Kurz danach schon seine nächste Überraschung

Am Mittwoch habe er bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur geheimnisvoll angedeutet, er verrate noch nicht alles, es werde noch eine Überraschung geben.

In einem Exklusiv-Interview, das er an diesem Freitag einem Radiosender gibt, hat er die angedeutete Überraschung öffentlich gemacht, schneller als erwartet, so kurz nach seinem Ascher…

Und es ist wahrlich eine Überraschung.

Sein Wahlziel. Er wolle das wieder werden, was er bereits gewesen …

Er möchte zurück, dorthin, wo er erfolgreich ein Amt aus…

Ausgetrocknete Seen

Radio Strandbad sendet aus dem Strandbad Klagenfurt den Bericht über eine bevorstehende Wahl.

Reporter: Es wird fest mit einem Wahlsieg der Partei gerechnet, die am meisten und am massivsten auf die Anti-Migrationshaltung setzt. Wie kaum in einem anderen Land. Von Flüchtlingskrisen betroffen ist. Wo es auch wirklich Probleme für die Bevölkerung gibt. Das sehen Sie auch hier. Ausgetrocknete Seen und so weiter und so fort.

Quelle: ORF, Morgenjournal, 27. Februar 2020, Christian Wehrschütz kommt auch auf die „Anti-Flüchtlings-Stimmung“ in Slowenen zu sprechen. Er berichtet, daß es eine weit verbreitete „Anti-Migrations-Haltung“ geben würde, das auch immer an der Grenze zu Kroatien gesehen werden konnte, und er, Wehrschütz, sagt wörtlich: „Wo es auch wirklich Probleme für die Bevölkerung gibt, zerstörte Wälder“ —– —

Des Hünderls zweit Muaderleib

Zur Forderung, eine Neuausschreibung der OÖ. Landeshymne durchzuführen, sagt Stelzer: „Kein Oberösterreicher verbindet unsere Landeshymne mit Antisemitismus oder anderen furchtbaren Dingen, es findet sich kein verwerfliches Wort in unserem ‚Hoamatgsang‘. Im Gegenteil: Die Landeshymne ist seit 68 Jahren Bestandteil der oberösterreichischen Kultur und Identität. Daher gibt es für mich keinen Grund für eine Änderung.“


Die „Kultur und Identität“ von Thomas Stelzer, dem derzeitigen Landeshauptmann von Oberösterreich … Es sträubt sich alles, dazu Bilder sich vorzustellen. Denn. Diese Bilder könnten nur nach höchst aufwendigen, langwierigen Sitzungen wieder aus…

Hoamatland, Hoamatland!
han di so gern
Wiar a Kinderl sein Muader,
A Hünderl sein‘ Herrn.

Dahoam is dahoam,
Wannst net fort muaßt, so bleib;
Denn d’Hoamat is ehnter
Der zweit Muaderleib.

Es ist wahr, es findet sich „kein verwerfliches Wort“ in der stelzhamerischen Hymne, nur das Menschliche, das allzu Menschliche, die Sehnsüchte also, als Hündchen zu leben, behütet und sicher im Leib der Mutter, und draußen wacht sein Herrchen, hält fest in der Hand die Leine, und das Hündchen braucht nur, wenn es fürchtet, sein Herrchen könnte fortgegangen sein, an der Kette zu zerren, und das Herrchen strafft ein wenig die Nabelschnur, damit das Hündchen weiß, er ist ja da, er ist da …

OÖ. Die Generalversammlung der IG Autoren fordert eine Neuausschreibung der oberösterreichischen Landeshymne.
Der Grund: „Angesichts des alarmierenden Erstarkens von Rechtsextremismus und Antisemitismus ist es unhaltbar, wenn selbst die offizielle Website des Landes Oberösterreich Franz Stelzhamer als untadelige Persönlichkeit darstellt“. Über seinen „Judenhass, der in einem nur dürftig verbrämten Genozidverlangen gipfelt, findet sich bis heute kein Wort“, so die IG Autoren. Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) widersprach dieser Darstellung in einer Presseaussendung:  „Die Texte von Franz Stelzhamer wurden bereits im Jahr 2010 im Rahmen eines Symposiums  thematisiert. Dazu ist 2014 die Publikation „Der Fall Franz Stelzhamer. Antisemitismus im 19. Jahrhundert“ erschienen“. Der oberösterreichische Dichter Franz Stelzhamer veröffentlichte 1852 im Privatdruck in München den Sammelband „Das bunte Buch“ der den antisemitischen Text „Jude“ beinhaltet. Stelzer dazu: „Den Text kann man weder schönreden, noch gutheißen. Dennoch muss man Franz Stelzhamer (1807-1874) im gesamten Kontext des 19. Jahrhunderts betrachten. Er war leider wie viele andere seiner Zeit auch vom Antisemitismus geprägt.“

Bemerkenswert an dem Widerspruch des Landeshauptmannes, wie es „meinbezirk – oberösterreich“ am 25. Februar 20 berichtet und hier zitiert wird, sein Verweis, er sei leider wie viele andere „seiner Zeit auch vom“ …

Ach, es ist nur die Zeit, und die Zeit nur erzieht die Kinder, wie es in dieser Partei stets gewußt wird, wenn es beispielsweise um Antisemitismus geht, dann wird ein Nationalratspräsident etwa für einen Fasslabend zum „Kind seiner Zeit“ … Und dann gab es zu diesen Zeiten die armen Kinder, wie es zu allen Zeiten die verwahrlosten Kinder gibt, die von keiner Zeit eine Erziehung erfahren, Kinder, deren Aufzucht die Zeit verweigert …

Bemerkenswert ist auch die Erledigungskompetenz des Landeshauptmannes; einmal etwas thematisieren, wie die Texte von Franz Stelzhamer, und schon ist es für alle Zeit erledigt. Diese Erledigungskompetenz kann immer wieder gerühmt werden. Etwa auch, wenn einer nach Deutschland fährt, zu Höcke, dann reicht es für den Landeshauptmann, ein klärendes Gespräch, damit es vom Tisch …

Es zeichnet den Landeshauptmann nicht nur seine Erledigungskompetenz aus, sondern auch sein Wissen darum, welche Grundstoßrichtung in Ordnung ist …

Kurz ist es nicht her, daß ein Kapitel verfaßt wurde, in dem davon die Rede ist, daß alle Landeshymnen in Österreich neu zu schreiben sind, weil diese zum …

Der Anlaß dazu war vor Jahren, daß einer aus dem Oberösterreichischen, dessen Kultur und Identität die stelzhamerische Hymne ist, einen Museumsdirektor aus dem Amt haben wollte, weil diesem die stelzhamerische Hymne nicht Kultur und Identität sein will …


„Drei Stunden am Tag oder die 15-Stunden-Woche reichen völlig aus“

In acht Jahren wird es einhundert Jahre her sein, daß John Maynard Keynes zum ersten Mal von der 15-Stunden-Woche sprach …

Es gibt nicht wenige, die meinen, der „Jahrhundertökonom“ habe sich mit seiner „Prognose“ der 15-Stunden-Woche“ geirrt. Das kann nur als Irrtum gesehen werden, wenn es nicht als Anleitung zum Glücklichsein verstanden wird, vor allem wenn es als Anleitung zum Handeln ignoriert wird …

Gedruckt wurde seine Anleitung zum Handeln dann 1930. Es bleiben immer noch zehn Jahre für die Umsetzung der 15-Stunden-Woche. Keynes sprach davon, daß in einhundert Jahren, also 2030, die 15-Stunden-Woche umgesetzt. Es bleiben also noch zehn Jahre dafür, daß 2030 kein Mensch mehr sagen kann, Keynes habe sich mit seiner Prognose der 15-Stunden-Woche geirrt.

