Helmut Dietlof Reiche und „der Prophet des Schönen“ des Ernst Fuchs

Arno Breker würdigte den Autor und Künstlerfreund Ernst Fuchs in seinem Buch „Schriften“: „Was an Fuchs besticht, ist seine hohe Intelligenz, seine enorme Belesenheit und seine sprühende Fantasie, die sich wie eine lang aufgestaute Quelle ergießt und alles in Begeisterung mitreißt. Sie scheint nie zu versiegen. In ihm hat man eine Kultur von dreitausendjähriger Herkunft vor sich, die er mit seinen Werk repräsentiert!“

Eine Statue ist aus „Der Prophet des Schönen. Skulpturen aus den Jahren 1920-1982. Mit Texten von Ernst Fuchs. Mchn., R.P. Hartmann 1982. 240 S., OLeinenband m. OUmschlag Folio Mit einem beiliegenden Echtheits-Zertifikat von Arno Brker signiert. Sehr gutes Exemplar.“

Eine Statue ist aus „Bereitschaft, Sonderschrift des Oberkommandos der Wehrmacht/Abt. Inland, Volk u. Reich-Verlag, Berlin o.J. (1943/1944), 52 S., 23 Abb. zu Reliefen u. Plastiken von Arno Breker, Gedichte von Helmut Dietlof Reiche, illustr. Karton, berieben/bestoßen …“

Helmut Dietlof Reiche, dessen Dichtername wie ein Pseudonym klingt, hätte vielleicht gesagt, meine Siegerin passe so recht zur einen wie zur anderen Statue.

Meine Siegerin passe recht zur ersten und zur zweiten Statue. Das wird Helmut Dietlof Reiche nicht gesagt haben können, scheint er doch lange, lange vor 1982 verstorben zu sein; jedenfalls klingt ein Buch mit dem Titel Helmut Dietlof Reiche. Bildnis eines märkischen Dichters aus 1943 wie zu seinem Andenken, zum Gedächtnis als ewiges Band mit ihm, dem Heimgegangenen, geschrieben von Hans Borgelt, der dafür vielleicht Pausen einschob in seine Arbeit als Zensor für die Propagandaabteilung im Krieg von 1939 bis 1945.

Vielleicht verstarb Helmut Dietlof Reiche an seiner „Bereitschaft“, vielleicht fiel der lyrische Band zu brekerischen Werken deshalb so recht dünn aus. Dann wäre ihm, dem Reiche, zu seinem Heil erspart geblieben, das Bittere zu erfahren, ausgesondert zu werden.

Jüngling im Volksgarten des Schönen von Wien, Österreich

Arno Breker: Da war inzwischen Hitler da gewesen und war hell begeistert, und wie er den Mann mit dem Schwert sieht, sagt er, das ist die Wehrmacht. Nicht? Der Mann mit der Fackel, das ist die Partei.

Es wollte eigentlich nicht so viel aus dem Märcholog, das Ernst Fuchs und Arno Breker miteinander führen, zitiert werden, es wollte schnell wieder zu Dombrowski und vor allem nach Graz zurückgekehrt werden, aber wer kennt das nicht, einmal einem Märchen ausgesetzt, hat es nicht die Wirkung, einzuschlafen, es will weiter und weiter zugehört werden, und Kinder vor allem stimmt es traurig, wenn Großmütter und Großväter einschlafen, bevor das von ihnen erzählte Märchen zu Ende ist, aber dieses Märchen, von Arno Breker und Ernst Fuchs in geteilten Rollen vorgetragen, endet nicht, es finden sich immer wieder neue, die es erzählen, nur ihre Namen wechseln …

Was wären die brekerischen Jünglinge, die Hitler die Wehrmacht und die Partei waren, dem Stalin gewesen, wenn Breker inzwischen seine Jünglinge in Moskau aufgestellt hätte, wäre er, Stalin, ebenso höllisch begeistert gewesen, hätte er auch gleich gesagt, der Mann mit dem Schwert ist die Rote Armee, der Mann mit der Fackel ist die Partei —

Was wären die brekerischen Jünglinge dem Alexander gewesen, unter dem Breker durchaus zu arbeiten ebenfalls bereit gewesen wäre, und das wohl aus seiner Erfahrung mit Herrschenden heraus in der Annahme, daß er, Alexander wie Stalin wie Hitler Breker ebenfalls seinen Respekt und seine Hochschätzung zu seinen Füßen —

Im Volksgarten, in Wien, vor dem Theseustempel, steht ein Jüngling, der nicht von Arno Breker ist, sondern von dem Mann, der für den ersten Nationalratspräsidenten, als er noch kein Nationalratspräsident war, eine Statue schuf, die sein Nachfolger aus Furcht vor cancel culture ewiglich stehen sehen möchte – auf dem KL-Platz zum Appell

Selbstantretungsbefehl der

Der Jüngling im Volksgarten zu Wien, Österreich, ohne Schwert noch, ohne Fackel noch, aber wer genau hinsieht, sieht den brekerischen Jüngling mit Wehrmacht, mit Partei

Verfallen der Schönheit nicht nur beide,

der Bildhauer der Reiche und

der Bildhauer des Nationalratspräsidenten …

Es wird, ehe zum Weinkameraden des Dombrowski nach Graz zurückgekehrt werden kann, davor doch noch auf Reiche …

Favoriten

Das wird sich in Salzburg in den nächsten Jahren vielleicht wieder ändern.

Das sagt Konrad Paul Liessmann hinein, als Matthias Dusini etwas zum Aufführen von Stücken des Bert Brecht sagt: sie werden kaum mehr eine spielen, net?

Oh, kaum gewinnt eine KPÖ in Salzburg mehr, als ihr demokratieknirschend zugestanden, sieht der freisinnige Geisteskopf eine Oppositionspartei nun mit etwas mehr als elf Prozent so liebhaberisch mächtig, wieder Brecht nach Salzburg zurück — Tiktok

Kurz davor hat Liessmann selbst lehrreich Bert Brecht ins Spiel gebracht, doziert,

Wir leben in einer Stadt, die nach dem zweiten weltkrieg Bertold Brecht canceln wollte, wie wir wissen. Jeder freisinnige Mensch, jeder Liebhaber der Literatur mußte sich damals dagegen wehren, daß Brecht nicht am Burgtheater aufgeführt wird. Wenn wir die moralischen Maßstäbe, die wir heute haben, an Bertold Brecht anlegen würden, dürfte er nie wieder am Burgtheater aufgeführt werden. Und allein daran sieht man, wie prekär das Ganze ist, und ich kann nur wiederholen, was Heinz Sichrovsky gesagt hat, ich hätte dann gern wirklich eine Liste der Vergehen, die tolerabel sind und der Vergehen, die nicht mehr tolerabel sind, und da kommen wir natürlich in Teufelsküche. Aber das macht ja wahrscheinlich eine gewisse Freude aus, darüber zu diskutieren.

Peter Fässlacher: Eine gute Frage

Ich muß da gleich einhaken, als einzige Frau in der Runde

Konrad Paul Liessmann: Aber was bedeutet das jetzt für die Stücke

Matthias Dusini: Sie werden kaum eine spielen, nit.

