Frage an Radio Strandbad

„Nach 2 Unabhängigen Expertenkreisen zu #Antisemitismus, setzt die deutsche Bundesregierung 2019 eine Expertenkommission zu #Antiziganismus ein. @sebastiankurz, übernimmt auch Österreich eine Vorreiterrolle zur Bekämpfung von Antiziganismus? @EU2018AT“

Diese Frage stellte der Zentralrat deutscher Sinti und Roma am 27. November 18.

Zu einer Zeit also, als die österreichische Regierung eine Regierung der Jagdfliegerfreunde war, er, Kurz, das beste Einvernehmen hatte mit den Kameraderie aus dem Bündnis mit dem Roma-Frage-Innenministers.

Es gibt keine Antwort von Radio Burgenland.

Aber eine solche Frage Sebastian Kurz zu stellen, ist wie eine Frage an — — in einem anderen Land wäre es eine Frage beispielsweise an Radio Eriwan, in Österreich an Radio Strandbad

Frage an Radio Strandbad:
„Ist es wahr, daß Österreich eine Vorreiterrolle übernimmt?“
Antwort:
„Im Prinzip ja. Wenn es ein Pferd gibt.“

Selbstverständlich übernimmt ein von Sebastian Kurz geführtes Österreich eine „Vorreiterrolle“, auch in der Bekämpfung des Antiziganismus.

Und es ist eine Vorreiterrolle, die weit über eine Vorreiterrolle hinausgeht. Denn. Es wird dermaßen vorgereitet, daß „Antiziganismus“ nicht mehr gesagt und geschrieben werden muß, wie das aktuelle Programm der nunmehr kurzigen Regierung belegt.

Richtungsweisend in dieser Hinsicht auch, wie die kurzige Regierung überhaupt richtungsweisend ist, vor siebzehn Jahren …

Abraham a Sancta Clara: „Zigeuner seynd des Judä Iscarioths nahe Brüder und Anverwandte“

„Dergleichen Lumpen-Gesind auch die Zigeuner seynd, welche nicht ohne großen Schaden und Diebstahl alle Länder ausreisen mit dem gedichten Vorwand, als kommen sie aus Egypten, und müssen 7 Jahr lang hin und her wandern zu einer Buß, weilen sie der seligsten Jungfrauen Mariä mit ihrem göttlichen Kind, als sie in Egypten geflohen, einmal die Herberg geweigert haben. Es ist aber solches ein lauteres Gedicht und bloße Schalkheit; dann diese Leut haben das Egpytenland ihr Lebenlang nie gesehen, sondern ist ein solches zusamm gerottes Lottersgesind von allerlei müssigen Leuten, welche denen armen Bauers-Leuten mehresten Theils sehr überlästig, mit Klauben und Rauben ihren Unterhalt suchen, und mit ihrem Wahrsagen den einfältigen Pöbel bethören. Wessenthalben gar wohl die Satzungen Kaisers Caroli V. zu Augsburg auf dem Reichstag Anno 1549 geboten, daß man dergleichen Müssiggeher in Deutschland auf keine Weis‘ gedulden solle. Diese und alle Müssiggeher ins gemein seynd des Judä Iscarioths des Erz-Schelm nahe Brüder und Anverwandte.“

„Du aber erbarmest dich seiner nit, sondern zählest ihn noch unter die liederlichsten Zigeuner-Bursch, als sey er ein Ordinari-Landbettler und wisse gar stattlich die Leut auf der Straße, wann sie allein gehen, zu schröpfen.“

„Was für ein Elend ist es, wann einer wie ein ausgezogener Frosch im Bett liegt, wenn er krumme Finger machet, wie ein Schuster-Kneip wenn ihm die Backen schlampen wie die Schrotbeutel, wenn er die Arm ganz saftlos, kraftlos, haftlos hangen läßt, wenn er wie Duck-Enten mit dem Kopf wacklet, wenn er sich zusammenkrümmt wie ein Taschenmesser, wenns ihm im Bauch schneidet, als hätte er junge Feder-Fechter darin, wenn er den ganzen Tag pfeift wie ein Erd-Zeisel, wenn er ganze Nächt‘ jugetzt wie ein junger Wolf, wenn er sich mit Lumpen und Fetzen einfätschet wie die Zigeuner-Kinder, wenn ihm die Gall in alle Glieder marschiret, ja endlich die blühende Jahr‘ der unverhoffte Tod abschneidet: wer ist daran schuldig, als allein der unbändige Zorn?“

So weit und weiter reicht die Vorgeschichte zurück, die, kurz ist es her, der österreichische Bundespräsident zu bedenken empfahl, wobei gefragt werden könnte, ob er tatsächlich so weit in die Vorgeschichte zu gehen …

So lange wirkt Geschichte nach. Sie wirkte etwa auf die Nationalsozialistinnen, die beim Morden keinen Unterschied machten zwischen „Juden und Zigeuner“, die nur eines gesinnungsheiß begehrten, ein „juden- und zigeunerfreies“ —- schon für Abraham a Sancta Clara waren sie „Brüder und Anverwandte“ …

In der Predigtliteratur „Judas, der Erzschelm“ von Johann Ulrich Megerle, der dann Clara genannt wurde, kommen immer wieder die „Zigeuner“ vor, wie oben beispielhaft zitiert, auf eine Art, nun, wer kennt nicht diese Ergüsse, diese Ausgüsse über Menschen aus seiner Gegenwart, aus ihrem modernen 21. Jahrhundert.

So lange wirkt Vergangenes, das vergangen gemeint, nach, bleibt Vergangenes Gegenwart, und es wird auch sehr viel dafür getan, daß es Gegenwart bleibt, das Vergangene, etwa die Predigten von Clara, mit denen er sich verging. Wie viele Jahre beispielsweise wurden vom österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Predigten des Clara im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ausgestrahlt? Es waren etliche Jahre. Wohl ein Jahrzehnt in etwa, an Feiertagen, an christlichen Feiertagen, zur höchsten Erbauung und Erhebung des in Nächstenliebe ertränkten Christenvolkes. Vorgetragen mit Furor von Romuald Pekny, von einer Kanzel herab hinunter in die Zimmer mit Latexwohnlandschaft und beleuchteter Jesus-Christus-Schneekugel …

So viel wird dafür getan, daß Vergangenes aus der Vergangenheit weiter wirkt, Gegenwart bleibt, zum Vergehen in der Gegenwart, zum Versteigen in der Gegenwart. Straßenbezeichnungen gehören dazu, Denkmäler, Tonwerke

Und alles greift stets ineinander, um das Vergangene weiterzurollen, durch die Gegenwart zu ziehen. Hans Schwathe etwa schuf das Denkmal für Clara, er schuf aber auch ein Denkmal für den sogenannten Turnvater, für den ebenfalls „Juden und Zigeuner“ …

Strauß-Schnitzer – Ihre Dienste werden noch gebraucht

Es hat sich die Direktion von Robert Meyer und die Dramaturgie der Volksoper zu Wien bemüßigt, eine Stellungnahme auf ihre Website zu stellen, warum sie wann und wann nicht Zigeuner in Anführungszeichen setzen.

