Von einer „tickenden Zeitbombe“ spricht Oliver Rathkolb, wenn er von der österreichischen Bundesverfassung spricht, wie jetzt in 38/23, dann spricht er, Oliver Rathkolb, von der „Verfassungsnovelle von 1929“, die, außer für den Bundespräsidenten, gültig und in Kraft …
Seit achtundsiebzig Jahren ist also die Entschärfung dieser „tickenden Zeitbombe“ überfällig, seit 78 Jahren ist die scharf gemachte gültig, in Kraft, seit achtundsiebzig Jahren wird in diesem Land Österreich keine Wichtigkeit darauf gelegt, diese „tickende Zeitbombe“ zu entsorgen, seit 78 Jahren besteht in diesem Land kein Interesse daran, einem als Demokratie bezeichneten Land eine demokratische Verfassung zu schreiben.
Bis aber die um H. Gescharten solche Entschließungsanträge für die Schlacht im Mittelmeer einbringen, begehen Männer ihren jährlichen Gedenktag, putzen sich Männer jährlich zu ihrem Feiertag heraus, richten sich recht hübsch her in ihrem „Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte“. Solch ein Gedenktagsbuch, solch ein Feiertagsbuch wird erst so recht zur hohen Messe, wenn ein Papst
Passend dazu beschäftigt sich auch ein Beitrag von Benedikt XVI., dem früheren Papst, mit der Frage nach Macht und Gewissen
mitten unter ihnen … Das oben Zitierte ist aus der Rezension von Ulrich Kriehn, veröffentlicht in der „Sezession“, 1. Juni 2020, wie am 21. September 2023 gelesen. Der Beitrag von Joseph Ratzinger vulgo Benedikt XVI. im Lepanto-Almanach: „Das Gewissen in der Zeit“ — Und es bestätigt wieder einmal, kein Mensch kann Rezension wahrer schreiben, als der, der selbst Autor des rezensierten Buches ist, in diesem Fall: Ulrich Kriehn …
Mitten unter ihnen, auch schon damals ein Papst, Antonio Michele Ghislieri vulgo Pius V.
Der Papst krempelte Rom nicht zum Kloster um. Dennoch musste besonders die Oberschicht beinharte Strafen fürchten. Erschrocken verfolgten die Römer, wie ein angesehener Bürger wegen Ehebruchs öffentlich ausgepeitscht wurde. Der Papst wollte ein Exempel dafür statuieren, dass die Autorität der Kirche auch in der Sittenlehre galt. Mit spektakulären Prozessen ging Pius gegen prominente „Häretiker“ vor; ein Dutzend rückfällige Bekenner starben für ihren Glauben. Die Juden im Kirchenstaat verbannte Pius ins Ghetto.
Pius‘ beharrlicher Wille brachte ein für unmöglich gehaltenes Bündnis der Seemächte gegen das expandierende Osmanische Großreich zuwege. Die Seeschlacht von Lepanto im Oktober 1571 befreite Europa von Kriegsdruck. Unter Freudentränen konnte der todkranke Papst Gott danken. Er führte das Fest „Unserer Lieben Frau vom Sieg“ ein, das heutige Rosenkranzfest.
Die Marienverehrung erreichte in der Abwehr der Osmanen einen Höhepunkt. Die alte Gebetsbitte im Ave Maria um Fürsprache „jetzt und in der Stunde unseres Todes“ machte Pius kirchenamtlich. Als der Mönchspapst starb, suchten Gläubige seinen Sarg mit ihren Rosenkränzen zu berühren. Die Kirche sprach den Papst von Gegenreformation und Lepanto heilig.
Besonders die Fronleichnamsprozession liebte Pius. Die Römer waren entzückt von der echten Frömmigkeit ihres neuen Papstes, wenn er barfuß und barhäuptig einherschritt, in Andacht des Allerheiligsten versunken.