Dabei könnte es die 15-Stunden-Woche, wäre Keynes‘ Schrift als Anleitung zum Handeln von Anfang an gelesen worden, seit neunzig Jahren schon geben, zum Beispiel in – auch in Österreich, wo gerade um eine Arbeitszeitverkürzung um — — ach, die Ziffer selbst schämt sich, mit einer Arbeitszeitverkürzung um gerade eine Handvoll Stunden in Verbindung gebracht zu werden … dennoch jaulen sonntäglich jene auf, die Keynes in seiner Schrift selbst so vortrefflich …

Kurz, sehr kurz ist es her, daß in einem Kapitel von einer Steuer geschrieben, die es in Österreich seit sehr langer, sehr langer Zeit schon geben könnte, eine Steuer, die durchaus im Zusammenhang mit der Arbeitszeitverkürzung zu denken ist. Stattdessen gibt es in Österreich weiterhin aber nur Geschwefel um diese Steuer …

Genug der Einleitung zu den „Wirtschaftlichen Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ von John Maynard Keynes. Allemal zu lesen, gerade in dieser Zeit, auch in Österreich, die Anleitung zum Handeln, das zum Glücklichsein, zum guten Leben führt:

„Wir leiden gerade unter einem schweren Anfall von wirtschaftlichem Pessimismus. Sehr häufig hört man Leute sagen, dass die Epoche des enormen wirtschaftlichen Fortschritts, die das neunzehnte Jahrhundert kennzeichnete, vorüber sei; dass die schnelle Verbesserung des Lebensstandards sich nun verlangsamen würde −; dass ein Rückgang des Wohlstands in dem vor uns liegenden Jahrzehnt wahrscheinlicher sei als eine Steigerung […]

Wir leiden nicht unter Altersrheumatismus, sondern unter den wachsenden Schmerzen überschneller Veränderungen, unter der Schmerzhaftigkeit von Korrekturen beim Übergang von einer Wirtschaftsperiode in eine andere. Der Anstieg der technischen Leistungsfähigkeit war schneller als unser Vermögen, Arbeit zu schaffen; die Verbesserung des Lebensstandards war ein wenig zu rasch […]

Die herrschende weltweite Depression, die ungeheure Anomalie von Arbeitslosigkeit in einer Welt voller Bedürfnisse, die verheerenden, von uns begangenen Fehler haben uns blind für das werden lassen, was unter der Oberfläche vor sich geht − was eine zutreffende Interpretation der Entwicklungstendenz wäre. Denn ich sage voraus, dass die beiden entgegengesetzten Irrtümer des Pessimismus, die jetzt in der Welt so viel Lärm machen, sich noch in unserer eigenen Zeit als falsch herausstellen werden − der Pessimismus der Revolutionäre, die glauben, die Dinge seien so schlecht, dass nichts als ein gewaltsamer Umsturz uns retten kann, und der Pessimismus der Reaktionäre, die das Gleichgewicht unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens für so gefährdet halten, dass wir keine Experimente riskieren dürfen.

Meine Absicht in diesem Aufsatz ist es jedoch nicht, die Gegenwart oder die nahe Zukunft zu untersuchen, sondern mich von der kurzen Sicht freizumachen und mich auf Schwingen in die Zukunft zu bewegen. Welchen Stand des wirtschaftlichen Lebens können wir vernünftigerweise von jetzt an in hundert Jahren erwarten? Was sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten für unsere Enkelkinder?

[…]

Zu irgendeiner Zeit vor dem Beginn der Geschichte − vielleicht sogar in einer jener angenehmen Zwischenräume vor der letzten Eiszeit − muss es eine Zeit des Fortschritts und der Erfindung gegeben haben, die mit der, in der wir heute leben, vergleichbar ist. Aber während des größten Teils der aufgezeichneten Geschichte gab es nichts derartiges. Die moderne Zeit begann, so denke ich, mit der Kapitalakkumulation im sechzehnten Jahrhundert. Ich glaube − aus Gründen mit denen ich die vorliegende Gedankenführung nicht belasten muss −, dies ist ursprünglich auf Preissteigerungen und daraus resultierenden Profiten zurückzuführen, die durch die Gold- und Silberschätze ermöglicht wurden, die Spanien aus der Neuen Welt in die Alte brachte. Von dieser Zeit an bis heute wurde die Kraft der Akkumulation, die über viele Generationen hinweg geschlafen zu haben scheint, mittels Zinseszins wiedergeboren und in ihrer Stärke erneuert. Und die Macht des Zinseszins über zweihundert Jahre hinweg ist etwas, was die Vorstellungskraft ins Wanken bringt.

[…]

Vom sechzehnten Jahrhundert an, und besonders nach dem achtzehnten, begann das große Zeitalter wissenschaftlicher und technischer Erfindungen, das seit den Anfängen des neunzehnten Jahrhunderts in vollem Fluss ist − Kohle, Dampf, Elektrizität, Erdöl, Stahl, Gummi, Baumwolle, die chemischen Industrien, automatische Maschinerie und die Verfahren der Massenproduktion, Rundfunk, Buchdruck, Newton, Darwin und Einstein, und tausend andere Dinge und Menschen, die zu bekannt und vertraut sind, als dass sie alle aufgezählt werden müssten.

[…]

Was ist das Ergebnis? Trotz eines ungeheuren Wachstums der Weltbevölkerung, die notwendigerweise mit Häusern und Maschinen ausgerüstet werden musste, ist der durchschnittliche Lebensstandard in Europa und den Vereinigten Staaten, wie ich annehme, um etwa das Vierfache gestiegen. Das Kapital ist mit einer Geschwindigkeit gewachsen, die über dem Hundertfachen dessen liegt, was jedes frühere Zeitalter gekannt hat.

[…]

Gleichzeitig haben technische Verbesserungen in der Fertigung und im Transportwesen in den letzten zehn Jahren einen größeren Fortschritt gemacht als je zuvor in der Geschichte. In den Vereinigten Staaten war der industrielle Output pro Kopf 1925 um 40 Prozent höher als 1919. In Europa sind wir durch zeitweilige Hindernisse aufgehalten worden, aber trotzdem kann man mit Sicherheit sagen, dass sich die technische Effizienz alljährlich um ein Prozent vermehrt. Es gibt Anzeichen dafür, dass der umwälzende technische Wandel, der bisher hauptsächlich das Gewerbe und die Industrie betroffen hat, sich bald auch über die Landwirtschaft hermachen wird. Wir stehen vielleicht am Vorabend von Verbesserungen in der Leistungsfähigkeit der
Nahrungsmittelerzeugung, die so groß sein werden wie die, die bereits im Bergbau, im Produzierenden Gewerbe und im Transportwesen stattgefunden haben. In wenigen Jahren − damit meine ich, noch zu unseren Lebzeiten − werden wir in der Lage sein, alle Tätigkeiten in der Landwirtschaft, im Bergbau und im Produzierenden Gewerbe mit einem Viertel der menschlichen Anstrengungen durchzuführen, an die wir gewöhnt waren.

Im Augenblick schmerzt uns die hohe Geschwindigkeit dieser Veränderungen und bringt schwer zu lösende Probleme mit sich.

[…]

Wir sind von einer neuen Krankheit befallen, deren Namen einige Leser möglicherweise noch nicht gehört haben, von der sie aber in den nächsten Jahren noch viel hören werden − nämlich technologische Arbeitslosigkeit. Hiermit ist die Arbeitslosigkeit gemeint, die entsteht, weil unsere Entdeckung von Mitteln zur Einsparung von Arbeit schneller voranschreitet als unsere Fähigkeit, neue Verwendungen für Arbeit zu finden. Dies ist aber nur eine vorübergehende Phase einer mangelhaften Anpassung. Auf lange Sicht bedeutet all dieses, dass die Menschheit dabei ist, ihr wirtschaftliches Problem zu lösen. Ich möchte voraussagen, dass der Lebensstandard in den fortschrittlichen Ländern in hundert Jahren vier- bis achtmal so hoch sein wird wie heute. Selbst im Lichte unseres heutigen Wissens hätte dies nichts Überraschendes. Es wäre aber auch nicht unsinnig, mit der Möglichkeit eines noch viel rascheren Fortschritts zu rechnen.

II.

