer ferneren Zukunft als mit ihrer eigenen Qualität oder mit ihren kurzfristigen Auswirkungen auf unsere eigene Umgebung beschäftigen. Der ‚zielstrebige‘ Mensch versucht immer, für seine Handlungen irgendeine nicht vorhandene Unvergänglichkeit vorzutäuschen, indem er ihre Bedeutung permanent in die Zukunft verschiebt. Er liebt nicht seine Katze, sondern die Kätzchen seiner Katze; in Wirklichkeit auch nicht die Kätzchen, sondern die Kätzchen der Kätzchen, und immer so weiter bis zum Ende des Katzentums. Für ihn ist Marmelade nicht Marmelade, es sei denn, es handelte sich um Marmelade von morgen und niemals um Marmelade von heute. Indem er so seine Marmelade immer vorwärts in die Zukunft schiebt, versucht er, seinem Akt des Kochens Unvergänglichkeit zu verleihen.

Erlauben Sie mir, Sie an den Professor in ‚Sylvie & Bruno‘ zu erinnern:

‚Nur der Schneider, Herr Professor, mit einer kleinen Rechnung‘, meldete eine sanfte Stimme vor der Tür.
‚Ah, gut, seine Sache kann ich schnell erledigen‘, sagte der Professor zu den Kindern, ‚wartet nur eine Minute. Wie viel ist es dieses Jahr, mein Lieber?‘ Während er sprach, war der Schneider eingetreten.
‚Wissen Sie, es hat sich im Laufe der Jahre verdoppelt‘, entgegnete der Schneider etwas schroff, „und ich glaube, dass ich das Geld nun wirklich haben möchte. Es sind tatsächlich zweitausend Pfund!‘
‚Oh, das ist gar nichts!‘, bemerkte der Professor unbekümmert und fühlte in seine Tasche, als ob er zumindest diesen Betrag immer bei sich hätte. ‚Aber wollen Sie nicht lieber ein weiteres Jahr warten und dann viertausend berechnen? Überlegen Sie einmal, wie reich Sie sein würden! Sie könnten ein König werden, wenn Sie nur wollten!‘ ‚Ich weiß nicht, ob mir wirklich daran läge, ein König zu sein‘, sagte der Mann nachdenklich. ‚Aber es klingt nach einer großen Menge Geld! Nun, ich denke, ich werde warten.‘ ‚Natürlich werden Sie!‘, sagte der Professor. ‚Ich sehe, Sie haben Verstand. Auf Wiedersehen, mein Guter!‘
‚Werden Sie ihm jemals diese viertausend Pfund bezahlen müssen?‘ fragte Sylvie, nachdem sich die Tür hinter dem Gläubiger geschlossen hatte. ‚Niemals, mein Kind!‘, antwortete der Professor nachdrücklich. ‚Er wird es immer wieder verdoppeln lassen, bis er stirbt. Du siehst, es lohnt sich immer, ein weiteres Jahr zu warten, um doppelt so viel Geld zu bekommen!‘

[…]

Ich sehe deshalb für uns die Freiheit, zu einigen der sichersten und zuverlässigsten Grundsätze […] zurückzukehren − dass Geiz ein Laster ist, das Eintreiben von Wucherzinsen ein Vergehen, die Liebe zum Geld abscheulich, und dass diejenigen am wahrhaftigsten den Pfad der Tugend und der maßvollen Weisheit beschreiten, die am wenigsten über das Morgen nachdenken. Wir werden die Zwecke wieder höher werten als die Mittel und das Gute dem Nützlichen vorziehen. Wir werden diejenigen ehren, die uns lehren können, wie wir die Stunde und den Tag tugendhaft und gut vorbeiziehen lassen können, jene herrlichen Menschen, die fähig sind, sich unmittelbar an den Dingen zu erfreuen, die Lilien auf dem Feld, die sich nicht mühen und die nicht spinnen. Aber Achtung! Die Zeit für all dies ist noch nicht gekommen. Für wenigstens noch einmal hundert Jahre müssen wir uns selbst und allen anderen vormachen, dass das Anständige widerlich und das Widerliche anständig ist; denn das Widerliche ist nützlich, das Anständige ist es nicht. Geiz, Wucher und Vorsicht müssen für eine kleine Weile noch unsere Götter bleiben. Denn nur sie können uns aus dem Tunnel der wirtschaftlichen Notwendigkeit ans Tageslicht führen. Ich freue mich also auf die nicht zu fernen Tage, auf den größten Wandel, welcher sich jemals in der physischen Lebensumwelt der Menschheit als Ganzer ereignet hat. Aber natürlich wird sich alles nach und nach ereignen, nicht als eine Katastrophe. Tatsächlich hat es schon begonnen. Der Gang der Dinge wird einfach der sein, dass es immer größere und größere Schichten und Gruppen von Menschen geben wird, für die sich Probleme wirtschaftlicher Notwendigkeit einfach nicht mehr stellen. Der entscheidende Unterschied wird erreicht sein, wenn dieser Zustand so allgemein geworden ist, dass sich die Natur unserer Pflicht gegenüber unserem Nächsten verändert. Denn es wird vernünftig bleiben, wirtschaftlich zielgerichtet für andere zu handeln, nachdem es für einen selbst aufgehört hat, vernünftig zu sein.