Er, Benedetto Odescalchi, hätte es wohl auch verdient,
Am 31. März 1683 gelang es ihm, den polnischen König Jan Sobieski und KaiserLeopold I. zu einem Defensivbündnis zu überreden. Innozenz unterstützte das Bündnis und den Kampf gegen die Osmanen mit 1,5 Millionen Gulden. So gelang am 12. September 1683 die Befreiung Wiens von der Zweiten Wiener Türkenbelagerung.[1] Das türkische Heer wurde vernichtend geschlagen und weit nach Ungarn zurückgedrängt. Sein Einsatz bei der Türkenabwehr brachte ihm später durch Historiker den Beinamen „Verteidiger des christlichen Abendlandes“ ein. Zur Feier dieses Siegs führte er den Festtag Mariä Namen für die gesamte Kirche ein.
heiliggesprochen zu werden, so fromm auch er, und darüber hinaus so überredensreich, so großzügig …
So geschichtsbesessen wie die um H. Gescharten sich auch geben, so geschichtsvergessen sind sie. Wie sonst können die um H. Gescharten bei ihrer Aufzählung in ihrem Entschließungsantrag auf jene Menschen vergessen,
vor dem Hintergrund, dass sich dort auf christlicher Seite die vereinigte Infanterie und Artillerie der Allianz aus Österreich, Sachsen, Bayern, Baden und des Kirchenstaats sowie das polnische Reiterheer und ihnen gegenüber das Wien belagernde osmanische Heer gegenüberstanden,
die ebenfalls dem „osmanische[n] Heer gegenüberstanden, die ebenfalls zur „Niederlage der osmanischen Armee“ beitrugen.
Bringt man ein „Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte“ auf den Weg, geschieht dies im Gegensatz zu den aktuellen Trends und Tendenzen. Christliche Literatur erlebte nach den geistigen und seelischen Verheerungen des Totalirismus[.] Nehmen wir etwa das Werk von Reinhold Schneider, dem ein Schwerpunkt in der ersten Ausgabe unseres Jahrbuchs gewidmet ist. Mit seinem Erzähltext Las Casas vor Karl V. wie auch mit vielen Gedichten und Essays hatte Schneider literarischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet.
Dies ist aus dem Vorwort im ersten Band, geschrieben von Michael Rieger, einem der Herausgeber von diesem „Lepanto-Almanach“. Und er, Rieger, schreibt in seinem Vorwort weiter:
Aber Reinhold Schneider ist nur ein Beispiel für viele weitere Schriftsteller und Denker, von denen hier zu handeln ist. Und er ist eher noch einer der bekannteren. In diesem Sinn muß und will unser Jahrbuch Erinnerungsarbeit leisten, doch kann es dabei nicht stehenbleiben. Vielmehr geht es beim Aufschlagen verblaßter Schriften um eine Wiederaneignung des fast Verlorenen, um ein Steigen und Eintauchen in den Strom der Überlieferung. Denn ohne Geschichte und ohne Tradition wären wir, mit Schneider zu sprechen, nur „Flugsand“. Flugsand im Wind …
So wollen wir die kleineren und größeren Texte dieses Almanachs nicht zuletzt als Anregungen zu jenem zeitgemäß unzeitgemäßen „Bildungswerk“ verstanden wissen, das uns insgesamt vorschwebt.
Till Kinzel, der dritter Herausgeber im Bunde von Michael Rieger, Christoph Fackelmann, schreibt das Vorwort im dritten Band
Der Brustton der Überzeugung verdeckt oft nur die immense Leere und Substanzlosigkeit, die sich bis in diejenigen Institutionen ausgebreitet hat, welche eigentlich die Hüter der Überlieferung und damit der stets neu anzufachenden Glut sein sollten, aus der heraus das Abendland lebt und an der es sich erwärmen kann. So darf auch diese Ausgabe des Lepanto-Almanachs wieder den Blick auf manches vernachlässigte Gute — und Gut — der Tradition lenken.