Wir wollen einmal unterstellen, dass es uns allen von heute an in hundert Jahren in wirtschaftlicher Hinsicht im Durchschnitt achtmal besser geht als heute. Dies bräuchte uns ganz gewiss nicht zu überraschen. Nun ist es wahr, dass die Bedürfnisse der Menschen unersättlich zu sein scheinen. Aber sie zerfallen in zwei Klassen − solche Bedürfnisse, die absolut in dem Sinne sind, dass wir sie fühlen, wie auch immer die Situation unserer Mitmenschen sein mag, und solche, die relativ in dem Sinne sind, dass wir sie nur fühlen, wenn ihre Befriedigung uns über unsere Mitmenschen erhebt, uns ein Gefühl der Überlegenheit gibt. Bedürfnisse der zweiten Klasse, also solche, die das Verlangen nach Überlegenheit befriedigen, mögen in der Tat unersättlich sein; je höher das allgemeine Niveau, desto höher sind sie. Aber dies gilt nicht in gleicher Weise für die absoluten Bedürfnisse − es mag bald ein Punkt erreicht sein, vielleicht viel eher, als wir uns alle bewusst sind, an dem diese Bedürfnisse in dem Sinne befriedigt sind, dass wir es vorziehen, unsere weiteren Kräfte nicht-wirtschaftlichen Zwecken zu widmen.

Nun zu meinen Folgerungen, die Sie, wie ich glaube, immer verblüffender finden werden, je länger Sie darüber nachdenken. Unter der Annahme […] komme ich zu dem Ergebnis, dass das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gelöst sein dürfte, oder mindestens kurz vor der Lösung stehen wird. Dies bedeutet, dass das wirtschaftliche Problem − wenn wir in die Zukunft sehen − nicht das beständige Problem der Menschheit ist. Warum, werden Sie fragen, ist das so verblüffend? Es ist verblüffend, weil − wenn wir statt in die Zukunft, in die Vergangenheit blicken − wir finden, dass das wirtschaftliche Problem, der Kampf ums Dasein, bisher immer die wichtigste, allerdringlichste Aufgabe der Menschheit war −[…] von den Anfängen des Lebens in seinen primitivsten Formen. Folglich sind wir durch die Natur ausdrücklich zu dem Zweck entwickelt worden − mit all unserer Antriebskraft und unseren tiefsten Trieben −, das wirtschaftliche Problem zu lösen. Wenn das wirtschaftliche Problem gelöst ist, wird die Menschheit eines ihrer traditionellen Zwecke beraubt sein.

Wird dies eine Wohltat sein? Wenn man überhaupt an die wirklichen Werte des Lebens glaubt, so eröffnet sich zum mindesten die Aussicht auf die Möglichkeit einer Wohltat. Dennoch denke ich mit Schrecken an die Umstellung der Gewohnheiten und Triebe des durchschnittlichen Menschen, die ihm über ungezählte Generationen anerzogen wurden, und die er nun in wenigen Jahrzehnten aufgeben soll. Um die heutige Sprache zu gebrauchen − müssen wir nicht mit einem allgemeinen „Nervenzusammenbruch“ rechnen?

[…]

Für diejenigen, die für ihr tägliches Brot schwitzen müssen, ist Freizeit eine langersehnte Süßigkeit − bis sie sie bekommen.

[…]

Zum ersten Mal seit seiner Erschaffung wird der Mensch damit vor seine wirkliche, seine beständige Aufgabe gestellt sein − wie seine Freiheit von drückenden wirtschaftlichen Sorgen zu verwenden, wie seine Freizeit auszufüllen ist, die Wissenschaft und Zinseszins für ihn gewonnen haben, damit er weise, angenehm und gut leben kann. Die emsigen und zielbewussten Geschäftsmänner mögen uns alle mit sich in den Schoß des wirtschaftlichen Überflusses ziehen. Aber es werden nur solche Menschen sein, die am Leben bleiben können und eine höhere Perfektion der Lebenskunst kultivieren, sich nicht für die
bloßen Mittel des Lebens verkaufen, die in der Lage sein werden, den Überfluss zu genießen, wenn er kommt. Allerdings, so glaube ich, gibt es noch niemanden, der dem Zeitalter der Freizeit und der Fülle ohne Furcht entgegenblicken könnte.

Denn wir sind zu lange trainiert worden, zu streben statt zu genießen. Für den durchschnittlichen Menschen ohne besondere Begabungen ist es eine beängstigende Aufgabe, sich selbst zu beschäftigen, besonders, wenn er nicht mehr mit der Heimat oder den Sitten und Gewohnheiten oder den geliebten Gepflogenheiten einer traditionellen Gesellschaft verwurzelt ist. Nach dem Verhalten und den Tätigkeiten der heutigen wohlhabenden Klasse in irgendeinem Viertel der Welt geurteilt, sind die Aussichten sehr deprimierend! Denn diese stellen sozusagen unsere Vorhut dar − diejenigen, die das verheißene Land für uns übrige auskundschaften und dort ihr Lager aufschlagen. Die meisten von denen, die ein eigenständiges Einkommen haben, aber ohne Anhang oder Pflichten oder Bindungen sind, haben, so scheint es mir, bei der Lösung der ihnen gestellten Aufgaben katastrophal versagt.

Ich bin sicher, dass wir mit ein wenig mehr Erfahrung die neugefundenen Gaben der Natur ganz anders nutzen werden als es die Reichen heute tun, und dass wir einen Lebensplan für uns entwerfen werden, der ganz anders als der ihre ist.

Für lange Zeiten wird der alte Adam in uns noch so mächtig sein, dass jedermann wünschen wird, irgendeine Arbeit zu tun, um zufrieden sein zu können. Wir werden mehr Dinge für uns selbst tun können, als es bei den Reichen heute üblich ist, und nur allzu froh sein, dass wir kleine Pflichten, Aufgaben und Routinesachen haben. Aber darüber hinaus sollten wir uns bemühen, die Butter auf dem Brot dünn zu streichen − um die Arbeit, die dort noch zu tun ist, soweit wie möglich zu teilen. Mit Drei-Stunden-Schichten oder einer Fünfzehn-Stunden-Woche kann das Problem eine ganze Weile hinausgeschoben werden. Denn drei Stunden am Tag reichen völlig aus, um den alten Adam in den meisten von uns zu befriedigen!

Es gibt auch Veränderungen in anderen Bereichen, die wir erwarten müssen. Wenn die Akkumulation des Reichtums nicht mehr von hoher gesellschaftlicher Bedeutung ist, werden sich große Veränderungen in den Moralvorstellungen ergeben. Wir sollten imstande sein, uns von vielen der pseudomoralischen Grundsätze zu befreien, die uns seit zweihundert Jahren peinigen und durch die wir einige der unangenehmsten menschlichen Eigenschaften zu höchsten Tugenden gesteigert haben. Wir sollten uns wagen, den Geldtrieb nach seinem wahren Wert einzuschätzen. Die Liebe zum Geld als ein Wert in sich − was zu unterscheiden ist von der Liebe zum Geld als einem Mittel für die Freuden und die wirklichen Dinge des Lebens − wird als das erkannt werden, was sie ist, ein ziemlich widerliches, krankhaftes Leiden, eine jener halb-kriminellen, halb-pathologischen Neigungen, die man mit Schaudern den Spezialisten für Geisteskrankheiten überlässt.

Wir werden dann endlich die Freiheit haben, uns aller Arten von gesellschaftlichen Gewohnheiten und wirtschaftlichen Machenschaften zu entledigen, die die Verteilung des Reichtums und der wirtschaftlichen Belohnungen und Strafen betreffen, und die wir jetzt unter allen Umständen, so widerlich und ungerecht sie auch sein mögen, mit allen Mitteln aufrechterhalten, weil sie ungeheuer nützlich für die Förderung der Kapitalakkumulation sind.