Die Geschwindigkeit, mit der wir unserem Ziel der wirtschaftlichen Seligkeit näherkommen, wird von vier Dingen bestimmt werden − unserer Macht, das Bevölkerungswachstum zu regulieren; unserer
Entschlossenheit, Kriege und Auseinandersetzungen im Inneren zu vermeiden; unserer Bereitschaft, der Wissenschaft die Lenkung jener Dinge anzuvertrauen, die das eigentliche Gebiet der Wissenschaft sind; und der Akkumulationsrate, die sich aus der Spanne zwischen unserer Produktion und unserem Konsum ergibt; wobei sich dies letzte leicht von selbst regeln wird, wenn die drei ersten gegeben sind.

Unterdessen kann es nicht schaden, sachte Vorbereitungen für unsere Bestimmung zu treffen, indem sowohl die Lebenskunst als auch die zweckdienlichen Aktivitäten unterstützt und ausprobiert werden. Vor allem aber lasst uns die Bedeutung der wirtschaftlichen Aufgabe nicht überbewerten oder ihren vermeintlichen Notwendigkeiten andere Dinge von größerer und beständigerer Bedeutung opfern. Sie sollte eine Sache für Spezialisten werden, wie Zahnheilkunde. Wenn Ökonomen es fertig bringen würden, dass man sie für bescheidene, sachkundige Leute, Zahnärzten vergleichbar, halten würde, das wäre großartig!“

Die Zeit ist überreif für …

„[…] die Tür aufmachen möchte für eine generelle 35-Stunden-Woche […] Wir werden in Österreich mit einer generellen Arbeitszeitverkürzung das Licht abdrehen. Dann können wir uns alle weiße Leintücher umhängen und geordnet zum wirtschaftspolitischen Friedhof marschieren. […] Das ist eine Inselansicht aus den 70er Jahren […]“

Das sagt am gestrigen Sonntag Harald Mahrer in der Pressestunde.

Harald Mahrer unterstellt also der Gewerkschaft in den „70er Jahren“ stehengeblieben zu sein, mit ihren Ansichten. Harald Mahrer und seine nun türkis getupfte schwarze Partei waren schon einmal weiter, mit ihren Ansichten, das war in den 30er Jahren. Und nun ist Harald Mahrer und seine türkis getupfte Partei nicht einmal mehr in den 30er Jahren, sondern stehen ansichtsmäßig Jahre oder gar Jahrzehnte vor den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zu Erinnerung, wie sehr setzte sich Harald Mahrer für den 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche im Jahr 18 dieses Jahrhunderts ein, und vollbrachte dabei gleich mit seiner Wirtschaftskammer seine bisher größte Leistung: das Werbevideo zum 12-Stunden-Tag der 60-Stunden-Woche …

Eine Gewerkschaft, die lediglich eine Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden pro Woche fordert, und das nicht einmal für alle Beschäftigten, sondern für lediglich etwa 125.000 Beschäftigte in Österreich, das ist eine Gewerkschaft, die Harald Mahrer aus Dankbarkeit in seine Opernballloge einladen müßte, also in die Loge, die nicht er bezahlt, sondern die Wirtschaftskammer, die das Geld dafür nimmt von …

Zygmunt Baumann kommt in „Retrotopia“ auf „Utopien für Realisten: Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen“ zu sprechen.