Eine Stellungnahme, zu der im Grunde nur der Hinweis etwa auf die Arbeit „So elend und so treu …“ über die Wiener Operette von Liefhold genügt, um diese volksoperetterliche Stellungnahme als das zu bestimmen, was sie ist, bloß ein Rettungsversuch der Eigenwahrnehmung als ach so aufgeklärte …

Liefhold hat in seiner Analyse auch des „Zigeunerbarons“ im Grunde bereits alles ausgeführt, und vor allem offengelegt, warum gerade „Der Zigeunerbaron“ nicht zu retten ist. Denn. Mit jeder seiner Aufführungen wird weiter ein Bild von den Menschen verbreitet, die von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft nach wie vor brutal wie kurz als „Zigeuner“ bezeichnet werden,

Einige Anmerkungen sind zu dieser volksoperetterlichen Stellungnahme dennoch unumgänglich.

1

Die Stellungnahme der Volksoper ist das Libretto des „Zigeunerbarons“ in musikloser Prosa.

2

Die Direktion der Volksoper eröffnet ihre Stellungnahme mit dem Couplet:

„Im Bereich des Musiktheaters stößt man bemerkenswerterweise immer wieder auf Sujets und Themen, welche die Kultur der Sinti und Roma thematisieren oder zitieren.“

Hierzu reicht ein Satz von Liefhold:

„Zeitgleich feierten die Väter der Wiener Operetten bedeutende Erfolge mit dem Zigeunerbaron, dem Zigeunerprimas, der Gräfin Mariza oder Frasquita. Auf der Bühne erschien dem Publikum ein anderer Zigeuner als vor dem Theater.“

3

„Alleine die Tatsache, dass wir dieses Werk, welches immerhin ein Meilenstein der Wiener Operette ist, auf den Spielplan gesetzt haben, könnte Irritationen hervorrufen – das war der Direktion der Volksoper und allen künstlerisch Verantwortlichen der Produktion von vornherein bewusst. Denn es ist allgemein bekannt: Die Volksgruppe der Sinti und Roma selbst lehnt die Fremdbezeichnung ‚Zigeuner‘ wegen stigmatisierender und rassistischer Konnotationen größtenteils ab. Auch gesamtgesellschaftlich hat sich deren Eigenbezeichnung – zum Glück! – im Sprachgebrauch weitgehend durchgesetzt.“

Ach, wie großzügig, auf sie zu hören, ach, was für ein Glück, daß es im heutigen Sprachgebrauch weitgehend zur Durchsetzung kam von: „Alles Zigeuner“ …

Oh, und wie viele „Meilensteine“ in der Geschichte … Einen setzte beispielsweise auch Joseph Maria Theresia Habsburg. Mit dem Meilenstein „ethnische Eliminierung“. Einen auch der Mann aus dem Burgenland mit seiner „Zigeunerfrage“, die er und seine Kameradinnen an einem von der Vorsehung für sie erwählten Ort … Gerade in Österreich vulgo Portschyland sollte nicht die „Volksgruppe der Sinti und Roma die Bezeichnung ‚Zigeuner‘ ablehnen, sondern jene, die mit dieser Bezeichnung das Land von den Menschen vor dem Theater …

Und wenn es die Menschen vor dem Theater nicht mehr gibt, dann kann im Theater die Weihefeier von Humanismus und Aufklärung prachtvoller denn je zelebriert werden, können die Figuren mit Zuversicht und höchstem Vertrauen ihr Leben in die besten und umsichtigsten Hände

4

„Mit der Entscheidung, Johann Strauß‘ fantastischer Musik, die er für seine späte Operette Der Zigeunerbaron geschrieben hat, eine Bühne zu bieten, ging für uns und für das gesamte Kreativteam der Produktion selbstverständlich eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sinti und Roma einher. Aus dieser Reflexion und zahlreichen internen Gesprächen zum Thema resultierend haben wir uns zu folgendem Umgang mit dem Begriff ‚Zigeuner‘ im Zuge der Neuproduktion des Zigeunerbarons entschieden: Die ‚Zigeuner‘, die in Strauß’ Operette übrigens als selbstbewusste Sympathieträger auftreten, tragen ihre im Stücktitel verankerte Bezeichnung als solche durchaus selbst auf den Lippen – im Kontext der Handlung kann man also nicht von einer Fremdbezeichnung sprechen. Wir verwenden den Begriff ‚Zigeuner‘ daher in allen Inhaltsangaben und damit verwandten (’stückimmanenten‘) Textsorten unkommentiert und ohne Anführungszeichen. In allen anderen – kommentierenden oder weiterführenden – Texten verwenden wir den Begriff jedoch selbstverständlich unter Anführungszeichen gesetzt.“

Die „Zigeuner“, so die volksoperetterliche Dramaturgie, würden selbst ihre Bezeichnung auf den Lippen tragen, also kann nicht von einer Fremdbezeichnung gesprochen werden. Was für komische Menschen das doch sind, die „Zigeuner“. Geben sie sich selbst die Bezeichnung „Zigeuner“, also eine Eigenbezeichnung, und nun lehnen sie größtenteils die Eigenbezeichnung als Fremdbezeichnung ab. Würden Strauß und Schnitzer heute noch leben, diese elend treuen Zigeuner, sie würden mit Rückgrat und Stolz verkünden, sie seien Zigeuner, wie es etwa schon Martin Luther tat, dieser aufrechte und schöpferfürchtige Führer der Zigeunerinnen

5

„Zudem setzt auch Peter Lunds Inszenierung ein Statement und lässt die beiden Protagonistinnen der ‚Zigeuner‘ einige Sätze auf Romani, der Sprache der Sinti und Roma, sprechen.“

Clint Eastwood soll sich sehr darüber ärgern, Peter Lund nicht für seinen Film „Letters of Iwo Jima“ engagiert zu haben. Denn. Mit Peter Lund wäre es ein Meilenstein der Filmgeschichte geworden. Lund hätte die Japaner einige Sätze auf japanisch sprechen lassen. Er soll ausgerufen haben: Was für ein genialer Einfall, gepaart mit genialischer Großzügigkeit! Eastwood soll heute noch darunter leiden, seinen Film vollkommen aus japanischer Sicht und vollkommen in japanischer Sprache …

6

„Als Theatermenschen sind auch wir den Idealen von Humanismus und Aufklärung verpflichtet, und daher sind Johann Strauß‘ Operette Der Zigeunerbaron sowie die darin auftretenden Figuren bei uns in besten, höchst umsichtigen Händen.“