Natürlich wird es immer noch viele Leute mit einer starken, unbefriedigten Zielstrebigkeit geben, die dem Reichtum blindlings nachjagen werden − bis sie einen annehmbaren Ersatz finden können. Aber wir übrigen werden nicht mehr verpflichtet sein, ihnen Beifall zu spenden und sie zu ermutigen. Denn wir werden wesentlich wissbegieriger, als es heute opportun ist, nach dem wahren Charakter dieser
„Zielstrebigkeit“ fragen, mit der die Natur beinahe alle von uns in verschiedenen Abstufungen ausgestattet hat. Denn Zielstrebigkeit sollte eigentlich heißen, dass wir uns mehr mit den Ergebnissen unseres Handelns in einer ferneren Zukunft als mit ihrer eigenen Qualität oder mit ihren kurzfristigen Auswirkungen auf unsere eigene Umgebung beschäftigen. Der ‚zielstrebige‘ Mensch versucht immer, für seine Handlungen irgendeine nicht vorhandene Unvergänglichkeit vorzutäuschen, indem er ihre Bedeutung permanent in die Zukunft verschiebt. Er liebt nicht seine Katze, sondern die Kätzchen seiner Katze; in Wirklichkeit auch nicht die Kätzchen, sondern die Kätzchen der Kätzchen, und immer so weiter bis zum Ende des Katzentums. Für ihn ist Marmelade nicht Marmelade, es sei denn, es handelte sich um Marmelade von morgen und niemals um Marmelade von heute. Indem er so seine Marmelade immer vorwärts in die Zukunft schiebt, versucht er, seinem Akt des Kochens Unvergänglichkeit zu verleihen.

Erlauben Sie mir, Sie an den Professor in ‚Sylvie & Bruno‘ zu erinnern:

‚Nur der Schneider, Herr Professor, mit einer kleinen Rechnung‘, meldete eine sanfte Stimme vor der Tür.
‚Ah, gut, seine Sache kann ich schnell erledigen‘, sagte der Professor zu den Kindern, ‚wartet nur eine Minute. Wie viel ist es dieses Jahr, mein Lieber?‘ Während er sprach, war der Schneider eingetreten.
‚Wissen Sie, es hat sich im Laufe der Jahre verdoppelt‘, entgegnete der Schneider etwas schroff, „und ich glaube, dass ich das Geld nun wirklich haben möchte. Es sind tatsächlich zweitausend Pfund!‘
‚Oh, das ist gar nichts!‘, bemerkte der Professor unbekümmert und fühlte in seine Tasche, als ob er zumindest diesen Betrag immer bei sich hätte. ‚Aber wollen Sie nicht lieber ein weiteres Jahr warten und dann viertausend berechnen? Überlegen Sie einmal, wie reich Sie sein würden! Sie könnten ein König werden, wenn Sie nur wollten!‘ ‚Ich weiß nicht, ob mir wirklich daran läge, ein König zu sein‘, sagte der Mann nachdenklich. ‚Aber es klingt nach einer großen Menge Geld! Nun, ich denke, ich werde warten.‘ ‚Natürlich werden Sie!‘, sagte der Professor. ‚Ich sehe, Sie haben Verstand. Auf Wiedersehen, mein Guter!‘
‚Werden Sie ihm jemals diese viertausend Pfund bezahlen müssen?‘ fragte Sylvie, nachdem sich die Tür hinter dem Gläubiger geschlossen hatte. ‚Niemals, mein Kind!‘, antwortete der Professor nachdrücklich. ‚Er wird es immer wieder verdoppeln lassen, bis er stirbt. Du siehst, es lohnt sich immer, ein weiteres Jahr zu warten, um doppelt so viel Geld zu bekommen!‘

[…]

Ich sehe deshalb für uns die Freiheit, zu einigen der sichersten und zuverlässigsten Grundsätze […] zurückzukehren − dass Geiz ein Laster ist, das Eintreiben von Wucherzinsen ein Vergehen, die Liebe zum Geld abscheulich, und dass diejenigen am wahrhaftigsten den Pfad der Tugend und der maßvollen Weisheit beschreiten, die am wenigsten über das Morgen nachdenken. Wir werden die Zwecke wieder höher werten als die Mittel und das Gute dem Nützlichen vorziehen. Wir werden diejenigen ehren, die uns lehren können, wie wir die Stunde und den Tag tugendhaft und gut vorbeiziehen lassen können, jene herrlichen Menschen, die fähig sind, sich unmittelbar an den Dingen zu erfreuen, die Lilien auf dem Feld, die sich nicht mühen und die nicht spinnen. Aber Achtung! Die Zeit für all dies ist noch nicht gekommen. Für wenigstens noch einmal hundert Jahre müssen wir uns selbst und allen anderen vormachen, dass das Anständige widerlich und das Widerliche anständig ist; denn das Widerliche ist nützlich, das Anständige ist es nicht. Geiz, Wucher und Vorsicht müssen für eine kleine Weile noch unsere Götter bleiben. Denn nur sie können uns aus dem Tunnel der wirtschaftlichen Notwendigkeit ans Tageslicht führen. Ich freue mich also auf die nicht zu fernen Tage, auf den größten Wandel, welcher sich jemals in der physischen Lebensumwelt der Menschheit als Ganzer ereignet hat. Aber natürlich wird sich alles nach und nach ereignen, nicht als eine Katastrophe. Tatsächlich hat es schon begonnen. Der Gang der Dinge wird einfach der sein, dass es immer größere und größere Schichten und Gruppen von Menschen geben wird, für die sich Probleme wirtschaftlicher Notwendigkeit einfach nicht mehr stellen. Der entscheidende Unterschied wird erreicht sein, wenn dieser Zustand so allgemein geworden ist, dass sich die Natur unserer Pflicht gegenüber unserem Nächsten verändert. Denn es wird vernünftig bleiben, wirtschaftlich zielgerichtet für andere zu handeln, nachdem es für einen selbst aufgehört hat, vernünftig zu sein.

Die Geschwindigkeit, mit der wir unserem Ziel der wirtschaftlichen Seligkeit näherkommen, wird von vier Dingen bestimmt werden − unserer Macht, das Bevölkerungswachstum zu regulieren; unserer
Entschlossenheit, Kriege und Auseinandersetzungen im Inneren zu vermeiden; unserer Bereitschaft, der Wissenschaft die Lenkung jener Dinge anzuvertrauen, die das eigentliche Gebiet der Wissenschaft sind; und der Akkumulationsrate, die sich aus der Spanne zwischen unserer Produktion und unserem Konsum ergibt; wobei sich dies letzte leicht von selbst regeln wird, wenn die drei ersten gegeben sind.

Unterdessen kann es nicht schaden, sachte Vorbereitungen für unsere Bestimmung zu treffen, indem sowohl die Lebenskunst als auch die zweckdienlichen Aktivitäten unterstützt und ausprobiert werden. Vor allem aber lasst uns die Bedeutung der wirtschaftlichen Aufgabe nicht überbewerten oder ihren vermeintlichen Notwendigkeiten andere Dinge von größerer und beständigerer Bedeutung opfern. Sie sollte eine Sache für Spezialisten werden, wie Zahnheilkunde. Wenn Ökonomen es fertig bringen würden, dass man sie für bescheidene, sachkundige Leute, Zahnärzten vergleichbar, halten würde, das wäre großartig!“

Die Zeit ist überreif für …

„[…] die Tür aufmachen möchte für eine generelle 35-Stunden-Woche […] Wir werden in Österreich mit einer generellen Arbeitszeitverkürzung das Licht abdrehen. Dann können wir uns alle weiße Leintücher umhängen und geordnet zum wirtschaftspolitischen Friedhof marschieren. […] Das ist eine Inselansicht aus den 70er Jahren […]“

Das sagt am gestrigen Sonntag Harald Mahrer in der Pressestunde.

Harald Mahrer unterstellt also der Gewerkschaft in den „70er Jahren“ stehengeblieben zu sein, mit ihren Ansichten. Harald Mahrer und seine nun türkis getupfte schwarze Partei waren schon einmal weiter, mit ihren Ansichten, das war in den 30er Jahren. Und nun ist Harald Mahrer und seine türkis getupfte Partei nicht einmal mehr in den 30er Jahren, sondern stehen ansichtsmäßig Jahre oder gar Jahrzehnte vor den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zu Erinnerung, wie sehr setzte sich Harald Mahrer für den 12-Stunden-Tag und die 60-Stunden-Woche im Jahr 18 dieses Jahrhunderts ein, und vollbrachte dabei gleich mit seiner Wirtschaftskammer seine bisher größte Leistung: das Werbevideo zum 12-Stunden-Tag der 60-Stunden-Woche …

Eine Gewerkschaft, die lediglich eine Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden pro Woche fordert, und das nicht einmal für alle Beschäftigten, sondern für lediglich etwa 125.000 Beschäftigte in Österreich, das ist eine Gewerkschaft, die Harald Mahrer aus Dankbarkeit in seine Opernballloge einladen müßte, also in die Loge, die nicht er bezahlt, sondern die Wirtschaftskammer, die das Geld dafür nimmt von …

Zygmunt Baumann kommt in „Retrotopia“ auf „Utopien für Realisten: Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen“ zu sprechen.