Es lohnt die gesamte Passage zu zitieren, beginnend mit Morus, bis Zygmunt Baumann zum Untertitel „Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen“ kommt und darüber hinaus:

„Fünfhundert Jahre nachdem Thomas Morus dem jahrtausendealten Menschheitstraum von der Rückkehr ins Paradies beziehungsweise der Errichtung eines Himmels auf Erden den Namen „Utopia“ gegeben hat, nähert sich eine Hegel’sche Triade doppelter Negation der Vollendung. Nachdem die seit Morus stets an einen festen topos – einen konkreten Ort, eine Polis oder Stadt, einen souveränen Staat unter einem weisen und wohlwollenden Herrscher – geknüpfte Aussicht auf ein diesseitiges Glück von jedem bestimmbaren topos abgelöst und damit negiert worden ist, damit sie individualisiert, privatisiert und personalisiert (und nach dem Prinzip der ‚Subsidiarität‘ auf den Einzelnen in seinem Schneckenhaus übertragen) werden konnte, geht sie jetzt durch eine weitere Negation eine Synthese mit dem ein, was sie ihrerseits lange Zeit tapfer, aber erfolglos zu negieren versuchte. Dieser doppelten Negation klassischer, an Morus orientierter Utopien – ihre Zurückweisung, gefolgt von ihrer Wiederbelebung – entspringen die zahlreichen gegenwärtigen ‚Retrotopien‘: Visionen, die sich, anders als ihre Vorläufer nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/ verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit:

Oscar Wilde erklärte, sobald wir das Land des Überflusses erreicht hätten, müssten wir unseren Blick auf den Horizont richten und erneut die Segel setzen: ‚Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.‘ Aber der Horizont bleibt leer. Das Land des Überflusses ist in Nebel gehüllt. Just in dem Moment, in dem wir uns der historischen Aufgabe hätten stellen sollen, diese reiche, sichere und gesunde Welt mit Sinn zu erfüllen, beerdigten wir stattdessen die Utopie. Und wir haben keinen neuen Traum, durch den wir sie ersetzen könnten, weil wir uns keine bessere Welt als die vorstellen können, in der wir heute leben. Tatsächlich glauben die meisten Menschen in den reichen Ländern, daß es ihren Kindern schlechter gehen wird als ihnen.

Das konstatiert der Historiker Rutger Bregman in seinem Buch Utopien für Realisten (dessen Untertitel Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen lautet).“

Die Privatisierung beziehungsweise Individualisierung der Idee des ‚Fortschritts‘ und des Strebens nach einem besseren Leben wurden von den herrschenden Mächten als Befreiung verkauft und von den meisten ihrer Untergebenen als solche begrüßt: die Entlassung aus den strengen Anforderungen der Unterordnung und Disziplinierung – auf Kosten der sozialstaatlichen Absicherung. Für eine große und nach wie vor wachsende Anzahl der ‚Untertanen‘ hat sich diese ‚Befreiung‘ langsam, aber stetig als überaus zweifelhafter Segen erwiesen, der immer mehr Beimischungen eines Fluchs enthält. An die Stelle der Gängelung durch staatliche Einschränkungen sind die ebenso erniedrigenden, furchteinflößenden und belastenden Risiken getreten, die die von oben dekretierte Eigenverantwortlichkeit unvermeidlich mit sich bringt.“

Eine nicht auf Österreich hin geschriebene Diagnose, aber auch eine auf Österreich zutreffende, kurz zusammengefaßt: nur Nebel, ohne Horizont, nur Nebel mit nicht einmal einem leeren Horizont

Eine Wirtschaftskammer mit einem Harald Mahrer, die, wenn Zeit in Kilometern gemessen wird, irgendwo in einer Ackerfurche, vielleicht im tiefsten Niederösterreichischen, Tausende Kilometer vor Dreißigern, steckengeblieben, eine Gewerkschaft, die … es muß eingestanden werden, es fällt zu dieser Forderung von einem Nichts für nicht einmal fünf Prozent der Beschäftigten in Österreich keine Beschreibung ein, vor allem keine, in der Utopie oder Vision die Rolle von Hauptwörtern …

Die Pressestunde also wieder einmal, kurz gesagt, eine erhellende Stunde, diesmal mit Harald Mahrer, wie ein andermal mit seinem Sitznachbarn in der Nationalbank …