Das wird die Menschen vor dem Theater freuen zu hören

7

Was für eine

umsichtige Bebilderung des „Zigeunerbarons“ … Idylle der Wirklichkeit, gemütlich am Lagerfeuer, der Mann fiedelt, die Frau mit einem Kind, vielleicht das Pflegekind Saffi, das „kein Zigeuner“ ist, das grasende Pferd, ein Planwagen, ein brutzelndes Huhn … glückliche und zufriedene Menschen, denn sie wissen, sie sind im Hause der besten und umsichtigsten …

„Der Zigeunerbaron“ hat ja viel auch mit Ungarn zu tun, nicht nur, weil das Libretto von einem Mann aus Ungarn, also von Schnitzer, daß es wundert, warum die Operette noch keinen anderen Titel bekommen hat, das fällt dazu noch ein, mit Blick auf das Huhn auf dem Spieß … also statt „Der Zigeunerbaron“ könnte die Operette mit einem in Ungarn verwendeten Synonym auch „Baron der Hühnerdiebe“ …

8

Clint Eastwood soll von der Strauß‘ Musik derart begeistert sein, daß er sich dazu entschlossen haben soll, aus der Operette „Der Zigeunerbaron“ einen Film zu machen. Das Libretto von Schnitzer habe er, wird erzählt, gleich gehäckselt und die Librettoschnitzel in den Altpapiereimer … Er wolle vom „Baron der Hühnerdiebe“ lediglich die Komposition von Strauß für seinen Musikfilm nehmen. Er habe eine Drehbuchautorin beauftragt, ihm zu dieser Musik ein ganz neue und gänzlich andere Geschichte zu schreiben, es soll ein Film weder in deutscher noch englischer Sprache werden.

Als möglichen Titel für den Film mit der Musik von Johann Strauß soll er vorgeschlagen haben, der dann freilich, wie immer dieser lauten wird, in die Originalfilmsprache zu übersetzen wäre:

„Your services are still needed“ …

Der Arbeitstitel sei ihm, soll er auf eine Frage der Drehbuchautorin geantwortet haben, eingefallen sein, als er den Titel „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“ …

Die Drehbuchautorin, überhaupt das gesamte Kreativteam der Produktion soll Clint Eastwood verpflichtet haben, hierfür soll er eine Anregung der Dramaturgie der Volksoper zu Wien aufgenommen haben, zur intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte der …

Bejubelte Premiere von „Der Zigeunerbaron“ in der Volksoper zu Wien, Begeisterungsstürme für Saffis Lied „Die Zigeuner sind da – Weib, gib Acht auf Dein Kind“

Es wurde bereits allgemein berichtet, mit welch einem Jubel „Der Zigeunerbaron“ in Wien aufgenommen wurde, von Publikum und Kritik …

Zu ermessen aber, was für ein durchschlagender Erfolg diese Premiere war, ist es auch an den Beifallsstürmen für die Saffi, von der immer wieder verlangt wurde, sie müsse das Lied vom „Feind“ immer wieder singen.

„So elend und treu ist Keiner
Auf Erden, wie der Zigeuner,
O habet Acht –
Habet Acht –
Vor den Kindern der Nacht!
Wo vom Zigeuner Ihr nur hört,
Wo Zigeunerinnen sind,
Mann – gib Acht auf dein Pferd!
Weib – gib Acht auf dein Kind!
Dschingrah – dschingrah –
Dschingrah – dschingrah –
Die Zigeuner sind da, –
Dschingrah – dschingrah –
Die Zigeuner sind da! –
Flieh‘ wie du kannst
Und fürchte den Zigeuner
Wo er ersch int,
Ist er ein grimmiger Feind‘
Trian – triandavar
Trian – triandavar,
Flieh‘ wie du kannst
Und fürchte den Zigeuner –
Wo er erscheint,
Da – heija! – kommt er als Feind!“

Nach etlichen Wiederholungen wollten Publikum und Kritik nicht mehr nur Publikum und Kritik sein, sondern Teil der Aufführung, Mitwirkende, so sang Saffi immer wieder das Lied „Und fürchte den Zigeuner“ und Kritik und Publikum antworteten ihr stehend und singend als „Zigeuner-Chor“:

„O habet Acht, –
Habet Acht –
Vor den Kindern der Nacht!
Wenn von Zigeunern Ihr hört,
Wo Zigeunerinnen sind –
Mann – gib Acht auf Dein Pferd
Weib – gib Acht auf Dein Kind!
Dschingrah – dschingrah!
Dschingrah dschingrah!
Die Zigeuner sind da!
Dieses Lied
Sprüht und glüht!
Es durchzieht
Das Gemüth
Treu und wahr,
Hell und klar
Klingt’s fürwahr
Immerdar!“

Die Zuversicht von Direktion und Dramaturgie der Volksoper, daß „von einem aufgeklärten Publikum – aus unserer Sicht – erwartet werden [kann], eigenverantwortlich daraus entsprechende Zusammenhänge herzustellen“, wurde …

Zur vollkommenen Übereinstimmung von Publikum, Kritik, Direktion und Dramaturgie, wie es auch das Schreiben der Volksoper so eindrücklich belegt. Die Aufführung des „Zigeunerbarons“ als Stelldichein der Aufklärung: aufgeklärte Direktion, aufgeklärte Dramaturgie, aufgeklärtes Publikum, aufgeklärte Kritik …

Ein untrügliches Zeichen für Aufklärung, mehr, das Qualitätssiegel für Aufklärung ist das Ausblenden von …

Um auf Ihren Kommentar Bezug [9. Februar 2020] zu nehmen gibt es folgende Stellungnahme auf unserer Webseite: https://volksoper.at/volksoper_wien/
information/news_neuigkeiten/
Anmerkungen_zur_Neuproduktion
Der_Zigeunerbaron_.de.php [13. Februar 2020]

Liebes Publikum!
Sehr geehrte Damen und Herren! 