Konrad Pau Liessmann: Das wird sich in Salzburg vielleicht in den nächsten Jahren wieder ändern.

wie es war, als Bert Brecht in Österreich verhindert werden wollte, ohne freilich die Namen der Anführer für Aufführungsverbote zu nennen — Hans Weigel und Friedrich Torberg

Heinz Sichrovsky: Jetzt grod, und das sind wunderbare Leute, wohl gemerkt, die da grade am Werk sind, aber daß man gerade die läppischen Landeshymnen, die von einer so unglaublichen Miserabillität sind, mit ganz wenigen Ausnahmen, daß man auf die losgeht, also, und das sind qualifizierte Menschen, die das wollen, das ist irgendwie lächerlich. Was ich aber vorher noch sagen wollte.

Ich habe einmal das Vergnügen gehabt, mit Reich-Ranicki zu sprechen, über Weinheber, über Josef Weinheber, der ein wirklich gestandener Nazi war, und der Reich-Ranicki hat mir gesagt

Matthias Dusini: Das ist vielleicht, historisch nicht ganz

Heinz Sichrovsky: Er hat sich, er war dankbar, daß er endlich rausgehoben wurde, ein bißchen, aus seiner Unterschätztheit, wohlgemerkt, ein toller Lyriker. Und der Reich-Ranicki hat mir gesagt: Junger Mann, der Mensch hat sich umgebracht, mehr kann man wirklich nicht verlangen.

Das wird der Gesinnungsgemeinschaft des Josef Weinheber in Dankbarkeit freuen, daß Matthias Dusini — und sie wird, wie sie es stets in solch einem Fall tut, darauf hinweisen, daß das doch ein Unverdächtiger von einer Wochenzeitung, die es mit dem Historischen ganz genau hält, sagt — es historisch nicht ganz, daß Josef Weinheber ein …

Es ist nicht das erste Mal, daß „wunderbare Leute“ und „qualifizierte Menschen“ das Neutexten der Landeshymnen favorisieren, so etwa vor neun Jahren ein wunderbarer und qualifizierter und nicht nur in den Grenzen Österreichs bekannter Mensch

Landeshymnen, Brecht, Weinheber wurden u. v. a. m. in dieser Sendung „Streitzeit“ am 25. April 2023 von Liessmann, Sichrovsky, Dusini, Fässlacher, in der es, wie es in der Sendungsbeschreibung heißt, …

Von Picasso bis Spacey – Kann man das Werk vom Künstler trennen?

Darf man Pablo Picassos Kunstwerke noch reinen Gewissens betrachten? Muss man den Fernseher abdrehen, wenn Kevin Spacey zu sehen ist? Darf man Filme, Musik oder Literatur lieben aber ihre Erschaffer ablehnen? Diese und andere Fragen diskutiert Peter Fässlacher in einer neuen Ausgabe „Streitzeit“ mit seinen Gästen, u.a. mit profil-Journalistin Angelika Hager, Matthias Dusini, Leiter des Falter Feuilleton, dem Kulturjournalisten Heinz Sichrovsky und dem Philosophen Konrad Paul Liessmann.

Es ist keine Unhöflichkeit, wie Sie vielleicht vermuten werden wollen, daß oben der Name der einzigen Frau in dieser Tiktokrunde nicht genannt wird, es ist die Unsicherheit, welche einzige Frau es tatsächlich ist, ist es Frau Flossmann, als die Peter Fässlacher sie in der Sendung selbst anspricht, ist es Frau Hager, als die sie in der Sendungsbeschreibung angeführt ist, wie es auch noch heute am 29. April 2023 gelesen werden kann.

Worum geht es in dieser Tiktoksendung? Um cancel culture, also um Anekdoten, und auch um woke

Der dafür als Aufhänger gewählte Name Picasso erinnert daran wie vor 33, vor dreiundreißig Jahren etwa Ernst Fuchs und Arno Breker, der Pablo Picasso nicht besucht, weil er ein „Menschenquäler“, darüber —

Es war keine „Streitzeit“ zwischen Breker und Fuchs, Tiktok des Einvernehmens …

Ernst Fuchs: Wenn man das Charakterbild des Künstlers verwechseln wollte mit seiner Begabung, dann ist man auf jeden Fall auf dem Holzweg.

Arno Breker: Ja klar.

Ernst Fuchs: Das hat doch eine nichts mit dem anderen zu tun.

Arno Breker: Natürlich.

Ernst Fuchs: Ich meine, wenn jeder der fromm ist, auch ein El Greco der Malerei wäre, dann könnte man sagen: Okay.

Arno Breker: Ja.

Ernst Fuchs: Aber so ist es nicht.

Arno Breker: Mich haben zwei Leute, haben mich hochgeschätzt, und von dem, den ich Dir jetzt nenne, hatte ich keine Ahnung, so lange ich Molotow noch nicht kannte. Ich hab‘ mal ein langes Gespräch mit Molotow in Berlin gehabt. Und er überbrachte mir die herzlichsten Grüße seines Chefs.

Tiktok

Kaum ist die Wahl in Salzburg vorbei, geht es sofort los, mit der Diskussion, mit dem Diskurs, wie kommunistisch ist die KPÖ PLUS. Dieser Reflex wird in Österreich stets sofort ausgelöst, wenn die KPÖ in einer Wahl mehr als die ihr zugestandenen Stimmen bekommt, das war etwa im September 2021 in Graz so wie eben jetzt im April 2023 in Salzburg, und zugestanden wird der KPÖ in Österreich ein Stimmenanteil von knapp unter, recht besser noch, von weit unter einem Prozentpunkt, dann braucht dem lieb‘ Vaterland kein Muskel zucken.

Das jedoch eine Diskussion, gar einen Diskurs zu nennen, ist eine Herabwürdigung der Diskussion, des Diskurses.

Für Solcherlei, das sich als Diskussion, als Diskurs ausgibt, müßte ein neuer Begriff eingeführt werden. Zugegeben, für Solcherlei als Begriff Tiktok einzuführen, ist weder einfallsreich noch originell, doch, weil es um den Kommunismus geht, durchaus passend.

Tiktok

Kennzeichen von Tiktok seien u. v. a. m., so könnte ein Tiktok erklärender Wörterbucheintrag formuliert sein, die Verkennung der Wirklichkeit, das Vorbeireden an der Realität, das Aufwärmen längst vergangener Gegebenheiten, die Beschönigung des Eigenen, die Überzeichnung des Eigenen, das Festhalten an der Vergangenheit, das Ausschalten der Gegenwart, jenen die Vergangenheit vorzuhalten, die mit der Vergangenheit nichts zu tun haben, die in dieser Vergangenheit noch gar nicht lebten, eine Bedrohung an die Wand zu malen, die es im eigenen Land nicht gibt, die es im eigenen Land nicht einmal in dieser Vergangenheit gab, ein anderen Land vorzuschieben, um im eigenen Land Furcht und Angst zu verbreiten vor einem totalitären Regime, das es in einem anderen Land in der Vergangenheit gab und so weiter

Und das trifft, ausgelöst durch die Reflexfrage, wie kommunistisch denn die KPÖ sei, in Österreich zu, setzt Tiktok in Gang. So unwillkürlich Reflexe sind, so unwillkürlich sind dabei auch die Begriffe, die vermeintlich bewußt gewählt sind, es wird schon falsch gefragt, es wird falsch gefragt, wie kommunistisch sei die KPÖ, und dafür stets die Sowjetunion herbeigeholt, statt, wenn schon von der Sowjetunion tikttokt wird, richtig zu fragen, wie sowjetisch denn die KPÖ