Das vorliegende Jahrbuch hat darüber hinaus zwei Schwerpunkte, die einer Vertiefung der Auseinandersetzung gewidmet sind. Das Thema nimmt den Faden der Beschäftigung mit Reinhold Schneider wieder auf, verbindet ihn aber diesmal mit der bildenden Kunst und plädiert zugleich für eine neue Würdigung der Inneren Emigration und des christlichen Widerstandes.
Die Anknüpfung an christliche Literatur gewinnt auch da eine höchst aktuelle Bedeutung, wo es darum geht, sich mit dem sogenannten Transhumanismus auseinanderzusetzen. Denn diese Ideologie bringt ein völlig neues Menschenbild ins Spiel, das aber z. B. schon, wie Ulrich Kriehn zeigt, von Autoren wie C. S. Lewis kritisch analysiert wurde — und nicht zuletzt in den phantastischen Romanen, die wie Die böse Macht eine Tyrannis der Wissenschaftler und Technokraten aufs Korn nehmen. Die Literaturgeschichte geht auch in der Gegenwart weiter — davon zeugt nicht zuletzt das Werk von Lyrikern, die sich in immer neuer Form dem Anspruch aussetzen, Wirklichkeitswahrnehmungen Form zu geben, die sich anderen Menschen vermitteln läßt und neue Zugänge zu einer Welt erlaubt, die nicht im Wissenschaftlichen und bloß Faktischen aufgeht. Herausragendes Beispiel ist das lyrische Werk des Dichters und Dissidenten Ulrich Schacht […]
Zadie Smith zitiert in ihrem Nachwort zu „Rezitativ“ eine „höchst nützliche Zusammenfassung, die wir uns ausschneiden“,
Ich habe in diesem Essay viel über diskriminierende Strukturen geschrieben. Allerdings nur vage, metaphorisch, so wie heutzutage viele darüber sprechen. In einer Rede an der Howard University im Jahr 1995 wurde Morrison konkreter. Sie hat das Ganze mit wissenschaftlicher Methodik aufgeschlüsselt. Eine höchst nützliche Zusammenfassung, die wir uns ausschneiden und aufheben sollten, um immer wieder darauf zurückzugreifen, denn wenn wir hoffen, die Strukturen der Unterdrückung einmal niederzureißen, kann sie uns auf jeden Fall helfen zu ergründen, wie sie aufgebaut sind:
Wir dürfen nicht vergessen, dass es, ehe es zu einer abschließenden Lösung kommt, eine erste Lösung geben muss, eine zweite, sogar eine dritte. Der Weg zu einer abschließenden Lösung ist kein Sprung. Es braucht einen ersten Schritt und noch einen und noch einen. Eine Folge, etwa wie diese:
2. Isoliere und dämonisiere diesen Feind, indem du offene und verhüllte Schmähungen in Umlauf bringst und für deren Weiterverbreitung sorgst. Nutze persönliche Angriffe als legitime Mittel im Kampf gegen den Feind.
3. Suche und schaffe Quellen und Verbreiter von Gerüchten, die den Prozess der Dämonisierung vorantreiben, weil es sich für sie lohnt, weil es Macht verleiht und weil es funktioniert.
7. Pathologisiere den Feind in wissenschaftlicher und in Unterhaltungsliteratur, z. B. durch Rückgriffe auf pseudowissenschaftlichen Rassismus und die Mythologie rassischer Überlegenheit, um das Krankhafte an ihm selbstverständlich werden zu lassen.
8. Kriminalisiere den Feind. Dann bereite alles — Geld, Planung, Begründung — für seine Internierung in geeigneten Lagern vor. Das gilt besonders für die Männer und unbedingt für die Kinder.
9. Belohne Gedankenlosigkeit und Trägheit mit großen Unterhaltungsspektakeln und mit kleinen Freuden, unmerklichen Verführungen: ein paar Minuten im Fernsehen; ein paar Zeilen in der Zeitung; einem kleinen Pseudo-Erfolgserlebnis; der Illusion von Macht und Einfluss; ein wenig Spaß, ein wenig Style, ein wenig Bedeutung.
