„Ich weiß, ich gehöre nicht dazu.“

Heldenplatz Mai 2017 - Die Niederlage.jpg

Ach, Heldenplatzreden, wie schön der Heldenplatz redet, immer noch. Glücklich ist, wer die Scheinwerfer ausschalten kann, damit die nicht gesehen werden müssen, die weiter im Dunkeln sind.

Doron Rabinovici hat einen Text verfaßt, zum 8. Mai 2017. Er hat diesen – nach der nachträglichen Ansehung der Übertragung durch den österreichischen Rundfunk – nicht selbst auf dem Heldenplatz gesprochen. Wie muß ihm bei seinem Anlaßschreiben sein Schreibtisch zum Heldenplatz geworden sein …

Glücklich ist, wer sich nicht erinnern muß, an die, die im Dunkeln sind.

Ach, Heldenplatz, du Viktor-Adler-Markt.

Keiner und keine hat sich an die erinnert, die heute immer noch im Dunkeln sind, nicht einmal als Opfer des Nationalsozialismus erwähnt werden dürfen. Vielleicht wird gedacht, daß diese Menschen in der Vergangenheit zur Genüge schon auserwählt waren, nämlich von den Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten, und darin von ihnen als einzige den jüdischen Menschen vollkommen gleichgestellt, aufgestellt zur völligen Vernichtung. Weder der Mauthausen-Komitee-Vorsitzende noch der Bundeskanzler noch der Vizekanzler noch die Vizebürgermeisterin noch der Kulturstadtrat erwähnten diese Menschen, die wohl dafür dankbar sein müssen, daß sie nicht mehr von allen „Zigeuner“ genannt werden, sondern so viele bereits „Roma“ und „Sinti“ sagen. Das soll ihnen wohl Aufmerksamkeit genug sein.

Was für ein Triumph der Niederlage des …!

Was hätte eine Zeitzeugin, eine „Zigeunerin“ – es kann nicht so geschrieben werden, als hätte sich für diese Menschen darüber hinaus, nicht weiter in Vernichtungslagern verschleppt zu werden, mehr geändert, bloß weil sie nun von nicht wenigen „Roma“ und „Sinti“ genannt werden – sagen können, hätte sie am 8. Mai 2017 auf dem Heldenplatz etwas sagen dürfen?

Sie hätte nur sagen können: „Ich weiß, ich gehöre nicht dazu.“ Aber ein Satz in der Gegenwart wäre eine Störung der schönen Heldenplatzfeier gewesen … Glücklich ist, wer die Vergangenheit hat.

Und so konnte die auftretende jüdische Zeitzeugin sagen: „Ich wußte, ich gehöre nicht dazu.“ Und die Fanfaren ertönten und allen schwoll der Kamm der Glückseligkeit ob ihrer …

Sie sprach auch von den Rassengesetzen im Nationalsozialismus, von den „Judengesetzen“, allein von „Judengesetzen“, als wären diese nicht auch und einzig noch gegen „Zigeuner“ …

Holocaust ist gleich Shoa und Porajmos

Porajmos und der christliche Ökumene-Anhänger Adolf Hitler unter dem Einfluß von Martin Luther

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Wie über Zigeuner geschrieben wird – einst und jetzt

Oh, Heldenplatz. Die Welt feiert Martin Luther. Österreich feiert Maria Theresia. Glücklich ist, wer das Dunkle ausblenden kann. Und deren Dunkles

Maria Theresia, Ahnherrin der Integration in Österreich

Die empörte Zurückweisung von Martin Luther

hat viel mit Menschen zu tun, die weiter im Dunkeln zu sein haben, und dort in der Finsternis sollen sie gehörig anständig dafür danken, heute „Roma“ und „Sinti“ genannt zu werden … glücklich ist, wer ein „neues Österreich“ sieht.

Ach, Heldenplatzreden. Ach, Doron Rabinovici. Und weil er so schön schreiben kann, weil seine Schreibe so ergreifend ist, sollen seine hehren Worte auch hier wiedergegeben werden, aber für jene Menschen, für die am 8. Mai 2017, auch in diesem Jahr kein einziger Scheinwerfer eingeschaltet war, keine einzige Kamera sie …

Ein Text ist und bleibt dann lebendig, wenn mit diesem gearbeitet wird. So wird Doron Rabinovici das auch als Schriftsteller verstehen, ihm vielleicht sogar ein Anlaß zur Freude, wenn auch nicht zu einem Fest sein, oder er wird es zumindest nachsehen können, die respektvollen Eingriffe zugunsten der Menschen, die Opfer waren, Opfer sind:

Das ist das Fest der Freude, denn glücklich ist, wer nicht vergisst: Das war der Tag, an dem der Sieg dem Krieg den Garaus machte. Das ist das Fest der Freude, weil damals dem Morden ein Ende bereitet wurde. Und zwar nicht nur am Schlachtfeld und nicht nur in den Lagern, sondern überall im ganzen Land wurde Schluss gemacht mit den Massakern. Wir feiern die Befreiung von Unrecht und Vernichtung. Wir freuen uns über den Frieden und wir erfreuen uns der Freiheit.