Es will jedoch gar nicht ein neuer Begriff eingeführt werden, hieße das doch, Solcherlei ernst zu nehmen, Solcherlei auch noch zu würdigen, es will nur festgehalten werden, wie Solcherlei eine Berechtigung hatte, vor Jahrzehnten, als die Sowjetunion existierte, aber in der Gegenwart, nun in der Gegenwart, wenn jene, die Solcherlei jetzt, wieder einmal eben im April 2023, in Gang setzen, nicht in irgendwelchen Nischen, nicht am Rand der medialen Aufmerksamkeit, sondern prominent und omnipräsent, selbst in der Gegenwart angekommen wären, würden sie die Diskussion einfordern, würden sie auf den Diskurs breit pochen, wie hält es die Welt mit dem Kommunismus, wie halten es die demokratischen Länder mit dem Kommunismus, wie hält es das demokratische Österreich mit dem Kommunismus, und nicht, wie kommunistisch ist eine Partei, die sich kommunistische Partei nennt, und das wäre wohl auch ein Kennzeichen von Tiktok, nämlich die Einfalt des Fragens, in diesem Fall offenbart sich die Einfalt des Fragens dadurch, zu fragen, weil eine Partei sich eine kommunistische Partei nennt, zu fragen, auch wenn falsch gefragt, wie kommunistisch ist eine kommunistische …

Es wird also in Österreich nun, wieder einmal, eine Vergangenheitsangstwand als Schutzwall gegen den Kommunismus, während der Kommunismus in der demokratischen westlichen Welt, so auch in Österreich, willkommen …

China ist also erwacht.

Die Welt spaltet sich demnach in zwei Lager: auf der einen Seite der die Globalisierung beerbende Verband unter allseitiger amerikanischer Hegemonie, monetär wie militärisch, technologisch wie kulturell, auf der anderen Seite die „neuen Seidenstraßen“ — die Belt and Road Initiative –, die sich von der definitiven Gleichschaltung vo Xinjiang bis zum Kauf des Hafens von Piräus und einiger Prunkstücke deutscher Technologie, von der Maskendiplomatie in Algerien bis zur Einrichtung einer chinesischen Militärbasis in Dschibuti, von der Unterstützung von Aufständen bedrohter Regime (Syrien, Thailand, Myanmar) bis zu einer omnilateralen Politik der Beeinflußung, die auch Südamerika, Afrika und den Nahen Osten nicht unbeachtet lässt, erstrecken. Zwischen den beiden Lagern: Strategien des containment und der Provokation, der Abwerbung sowie alle möglichen Arten des Druckaufbaus, tausend kaum sichtbare Mikroschlachten und eine allmähliche Festlegung der Verbündeten — Land um Land, Partei um Partei, Unternehmen um Unternehmen. Deng Xiaoping empfahl, „die eigenen Fähigkeiten zu verbergen und den richtigen Moment abzuwarten“. Dieser Moment ist offenbar gekommen; er ist sogar schon weitgehend vorüber. Das lässt sich leicht an der ausdrücklichen Großspurigkeit der chinesischen politischen Agenda ablesen. Jiang Shigong, offizieller Interpret der „Xi-Jinping-Gedanken“, Kommentator und Verkünder des Werkes von Carl Schmitt in China und Theoretiker der Annexion Hongkongs, gibt sich nicht mit der Feststellung zufrieden, dass, ungeachtet der Parenthese der Westfälischen Ordnung, „die Weltordnung immer gemäß der Logik eines Reiches funktioniert hat“, oder damit, die Geschichte als die eines Kampfes zwischen maritemen und kontinentalen Reichen aufzufassen.

Er schließt sein Reich und Weltordnung (2020) folgendermaßen: „Wir leben in einer Zeit des Chaos, des Konflikts, der massiven Veränderung, in dem sich das Weltreich 1.0 im Niedergang befindet und dem Zusammenbruch nahe ist, während es uns noch nicht gelingt, uns das Weltreich 2.0 vorzustellen […] Die Zivilisation, die in das Lage sein wird, wirkliche Lösungen für die drei großen Probleme anzubieten, mit denen das Weltreich 1.0 konfrontiert ist, wird auch das Programm für das Weltreich 2.0 liefern. Als große Macht, die über ihre eigenen Grenzen hinausschauen muss, hat China an seine eigene Zukunft zu denken, denn die Bedeutung seiner Mission besteht nicht allein darin, seine traditionelle Kultur wiederzubeleben. China muss außerdem geduldig die Kapazitäten und Errungenschaften der gesamten Menschheit, insbesondere die der westlichen Zivilisation, in sich aufnehmen, um das Weltreich aufzubauen. Nur auf dieser Grundlage können wir den Wiederaufbau der chinesischen Zivilisation und den Wiederaufbau der Weltordnung als ein sich gegenseitig verstärkendes Ganzes ins Auge fassen.“ Dass er kein Blatt vor dem Mund nimmt, ist das Verdienst dieses Textes.

Sicher, wer sich ein bisschen mit chinesischen Genossinnen über die Realität des heutigen Chinas ausgetauscht hat, weiss, dass die Inszenierung eines pyramidalen Staates, der perfekt um eine Partei herum vereinheitlicht ist, deren Tentakeln sich von der Einwohnergemeinschaft bis zu ihrem höchsten beratenden Organ erstrecken, und in dem eine absolute Kontrolle der Kommunikation und ein generalisiertes technisches Überwachungssystem zusammen mit unerbittlicher Repression die Idee der Dissidenz selbst ausgelöscht haben, nicht mehr als ein Propagandaartikel ist.

Die Frage ist nicht, wann das Zepter der Welt wirksam in die Hände Chinas gelangt. Wichtig ist es vielmehr zu erkennen, dass die chinesische Gouvernementalität schon jetzt als Modell für die westlichen Formen der Machtausübung dient. Sie hat bereits begonnen. Nur unser Unwissen darüber, was die chinesische Gouvernementalität wirklich ausmacht, verdeckt diese Erkenntnis noch. Dabei ist es offensichtlich, dass alle Regierungen der Welt neidisch auf den Handlungsspielraum des chinesischen Regimes schielen. Nicht nur der nationale Verteidigungsrat, durch den Macron zu regieren beliebt, ist nichts als eine blasse Imitation des nationalen Verteidigungskomitees Xi Jinpings. Wen äfft man nach, wenn man gleichzeitig die staatliche Erfassung der Bevölkerung, die Kontrolle der sozialen Netzwerke und die Befugnisse der Polizei erweitert sowie die Berichterstattung über Demonstrationen, die in jedem Falls als Ansammlung Unverantwortlicher beschrieben werden, einzuschränken versucht?