Elemente dieser faschistischen Leitlinien finden sich in der Begegnung zwischen Europa und Afrika, zwischen West und Ost, zwischen Arm und Reich, zwischen Deutschen und Juden, Hutu und Tutsi, Briten und Iren, Serben und Kroaten. Sie liegen im Rahmen der Möglichkeiten, auf die wir Menschen dauerhaft Zugriff haben. Rassismus ist eine Art Faschismus, womöglich die bösartigste und langlebigste. Aber er bleibt doch eine menschengemachte Struktur. Auch die Befähigung zu jeglicher Art von Faschismus ist uns allen zu eigen — man könnte sie als unsere deprimierendste kollektive Identität bezeichnen.
Roberta sei die Schwarze, das hätte sofort ein jeder Mensch, der 1983 „Recitatif“ auf der zweiten Seite aufgeschlagen und das
Von Zeit zu Zeit hörte sie nämlich gerade so lang mit dem Tanzen auf, um mir was Wichtiges zu erklären, und unter anderem hat sie mir erklärt, dass die sich nie die Haare waschen und komisch riechen. Wie Roberta. Also, sie roch wirklich komisch. Und darum habe ich, als das Riesenross (kein Mensch redete je von „Mrs. Itkin“, so wie auch kein Mensch je von „St. Bonaventure“ redete) — als es also sagte: „Twyla, das ist Roberta. Roberta, das ist Twyla. Seit nett zueinander“, da habe ich gesagt: „Das wird meiner Mutter aber gar nicht gefallen, dass Sie mich hier unterbringen.“ „Gut“, sagte das Riesenross. „Vielleicht holt sie dich dann ja wieder nach Hause.“ So eine Gemeinheit! Wenn Roberta gelacht hätte, ich hätte sie umgebracht, aber sie lachte nicht.
und wohl nicht nur in Österreich, hätte in vollkommener Überzeugng sofort zu sagen gewußt, daß Roberta die Schwarze und Twyla die Weiße — So verbreitet, wie das damals war, vor vierzig Jahren, daß Schwarze „komisch riechen“, und dies war ganz und gar nicht ein Kompliment, Schwarze wurden auch nicht Schwarze genannt, das weithin geläufige Brandmal war „Neger“. „Neger“ war der als normal befundene Begriff, die Norm. „Neger riechen komisch.“
Auf eine Kritik, wie diese vierzig Jahre später in einer deutschsprachigen Zeitung zu lesen ist,
Aber nicht einmal als Roberta dagegen demonstriert, dass ihr Sohn auf eine andere Schule soll – und Twyla das Problem überhaupt nicht versteht –, lässt sich sagen, ob Roberta eine schwarze oder weiße Bürgerrechtlerin und ob Twyla eine schwarze oder weiße Ignorantin ist.
und darauf, was Zadie Smith im langen Nachwort zu „Rezitativ“ schreibt,
Wie genau wir aber auch lesen, wir erfahren nie definitiv, welches der beiden Mädchen schwarz ist und welches weiß.
Sogar vierzig Jahre später lassen sich im Internet Eintragungen finden, die nicht vor vierzig Jahren geschrieben wurden, sondern in der Gegenwart, daß „Neger riechen […]“. Nicht nur, zum Beispiel, von einem „König“, der sich als „Patriot, Nationalist“ vorstellt, sondern auch, ein weiteres Beispiel, von einem „Basti“, der „Journalist, Dozent, Social-Media-Koordinator“ … Auf einer Frage-Antwort-Plattform, ein weiteres Beispiel, mit der Eigenbeschreibung
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wird die Frage gestellt „Warum riechen dunkelhäutige anders?“ — Als wäre es eine „gute Frage“, auf die es gute Antworten … „dunkelhäutige“, ja, tatsächlich kleingeschrieben, so hat diese „gutefrage“ die Qualität von „Neger […]“
Es ist im Grunde völlig belanglos, ob nun Twyla die Schwarze und Roberta die Weiße oder Roberta die Weiße und Twyla die Schwarze. Es gibt in dieser Erzählung tatsächlich eine Frau, von der nicht gesagt werden kann, ob sie weiß ist, ob sie schwarz ist — Maggie.