Es lohnt die gesamte Passage zu zitieren, beginnend mit Morus, bis Zygmunt Baumann zum Untertitel „Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen“ kommt und darüber hinaus:

„Fünfhundert Jahre nachdem Thomas Morus dem jahrtausendealten Menschheitstraum von der Rückkehr ins Paradies beziehungsweise der Errichtung eines Himmels auf Erden den Namen „Utopia“ gegeben hat, nähert sich eine Hegel’sche Triade doppelter Negation der Vollendung. Nachdem die seit Morus stets an einen festen topos – einen konkreten Ort, eine Polis oder Stadt, einen souveränen Staat unter einem weisen und wohlwollenden Herrscher – geknüpfte Aussicht auf ein diesseitiges Glück von jedem bestimmbaren topos abgelöst und damit negiert worden ist, damit sie individualisiert, privatisiert und personalisiert (und nach dem Prinzip der ‚Subsidiarität‘ auf den Einzelnen in seinem Schneckenhaus übertragen) werden konnte, geht sie jetzt durch eine weitere Negation eine Synthese mit dem ein, was sie ihrerseits lange Zeit tapfer, aber erfolglos zu negieren versuchte. Dieser doppelten Negation klassischer, an Morus orientierter Utopien – ihre Zurückweisung, gefolgt von ihrer Wiederbelebung – entspringen die zahlreichen gegenwärtigen ‚Retrotopien‘: Visionen, die sich, anders als ihre Vorläufer nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/ verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit:

Oscar Wilde erklärte, sobald wir das Land des Überflusses erreicht hätten, müssten wir unseren Blick auf den Horizont richten und erneut die Segel setzen: ‚Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.‘ Aber der Horizont bleibt leer. Das Land des Überflusses ist in Nebel gehüllt. Just in dem Moment, in dem wir uns der historischen Aufgabe hätten stellen sollen, diese reiche, sichere und gesunde Welt mit Sinn zu erfüllen, beerdigten wir stattdessen die Utopie. Und wir haben keinen neuen Traum, durch den wir sie ersetzen könnten, weil wir uns keine bessere Welt als die vorstellen können, in der wir heute leben. Tatsächlich glauben die meisten Menschen in den reichen Ländern, daß es ihren Kindern schlechter gehen wird als ihnen.

Das konstatiert der Historiker Rutger Bregman in seinem Buch Utopien für Realisten (dessen Untertitel Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen lautet).“

Die Privatisierung beziehungsweise Individualisierung der Idee des ‚Fortschritts‘ und des Strebens nach einem besseren Leben wurden von den herrschenden Mächten als Befreiung verkauft und von den meisten ihrer Untergebenen als solche begrüßt: die Entlassung aus den strengen Anforderungen der Unterordnung und Disziplinierung – auf Kosten der sozialstaatlichen Absicherung. Für eine große und nach wie vor wachsende Anzahl der ‚Untertanen‘ hat sich diese ‚Befreiung‘ langsam, aber stetig als überaus zweifelhafter Segen erwiesen, der immer mehr Beimischungen eines Fluchs enthält. An die Stelle der Gängelung durch staatliche Einschränkungen sind die ebenso erniedrigenden, furchteinflößenden und belastenden Risiken getreten, die die von oben dekretierte Eigenverantwortlichkeit unvermeidlich mit sich bringt.“

Eine nicht auf Österreich hin geschriebene Diagnose, aber auch eine auf Österreich zutreffende, kurz zusammengefaßt: nur Nebel, ohne Horizont, nur Nebel mit nicht einmal einem leeren Horizont

Eine Wirtschaftskammer mit einem Harald Mahrer, die, wenn Zeit in Kilometern gemessen wird, irgendwo in einer Ackerfurche, vielleicht im tiefsten Niederösterreichischen, Tausende Kilometer vor Dreißigern, steckengeblieben, eine Gewerkschaft, die … es muß eingestanden werden, es fällt zu dieser Forderung von einem Nichts für nicht einmal fünf Prozent der Beschäftigten in Österreich keine Beschreibung ein, vor allem keine, in der Utopie oder Vision die Rolle von Hauptwörtern …

Die Pressestunde also wieder einmal, kurz gesagt, eine erhellende Stunde, diesmal mit Harald Mahrer, wie ein andermal mit seinem Sitznachbarn in der Nationalbank …

Kurz vom Fetisch „Sippenhaftung“

„In Österreich wiederum hat sich die grüne Justizministerin Alma Zadic im Zuge einer Veranstaltung am 21. Februar im Innenministerium, bei der es um ein anderes Thema ging, nämlich um Opferschutz, zu einem Angriff gegen den Rechtsextremismus hinreißen lassen.“

„Angriff gegen den Rechtsextremismus“ … Zu dieser gesinnungsgemäßen Phrase der gesinnungsgemäß zensurierten Website der identitären Parlamentspartei in Österreich aus dem, kurz zusammengefaßt, Bunde identitärer Parteien, muß nichts mehr hinzugefügt werden — —

„Zadic sowie sämtliche Grüne (egal ob in der Bundesrepublik Deutschland oder Österreich) sollten lieber schweigen. Wie alternative Medien berichten, dürfte der Vater des Mörders namens Hans-Gerd Rathjen vor neun Jahren Kandidat von „Bündnis 90/Die Grünen Hanau“ für die Ortsbeiratswahl in Kesselstadt gewesen sein. Derzeit ist sogar noch der Artikel samt Bild bei den Grünen abrufbar.“

Auch zu diesem Absatz ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Außer. Gesinnungsgemäß können die, die meinen, Angriffen ausgesetzt zu sein, ihren Fetisch „Sippenhaftung“ nicht aufgeben. Und es ist nicht das erste Mal, wie beispielhaft in diesen Kapiteln gelesen werden kann,

Johann Herzog, „Pensionist“, lernt im Senioren-Parlament des Bundesrates endlich den Gesetzgebungsprozeß

Norbert Hofer, Volksmann gegen Verbotsgesetze und für Rechte mit Vätern

daß die, die meinen, Angriffen ausgesetzt zu sein, bei Morden ihren Fetisch „Sippenhaftung“ hervorholen …

„Andreas Unterberger schreibt auf seinem Blog sogar, dass die Grünen sofort versucht hätten, alle Spuren von Rathjen zu ihnen aus dem Internet zu entfernen: ‚Aber zu ihrem Pech ist das von Menschen, die ihnen vermutlich nicht sonderlich gut gesonnen sind, vorher noch schnell in einem Cache festgehalten worden (man muss nach unten scrollen, bis man das Photo der Kesselstadt-Kandidaten samt Namensnennung sieht)‘, schreibt Unterberger.“

Zu Andreas Unterberger muß tatsächlich nichts mehr hinzugefügt werden. Zu viele Kapitel bereits, in denen dieser Mann vorkommt, obgleich er selbst je nicht tatsächlich im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern er lediglich als Beispielgeber von Interesse ist , was für Menschen in Österreich, kurz gesagt, hohe und höchste Positionen …

Kurz vor den Nachrichten über die Morde in Hanau noch bewegte Bilder mit Operettengesang vom Opernball

„Damit trug die musikalische Sprache der Wiener Operette ebenso zu einem ‚falschen Bewusstsein‘ bei, zu einer Scheinwelt, die weder mit der sozio- kulturellen noch mit der sozio-politischen Realität in voller Übereinstimmung war, wie auch die märchenhafte Thematisierung der literarischen Sujets einer eher wirklichkeitsfremden Einschätzung Vorschub leistete. Es entstanden Klischees, die zuweilen bis in die Gegenwart der gesellschaftichen Zusammenhänge erhalten geblieben sind.“

Um die Nachrichten nicht zu versäumen, wurde am 20. Februar 20 der Apparat zu früh eingeschaltet. In den Nachrichten dann wurde von den Morden in Hanau berichtet, begangen von einem Mann, der offensichtlich ebenfalls der Mode erlegen ist, Morde mit Manifesten vorzubereiten.