Oder wenn man einen Kreuzzug gegen den „Separatismus“ anzettelt? Erinnern die regelmäßig über den einen oder anderen in Ungnade gefallenen politischen Clan verhängten Korruptionsurteile niemanden an etwas? Selbst die Weise, wie sich ein westlicher Bürokraft von nun an immer öfter als Kapitalist verdoppelt, imitiert bloß eine jahrtausendalte chinesische Tradition. Noch grundsätzlicher äußert sich die symbolische Hegemonie Chines darin, dass sich überall und in jedem Bereich eine Machtausübung verbreitet, die sich auf eine zentralisierte, undurchsichtige und scheinbar neutrale Verordnung von Normen stützt, anstatt auf die Ausdrücklichkeit der Gesetze. Dieses Reich der Normen und des Normalen drückt sich ethisch in der mittlerweile universellen Gewohnheit unserer Zeitgenossen aus, sich gegenseitig zu bewerten, anzuschwärzen, zu überwachen; eine Gewohnheit, die die Einführung einers zentralisierten Systems wie des Sesame Social Credit System überflüssig macht. Ganz offensichtlich chinesisch sind sowohl der Coronapass als auch die Bewegungseinschränkungen der schlechten Bürgerinnen, die Verbannung der Risikodividuen. Äußerst chinesisch ist die laufende Ersetzung des Rechtssubjekts durch das biologische Individuum, das produziert und konsumiert. Verteufelt chinesisch ist das Geheimnis, das sich, sei es bei Wirtschafts- oder bei Staatsgipfeln, immer weiter um die Ausübung realer Macht ausbreitet, während den Leuten eine wachsende und immer mehr von ihnen miterzeugte Transparenz aufgedrängt wird – die gleichzeitige Verbreitung von verbotenen Städten und Spitzeln. Die unsichtbare Strukturierung des Realen durch Algorithmen in Verbindung mit der Sichtbarmachung der geringsten alltäglichen Geste entstammt ebenso wie die dadurch erzeugte Selbstüberwachung der ältesten chinesischen Reichstheorie. Nicht nur das Durchpeitschen von 5G kommt aus China, sondern auch das Projekt der „ökologischen Hightech-Zivilisation“, das zu dessen Rechtfertigung dient, ebenso wie die moralisierende Rekrutierung der Bürger für diese Fiktion. Die Epidemie, die sich von industriellen Herzen dieses Landes ausgehend über die ganze Welt ausgebreitet hat, hat lediglich offengelegt, wie sehr die chinesische Gouvernementalität schon jetzt das universielle Paradigma bildet. Die totale Mobilisierung im Krieg gegen den „unsichtbaren Feind“, wie sie von Xi Jinping erklärt wurde, hat im Großteil der Weltführer ihrere pathetischen Bauchredner gefunden. Die verrückte Erfahrung des allgemeinen Lockdowns, welcher der Region Wuhan auferlegt wurde — und der selbst eine von der chinesischen Macht radikalisierte Version des Sicherheitsmanagements von Epidemien ist, das auf den amerikanischen Antiterrorismus der Ära Dick Cheneys zurückgeht –, hat der weltweiten Reaktion auf die Epidemie als Richtwert gedient. Es ist daraus ein ganzes System des organisierten Misstrauens aller gegenüber allen entstanden, dessen Symbol die Maske ist und das sich „spontan“ überall durchgesetzt hat, ein allgemeines Ethos der resignierten Unterwerfung unter die geringste extravagante Norm, die sich als bürgerliche Tugend unter dem Vorwand der „Solidarität“ präsentierte.

Junius Frey, Skizzen einer Doktrin für eine kommunistische Politik, Kosmotechnik und Kommunismus, Matthes & Seitz, Berlin, 2023.

Wie kommunistisch ist die ÖVP, wie christlichsozial die KPÖ, wie landeshauptmännisch ist Kay-Michael Dankl, wie kommunistisch Wilfried Haslauer, Wünschebriefschreiber an adressenlose Politik?

ZIB 2, 23. April 2023, 21.50 Uhr, Martin Thür: Haben Sie die Salzburgerinnen und Salzburger mit ihren Sorgen alleingelassen und deshalb heute so ein Ergebnis bekommen?

Wilfried Haslauer: Das sehe ich nicht so. Ich darf noch einmal sagen, wir sind Nummer 1.

Martin Thür: Aber Sie haben sieben Prozent verloren.

Wilfried Haslauer: Ja, aber wir haben über dreißig Prozentpunkte gemacht, das ist, fast ein Drittel der Wähler hat uns beauftragt. Das Bundesland steht in seinen wirtschaftlichen Daten sehr sehr gut da. Aber natürlich trifft die Teuerung für viele Menschen, natürlich wurde auch das Thema der Energiepreise massiv diskutiert bei uns, natürlich ist das Wohnen in Salzburg besonders teuer. Und das sind alles Themen, die wir sehr gezielt mit konkreten Maßnahmen angehen müssen. Das wurde in vielfacher Weise von den mitbewerbenden Parteien aufgezeigt, allerdings ohne Konzepte, was sie dagegen zu tun gedenken. Und das wird im Grunde das Wesentliche sein, welche Maßnahmen treffen wir, um hier einen positiven Kurs einschlagen zu können.

Martin Thür: Aber wenn so viele Menschen Sorgen haben, wenn Sie selbst sagen, daß das Wohnen so teuer ist, wenn Sie sieben Prozentpunkte verlieren, Sie sind seit zehn Jahren Landeshauptmann […]

Ö 1, 25. April 2023, 7.08 Uhr, Moderatorin: Wohnen, Wohnen, und noch einmal Wohnen, das war das Kernthema des KPÖ-Wahlprogramms, mit dem die Partei gepunktet hat. Aber auch andere Themen waren vertreten, sagt der Salzburger Politologe Reinhard Heinisch, wie beispielsweise:

Reinhard Heinisch: Energie, Soziales, Pflege, Gesundheit, Arbeit, ein breitgefächertes Programm, nur wenn es um die konkreten Maßnahmen geht, ist schon das Wohnen der zentrale Einstieg in das Programm, und auch andere Programmpunkte, wie Verkehr, Tourismus, gehen auch wieder sehr stark in Richtung Wohnen.

Moderatorin: Viele Punkte seien allerdings nur Überschriften im Programm.

Reinhard Heinisch: Oder es fehlen eigentlich konkrete Durchführungsbestimmungen, oder es ist unklar, wie das finanziert werden soll, und sind an sich eher Wünsche an die Politik.

Moderatorin: Wünsche an die Politik dürfte es jedenfalls viele geben. Die KPÖ PLUS habe sich dafür einige Wähler als Alternative zu den Regierungs- und den anderen Parteien angeboten.

Reinhard Heinisch: Weil sie ein Programm liefern, das ist nicht die klassische Kommunismus im sowjetischen Stil, sondern quasi eine, eine Partei mit einer deutlichen akzentuierten Politik links der Mitte mit der klaren Forderungen Richtung Umverteilung, ähnlich vielleicht wie die Linke in Deutschland und das hat einen gewissen Alleinstellungsmerkmal in Salzburg.

Wenn gehört wird, worum es der ÖVP geht, wenn gehört wird, worum es der KPÖ PLUS geht, kann doch gesagt werden, es geht der ÖVP und der KPÖ PLUS um dasselbe.

Die Morgenjournal-Schlagzeile „Wie kommunistisch ist die KPÖ in Salzburg“ — gedacht als Abschreckung, gedacht als Aufkärung? –, allerdings ohne Fragezeichen, so daß, wer möchte, auch ein Ausrufezeichen dahinter setzen könnte, hätte im Vergleich von ÖVP und KPÖ PLUS auch lauten können: Wie kommunistisch ist die ÖVP, wie christlichsozial ist die KPÖ PLUS in Salzburg?