Einmal ist Maggie dort gestürzt. Die Küchenhilfe mit den Beinen wie Klammer auf, Klammer zu. Und die großen Mädchen haben sie ausgelacht. Ich weiß schon, wir hätten ihr aufhelfen sollen, aber wir [Twyla und Roberta] hatten Angst vor diesen Mädchen mit ihrem Lippenstift und Kajalstrich. Maggie konnte nicht sprechen. Die anderen Kinder behaupteten, ihr wäre die Zunge rausgeschnitten worden, aber ich glaube, sie war einfach so auf die Welt gekommen: stumm. Sie war alt, hatte eine Haut wie Sand und arbeitete in der Küche. Was weiß ich, ob sie nett war. Ich erinnere mich nur an ihre Beine wie Klammer auf, Klammer zu und dass sie beim Gehen wackelte. Sie arbeitete von morgens früh bis zwei, und wenn sie mal spät dran war, weil sie viel sauber zu machen hatte, und erst gegen Viertel nach zwei wegkam, nahm sie die Abkürzung durch den Obstgarten, um den Bus nicht zu verpassen und eine Stunde auf den nächsten warten zu müssen. Sie trug eine richtig blöde Mütze — so eine Kindermütze mit Ohrenklappen –, und sie war nicht viel größer als wir. Eine richtig scheußliche Mütze. Wirklich blöd, sogar für eine Stumme — rumzulaufen wie ein kleines Kind und keinen Ton zu sagen. „Und wast ist, wenn jemand sie umbringen will?“ Das fragte ich mich damals oft. „Oder wenn sie weinen muss? Kann sie weinen?“ „Klar“, sagte Roberta. „Aber nur Tränen. Töne kommen keine.“ „Sie kann also nicht schreien?“ „Nein. Gar nicht.“ „Kann sie was hören?“ „Glaub schon.“ „Rufen wir sie mal“, sagte ich. Und das taten wir. „Trampel! Trampel!“ Sie wandte nicht mal den Kopf. „O-Bein! O-Bein!“ Gar nichts. Sie wackelte einfach weiter, und die Kinnriemen ihrer Babymütze baumelten hin und her. Ich glaube, wir lagen falsch. Ich glaube, sie hat uns gehört und sich bloß nichts anmerken lassen. Bis heute schäme ich mich, wenn ich mir vorstelle, dass dadrinnnen doch jemand war, unsere Schimpfwörter hörte, und uns nicht verpetzen konnte.“
Um Maggies Willen, um der „Verdammten“ willen, der „Niemanden“ willen, deren Farben nicht gesehen, nicht erinnert werden, ist „Rezitativ zu lesen —
Weit unterhalb der rassifizierten „Schwarz-Weiß-Unruhen“ in den USA hält sich eine weltweitere Unterschicht aus lauter Maggies, die von den engstirnigen amerikanischen Debatten weder gesehen noch bedacht wird, die Verdammten dieser Erde …
Morrison ist die große Meisterin amerikanischer Komplexität, und wenn Sie mich fragen, steht Rezitativ in einer Reihe mit Bartleby, der Schreiber und Shirley Jacksons Erzählung Die Lotterie als die perfekte — und perfekt amerikanische — Story, die jedes Kind in den USA lesen sollte.
Zu Zadie Smith darf hinzugefügt werden, die jedes Kind und jeder Erwachsener auch außerhalb der USA, die jede Erwachsene weltweit, also auch in Österreich, …
Tatsache sei, so Fürst, dass man darüber überhaupt nicht mehr reden sollte. Über die ganzen Folgen und Konsequenzen, die dieser Bevölkerungs-Austausch mit sich bringt, dürfe man nicht reden. Diese Kritik werde sofort als “rechtsextrem” bezeichnet. Fürst weiter: Wie sagen wir denn? Bevölkerungs-Austausch, Überfremdung? Konsequenz der ungeregelten, illegalen Einwanderung?