Im Bereich des Musiktheaters stößt man bemerkenswerterweise immer wieder auf Sujets und Themen, welche die Kultur der Sinti und Roma thematisieren oder zitieren. (Davon ist etwa im Vorwort zur aktuellen Ausgabe unserer Volksopernzeitung zu lesen.) Unsere aktuelle Premiere, Johann Strauß‘ Operette Der Zigeunerbaron, trägt den Begriff ‚Zigeuner‘ sogar im Titel. Alleine die Tatsache, dass wir dieses Werk, welches immerhin ein Meilenstein der Wiener Operette ist, auf den Spielplan gesetzt haben, könnte Irritationen hervorrufen – das war der Direktion der Volksoper und allen künstlerisch Verantwortlichen der Produktion von vornherein bewusst. Denn es ist allgemein bekannt: Die Volksgruppe der Sinti und Roma selbst lehnt die Fremdbezeichnung ‚Zigeuner‘ wegen stigmatisierender und rassistischer Konnotationen größtenteils ab. Auch gesamtgesellschaftlich hat sich deren Eigenbezeichnung – zum Glück! – im Sprachgebrauch weitgehend durchgesetzt. Mit der Entscheidung, Johann Strauß‘ fantastischer Musik, die er für seine späte Operette Der Zigeunerbaron geschrieben hat, eine Bühne zu bieten, ging für uns und für das gesamte Kreativteam der Produktion selbstverständlich eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sinti und Roma einher. Aus dieser Reflexion und zahlreichen internen Gesprächen zum Thema resultierend haben wir uns zu folgendem Umgang mit dem Begriff ‚Zigeuner‘ im Zuge der Neuproduktion des Zigeunerbarons entschieden: Die ‚Zigeuner‘, die in Strauß’ Operette übrigens als selbstbewusste Sympathieträger auftreten, tragen ihre im Stücktitel verankerte Bezeichnung als solche durchaus selbst auf den Lippen – im Kontext der Handlung kann man also nicht von einer Fremdbezeichnung sprechen. Wir verwenden den Begriff ‚Zigeuner‘ daher in allen Inhaltsangaben und damit verwandten (’stückimmanenten‘) Textsorten unkommentiert und ohne Anführungszeichen. In allen anderen – kommentierenden oder weiterführenden – Texten verwenden wir den Begriff jedoch selbstverständlich unter Anführungszeichen gesetzt.

Im Vorfeld zur Produktion war unsere Dramaturgie, welche die Produktion inhaltlich begleitet, mit verschiedenen Sinti- und Roma-Initiativen in Kontakt, unter anderem mit Frau Dr. Anja Titze, der kulturpolitischen Referentin des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Mit Frau Dr. Titze haben wir uns einerseits über die beschriebene Begrifflichkeit und die mit ihr in Verbindung stehende Problematik ausgetauscht, andererseits haben wir uns mit ihr aber auch über eine notwendige kritische Haltung in der zentralen Publikation zur Produktion – dem Programmheft – verständigt. Zudem setzt auch Peter Lunds Inszenierung ein Statement und lässt die beiden Protagonistinnen der ‚Zigeuner‘ einige Sätze auf Romani, der Sprache der Sinti und Roma, sprechen. Zu diesem Zweck waren wir mit Vertretern des burgenländischen Vereins Roma Service in Kontakt, die sich der Übersetzung, aber auch Supervision der erwähnten Szenen annahmen. Die Regie von Peter Lund macht den historischen Kontext des Werkes zudem hinreichend erfahrbar, und so kann von einem aufgeklärten Publikum – aus unserer Sicht – erwartet werden, eigenverantwortlich daraus entsprechende Zusammenhänge herzustellen. Als Theatermenschen sind auch wir den Idealen von Humanismus und Aufklärung verpflichtet, und daher sind Johann Strauß‘ Operette Der Zigeunerbaron sowie die darin auftretenden Figuren bei uns in besten, höchst umsichtigen Händen. 

Auf Ihren Besuch in der Volksoper, Ihre differenzierte Betrachtungsweise, Ihre Lektüre des Programmhefts und Ihre etwaige Kontaktaufnahme im Sinne einer konstruktiven Diskussion freuen sich 

Direktion und Dramaturgie der Volksoper Wien“

Premierenjubel für den „Zigeunerbaron“ in der Volksoper zu Wien

„Der Zigeunerbaron“ war ein durchschlagender Erfolg, bei Publikum und Kritik. Immer wieder wieder mußte die Aufführung unterbrochen werden, weil Publikum und Kritik lautstark die Wiederholung dieses und jenes Liedes verlangten. Sängerinnen und singende Darsteller kamen diesen zahlreichen Aufforderungen gerne nach. Denn. Sie lieben ihr Publikum. Immer wieder stellten sie sich vorne an der Rampe auf, um zu wiederholen, was Publikum und Kritik wieder und wieder zu hören frenetisch wünschten. Kritik und Publikum lauschten den an der Rampe zahlreich vorgetragenen Da capos und blickten beseelt und verklärt auf das Bühnenbild dahinter.

Spät in der Nacht noch war vor allem das Bühnenbild erstes Thema in der gemeinsamen Premierenfeier von Publik, Kritik und der Operettentruppe. Das Bühnenbild wurde als ein weiterer darstellender Sänger des „Zigeunerbarons“ gefeiert, gelobt, besonders herausgehoben, Immer wieder wurde auf das Bühnenbild angestoßen. Wie echt, wie wahr, wie wirklich, das Bühnenbild. Ja, so leben sie wirklich. Publikum und Kritik einig darin, sie wären nicht in einem Theater gesessen, sondern, so wirklich das Bühnenbild, in einem Lager, am offenen Feuer bei diesen Menschen, unter freiem Himmel, ach, diese armen und doch so fröhlichen Menschen, wie sie zu leben zu verstehen, auch heute noch, ein ordentliches Stück Fleisch am Spieß, mit Pferd und Wagen durch …

Noch auf dem Weg nach Hause nach der ausgelassenen Premierenfeier, der nächste Tag brach schon an, der dreißigste dieses Monats, war kein Ende, dabei aber ganz und gar nicht leise wie Diebe, des Lobes für das wie aus dem wirklichen Leben gegriffene Bühnenbild, besonders das auf dem Spieß brutzelnde Huhn fand noch reichliche Bewunderung, weil das Huhn allein, so die lautstarke gegenseitige Versicherung auf der Straße, schon das Ansehen dieser Menschen zum Ausdruck bringt, ohne ein einziges Wort noch hinzufügen zu müssen.

Asylum and Deportation

„13 Jahre später (!), bekam sie einen negativen Bescheid. Zum Schutz ihres neugeborenen Kindes floh die Frau daraufhin für einige Zeit nach Belgien. Von hieraus bat sie in der Bundesrepublik um die Aufnahme […] Dies wurde ihr wiederum abgelehnt, da sie sich ja bereits in Belgien befände. Nun hat die Frau, die inzwischen wieder seit Jahren in der Pfalz lebt, als letztes Mittel zum Schutz vor einer Abschiebung um Asyl in Deutschland gebeten. Dies wurde ihr schnell abgelehnt, jetzt soll sie rasch [..] abgeschoben werden.“

Kurz nur gesagt:

Diese Empörung von der AfD in Deutschland unter kameradschaftlicher Empörungsbegleitung durch die FPÖ unzensuriert zeigt beispielhaft, daß auch identitäre Parlamentsparteien, ob in Deutschland, ob in Italien, ob in Österreich, denen üblicherweise gesinnungsgemäß die Abschiebung ihre angebetete heilige Kuh ist, sehr genau Bescheid wissen um die schweren Lebensbedingungen, um das Leid, um die oft auch lebensbedrohende Situation des einzelnen Menschen, der Asyl und Abschiebung ausgesetzt ist.