Davor aber muß ein Lied angehört werden, eines von Emmerich Kálmán, aus der Operette „Die Csárdásfürstin“, die bekannt ist auch als „The Gypsy Princess“, „La Princesse Tzigane“ …

Davor muß also ein Lied aus der „Zigeunerprinzessin“ angehört werden, mit bewegten Bildern aus der Wiener Staatsoper angesehen werden, die Menschen zeigen, ergriffen, rührselig dem Liede lauschen, die Menschen zeigen, von denen gesagt werden könnte, sie repräsentieren die sogenannte ehrenfeine Gesellschaft in Österreich, von der sogenannten Staatsspitze je nach Standplatz abwärts oder aufwärts …

Und unweigerlich fällt zu diesem Liede und zu diesen Theatergesellschaftsbildern die Arbeit „So elend und so treu“ zur Wiener Operette ein, aus der das an den Beginn des Kapitels gestellte Zitat entnommen ist.

Unweigerlich kommt dabei in den Sinn die bevorstehende Premiere des „Zigeunerbarons“ in der Volksoper und eine Schallplattenhülle von „Emerich Kalman, Richard Wagner“ aus dem Jahre 1952, wohl deshalb, weil die Darstellung der „Zigeuner“ auf diesem Cover so sehr der Darstellung gleicht, die für die Aufführung in 2020 in der Volksoper frisch gezeichnet wurde, kein Unterschied zu erkennen, als wären seit dem keine 68 Jahre vergangen … es sind in Österreich keine 68 …

Wie gut Wagner und Wiener Operette zueinander passen, der eine wie die andere so frei von — und deren tönenden Worte geliebt von …

Nach den Nachrichten über die Morde in Hanau wurde in „So elend und so treu“ gleich nachgelesen, was zur „Zigeunerprinzessin“ geschrieben wurde, und dabei blitzen immer wieder die bewegten Bilder des Opernballs 20 …

„Ebenso geschieht es in jeder einzelnen der in dieser Arbeit behandelten Operetten des Werkkanons. Ob man nun die rassige Zigeunerin Frasquita von Franz Lehár und den Librettisten Alfred Maria Willner und Heinz Reichert auf der Bühne tanzen sieht oder den schmachtenden Tassilo in der Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán, Julius Brammer und Alfred Grünwald ‚Komm Zigan, spiel mir was vor‘ singen hört – sobald bei einer Wiener Operette von ‚Zigeunern‘ gesprochen wird, kann man davon ausgehen, dass es sicher nicht um real existierende Romgruppen im Gesamtstaat geht, sondern dass vielmehr ‚Zigeuner‘ dargestellt werden: das stereotype Fremdbild einer ethnischen Minderheit, dass im Bewusstsein der europäischen Mehrheitsgesellschaft seit dem 15. Jahrhundert basierend auf Vorurteilen und Ablehnung gegen eine Marginalgruppe gewachsen ist. Das Konstrukt ‚Zigeuner‘ prägt eine Vielzahl von Operetten. In unmittelbarer Weise natürlich in Stücken wie dem Zigeunerbaron oder dem Zigeunerprimas (Musik von Emmerich Kálmán, Libretto von Fritz Grünbaum und Julius Wilhelm), Csáky, wo das betreffende Wort ‚Zigeuner‘ schon im Titel präsent ist, aber auch in Operetten wie der Csárdásfürstin (Kálmán/Leo Stein und Bela Jenbach), wo die ‚Zigeuner‘ nur zitiert werden und sogenannte ‚Zigeunermusik‘ in die Komposition einfließt. Es erscheint also logisch zu fragen, welche besondere Position die Romgruppen in der österreichischen Gesellschaft einnahmen, sodass in der Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum ‚Anschluss‘ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 in continuo Operetten produziert wurden, in denen das Zigeunerstereotyp auf der Bühne behandelt wurde. Ob die Operette generell nur Klischees und Stereotype von allen ihren Protagonisten zeigt, scheint dabei nebensächlich, da in Hinsicht auf die Romgruppen zusätzlich ein rassistischer Aspekt augenscheinlich wird. Die Darstellung von ‚Zigeunern‘ und ‚Zigeunerkultur‘ als Betrachtungsgegenstand überwiegt an Immanenz gegenüber der Klischeedarstellung beispielsweise eines Gefängniswärters Frosch in der ‚Fledermaus‘, den man z.B. als das stereotype Abbild eines alkoholkranken österreichischen Beamten verstehen kann. Selbstverständlich sind ein Verständnis des Massenkulturphänomens ‚Operette‘, sowie auch die Erörterung der Ursprünge und Ausbildung von Zigeunerstereotypen unerlässlich bei der Beschäftigung mit der Frage nach der Konstruktion und Funktion von Zigeunerstereotypen in der Wiener Operette.

Wie sind Zigeunerstereotype in der europäischen Majorität entstanden und welche Transformation haben sie erfahren, bis sie schließlich im 19. und 20. Jahrhundert zum Gegenstand des Genres Operette wurden? Wie wurden sie eigens für diese passend gemacht? Vereinfacht ausgedrückt beschreibt dies das Spannungsfeld, in welchem sich die Thesen dieser Arbeit bewegen. Die Analyse der Stereotype, die in den jeweiligen Operetten des Werkkanons sowohl in musikalischer als auch in dramaturgischer Hinsicht relevant sind, ist dabei ebenso wegweisend wie die Auseinandersetzung mit der Funktion und den sich daraus ergebenden Folgen der stereotypen Darstellung von Romgruppen im Operetten-Theater. Gerade die Operette muss als ‚Kind ihrer Zeit‘ verstanden werden, weshalb es naheliegend ist, parallel zur Betrachtung der Ausgestaltung des Zigeunerstereotyps auf der Bühne auch einem soziologischen Aspekt Raum zu geben und die Position von Romgruppen in der Gesellschaft der Doppelmonarchie näher zu untersuchen. Hierbei kann von der Frage ausgegangen werden, warum es für die Mehrheitsgesellschaft interessant gewesen sein könnte, in diesem volksnahen Genre überhaupt einen Fokus auf das Stereotyp ‚Zigeuner‘ zu setzen. Wenn man den ‚Zigeuner‘ als persona non grata des Vielvölkerstaates begreift, scheint es berechtigt, sich zu überlegen, warum der ‚Outcast‘ zum Gegenstand einer kommerziellen Unterhaltungsindustrie wurde, was die Operette zu Zeiten ihrer Hochkonjunktur ja de facto war. Aus dieser Überlegung erschließt sich recht geradlinig, warum nicht ein authentisches Bild der Marginalgruppe, sondern ein verzerrtes und verkitschtes Klischeebild, ein ‚Zigeunerbild‘ präsentiert wurde. Die Missstände, in denen die Romgruppen teilweise bzw. überwiegend lebten, wurden ebenso außer Acht gelassen wie die Tatsache, dass die meisten Romgruppen zur Zeit der Entstehung der hier kanonisierten Operetten schon fast zur Gänze sesshaft und an die Mehrheitsgesellschaft angegliedert waren und nicht im sprichwörtlich gewordenen ‚grünen Wagen‘ durch die Lande zogen. Die Realität war aber nicht umfassend publikumstauglich, und deshalb wurde sie für die Operettenbühne entsprechend beschönigt. Davon ausgehend lässt die schon angesprochene Tendenz zur Couleur locale, die in der Kunst der Romantik immer wieder als Folie für die eigene Gesellschaft diente, eine Art ‚Zigeuner-Mode‘ denkbar werden, die sowohl musikalisch als auch dramaturgisch den Geschmack des Publikums rund um das Fin de siécle traf.