Das ist am 7. September ’23 auf der gesinnungsgemäß zensurierten einer österreichischen Parlamentspartei zugewandten Website zu lesen. Kritik, die der Verfassungssprecherin auch, werde „sofort als ‚rechtsextrem‘ bezeichnet“, kann aufgegriffen werden und mit ihr gefragt werden:
Im Sommer ’23 bricht in Österreich ein Possenstreit über die „Normalität“ aus. Vorneweg, um nicht sagen zu müssen, an der Spitze des Possenstreits, an der Bühnenrampe, auf der die Streitposse gegeben wird,
Es mengen sich gar viele in die Streitposse „Normalität“ ein, wollen auch einen Platz vorne an der Rampe, schreien aus dem Flüsterkasten … Alle wissen etwas dazu, was denn „normal“ sei, was denn nicht „normal“ sei, wer denn „normal“ sei, wer denn nicht „normal“ sei, wer denn die „Normalität“ vertrete, wer denn nicht die „Normalität“ vertrete, wer für die „Normalität“ eintrete, wer, ist eine der Widerreden, für sich in Anspruch nehme, für „Normaldenkende“ einzutreten und hinzutreten, sei präfa…
Als ob es tatsächlich nur die eine einzige „Normalität“ geben würde, so geht der Possenstreit in diesem Sommer ’23 in Österreich, und dabei, das wird vollkommen ausgeblendet, gibt es nicht die eine einzige Normalität, sondern Normalitäten. Es kommt nur darauf an, in welcher Normalität ein Mensch lebt, inmitten von Menschen, die in ihren Normalitäten leben, dessen Normalität aber nicht eine Abnormalität ist, wie in diesem Sommer auch immer wieder zum Vorwurf gemacht wird, es würden Menschen, die nicht „Normale“ seien, als „Abnormale“ denunziert, diffamiert, ausgegrenzt, gebrandmarkt werden, und das sei, so ein gefallenes Wort: „brandgefährlich“, aber menschgemäß gibt es die Abnormalität nicht, menschgemäß nur Normalitäten.
Von einer dieser menschgemäßen Normalität ist beispielsweise in „V13 – Die Terroranschläge in Paris – Gerichtsreportage“ von Emmanuel Carrère zu lesen:
„Ehrlich gesagt nein, damit hatte ich kein Problem. Das fand ich normal.“ „Und Ihre Onkel, was haben die dort gemacht?“ „Musik. Jean-Michel hat gesungen und Fabien war Tontechniker, glaube ich …“
In Syrien beginnt der Bürgerkrieg, und alle schließen sich ihm an: zuerst Jean-Michel, dann Fabien und dann die ganze Sippschaft, von der Mutter über die Schwester bis zur Nichte Jennifer, die ihre Aussage ebenfalls vom Gefängnis aus macht. Und zwar eine, bei der es einem kalt den Rücken hinunterläuft. Ohne je die Wahl gehabt zu haben, hat sie ihr Leben ganz dem strengen Islam verschrieben. Mit vierzehn brach sie die Schule ab, mit fünfzehn verheirateten ihre Mutter und ihre Onkel sie mit einem Salafisten aus Bayonne, der genauso jung war wie sie und ihr kurz hintereinander fünf Kinder machte. „Nach Syrien“, sagt sie, „sind wir nicht wegen des Kriegs gegangen, sondern um ein Land aufzubauen und dort unsere Kinder großzuzieheh, um unsere Religion auf islamischen Boden zu leben und nicht in einem Land des Unglaubens. Ich habe Daesch nicht als Terrororganisation betrachtet.“ Zur Veranschaulichung dieser idealistischen Sicht beschreibt sie das Leben in Rakka unter der schwarzen Flagge: die Häuser, in denen Frauen und Kinder eingesperrt werden, den Sklavenmarkt und die Hinrichtungen auf öffentlichen Plätzen, die mitten auf der Straße auf riesigen Bildschirmen übertragen werden … „Haben die Leute das denn gutgeheißen?“ „Ja, alle, die dort lebten, fanden das gut. Und wenn nicht, hätten sie es niemals gesagt, das wäre zu gefährlich gewesen.“ „Was hat Sie denn dann dazu gebracht, Daesch zu verlassen? Die Ausschreitungen? Der jordanische Pilot? Die gefesselten Männer, denen man in aller Ruhe die Köpfe abgeschnitten hat?“ „Ehrlich gesagt nein, damit hatte ich kein Problem. Das fand ich normal.“
Im August 2014 folgt Krayem dem Aufruf von Abu Mohamed al-Adnani, der gerade das Kalifat ausgerufen hat, und fährt nach Syrien, um dort „im humanitären Bereich zu arbeiten“, wie seine Zugehörigkeit zu den fünfzehn bärtigen Männern in Kampfanzügen belegt, die der Hinrichtung jenes jordanischen Kampfpiloten beiwohnen, der bei lebendigem Leib in einem Käfig verbrannt wurde – das grausamste aller grausamen Daesch-Videos.