Deshalb setzen sie sich zur Zeit auch in Deutschland für eine Frau ein, die um Asyl angesucht hat, die von Abschiebung bedroht ist, und das sogar international, wenn die Beihilfe aus Österreich in diesem Gesinnungsbund überhaupt als internationale Unterstützung gesehen wird, und nicht viel mehr als nationaler Schulter-und-Stiefel-Schluß.

Sie werden es wohl schon bei der Kapitelüberschrift geahnt haben, es geht nicht um eine Frau aus beispielsweise Afrika.

Ja, es geht um eine „Volksdeutsche“.

Und der Einsatz für eine „Volksdeutsche“ kann nur ein total gesinnungsgemäßer sein. Für diesen totalen Einsatz wird wieder einmal alles aufgeboten, was identitär nur aufgeboten werden kann, werden identitäre Propagandamagazine um identitäre Propagandamagazine abgefeuert.

„Diese Menschen haben vermutlich Unterdrückung in einem Leben voller Arbeit hinter sich, die die heutigen Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten nicht kennen. Umso unfassbarer ist der Fall, den nun die offizielle ‚Interessensgemeinschaft der Russlanddeutschen in der AfD‘ aufdeckt. Seit 2015 ist der Missbrauch des Flüchtlingsstatus durch Scheinasylanten in allen Medien. Scheinbar täglich wird den Deutschen vor Augen geführt, wie leicht meist afrikanische Einwanderer die deutsche Gesetzeslage spielerisch umgehen können. Nun geschieht das Unfassbare. Eine Volksdeutsche aus Russland, die seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, soll als abgelehnte Asylbewerberin abgeschoben werden. Die Interessensgemeinschaft der Russlanddeutschen in der AfD stellt hierzu klar: Deutsche wird abgeschoben – Illegale dürfen bleiben! Täglich neue Beweise, dass wir in Absurdistan leben. Eine russlanddeutsche Frau aus Germersheim (Rheinland-Pfalz) soll abgeschoben (!) werden, obgleich beide Eltern Russlanddeutche sind. Man stelle sich das vor: Illegale muslimische Migranten wandern massenhaft ein, IS-Mörder dürfen bleiben. Aber Deutsche (!) werden abgeschoben.

Was dabei auch nicht fehlen darf, ist die recht besondere identitäre Geschichtsschreibung …

„Die goldene Zeit war mit dem unglücklichen Krieg zwischen Deutschland und Russland 1939 vorbei. Der neue Diktator Joseph Stalin wollte als Antwort auf die deutschen militärischen Erfolge die völlige Vernichtung der Russlanddeutschen.“

Der „unglückliche Krieg zwischen Deutschland und Russland“ begann also bereits „1939“ … Ach, ein „unglücklicher Krieg“, ja, von FPÖ unzensuriert kann Geschichte gelernt werden, schon 1939, und nicht erst 1941 … das, was 1941 geschah, war nicht der Kriegsbeginn zwischen Deutschland und Rußland, sondern nur ein vom österreichischen Kinderbandenführer angeführter Überfall auf eine Kinderbande eines NachbarortsOh, und was für ein „neuer Diktator“ Josef Stalin 1939 war, der seit 1927 …

Und stets, wenn es um ihre recht besondere identitäre Geschichtschreibung geht, wenn es um das Leid ihrer Volksgemeinschaft in Verrechnung geht, sind sie auch immer sofort bereit, ihr Herz recht weit zu öffnen, beispielsweise für Menschen aus Afrika, etwa deren Leid als „Sklaven“ in ihre Gleichung als …

Bajuwaren in Österreich

Franz Fuchs, der Führer der Bajuwarinnen, hat als Wiedergänger von Tobias Maria Theresia Portschy vor fünfundzwanzig Jahren es ein weiteres Mal versucht, das Land „zigeunerfrei“ …

Der Bajuwarenführer wollte das aber gleich durch Mord — es mußte in seinem Leben noch passieren … wohl aus dem Wissen, daß er den diesen Auftrag nicht wie ein Vater aus einem Adelsgeschlecht an seine Söhne und Töchter vererben kann, das durch Ausscheidung entsprechender Gesetze eine Ewigkeit für ethnische Auslöschungen Zeit hat.

So blieb ihm keine andere Wahl, als sich die „Bajuwaren-Brigade“ zum Vorbild zu nehmen, ihr Wiedergänger, auch ihr Wiedergänger zu werden.

„Der Gau Salzburg ist somit mit Ausnahme weniger noch anwesender Zigeuner nunmehr zigeunerfrei. Soweit noch Zigeuner hier sind (etwa 20) handelt es sich um Zigeunerfamilien, die schon seit vielen Jahren entweder in der Gauhauptstadt oder in einzelnen Orten im Gau Salzburg ansässig sind und sich einigermaßen sozial angepasst haben, zum Teil sind sie auch mit Deutschblütigen verheiratet. Hinsichtlich dieser restlichen Zigeuner sind vom Reichssicherheitshauptamt noch besondere Maßnahmen vorgesehen. i. A. (Huber) SS-Obersturmführer und Kriminalkommissär“

Bei diesem Huber wird es wohl um Max Huber handeln, geboren in München. Es gibt auch einen Franz Josef Huber, ebenfalls geboren in München: Leiter der Geheimen Staatspolizei sowie Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD in den Reichsgauen Wien, Niederdonau und Oberdonau und SS-Obersturmbannführer.

Die Gestapo-Schaft aus München ist bekannt als „Bajuwaren-Brigade“ …

Die Hubers haben in dem in Gaue aufgeteilten Österreich barbarisch gewütet, gemordet …

Franz Josef Huber starb in München, am 30. Jänner 1975, bis zu seiner Pensionierung führte er das wohl stille und unauffällige Leben eines Buchhalters in einer Firma für Büromaschinen …

Max Huber und seine Ehefrau starben am 6. Mai 1945 durch Selbstmord. Franz Fuchs starb am 26. Februar 2000 durch Selbstmord in der Ausstellungsstadt.