Wenn gehört wird, worum es Wilfried Haslauer geht, worum es Kay-Michael Dankl geht, kann doch gesagt werden, es geht Wilfried Haslauer und Kay-Michael Dankl um dasselbe. So hätte die Morgenjournal-Schlagzeile auch lauten können: Wie kommunistisch ist Wilfried Hauslauer, wie christlichsozial ist Kay-Michael Dankl? Oder auch: Wie kommunistisch ist Wilfried Haslauer, wie landeshauptmännisch ist Kay-Michael Dankl?

Wenn gehört wird, es seien von der KPÖ PLUS eher Wünsche an die Politik, war das bisherige zehnjährige Regieren von Wilfried Haslauer und seiner ÖVP dann eher das Wünschen, gerichtet an die Politik, deren Adresse unbekannt ist, deren Adresse der ÖVP unbekannt ist? Die KPÖ PLUS scheint hingegen die Adresse genau zu wissen, sie schickt ihre Forderungen nicht ohne Adresse ab, ihre Forderungen sind an die Regierenden adressiert, also auch an die ÖVP, aber diese schickt sie seit zehn Jahren als Wünsche weiter an die Politik, ohne jedoch von der Politik eine Adresse zu haben.

Ob in dieser Woche noch eine Morgenjournal-Schlagzeile zu lesen sein wird, die lauten könnte: Wie … ist die FPÖ in Salzburg (mit dem demokratischen Angebot, ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen selbst dahinter setzen zu können, als Abschreckung oder als Aufklärung)?

Eine Schlagzeile allerdings, sollte es zu dieser Frage oder zu diesem Ausruf in dieser Woche noch kommen, wäre eine falsche: Wie populistisch ist die FPÖ in Salzburg

Die FPÖ ist, was sie ist, und das

nicht am Rand, von dem jetzt im Angesicht des salzburgischen Wahlergebnisses so viel in der Mehrzahl gesprochen wird, jedenfalls in Österreich

Populistisch ist die Mitte, also die ÖVP, zu der sich Wilfried Haslauer mit seiner Partei zählt, und die populistische hat anständig verloren.

Mit Müh‘ und Not mit seiner Partei erstgebliebener Wilfried Haslauer und der Ausschluß einer demokratisch gewählten Partei aus dem journalistischen Koalitionsspiel

Moderator: Welche Koalition ist denn jetzt in Salzburg wahrscheinlich? Landeshauptmann Haslauer scheint seine Aversion gegen die FPÖ nicht wirklich abgelegt zu haben.

Klaus Webhofer: Ja, drei praktikable Möglichkeiten gibt es. Die ÖVP mit den Freiheitlichen und letztere wollen ja unbedingt in die Landesregierung. Dann die ÖVP mit der SPÖ, mit einer hauchdünnen Mehrheit von einem Mandat. Oder man nimmt in dieser Konstellation die GRÜNEN hinzu. Ja, eine dreier Koalition der Verlierer, wie die FPÖ schon ätzt. Es stimmt, Haslauers Symphathien für die Freiheitlichen sind tatsächlich endenwollend, er wirft ihnen, wie wir gehört haben, Radikalisierung der Politik vor. Ich denke, Haslauer hat größere Vorbehalte, mit den Freiheitlichen zu koalieren als seine Kollegin in Niederösterreich, Johanna Mikl-Leitner, und einen Corona-Kniefall hat er ja praktisch ausgeschlossen. Aber wer weiß, was die Verhandlungen ergeben.

Katja Arthofer: Herr Landeshauptmann, gehen wir gleich in medias res. Sie wollten sich vor der Wahl nicht festlegen, jetzt mit ein wenig Abstand danach, wird es eine Koalition mit der SPÖ oder eine mit den Freiheitlichen.

Wilfried Haslauer: Es gibt einen üblichen Vorgang, an den halte ich mich, daß man mit der zweistärksten Partei spricht, dann mit der drittstärksten usw.

Katja Arthofer: Sie haben im Wahlkampf keinen Hehl daraus gemacht, daß Sie kein Fan der Freiheitlichen sind. Hat das große Plus der FPÖ daran etwas geändert?

Wilfried Haslauer: Nein, ich bin kein Fan der Tonalität, die die Freiheitlichen anschlagen der politischen Kultur, der Roheit der Sprache, der Aggression und die Art und Weise, wie diese politische Kultur zu einer sehr, zu einer gewissen Radikalisierung der Politik beiträgt. Und was wir aus diesem Wahlergebnis, daß man natürlich noch sehr im Detail analysieren muß, herauslesen kann, schon jetzt, ist, daß die politischen Ränder gestärkt wurden, eine weit nach rechts gerückte FPÖ hat viel dazu gewonnen und die Kommunisten über 11 % sind natürlich ganz ganz überraschend.

Katja Arthofer: Aber woran liegt das aus Ihrer Sicht, daß die Ränder so gestärkt worden sind? Haben Sie diese Polarisierung unterschätzt?

Wilfried Haslauer: Ja, möglicherweise, das aber ist ein Trend, der europaweit so ist, auch in Österreich stattfindet, das haben wir ja bei den letzten Wahlen gesehen […]

Die Antwort kann nur sein, Stabilität und Kontinuität verstärkt herzustellen.

Katja Arthofer: Aber da muß ich Sie noch einmal fragen, mit wem wollen Sie die herstellen. Was ist mit dem so gerne zitierten Wählerwillen. Legt der eine schwarzblaue Zusammenarbeit nahe?

Wilfried Haslauer: Der Wählerwille hat der ÖVP den Regierungsbildungsauftrag gegeben und letztlich geht es darum, eine Mehrheit zu finden. Es ist nirgends in der Verfassung verankert, daß man mit der Nummer 2 oder mit Nummer 4 gehen müßte, denn, das würde ja, wenn ich Ihre Frage zu Ende denke, dazu führen, daß ich mit der KPÖ eine Koalition eingehen müßte. Und das werde ich sicher nicht tun.

Katja Arthofer: Aber die sind nicht die Zweiten.

Wilfried Haslauer: Aber sie haben den höchsten Zugewinn.

Wie in der Nacht zuvor Martin Thür so auch im Morgenjournal am 24. April 2023 das Ausblenden, das Verschweigen der KPÖ als eine Partei, die für eine Koalition in Frage käme. Von Mitarbeitern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich …

Wilfried Haslauer, der selbst die KPÖ ansprechen muß, weil die Mitarbeiterin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die KPÖ nicht erwähnt, sagt, er werde das sicher nicht tun, eine Koalition mit der KPÖ. Er, Haslauer, denkt die Frage der Mitarbeiterin zu Ende, und dann bringt die Mitarbeiterin, Arthofer, einen Einwand gegen die KPÖ vor: „Aber sie sind nicht die Zweiten.“

Im Morgenjournal sind wieder einmal die Einwände von Wilfried Haslauer gegen die FPÖ zu hören, mit der dennoch eine Koalition nicht ausgeschlossen wird, aber welche Einwände hat Wildfried Haslauer gegen die KPÖ vorzubringen, die, wie er selbst sagt, die höchsten Zugewinne hat?