„Ehrlich gesagt nein, damit hatte ich kein Problem. Das fand ich normal.“
Dass er Krayem als einen nachdenklichen, gleichmütigen jungen Mann erlebt hat, der Wert darauf legt, als zuverlässig und ehrlich zu gelten. Als bemühten Schüler, mit dem er im Laufe des Unterrichts eine Respekts- und Vertrauensbeziehung aufgebaut hat. „Abgesehen von den schrecklichen Taten, die er begangen hat, ist Herr Krayem eine sehr menschliche Person“ — eine Formulierung, die eine Welle der Empörung auslöst. Denn ist die Menschlichkeit eines Mitglieds der grausamsten IS-Brigade nicht die eines Auschwitz-Kommandanten, der ansonsten ein zärtlicher Vater und fürsorglicher Ehemann war? „Vielleicht“, sagt der Lehrer mit unterschütterlicher Sanftmut. „Ich will die Schwere seiner Schuld nicht herunterspielen, ich erzähle Ihnen nur von dem Mann, den ich vier Jahre lang regelmäßig getroffen habe. Er ist vielleicht kein netter Kerl, aber jemand, der anständig und menschlich ist. Wenn wir in einer Demokratie leben wollen, muss es auch Leute geben, die bei einem Prozess zugunsten des Angeklagten aussagen.“ Ja, das muss es.
Was fand dort statt? Wurden dort IS-Videos angeschaut? Ja. Brahim ließ sie in Schleife auf seinem Laptop laufen — und klappte ihn zu, wenn sich mal ein Fremder in seinen Laden verirte. Und die anderen? Schauten sie mit? Gab es — wie es in den belgischen Akten heißt – Videositzungen, in denen diese grausamen Bilder gemeinsam angeschaut wurden: die Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley, die Verbrennung des jordanischen Piloten bei lebendigem Leib in einem Käfig, und, ihrer aller Favorit, weil sie den Star kannten: Abdelhamid Abaaoud, ihr Jugendfreund, ihr Bruder, der am Steuer seines Pick-ups eine Traube von Leichen durch den syrischen Staub schleift — und sich mit seiner kleinen Fratze eines psychopathischen Kobols dabei totlacht und dazu aufruft, doch mitzumachen und sich mit ihm totzulachen? Und Mohamed Amri, Hamza Attou, Ali Oulkadi, die im Les Béguines dealten und hin und wieder im Service aushalten, saßen sie mit in diesem Kreis rund um den Computer, um diesen Séancen beizuwohnen — wie es die belgische Wortwahl nahelegt und die Anklage zu beweisen versucht? Oder verrichteten sie hinter der Bar ihre Arbeit und ließen ihren gleichgültigen Blick über den Bildschirm gleiten, so wie Leute, die sich nicht wirklich für Fußball interessieren, über ein Fußballspiel — wie ihre Verteidiger argumentieren?
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