Das ist das Fest der Freude, die wir uns durch niemanden nehmen lassen, doch schon gar nicht von denen, die früher jeden 8. Mai hier mit rotschwarzgelben Schärpen aufmarschierten, um sich ausgerechnet an diesem Datum der Trauer hinzugeben und die Niederlage des nationalsozialistischen Reiches zu beweinen. Wer der Millionen Gefallenen ehrlich gedenken will, beklagt nicht den Ausgang, sondern den Ausbruch des Krieges. Am 8. Mai 1945 wurde mit dem Nationalsozialismus auch der Faschismus bezwungen. Die Niederlage der Nazis ist unser aller Triumph. Sie war die Voraussetzung für ein neues Österreich, für ein demokratisches Deutschland, für ein freies Italien, für ein unabhängiges Frankreich.

Sie ist die Grundlage des vereinten Europa jenseits von Antiziganismus, Antiromaismus, Antisemitismus und völkischer Propaganda. Hätte die Wehrmacht den Krieg gewonnen, wäre die Vernichtung dessen, was einst unwertes Leben und Untermensch genannt wurde, noch lange nicht beendet. Die Männer hätten vor allem Soldaten zu sein und die Frauen die Gebärkanonen für neue Regimenter. Von Stacheldraht wären wir umgeben und unsere Heimat läge im Schützengraben.

Da geht eine Grenze zwischen Faschismus und Demokratie. Es ist die Grenze auf Leben und Tod. Das ist die Außengrenze, die geschützt werden muss. Und jenen, die von Zeiten träumen, da sie unseren Nachbarn zum Flüchtling machten, sagen wir, aus dem Flüchtling machen wir nun unseren Nachbarn. Und jenen, die treuherzig behaupten, sie seien die Juden wie die Zigeuner von heute, denen sage ich: “Da irrt euch mal nicht, denn wir Juden wie die Zigeuner von heute, wir ducken uns nicht, wir kuschen nicht, wir feiern gemeinsam mit den Anderen, die aufstehen gegen den Hass.”

Denn wenn sie gegen Minderheiten hetzen, dann sollen sie wissen, die Minderheiten sind wir alle und wir sind längst die Mehrheit, doch eine, die nicht mehr schweigt. Wir leben die Vielfalt. Wir feiern Europa. Wenn sie nach einem starken Mann rufen, wählen wir die Demokratie. Wenn sie die Angst schüren, zeigen wir Zivilcourage. Wir alle sind die Helden für diesen Platz.

Übrigens, zum Schluß noch. Auf der Website des österreichischen Rundfunks gibt es viele Beiträge zum 8. Mai 2017. Rathkolb etwa, der über die Umbenennung des Heldenplatzes … glücklich ist, wer die Vergangenheit teilhell machen kann. Schüssel etwa, der sich erinnert an seine Geburt … das ist jener vor langer Zeit gewesene Kanzler aus der Kunschak-Partei, der mit der identitären Parlamentspartei … das ist die Partei mit einer recht extrem ausgeprägten Leidenschaft zu einer Frau aus … Im österreichischen Rundfunk sind technisch hoch versierte Menschen am Werk, die wissen, wer das Dunkle filmt, bekommt bloß ein finsteres Bild …

Holocaust ist gleich Shoa und Porajmos

martin-luthr-stost-das-tor-aufEin dringend notwendiger Denkort

Was kann es an einem 24. Dezember für einen Wunsch geben? Was kann es so kurz vor einem weiteren Jahr, das gerne ein neues Jahr genannt wird, für einen Vorsatz geben?

Ein Denkmal zu errichten. Ein Denkmal zu errichten,  das klar zum Ausdruck bringt, der Holocaust war Shoa und Porajmos in einem. Mit der Unterscheidung aufzuhören. Denn das massenverbrecherische und massenmörderische Ansinnen der Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten war nicht ein Holocaust und ein Porajmos, sondern die totale Vernichtung von Juden und Roma und Sinti in einem einzigen Holocaust.

Gerade in Österreich wäre ein derartiges Denkmal am prominentesten Ort angebracht, an dem Ort also, wo der derzeitige Verteidigungsminister ein Soldatendenkmal sich wünscht. Statt eines Soldatendenkmals also ein Denkmal, das der Geschichte gerecht wird.

Es muß nicht ein weiteres Mal ausgeführt werden, weshalb das notwendig ist, damit aufzuhören, Roma und Sinti als Opfer dritter Klasse zu führen. Weil sie eben aus dieser Gesinnung, der zum Holocaust führte, heraus weiterhin Opfer sind, europaweit.

nicht-mit-martin-luther-spielenErst vor wenigen Jahren schrieb die Wochenzeitung „Die Zeit“ anläßlich der Eröffnung eines Porajmos-Denkmals in Berlin, das etwas versteckt hinter Büschen und Bäumen südlich des Reichstagsgebäude im Tiergarten liegt, auch darüber, wie es für die Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen keine Unterscheidung gab in ihrem Ausrottungswillen von Sinti und Juden und Roma, und macht dabei selbst eine Unterscheidung zwischen Holocaust und Porajmos.