Bei genauerer Betrachtung scheint dies allerdings eine zu einfache Antwort auf die Frage, warum der ‚Zigeuner‘ überhaupt in der Operette auftaucht. Die Art und Weise, wie in Handlung und Komposition mit ‚Zigeunerischem‘ verfahren wird, lässt vielmehr darauf schließen, dass die Zigeunerstereotype in der Gesellschaft so obligat waren, dass sie nicht zuletzt vom Publikum der Wiener Operette für bare Münze genommen wurden. Die Funktion des Zigeunerstereotyps mag also, in Ansätzen und sehr vereinfacht formuliert, Ausdruck einer gewissen Mode oder vielmehr einem großösterreichischen Eskapismus entsprechen; seine Konstruktion hingegen ist mehr als eine Mode: sie ist das Produkt einer jahrhundertelangen Ausgrenzung und Verfolgung von Romgruppen durch die Mehrheitsgesellschaft in Europa, die in der Wiener Operette weiterlebt.

Die akribische Konstruktion des Zigeunerstereotyps, die in der Mehrheitsgesellschaft über Jahrhunderte hinweg stattfand, ist also conditio sine qua non für die Funktion, die diesem in der Operette zukommt. Es geht hier nicht in erster Linie darum, den Konflikt zwischen zwei differierenden Gesellschaftsformen darzustellen, wie das etwa in stereotypisierenden Operetten wie beispielsweise dem Land des Lächelns (Lehár/Herzer, Löhner-Beda, Léon) oder der Blume von Hawaii (Ábráham/Flödes, Grünwald, Löhner-Beda) der Fall sein mag. Bei den Wiener Operetten, die in irgendeiner Weise ‚Zigeuner‘ zitieren oder darstellen, ist davon auszugehen, dass das Stereotyp ein gewichtiger Teil des Gedankenguts der Gesellschaft war, in der sie entstanden sind.

Von Rassismus zu sprechen, bedeutet hier sowohl den Sozialchauvinismus der österreichischen Majorität im 19. und frühen 20. Jahrhundert mitzudenken als auch eine lange Kette von Stereotypenbildung miteinzubeziehen. Die Konstruktion des Zigeunerstereotyps in der Wiener Operette ist ergo nur die ‚Spitze des Eisbergs‘, ein Zeuge davon, dass noch in der Moderne immer wieder unreflektiert auf Stereotype zurückgegriffen wird, die in der Gesellschaft seit mehreren Jahrhunderten bestehen. Dass diese Stereotype nicht hinterfragt wurden und sich über die Zeit ihres Bestehens nur geringfügig verändert haben, lässt die Lücke zwischen der dargestellten und der tatsächlichen Realität zur Entstehungszeit der Wiener Operetten immens werden. Interessant wird diese Tatsache, wenn man sich des Charakters der Operette bewusst wird, die als ein Genre zu verstehen ist, dass sich dezidiert mit gesellschaftlichen Belangen und Problemen ihrer Zeit auseinandersetzt.

Ein Beispiel: In der Csárdásfürstin, die ihre Premiere 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg erlebte, wird sowohl eben dieser Weltkrieg und die Haltung der Gesellschaft zum Krieg, die Rolle der modernen, sich emanzipierenden Frau als auch die Borniertheit der österreichischen Aristokratie in der untergehenden Habsburgmonarchie thematisiert. Brandaktuelle Themen also, mit denen sich das Publikum täglich auseinandersetzte. Gleichzeitig wird der ‚Zigeuner‘ dargestellt, wie es ihn, wenn überhaupt je, 1915 sicher nicht gegeben hat: als höriger Musikant, der in einer Art zufriedener Abhängigkeit zur Mehrheitsgesellschaft aufspielt und diese mit einem ‚Feuercsárdás‘ auf andere Gedanken bringt. Der Csárdás, das Aufspielen für den ‚Gadzo‘ (das Romanes-Wort für den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft), die Stilisierung zum käuflichen Dienstleister – all dies sind Auswüchse des tradierten Zigeunerstereotyps.“

Zwei Zigeuner im Land des Matriarchats

„Die ‚Zigeuner‘, die in Strauß’ Operette übrigens als selbstbewusste Sympathieträger auftreten, tragen ihre im Stücktitel verankerte Bezeichnung als solche durchaus selbst auf den Lippen – im Kontext der Handlung kann man also nicht von einer Fremdbezeichnung sprechen. Wir verwenden den Begriff ‚Zigeuner‘ daher in allen Inhaltsangaben und damit verwandten (’stückimmanenten‘) Textsorten unkommentiert und ohne Anführungszeichen.“ 

Das ist aus der Stellungnahme der Dramaturgie und Direktion Meyer der Volksoper zu ihrer braven Inhaltsangabe, mit der sie versuchen zu erklären, wann sie Anführungszeichen verwenden, wann sie keine Anführungszeichen verwenden.

Was es mit dem besonderen Verwenden von Anführungszeichen und von keinen Anführungszeichen auf sich hat, das wurde in einem Kapitel bereits ausführlich dargelegt.

Auch das wurde bereits in einem Kapitel angesprochen, mit ihrer Stellungnahme lüftet die Direktion Meyer ein großes Geheimnis. Strauß und Schnitzer waren Zigeuner. Es muß Zigeuner nicht in Anführungszeichen gesetzt werden, weil ja, so die Direktion Meyer, „nicht von einer Fremdbezeichnung“ gesprochen werden, da doch die Zigeuner Schnitzer und Strauß in ihrem Tonwerk selber diesen „Begriff“ verwenden.

Weil aber auch die österreichische Bundestheater-Holding diese brave Inhaltsangabe der Direktion Meyer verbreitet, ist doch ein weiterer Blick auf diese Inhaltsangabe zu werfen. Diesmal aber nicht auf die „Anführungszeichen“.

„Die Uraufführung des ‚Zigeunerbaron‘ 1885 bescherte Johann Strauß zu Lebzeiten den größten Bühnenerfolg . Eine sumpfige Landschaft irgendwo im habsburgisch-verwalteten Banat rund um das Jahr 1740. Der Vielvölkerstaat vereint hier Großbauern und Lebenskünstler: im Gutshof den Schweinezüchter Zsupán, daneben eine Gruppe von Zigeunern unter dem Matriarchat der alten Czipra. Als der in der Fremde aufgewachsene Sándor Bárinkay in die Heimat seiner Vorfahren zurückkehrt, fordert er die ihm zustehenden Güter ein, erklärt sich jedoch gleichzeitig als williger Heiratskandidat: Ein willkommener Eidam für Zsupán. Doch ein Schlitzohr übertrumpft das noch größere und man kommt zu keiner Einigung. Die schöne und selbstbewusste Saffi wendet das Blatt, Bárinkay wird zum Baron der Zigeuner erklärt und die Liebe fügt alles zum Guten. Wäre da nicht der ‚lange Arm der Monarchie‘, der mittels Graf Homonay im Banat Soldaten für einen bevorstehenden Krieg anwirbt …“

Auch dazu gibt es bereits ein Kapitel, welche Rolle „Zigeuner“ in der Operette zu spielen haben, damit sie keine Rolle vor den Theatern spielen, wofür sie in den Operettenhäusern weiter gebraucht werden, sie weiter in Dienst sein dürfen, damit sie vor den Häusern weiter …

Die Inhaltsangabe scheint brav die Kriterien einer Inhaltsangabe zu erfüllen, wie sie in der Schule gelehrt werden. Knapp und sachlich soll die Sprache sein, verzichtet soll werden auf die eigene Meinung, keine sprachlichen Ausschmückungen …

Nun, erfüllt das die Inhaltsangabe? Mehr als das.