Welche Einwände kann Wilfried Haslauer gegen die KPÖ vorbringen, daß er sagen kann, mit der KPÖ sicher nicht? Es reicht für die Mitarbeiterin und für die Mitarbeiter offensichtlich als Grund völlig aus, daß die KPÖ die KPÖ ist, von den Mitarbeitern nicht einmal mehr nach dem Grund des Ausschlusses gefragt zu werden braucht, warum mit ihr sicher keine Koalition, für sie der geringste fragende Einwand, daß sie auch eine in Österreich demokratisch gewählte Partei ist, ungehörig …

Während eine Koalition mit der SPÖ, die auf dem dritten Platz mit Verlusten ist, während eine Koalition mit SPÖ und den GRÜNEN, die auf dem fünften Platz mit Verlusten sind, für das Personal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks —

Es ist schon eine recht ausgeprägte Demokratie in Österreich, daß eine Partei, also die FPÖ, gegen die es so viele Einwände gibt, im journalistischen Koalitionsspiel eine derart prominente selbstverständliche Rolle einnimmt, eine Partei, von der Wilfried Haslauer erst seit gestern und heute in der Früh weiß, daß sie „weit nach rechts gerückt“, während der Ausschluß aus dem journalistischen Koalitionsspiel einer ebenfalls demokratisch gewählten Partei, also der KPÖ PLUS eine Selbstverständlichkeit ist, es gar nicht und nicht einmal mehr begründet werden muß, weshalb mit dieser Partei sicher keine Koalition.

Dieses journalistische Koalitionsspiel, aus dem die KPÖ, ausgeschlossen ist, wird sehr die „Freiheitlichen“ freuen —

wie lange schon warnen sie vor dem „Kommunismus“,

wie lange schon kämpfen sie dagegen –,

daß journalistisch Arbeitende die KPÖ so behandeln, wie es deren Gesinnung ganz und gar entspricht.

Und wenn in Salzburg auch die FPÖ Koalitonspartnerin von der christschwarzen Partei wird, dürfen die Begründungen des Wilfried Hauslauer erwartet werden, weshalb doch mit der Partei, die sehr zu Radikalisierung beiträgt, während die KPÖ PLUS ohne freiheitliche Wortwahl die zu hohen Mieten gerade in Salzburg —

Wilfried Haslauer muß Martin Thür erst an eine zweite dritte Koalition, nämlich an eine mit KPÖ PLUS, erinnern, aber nur, um sie als Koalitionspartnerin sofort auszuschließen

Martin Thür: In welche Koalition führen Sie jetzt die ÖVP? Es gäbe jetzt zwei zweier Koalitionen, die möglich sind, eine mit der FP und eine mit der SPÖ, die ist aber sehr sehr knapp mit nur neunzehn Sitzen. Welche dieser beiden Varianten würden Sie präferieren?

Wilfried Haslauer: Es gibt auch eine dritte Variante, das werden wir jetzt in der nächsten Woche in Sondierungsgesprächen ausloten.

Martin Thür: Aber was wäre denn die dritte Variante, eine mögliche dritte Variante, die mir noch einfallen würde, wäre eine dreier Koalition: ÖVP, SPÖ, GRÜNE, aber die GRÜNE wäre quasi nur das dritte Rad am Wagen. Eine Mehrheit hätten Sie auch ohne die GRÜNEN.

Wilfried Haslauer: Exakt, das ist aber eine denkbare Variante, über die man auch nachdenken kann.

Martin Thür: Das heißt, Sie hätten lieber eine dreier Koalition als eine zweier Koalition?

Wilfried Haslauer: Das habe ich nicht gesagt, ich habe gesagt, man kann darüber nachdenken. Es gibt drei Varianten, die realistisch sind, das ist eine der Varianten. Eine Variante mit SPÖ, KPÖ schließe ich aus.

Martin Thür: Mhm. Bei einer ÖVP-SPÖ-GRÜN-Koalition hätten alle drei Partner dieser Koalition, egal ob jetzt die GRÜNEN dabei sind oder nicht, jedenfalls verloren bei der Wahl. Ist das der Wählerwille, daß jene Parteien einfach weitermachen, die bei der Wahl verloren haben?

Wilfried Haslauer: In der Demokratie geht es um Mehrheiten. Wir haben eine Situation, die durch verschiedene gesellschaftliche Umstände, da kommen wir sicher noch darauf zu sprechen, dazu geführt hat, daß die politischen Ränder gestärkt wurden, auf der einen Seite die nach rechts gerückte FPÖ, auf der anderen Seite die sehr links stehende KPÖ mit einem sehr starken und überraschenden Ergebnis. Ich glaube, einer künftigen Regierung wird sein, die Gemeinsamkeiten hervorzuheben, auch eine Politik der Mitte zu machen und das wird für mich auch eine der wesentlichen Fragestellungen sein, ob das gelingen kann.

Martin Thür: Mhm.

Bezeichnender für den österreichischen Zustand ist nicht, daß ein christschwarzer Politiker die KPÖ als Koalitionspartnerin sofort ausschließt, sondern daß einem österreichischen Journalisten in einer nächtlichen Nachrichtensendung des österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks am 23. April 2023 die einzige Partei, die in dieser Wahl am meisten Stimmen dazu gewonnen hat, nicht einmal als Partei für einer mögliche dreier Koalition einfällt, während es für ihn, Martin Thür, eine Selbstverständlichkeit ist, daß es eine Koalition mit der „FP“ geben könnte, daß er, Martin Thür, den sofortigen christschwarzen Ausschluß dieser Partei, die in dieser Wahl so viele Stimmen wie keine andere Partei dazugewonnen hat, lediglich mit einem, vielleicht schon mit einem zufriedenen „Mhm“ quittiert, also sich nicht einmal auf den geringsten Hinweis, auch diese Partei sei demokratisch gewählt, einlassen will, er dem christschwarzen Landeshauptmann nicht einmal entgegnen will, die Frage stellen will, ob der Wille der Wählenden es nicht auch sei, daß die KPÖ PLUS Regierungsverantwortung in einer dreier Koalition übernehmen soll, ob es nicht viel mehr dem Willen der Wählenden entspricht, daß die KPÖ PLUS, die nicht nur weit mehr Stimmen als die GRÜNEN bekommen hat, sondern in dieser Wahl 11,25 Prozent hinzugewonnen hat, während die GRÜNEN 1,11 Prozent verloren haben, die GRÜNEN gerade einmal 8,20 Prozent erreicht haben, während die KPÖ PLUS 11,66 % erzielt haben, die KPÖ PLUS ein zweistelliges Ergebnis, die GRÜNEN ein einstellliges …

Von einem christschwarzen Landeshauptmann, der mit seiner christschwarzen Partei 7,41 Prozent verloren hat, die gerade noch 30,37 Prozent Zustimmung erfahren hat, ist nichts anderes zu erwarten, ist doch der Ausschluß in ihre Geschichte eingeschrieben, der Ausschluß ihre historische Sendung …

Aber daß für einen österreichischen Journalisten im österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Demokratie nur bis zur Regierungsbeteiligung einer „FP“ reicht, nichts macht den demokratischen Zustand Österreichs kenntlicher.

Ernst Fuchs im Dialog mit Arno Breker

Ernst Fuchs: Wenn man das Charakterbild des Künstlers verwechseln wollte mit seiner Begabung, dann ist man auf jeden Fall auf dem Holzweg.