„Salzburg, den 5. April 1943
An den Gauleiter und Reichsstatthalter des Reichsgaues Salzburg in Salzburg
Betrifft: Zigeunerlager Salzburg.
Bezug: Frühere Vorgänge.
Auf Grund des Erlasses des Reichssicherheitshauptamtes Berlin vom 26. I. 43 – Tgb. Nr. V A 2 Nr. 48/43 –g– wurden die Zigeuner und Zigeunermischlinge des Zigeunerlagers Salzburg am 1. und 3. April 43 zum grösseren Teile in das Konzentrationslager Auschwitz, der Rest in das Zigeunerlager Lackenbach (N.D.) überstellt.
Das Zigeunerlager Salzburg wurde gleichzeitig aufgehoben, womit auch die Vermittlung von Zigeunern in den Arbeitseinsatz entfällt.“

Ach, wie kann Österreich gerühmt werden, wie kann der Präsident hintreten, vor jeden Mann und vor jede Frau, seinen Teil nicht bloß zu denken, sondern auch zu reden, wie anders es in Österreich geworden ist, helles vorbildhaftes Beispiel eine Tafel zum Bedenken in Burgenland: Zigeuner und Zigeunerlager in Anführungszeichen zu schreiben, so weit schon reich die Entwicklung in Österreich, in dem ein anderer Präsident erst vor kurzem mahnte, die Vorgeschichte zu bedenken, wie es zur Bajuwaren-Brigade … Und eines Tages, stellen Sie sich vor, eines Tages wird, vielleicht wird es eine Präsidentin sein, die eines Tages, stellen Sie sich das vor, sagen wird, es ist, was wird das für ein Jahrhundertentwicklungsprung in Österreich sein, wenn eines Tages, stellen Sie sich das vor, das gesagt werden wird, es ist die Nachgeschichte …

Portschyland

„Das Burgenland zigeunerfrei.“

„St. Pölten nicht nur judenfrei, sondern auch zigeunerfrei.“

Das sind lediglich zwei Beispiele. Das eine von Wiedergängerinnen monarchisch österreichischer Vergangenheit aus dem Burgenland, die bereits als „illegale Nationalsozialisten“ ihre Auslöschungsphantasien in der Nachfolge propagandierten, das andere aus 1941 aus St. Pölten, wo Oberbürgermeister Emmo Langer im Stadtrat vor seinem Schöpfer die Meldung machte: „St. Pölten nicht nur judenfrei, sondern auch zigeunerfrei“ …

Weshalb diese Beispiele? Von denen viele aufgezählt werden könnten. Weil es den Wiedergängern nicht nur stets um ein „judenfreies“, sondern auch immer um ein „zigeunerfreies“ Land ging, das für sie gesinnungsgemäß Deutschland war, das heute als Österreich bekannt vielen aber immer noch gesinnungsgemäß Deutschland.

Wenn also in Österreich im Gedenken stets nur von „Antisemitismus“ und „Rassismus“ aber ohne „Antiziganismus“ gesprochen wird, wie auch in diesem Jahr 2020 wieder, kurz ist das her, daß es wieder so war, weiter nur davon, daß gegen Antisemitismus und Rassismus anzukämpfen ist, ohne aber ausdrücklich zu sagen, es ist gegen Antisemitismus, gegen Antiziganismus und gegen Rassismus anzukämpfen, bei dieser Vergangenheit und bei dieser Gegenwart für die Menschen, von denen Länder „freigemacht“ werden sollen, von denen Städte, Dörfer „gesäubert“ werden sollen, dann muß gesagt werden, das ist nur ein Zwei-Drittel-Ankämpfen, ein Ankämpfen mit halber Kraft, ein Zwei-Drittel-Ankämpfen ist ein Null-Ankämpfen, ein Ankämpfen mit halber Kraft ist ein Ankämpfen mit Null-Kraft.

Deshalb sind die zwei Beispiele, zwei Beispiele von zu vielen Beispielen durch die Jahrhunderte in Europa und also auch in Österreich, hervorzuheben.

Auch wenn es eine Wiederholung ist. Aber es kann nicht oft genug wiederholt werden, vor allem mit Blick auf die Gegenwart der Menschen in Europa, zu denen Ende Februar 2020 wieder in die Volksoper strömen werden, zu einer Aufführung, angeworben durch das nicht in Anführungszeichen gesetzte Wort „Zigeuner“ von den Operettenmacherinnen …

Nirgendwo wurde „judenfrei“ und „rassenfrei“ gefordert, stets aber „judenfrei“ und „zigeunerfrei“, und es ist nicht vorbei, weiter ist zu hören, „judenfrei“ und „zigeunerfrei“. Deshalb muß es auch stets heißen: gegen Antisemitismus, gegen Antiziganismus, gegen Rassismus.

1740

„Eine sumpfige Landschaft […] 1740 […] eine Gruppe von Zigeunern unter […] Wäre da nicht der ‚lange Arm der Monarchie‘, der […] Soldaten […] anwirbt …“

Das ist aus dem Werbetext der Volksoper für die bevorstehende Premiere der Operette „Der Zigeunerbaron“ von dem wienerischen Silvesterhergott am 29. Februar 2020 …

Die Volksoper wirbt für die Operette und zugleich, da sie „Zigeuner“ nicht in Anführungszeichen setzt, scheint ihr dieses Wort ein ganz selbstverständlich zu verwendendes, ein gänzlich unbedenkliches Wort zu sein. Hingegen kann die Volksoper sogar dort Anführungszeichen setzen, wo sie nicht vonnöten – „der lange Arm …“ Wie viele Variationen gibt es davon? Der lange Arm des Gesetzes. Der lange Arm der Stasi. Der lange Arm des Staates … stets ohne Anführungszeichen, sogar den langen Arm der Monarchie werden Sie in vielen Texten finden, gänzlich ohne Anführungszeichen. Über das Verwenden von und über das Nicht-Verwenden von Anführungszeichen kein weiteres Wort mehr, es wurde bereits im Kapitel über das größte Operettenhaus des Landes ausgeführt, was davon und was daran …

Vor kurzem hat der österreichische Bundespräsident davon gesprochen, es müsse auch die Vorgeschichte bedacht werden, wie es … nun, mit den bevorstehenden Aufführungen vom „Zigeunerbaron“, der zeitlich 1740 angesiedelt ist, ist es eine gute Gelegenheit, in diesen Teil der Vorgeschichte zu gehen, der mit Maria Theresia Habsburg 1740 beginnt, von ihr und schließlich von ihrem Sohn Josef fortgesetzt, und zugleich erzählt diese habsburgische Vorgeschichte davon, was der „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß nicht erzählt, aber was den Vorurteilsgeladenen, den Vergangenheitsverklärenden gefällt, bis zum heutigen Tag gefällt … es ist wohl nicht von ungefähr, daß Operette und Opportunismus mit den gleichen zwei Buchstaben beginnen.