„Gruppe von Zigeunern unter dem Matriarchat der alten Czipra“ — — „Matriarchat“ …

Es ist wahrlich eine Inhaltsangabe der Aufklärung. Eine durch das Werk der zwei Zigeuner durch und durch gedeckte Definition des Matriarchats …

Schlagen Sie nach bei Liefhold …

„Czipra, die ‚alte Zigeunerin‘, wird schon in der ersten Szene von Ottokar als ‚alte Hexe‘ eingeführt. Der Zusammenhang, der hier zwischen Zigeunerfrau und schwarzer Magie hergestellt wird, erscheint so beiläufig, als sei es eine allgemein Tatsache, dass alte Zigeunerinnen notwendig Hexen sein müssen.“

„Czipra ihrerseits, spricht einen Aspekt des Zigeunerstereotyps an, das geschlechtsspezifisch die Zigeunerfrau betrifft: ‚Als Jugend Wang‘ und Aug erfrischt, / warb man um Czipra minniglich, / doch nun Zeit den Reiz verwischt / nennt man die alte Hexe mich.‘ Hierbei handelt es sich um die von der Mehrheitsgesellschaft evozierte Annahme, dass die junge Zigeunerin, überaus attraktiv, erotisch und anziehend, schneller als andere Frauen zu einem hässlichen alten Weib würde. Gerade zu diesem Aspekt konnten Beobachtungen gemacht werden, dass in der Literatur die schöne junge ‚Zigeunerin‘ gehäuft in Begleitung einer hexenhaften alten Zigeunerin auftritt: Die erotische junge Frau wird an die Vergänglichkeit und das Alter erinnert. Es wird aufgezeigt, was die schöne ‚Zigeunerin‘ zwangsläufig werden wird: eine hässliche Hexe, vor der man sich in Acht nehmen muss.‘ Für die Rollenkonstellation Czipra / Saffi ist dies natürlich ebenfalls sehr interessant, da im Zigeunerbaron die oben beschriebene stereotype Tradition fortgesetzt wird und der jungen Heldin die alte ‚Mutter‘ zur Seite steht, die durch ihre Charakterisierung als Hexe ihre ‚Tochter‘, die ebenfalls offenbar mit hellseherischen Fähigkeiten begabt ist, in gewisser Weise spiegelt.“

„Czipra kann als Paradebeispiel der stereotypen alten Zigeunerin gelesen werden. Sie vereint in sich sowohl das Stereotyp der Zigeunerfrau als Hexe, das der Wahrsagerei und Schatzgräberei und, wie später noch aufzuzeigen ist, das des Kindsraubs.“

„Abgesehen davon, dass der Drudenfuß ein weiterer Verweis auf Czipras Hexenkünste ist, wird hier außerdem der Analphabetismus thematisiert. Wenn man bedenkt, dass ‚im Ausgang des 18. Jahrhunderts […] Schriftlichkeit die entscheidende Zivilisationsschwelle‘ ist, wird verständlich, warum die Zigeunerin in der Operette nur einen ‚Drudenfuß‘ malen kann. Sie wird damit gleichsam als unzivilisierte Wilde gezeichnet, die abseits der normierten Schriftlichkeit lebt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch der Schweinefürst Zsupán nicht schreiben kann. Ob dieser sich seinen Platz in der bürgerlich-zivilisierten Gesellschaft durch seinen Reichtum angeeignet hat, oder ob er vielmehr als Nicht – Zigeuner von vorne herein seinen Zivilisierungsgrad nicht über den Alphabetismus beweisen muss, wäre hier zu überlegen. Der Analphabetismus ist Czipra und Zsupán gemeinsam, trotzdem wird sie zur unzivilisierten Zigeunerin, weil sie nicht schreiben kann, und dafür vom Chor mit einem satten ‚Ein Drudenfuß! Hahahaha!‘ verlacht, während Zsupán im Schweinehändler-Couplet (Nr. 3, ‚Ja, das Schreiben und das Lesen, / Ist nie mein Fach gewesen‘) mit seinem Defizit sogar noch kokettiert. Hier zeigt sich der Gegensatz zwischen den als Naturmenschen stereotypisierten Zigeunern und den Kulturmenschen der Mehrheitsgesellschaft.“

„Der Zigeunerbaron“ in der Volksoper wird wahrlich eine umjubelte Premiere der Aufklärung gewesen sein, mehr noch, die modernste Aufklärung überhaupt, ist sie doch nicht nur eine schriftliche, sondern auch eine grafische und animierte …

Ein Minister außer Dienst wird vielleicht aus dem Steiermärkischen zur Premiere voller Freude angereist sein, um mit seinem Kulturmenschen sein Leiblied inbrünstig mitgesungen zu haben …

„Der Kulturmensch Zsupán kann beruhigt singen, dass „das Schreiben und das Lesen“ für ihn nicht von Bedeutung ist und behält trotzdem seinen Status als zivilisierter Mensch, während das ‚Naturkind‘ Czipra ihrer Unfähigkeit wegen verlacht wird und ihr Drudenfuß wird zum Wegweiser aus der Gemeinschaft der zivilisierten Kulturmenschen.“

Direktor Meyer auf der Probebühne

„Günter Kaindlstorfer: „Das regt mich wirklich auf?“

Robert Meyer: „Die derzeitige europäische Politik. Die Art und Weise, wie man mit Fremden umgeht. Der schreckliche Rechtsruck, nicht nur in Österreich, überall leider in Europa und, wie wir jetzt in Brasilien gesehen haben, selbst dort.“

Im Oktober 18, auf der Probebühne der Volksoper, in der in wenigen Tagen „Der Zigeunerbaron“ zur Aufführung gelangen wird, und nachher, in der Premierenfeier, was für wunderbare Gespräche es geben wird, getragen von den zwei Hauptwörtern der Stellungnahme der Direktion Meyer: „Aufklärung und Humanismus“ …

Eine Premierenfeier, in der vielleicht das eine oder andere Mal darauf angestoßen werden wird, daß in Österreich der „schreckliche Rechtsruck“ jetzt vorüber sei, mit den Grünen in der Bundesregierung, unter einem Bundeskanzler …

… „die Art und Weise, wie man mit Fremden umgeht.“ Das regte Robert Meyer auf, der gerne Gedichte von Brecht lese, für den Homo faber von Frisch der beste Roman aller Zeiten sei, und der weitermachen will, als Direktor der Volksoper zu Wien in Österreich …

Wie anders hingegen der Umgang in der Volksoper unter Meyer mit Menschen, die für viele nach wie vor „Fremde“ zu sein haben, etwa für den Innenminister, der auf den Beistand des Bundeskanzlers sich verlassen kann, in der Volksoper sind sie in „besten, höchst umsichtigen Händen“

„Der schreckliche Rechtsruck.“ Das regte Robert Meyer auf. Als ob es in Österreich je eines „schrecklichen Rechtsrucks“ bedurft hätte. Nun, welch ein Glück, ist es mit diesem Ruck vorbei. Die Grünen sind in der Bundesregierung, unter einem Bundeskanzler, angetreten, den Kompaß der Rechtssprechung zu polen …

Es hat schrecklich geruckelt, nun aber kein Ruck mehr, nur mehr ein einwandfreier, gemütlicher ruhiger Flug mit dem Österreich, dessen von Frivolität wieder gereinigter Treibstoff nur noch Aufklärung, Humanismus, Bildungbürgerinnentum …

Wunderbar wird es nun wieder sein, in diesem Österreich, mit dem wieder alle zur Premiere fliegen werden, am Letzten dieses Monats 20, wie einst – lang oder kurz vor dem „schrecklichen Rechtsruck“ – nach Mörbisch in das Land des Lächelns …

Robert Meyer, der immer irgendein Buch in Hirnarbeit habe, wird den berühmten Ruf „Nach Moskau!“ kennen. In Österreich lautet dieser Ruf, und jetzt nach dem „schrecklichen Rechtsruck“ wohl wieder so laut wie zuvor, von den sogenannten Hohen und Höchsten in diesem Staate, von der sogenannten Staatsspitze je nach Standplatz abwärts oder aufwärts: „Nach Mörbisch!“

Österreich hat also diesen „schrecklichen Rechtsruck“ überstanden. Er kam in diese Turbulenzen, ganz ohne eigenes Zutun. Er flog nur, wie stets, seine gemütliche österreichische Route, als plötzlich ganz unversehen, ganz unverschuldet es recht heftig in ihm zu ruckeln begann. Aber tapfer schnallten sich wieder alle an, wieder brachten sich und alles in Sicherheit, harrten wieder aus, wußten wieder mit Zuversicht, es wird vorübergehen, alles geht einmal vorüber, und es wird wieder die geliebte unvulgarisierte Zeit kommen, in der weitergemacht werden kann, wie zuvor, in der Österreich wieder von den besten, höchst umsichtigen Händen gelenkt werden wird …