Arno Breker: Ja klar.

Ernst Fuchs: Das hat doch eine nichts mit dem anderen zu tun.

Arno Breker: Natürlich.

Ernst Fuchs: Ich meine, wenn jeder der fromm ist, auch ein El Greco der Malerei wäre, dann könnte man sagen: Okay.

Arno Breker: Ja.

Ernst Fuchs: Aber so ist es nicht.

Arno Breker: Mich haben zwei Leute, haben mich hochgeschätzt, und von dem, den ich Dir jetzt nenne, hatte ich keine Ahnung, so lange ich Molotow noch nicht kannte. Ich hab‘ mal ein langes Gespräch mit Molotow in Berlin gehabt. Und er überbrachte mir die herzlichsten Grüße seines Chefs.

Stalin, Josef Stalin, nicht.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Und der Stalin hatte durch das Auswärtige Amt, Ribbentrop, laufend Fotos von meinen Arbeiten kommen lassen. Jahrelang! Man hat mir nichts davon gesagt. Und dann hat Stalin die Fotos weitergegeben ins Volk, um vom Volke die Meinung zu hören, wie sie auf die Kunst reagieren. Und da hat Stalin festgestellt, daß das russische Volk voller Begeisterung meiner Arbeiten ist und übergab mir den ersten riesigen Auftrag, ein dreißig Meter langes Relief zu machen, in vier Meter Höhe, und Motiv wäre meine Sache, in allen Fällen. Er würde nie es wagen, mir ein Motiv zu nennen, was ich darzustellen hätte, sondern, was ich mache, kommt im Volke an und darauf kommt es ihm an, nicht. Aber ich hatte damals den ersten Herzinfarkt bekommen und ich konnte die Reise nach Rußland nicht antreten, sonst säße ich heute nicht in diesem Stuhl. Dann wäre ich in Rußland geblieben. Nicht.

Alexander hätte es wohl ebenso nicht gewagt, wie Stalin, wie Hitler, Breker, zu groß wäre wohl auch sein Respekt vor Breker, seine Hochschätzung für Breker gewesen, je sich etwas von ihm zu wünschen, je ihm ein Motiv zu nennen, ja, gar je ihm etwas vorzuschreiben, und wenn er, Breker, ihn um etwas gebeten hätte, dann hätte er, Alexander ihm, Breker, es wohl ebenso sofort erfüllt wie …

Stalin, wie Hitler hätte Alexander darauf vertrauen dürfen, daß er, Breker, wie es einem über Herrschende stehenden umsichtigen Menschen, der für seine Herrschenden sorgt, geziemt, ihn in seiner Gesinnung dargestellt hätte, so daß auch er, Alexander, Breker nur Respekt und Hochschätzung entgegenbringen hätte dürfen, es nie hätte wagen müssen, ihm, Breker, gegenüber einen Wunsch zu äußern, er, Alexander, es nie hätte wagen müssen, ihm, Breker, ein Motiv zu nennen, so genau weiß Breker in allen Zeiten, das Rechte zu schaffen, und alle Herrschenden aller Zeiten ihm, Breker, dafür dankbar sein dürfen, daß er ihnen erlaubt, ihr gewaltigster Auftragnehmer aller Zeiten —

„Und da gibt es ja die tollsten Märchen“

Arno Breker: Ich will dir mal folgendes sagen. Ein Schweizer hat einen riesigen Film von mir gemacht

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: und der ist aber nicht aufgeführt worden, ist verboten. Und zu dieser Zeit wurde Speer aus dem Gefängnis entlassen und er ist heimlich zu Speer gefahren, um zu wissen, wie Hitler zu mir stand.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Nicht. Und da gibt es ja die tollsten Märchen. Nicht.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Die Bösen sagen, er hat nur das gemacht, was er mir befohlen hat.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Nicht. Und da hat er den Speer gefragt, wie die Zusammenhänge denn gewesen wären. Und da hat er geantwortet, Hitler hatte einen solchen Respekt vor der Persönlichkeit Brekers, daß er nie gewagt hätte, einen Wunsch zu äußern.

Ernst Fuchs: Jaja.

Arno Breker: Außer, daß er mir Dinge zutraute, nur mir zutraute, beispielsweise ich mußte eines Tages kommen und da sagte er mir, der Krieg dauert zu lange, ich habe große Sorge, daß das Talent in Deutschland ausstirbt. Sie kennen sich aus.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Sie übersehen das. Ich gebe Ihnen den Befehl, daß Sie jeden Menschen, den Sie für begabt halten, sofort aus der Front ziehen können.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Oder wo er auch steht. Oder wo er Schwierigkeiten hätte, daß die von ihm entfernt werden, damit er sich entwickeln kann. Nicht. Und da habe ich meinen Schüler Heiliger, der im Schützengraben in Rußland war, habe ich als ersten rausgeholt. Stell Dir das mal vor. Er war verheiratet, hatte schon Kinder und saß im Schützengraben. Und der kommt zurück zu mir nach Wriezen, da habe ihm eine Wohnung gegeben, die Familie kam, seine Kinder, und dann habe ich ihm Geld gegeben, dann habe ich ihm Aufträge gegeben, ein Atelier, Sie können selbständig arbeiten, Sie können auch mir helfen, damit Ihre Geldnot aufhörte. Und ich hatte das schon mit Erfolg gemacht, als er zu mir auf die Akademie kam und ich sah, was für ein armer Teufel das war. Und wenn ich jemand um Hilfe bat, damals, dann wurde die Hilfe erfüllt. Ich schrieb an seinen Gauleiter,

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: daß er, er ist mein Schüler, er lebt hier in Ihrem Land und bitte ihn, dem Schüler ein Stipendium zu geben.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Das hat er sofort getan. Bekam monatlich 600 Mark.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Den ganzen Krieg über. Stell Dir das mal vor. Dann habe ich an einen zweiten Gauleiter geschrieben, der mit der Wohnung nichts zu tun hatte, von dem ich aber wußte, daß er ein Gefühl für Kunst hat,

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: dann bekam er wieder 600 Mark. Da hatte er ein Einkommen von 1.200 Mark. Nicht. Und der Mann kommt zurück, als ich fliehen mußte, als die Russen die Oder überschritten hatten, kam ein Führerbefehl, da mußte ich nachts um zwei Uhr weg wieder nach Berlin und am anderen Morgen nach Süddeutschland. Da hat sich der Heiliger in mein Berliner Atelier gesetzt und hat alles geerbt, was ich an Drehscheiben … das hatte ich in rauen Mengen, weil ich sehr viele Arbeiten gleichzeitig unter der Hand hatte. Und er macht in Duisburg eine Ausstellung, da habe ich per Zufall im Radio ein Interview von ihm gehört. Da hat der Mann ihn gefragt, wo haben Sie eigentlich studiert? Da sagte er, in Berlin. Ja, bei wem denn? Ja, bei der Berliner Schule. Und nannte keinen Namen. Nicht.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Und hat auch meinen Namen nie genannt und hat nur gesagt, der Breker, das ist überhaupt kein Künstler. Nicht. Der kann nichts.

Ernst Fuchs: Haha.

Arno Breker: Bis heute sagt er das. Nicht.

Ernst Fuchs: Ja, das kommt von der Identifikation

Arno Breker: Dem habe ich das Leben gerettet.