„Für Ziel und Weg, die Zeitschrift des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes, war 1938 die Diagnose klar. ‚Juden und Zigeuner‘ seien wie ‚Ratten, Wanzen und Flöhe‘ zwar ‚gottgewollte Wesen‘, dennoch müsse man diese wie jene ‚biologisch allmählich ausmerzen‘. Dergleichen gleichnishafte, christlich verbrämte Mordrede gehörte zur völkischen Tradition seit den Tagen von Jahn und Arndt, nun aber war der Moment gekommen, die Metapher Wirklichkeit werden zu lassen und ‚Juden und Zigeuner‘ tatsächlich zu vernichten.“

Denn in einem Moment, in dem die Roma, selbst in Ländern des Friedensnobelpreisträgers EU wie Tschechien, Frankreich oder Rumänien, neuen Hass erfahren, erinnert es daran, in welche Katastrophe alles rassistische Gerede und Geraune führt.“

Und gerade im kommenden Jahr mit der Zahl 2017, in dem Martin Luther recht groß gefeiert werden wird, sollte so ein Denkmal errichtet sein. Vielleicht mit

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einem Martin Luther, der das Auschwitz-Tor weit aufstößt.

Und gerade in dieser Zeit, in der die Ortsgruppe der identitären Parlamentspartei im Bezirk Margareten Jahn als „Kletterwand-Maskottchen“ haben will …

Und gerade in dieser Zeit, in der Bruderliebe eines Vizebürgermeisters ohne Aufgaben so weit geht, zu bekunden, die abscheulichste Schreibe des kleinen Bruders gefällt.

Mit einem Denkmal ist es freilich nicht getan. Deshalb darf es auch kein passives Denkmal sein. Zu wünschen ist ein aktives Denkmal. Ein Denkmal nicht der Besinnung, sondern des Handelns. Ein Denkmal zum Arbeiten. Zum Arbeiten daran, daß die Menschen, die diesen Ethnien zugeordnet werden,

Der halbe Luther von Michael Bünker oder „Zigeuner“ werden Opfer sein dürfen, wenn sie keine Opfer mehr sind

nicht weiter Opfer sind. Denkmal ist dafür wohl nicht der geeignete Bezeichnung. Denkort erscheint zutreffender.

Auch zu rühmen ist Martin Luther für 500 Jahre Zigeuner-Verfolgung

Gerade jetzt im Advent werden wohl auch Sie verstärkt Buchhandlungen aufsuchen.

Nehmen Sie sich diesmal dabei Zeit, die Büchertische und die Bücherregale der Geschichte anzusehen. Es wird nicht viel Ihrer Zeit in Anspruch, damit auch Sie feststellen, Sie müssen nicht nach Büchern über Antisemitismus, Vernichtung der Juden, Judenverfolgung in Nazi-Deutschland, über den Völkermord an den Juden, über die Shoa suchen. Sie liegen n-fach offen vor Ihnen. Sie haben dabei bloß die Wahl der Qual. Das würde viel Zeit in Anspruch nehmen, aus all diesen nicht mehr zu zählenden Büchern, die offen vor ihnen liegen, eines zum Kauf auszuwählen. Keine Zeit hingegen werden Sie brauchen, um aus den Büchern über den Völkermord an den Zigeunern, über Antiziganismus eines auszuwählen.

Ein Buch aber über den Porajmos werden Sie darunter nicht finden.

Es gliche wohl einem Wunder, wie dem von der „unbefleckten Empfängnis“, fänden Sie ohne Suche und also auf Anhieb auf dem Büchertisch, in den Regalen eines über den Porajmos. Es gliche wohl auch einem Wunder, wie dem von der „Auferstehung der Toten“, würde das Buchhandlungspersonal bei Porajmos, ohne beim Nachsprechen dieses Begriffes ins Stottern zu kommen, auf Anhieb und also ohne Nachfrage wissen, worum es sich beim Porajmos handelt und Ihnen antworten kann. Lagernd ist so ein Buch nicht, aber Ihnen eines zu bestellen, das müßte möglich sein.

Es gliche wohl einem Wunder,  spräche etwa ein Bischof in einer Adventpredigt, in einer Adventkolumne von Antisemitismus und Antiziganismus zugleich, sagte dieser oder schriebe dieser, sein Nichtheiliger hat auch eine ganz und gar unrühmliche Rolle gespielt in der Verfolgung von Zigeunern, seit fünfhundert Jahren:

Martin Luther: „Wie die Zigeuner“

Der halbe Luther von Michael Bünker oder „Zigeuner“ werden Opfer sein dürfen, wenn sie keine Opfer mehr sind

Viel ist darüber noch zu schreiben. Es ist ein Kapitel der Gegenwart, das nicht mit einem Kapitel abgetan werden darf. Es wird damit im Adventrest zu beschäftigen sein.

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