Mit der Aufklärung war im 18. Jahrhundert das ethnologische Interesse am Menschen im Allgemeinen und am Mitmenschen im Besonderen auf politischer
wie auch auf wissenschaftlicher Ebene in den Fokus der Betrachtung gerückt. Das „Interesse an der Ethnokultur“ der Romgruppen ist in der Aufklärung jedoch kein naives, neugieriges Interesse am Fremden oder Anderen, sondern vielmehr von den aufklärerischen Gedanken der Nutzbarmachung des Menschen durchdrungen. Man „entdeckt […] die ‚Zigeuner‘ als wertvolles Menschenmaterial, dass dem Staat gewonnen werden soll.“

Kurz ist es her, daß das Wort „Menschenmaterial“ in einem Kapitel Erwähnung fand, und wenig überraschend, ausgesprochen von einer Habsburg, allerdings nicht im 18., sondern im 20. Jahrhundert, nach ihrem im sicheren und warmen Heim dirigierten Krieg von 1914 bis 1918 …

Die Zigeuner werden zum Nutzobjekt für die nach den Regeln der Logik und Vernunft angestrebte Optimierung der physiokratischen und agrarökonomischen Wirtschaftskonzepte, denn „Ländereien, die in ihrer natürlichen Eigenschaft ganz hervorragend sind, können ohne entsprechende Arbeitskraft keine Nation bereichern“. Damit werden die Zigeuner als bisher ungenutzte Ressource erkannt und man beginnt etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts, diese Ressource auszubeuten. „Umerziehung und Missionierung, Zwangsarbeit und
Seßhaftmachung sind folgerichtig die Stichworte dieses neuen Diskurses über die ‚Zigeunerfrage‘.“

Neben Preußen, Hessen-Nassau und Württemberg, die in unterschiedlichem Ausmaß eine Zwangsassimilation der Zigeuner vorantreiben, greift vor allem in Österreich ein solcher Versuch der Zwangsintegration von Zigeunern während der Regierungszeit Maria Theresias (1740-1780) und Josephs II. (1765-1790). In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, hielt die österreichische Politik unter Josef I. (1705-1711) und Karl VI. (1711-1740) an den Leopoldinischen Erlässen von 1688 und 1689 fest, nach denen alle Zigeuner als vogelfrei erklärt und bei Ergreifung sofort zu exekutieren waren.

„Alle Zigeuner als vogelfrei erklärt und bei Ergreifung sofort zu exekutieren waren.“

Unter Maria Theresia gab es in der zweiten Hälfe des 18. Jahrhunderts die „ersten staatlichen Versuche, Zigeuner in den Gesellschafts- und Wirtschaftsverband der Untertanen zwangsweise zu integrieren, sie zu assimilieren und als Steuerzahler für den Staat nutzbar zu machen.“ Zunächst wurden die Romgruppen per Erlass von 1758 dazu gezwungen, sich niederzulassen. Es wurde ihnen der Besitz von Kutschen und Pferden untersagt, um das Herumziehen zu unterbinden. Land, Saatgut und Baumaterial wurden ihnen mit der Absicht zugeteilt, sie an einem festen Ort zu konzentrieren. Der Militärdienst wurde ebenso wie die Lehre eines Handwerks für sogenannte „Zigeunerknaben“ verpflichtend. Im Gegenzug dazu wurde die Ausübung der ambulanten Berufe der Zigeuner (Kesselflicker, Schmiede, Pferdehändler etc.) untersagt. Mit der Zigeunerregulative von 1761 folgt Maria Theresia dem spanischen Vorbild des 17. Jahrhunderts und untersagt den Gebrauch des Wortes „Zigeuner“. Als Ersatz wird die Bezeichnung „‘Neubauern‘ oder ‚NeuUngarn‘“ verordnet um damit „die Fremdartigkeit aus der Welt [zu] schaffen“. 1767 wurden die Zigeuner der jeweiligen örtlichen Gerichtsbarkeit unterstellt (die bis dahin den jeweiligen Woiwoden, den Stammesfürsten der Romgruppen, oblag). Die Regulative von 1773 war schließlich die juristische Umsetzung des in der Aufklärung entstehenden Rassegedankens und des „von der breiten Öffentlichkeit diskutierten Kausalzusammenhangs zwischen Rasse und Kultur“: Die Ehe unter Zigeunern wurde untersagt, dafür die Vermischung von Zigeunern mit Nichtzigeunern staatlich gefördert. Gleichzeitig sollten alle Zigeunerkinder älter als fünf Jahre ihren Eltern weggenommen und „christlichen Mitbürgern zur Erziehung übergeben werden“. Die Absicht dieser rigiden Maßnahmen war deutlich: die Fortpflanzung der „zigeunerische Rasse“ sollte unterbunden werden
und ihre Angehörigen in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen, sodass es irgendwann keine „genetischen Zigeuner“ mehr gäbe.

„An die Stelle der in den anderen deutschen Ländern noch üblichen Stigmatisierungen, Leibesstrafen und Landesverweisungen tritt unter Maria Theresia der Versuch, die Zigeuner als ethnische Gruppe mit Gewalt zu assimilieren und ihren Fortbestand zu verhindern.“ Kaiser Joseph II. führte in seiner Regierungszeit die Assimilierungspolitik Maria Theresias weiter und verschärfte sie noch durch die Zigeunerregulative von 1783, in der unter andrem das Sprechen von Romanes, der „Zigeunersprache“, verboten wurde und die Zigeuner zwangsweise die Sprache und Tracht der Gegend anzunehmen hatten, in der sie als „Neusiedler“ sesshaft gemacht wurden. Ebenso gab es Bestrebungen, sie verpflichtend der christlichen Religion nahezubringen, und ihre traditionellen Erwerbsquellen wurden immer umfassender unterbunden, sodass sie den für sie vorgesehenen agrarischen Beschäftigungen nachzugehen hatten. „Das Regulativ vollzieht faktisch die Nichtanerkennung der Zigeuner als eigenständiges Volk.“ Im aufklärerischen Absolutismus wird ergo die ethnische Eliminierung der Zigeunerstämme als oberste Prämisse der Zigeunerpolitik angesetzt. Der Zwangsassimilation folgt im Jahrhundert jedoch keine Integration in die Mehrheitsgesellschaft. Zwar hat man die Zigeuner weitestgehend dem Leben der ländlichen Bevölkerung angepasst, trotzdem akzeptiert man sie nicht als Teil der Gesellschaft. Eine Eingliederung passiert nur auf kultureller Ebene über die Repräsentation, und zwar einer Repräsentation die nur im Sinne des „Darstellen-von“ etwas zu verstehen ist, nicht aber im Sinne des „Sprechens-für“ etwas oder jemanden. So werden Zigeuner in jeglicher Kunstrichtung zitiert und verhandelt, der Zugang zu der kulturellen Identität, welche diese Kunstwerke hervorbringt, bleibt ihnen jedoch verwehrt. Der Subjektstatus wird ihnen nicht zuerkannt in einer Epoche, die sich natur- und geisteswissenschaftlich mit dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ befasst und darauf ausgerichtet ist, den Menschen als vernünftiges, eigenständiges Individuum zu begreifen. Und die gleichzeitige Verwertung der Zigeunerstereotype für Kunst und Kultur tragen zur weiteren Ausgrenzung bei. „Während also an höchster Stelle daran gedacht wurde, die Zigeuner im Sinne des aufgeklärten Absolutismus in die Gesellschaft zu integrieren, war eben diese Gesellschaft nicht bereit, in den Zigeunern etwas anderes zu sehen, als es Vorurteile und Aberglaube ihr zutrugen“.