Ernst Fuchs: mit dem Hitler. Ja.

Arno Breker: Der hätte jeden Tag erschossen werden können.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Wenn er an der Front ist. Nicht.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: So ist das. Aber das hat mich nicht gehindert, andere Leute auch zu unterstützen. Beispielsweise Maillol. Ich bekomme von Maillol vier Briefe. Maillol war ein vielfacher Millionär. Was er bar an Geld besaß.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Wenn wer etwas kaufte bei ihm, da mußte das Geld erst auf den Tisch und der Maillol zählte nach und wenn es stimmte, da konnte er die Arbeit mitnehmen, aber vorher nicht. Das war der Bauer Maillol. Nicht.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Und er schrieb mir. Lieber Breker, ich bin in fürchterlichster Beklemmung, ich kann nicht mehr arbeiten, mein Modell ist weg, ist verhaftet worden und sitzt im Gefängnis.

Ernst Fuchs:: Ah, die Dina Vrieny.

Arno Breker: Ja. Tun Sie alles, um sie freizubekommen. Und ich muß Ihnen gestehen, daß ist nicht nur mein Modell, sondern das ist auch meine Geliebte. Ich kann ohne sie nicht leben.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Sie ist verhaftet worden, weil sie eine aktive Kommunistin war. Das ist der deutschen Besatzung, also der Gestapo

Ernst Fuchs: zu Ohren gekommen. Ja.

Arno Breker: Jaja. Das hat sie entdeckt. Nicht. Und dann hat sie riesige Geldbeträge von deutschen Juden

Dina Vrieny …

Während der Besatzung Frankreich durch die Nationalsozialisten war Dina Vierny in der Résistance tätig und half Flüchtlingen über die Grenze nach Spanien. Nach dem Unfalltod Aristide Maillols im Jahr 1944 kümmerte sie sich um den Nachlass des Bildhauers und machte seine Kunst auf Ausstellungen bekannt, etwa auf Documenta 1 im Jahr 1955 in Kassel. Zudem eröffnete sie eine Galerie in Paris und handelte mit Kunst der klassischen Moderne. Auch um die Gegenwartskunst kümmerte sich Dina Vierny. Nach Besuchen in die Sowjetunion während der 1960er Jahre zeigte und sammelte sie Kunst russischer Nonkonformisten wie Ilya Kabakov und Erik Bulatov. In den frühen 1970er Jahren entstanden ersten Pläne zu einem Musée Maillol. Dafür kaufte sie nach und nach das Gebäude in der Rue de Grenelle. 1995 konnte dann die Fondation Dina Vierny – Musée Maillol eröffnet werden. Auch in Banyuls-sur-mer in den Pyrenäen, dem Geburtsort Maillols, ließ Dina Vierny ein Museum für den Bildhauer errichten.

10.02.2009. Kunstmarkt.com. Ulrich Raphael Firsching

Arno Breker: über die Grenze gebracht, bei Maillol, von Maillols Grundstück gab es einen Feldweg zu den Pyrenäen hin.

Ernst Fuchs: Aha.

Arno Breker: Da war man innerhalb von zehn Minuten in Sicherheit. Und sie brachte auch eine Fülle von Juden in Sicherheit.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Das war bekanntgeworden.

Ernst Fuchs: Ja.

Arno Breker: Aber sie war zu unvorsichtig, weil sie das zu öffentlich machte. So war es auch mit Picasso.

Monate sind Arno Breker vierzehn Tage, Stunden sind Arno Breker zehn Minuten. Zehn Minuten auf einem Feldweg, um in Sicherheit zu sein – in Spanien. Vom Grundstück Maillols auf dem Feldweg bequem zehn Minuten zu gehen, ist ein, und das ist kein Märchen, Gehen Richtung Spanien in die Sicherheit, es sind die ersten zehn Minuten von vielen, vielen Minuten, die zu Stunden …

Dort gibt es den Walter-Benjamin-Weg, und wie das mit den zehn Minuten und dem Feldweg war, darüber soll ein Bericht Auskunft geben:

Es sind aber nicht nur die Unerfahrenheit der Führerin, die das Unternehmen gefährlich machen, sondern auch die Grenzpatrouillen, denen es auszuweichen gilt. Zudem ist Walter Benjamin, obschon erst 47 Jahre alt, schwer krank. Das Herz macht ihm zu schaffen, die langen Jahre des Exils, der zeitweisen Internierung und der ständigen Unsicherheit haben ihn zermürbt. Sein einziger verbliebener Wunsch: sein letztes, noch unveröffentlichtes Manuskript, das er in einer Aktentasche bei sich trägt, nach Spanien in Sicherheit zu bringen. Für dieses Ziel schläft er sogar am Abend zuvor auf freier Strecke, während seine Mitstreiter nach einer ersten Erkundungstour nach knapp einem Drittel noch einmal umdrehen. Benjamin traut sich diese Anstrengung nicht zu. Für heutige Wanderer, ausgeruht, mit ausreichend Wasser und vernünftigem Schuhwerk versehen, ist der Gang über die Pyrenäen unproblematisch, auch wenn Schiefergeröll dem Fuß nicht immer ausreichend Halt bietet und man sich ab und an widerwillig im Vierfußgang wieder findet. Für einen körperlich untrainierten, zudem kranken Intellektuellen, der nicht einmal weiß, was ihn am Ende der Strecke erwarten wird, muss es die Hölle gewesen sein. Jedoch hat er sich, wie Lisa Fittko schreibt, nie beklagt. „Benjamin wanderte langsam und gleichmäßig. In regelmäßigen Abständen – ich glaube, es waren zehn Minuten – machte er Halt und ruhte sich für etwa eine Minute aus. Dann ging er in demselben gleichmäßigen Schritt weiter. Er hatte sich das, wie er mir erzählte, während der Nacht überlegt und ausgerechnet: Mit dieser Methode werde ich es bis zum Ende schaffen. Ich mache in regelmäßigen Abständen Halt – die Pause muss ich machen, bevor ich erschöpft bin. Man darf sich nie völlig verausgaben. Was für ein merkwürdiger Mensch, dachte ich. Kristallklares Denken, eine unbeugsame innere Kraft, und dabei ein hoffnungsloser Tollpatsch.“ Wer, wie wir Heutige, zum Vergnügen diesen Weg nach Spanien geht, wird jedoch viel Freude haben an den Buschwäldern, die sich an die Weinberge anschließen, den romantischen Pfaden entlang der Lavendel-, Thymian- und Rosmarinsträucher, den Steineichen. Durchaus fordernd, aber nie überfordernd. Von wilden Stieren, die zu Benjamins Zeiten hier noch gelebt haben, ist nichts mehr zu sehen. Circa drei Stunden nach Aufbruch in Banyuls erreicht man nach einem etwas alpineren Wegabschnitt den Coll de Rumpissa – und, die SMS des spanischen Telekommunikationsunternehmens zeigt es an: Wir haben, ohne es zu merken, die Grenze bereits überquert. Belohnt werden wir mit einem mediterranen Panoramablick von Spanien bis Frankreich, der auch Lisa Fittko vor 76 Jahren begeistert hatte.

Geschichte einer Flucht über die Pyrenäen. Brigitte Baetz. 25.09.2016. Deutschlandfunk