Es war 1761 kein hehres Ansinnen von Maria Theresia Habsburg, das Wort „Zigeuner zu untersagen“. 259 Jahre später aber könnte es wenigstens so weit gebracht worden sein, dieses Wort nur noch unter Anführungszeichen …

„Die Absicht dieser rigiden Maßnahmen war deutlich: die Fortpflanzung der ‚zigeunerische Rasse‘ sollte unterbunden werden und ihre Angehörigen in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen, sodass es irgendwann keine ‚genetischen Zigeuner‘ … Im aufklärerischen Absolutismus wird ergo die ethnische Eliminierung der Zigeunerstämme als oberste Prämisse der Zigeunerpolitik angesetzt.“

Der lange Arm der Mutter, „Ahnherrin der Integration in Österreich“, wie es in einem Kapitel ohne Bezug auf Apfelstrudelmitschlagmelodien heißt, mit dem helfenden Ärmchen des Sohns …

Und ein Wiedergänger von ihr wollte wohl nichts anders mit seiner Denkschrift, ihr und ihrem Sohn eine Gedenkschrift widmen, ihnen ein braver, pflichterfüllter Untertan sein, der mit seiner präidentitären Partei es noch einmal angehen wollte, die „ethnische Eliminierung“, mit den technischen Möglichkeiten seiner Zeit, und dann wieder ein Wiedergänger vor 25 Jahren und kein Ende der Wiedergängerinnen, ein Wiedergänger von diesem habsburgischen Untertanen stellte auch wieder die Frage nach – kurz, sehr kurz ist das her …

Ein nun pensionierter Bischof, um etwas Positives an den Schluß zu stellen, hat doch zur Hälfte einbekannt, daß sein Kirchengründer gefehlt hat, immerhin, so weit reichte auch bei ihm nicht die Entwicklung, einzubekennen, daß sein Kirchengründer auch gegen die Menschen eine grausame Haltung einnahm, mit deren Bezeichnung ohne Anführungszeichen die Volksoper im 21. Jahrhundert wirbt, aber sie, die Volksoper, wird es bestimmt nicht verstanden wissen wollen, als „die gleichzeitige Verwertung der Zigeunerstereotype für Kunst und Kultur“, die „zur weiteren Ausgrenzung bei[tragen].“

Kurz der Weg von Österreich zu den Mannen von Thüringen

Nachgeschichte, Alexander Van der Bellen, nicht nur Vorgeschichte zu bedenken, wie es dabei bleibt und dazu kommt, in Österreich, nach Auschwitz.

Ministrierende haben üblicherweise zu schweigen.

Vielleicht ist dies zu besonderen Anlässen aufgehoben, und auch sie dürfen etwas sagen.

Jedenfalls.

Wie ein Senior-Ministrant durfte Alexander Van der Bellen zu einem Gedenkanlaß etwas Tiefgedachtes, etwas Gutes sagen, nämlich, es müsse auch die Vorgeschichte bedacht werden, wie es dazu kommen konnte. Also, zu Auschwitz.

Die Geschichte der Wiener Operette beispielsweise ist eine Vorgeschichte, und sie ist ebenfalls eine Nachgeschichte, wie es dabei bleiben kann …

Und aus einer Wiener Operette haben die Menschen dieses Landes ihren langen hymnischen Refrain, aus einer Operette von ihrem Silvesterherrgott zu ihrer wahren Hymne gemacht, daß Kernstock mit seinem Kreuzlied hingegen wie ein ganz und gar unschuldig Chorknabe für den Herrn Pfarrer …

Langer Refrain aus
Österreichs wahrer Nationalhymne

Ich lade gern mir Gäste ein,
Indes, was mir als Wirt steht frei,
duld‘ ich bei Gästen nicht!
So pack‘ ich ihn ganz ungeniert,
Werf‘ ihn hinaus zur Tür.
Und fragen Sie, ich bitte,
warum ich das denn tu‘?
‚S ist mal bei mir so Sitte,
Werde grob ich sehr!
Duld‘ ich nicht Widerspruch.
Nicht leiden kann ich’s, wenn sie schrei’n.
Wer mir nicht pariert,
Sich zieret wie ein Tropf,
Dem werfe ich ganz ungeniert
Die Flasche an den Kopf!
Und fragen Sie, ich bitte,
Warum ich das denn tu‘?
‚S ist mal bei mir so Sitte.

In Deutschland, in Thüringen, wird gerade in diesen Tagen auf breitester Ebene so gehandelt, daß gesagt werden kann, hier wird Nachgeschichte tatsächlich bedacht, wie es zu sein hat. Von der Bundeskanzlerin der Republik Deutschland bis

In Österreich hingegen, in Österreich hingegen wird Nachgeschichte so bedacht, wie Vorgeschichte bleiben kann. Von dem Mann, der in Österreich wieder das Amt des, oder abgekürzt einfach: Vom Bundeskanzler des Wiedergangs bis …

Der Bundeskanzler aus Österreich „freute sich sichtlich“ auf die Mannen der Partei, mit der eben ein ihr gesinnungsgemäß verbundener Kamerad der österreichischen identitären Parlamentspartei den Eid auf Vertiefung des Gleichschritts …

Zum Vortrage zu dieser Partei eilen aus Österreich die Mannen der identitären Parlamentspartei. Und was so ein Kamerad dort spricht, erreicht auch, nicht auf kurzem Wege, irgendwann doch auch den zurzeitigen Bundeskanzler des Wiedergangs.

“ … dass die österreichische Justiz weitgehend ‚links gepolt‘ …“

Ab und an ist die Leitung kurz, zwischen einem Manne aus dieser Partei in Thüringen in Deutschland und einem Bundeskanzler des Wiedergangs in Österreich … es wird ihm das christliche Herz zur Eile gepocht haben, geht es hierbei doch um die Rettung von Menschen aus der See …

Nachgeschichte zu bedenken, in Österreich, wie es bleiben konnte, wie es dazu kommen konnte, etwa zu diesem Montag, an dem eine Insel entworfen wurde, das ist wohl zu viel verlangt, immerhin aber, bleibt wenigstens zu festlichen Anlässen etwas Zeit für die Vorgeschichte, die übrigen Tage eines Jahres sind ja ausgefüllt mit „denke ich rot-weiß-rot“ …

Was für ein Dichter! Nein, nicht der Dichter. Der Dichter gestand einst ja ein, nicht zu denken, als er schrieb: „rot-ich-weiß-rot“ …