Nun gibt es ein Wahlplakat der identitären Regierungspartei in Österreich mit dem Aufruf „Steh auf“ … einmal mit Harald Vilimsk, einmal mit dem zurzeitigen Vizekanzler und Obmann der identitären Regierungspartei …
Mit dem Spruch „Steh auf“ sich zu beschäftigen, nun, damit kann es keine Beschäftigung geben, mit einem inhaltslosen Spruch …
Aber. Damit sich zu beschäftigen, was könnte die identitäre Regierungspartei mit dem inhaltslosen Spruch „Steh auf“ wieder einmal probieren, wen wieder ins Spiel zu bringen, das lohnt wohl auch nicht, und doch notwendig …
Mit „Steh auf“ ist es unweigerlich, auf Theodor Körner zu liegen zu kommen. Theodor Körner, ein Dichter, der auch, aber nicht nur
„Steh auf“ ist auf dem Plakat der identitären Regierungspartei zu lesen. Beim Ansehen des Hintergrunds, beim Sehen des umwölkten Parlaments kann der Vers weitergesprochen werden, wie dieser zu Ende geht: „der Sturm bricht los“.
„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“, ist der erste Vers von Theodor Körner.
Befragt nach dem vizekanzlerischen Wort „Bevölkerungsaustausch“ kommt der zurzeitige Bundeskanzler mit „Lenin“ … Hierzu muß nicht viel gesagt werden. Es werden diese Verteidigungsreflexe gekannt, es werden die Gesinnungskreise gekannt, die hierzulande stets dieser Muskel zuckt, gegenzurechnen, zu verharmlosen, aufzurechnen, zu relativieren …
Dieses Interview war aus einem anderen Grund ein Höhepunkt, wohl die Glanzleistung des zurzeitigen Bundeskanzlers schlechthin.
Der zurzeitige Bundeskanzler sagt in diesem Interview, es gefalle ihm „Bevölkerungsaustausch“ nicht, daß er es „widerlich“ fände, das will er in diesem Interview nicht bestätigen, nur, es gefalle ihm halt nicht.
Das Entscheidende dabei.
Er, der zurzeitige Bundeskanzler, würde es selbst nicht verwenden, weil „Bevölkerungsaustausch“ „sachlich falsch ist“.
Er, der zurzeitige Bundeskanzler, regiert aber mit einer identitären Partei, mit einem identitären Vizekanzler, der sachlich falsch …
Das, auch das, sollten sich Wahlberechtigte unbedingt merken, für jedwede kommende Stimmabgabe in Wahlen, der zurzeitige Bundeskanzler in Österreich findet nichts dabei, mit Personen zu regieren, die sachlich falsch …
Einen „Bevölkerungsaustausch“ kann es weder theoretisch noch praktisch geben. Was es aber theoretisch immer geben kann und praktisch geben muß, nicht nur in Österreich, also auch in den Ländern, in denen der identitären Regierungspartei Kameraderie regiert, ist ein Regierungsaustausch.
Fernsehanstalten können schon beginnen, eine Sendung zu planen, mit dem Arbeitstitel „Als ich auch einmal glänzte“ … der erste Gast in drei Jahren sollte dann — sozusagen als Referenz an einen Mann, der immerhin einmal Bundeskanzler war …
Er, zurzeitiger Vizekanzler in Österreich, verwende mit „Bevölkerungsaustausch“ einen I-Begriff, übernehme einen Begriff aus der „rechtsextremen Szene“, der Vizekanzler „im identitären Sprech“ und so weiter und so fort.
Das ist doch immer wieder richtig einzuordnen, in die richtige Reihe zu bringen, wer folgt wen.
Nicht der zurzeitige Vizekanzler ist im „identitären Sprech“, sondern die Is, die als was auch immer eingestuft werden, etwa als rechtsextreme, sind im „Sprech“ der identitären Regierungspartei …
Ach, wie lange liegt das zurück, achtzig Jahre und mehr, alte, sehr alte Menschen werden sich vielleicht noch daran erinnern, wie damals breitenwirksam gepostet …
Heutzutage gibt es, nein, nicht andere, sondern posting cards mittels weiterentwickelter Technologie. Wie schön, wie erfreulich, die Weiterentwicklung, also der Technologie Weiterentwicklung …
Die Sprüche allerdings, nun, die Sprüche sind kein Getriebe, sind keine Transistoren, keine Chips, und so bleiben die Sprüche wie ehedem – ohne jedwede Entwicklung …
Das ist auch eine Frage des Marktes.
Ist der Anspruch des heutigen Menschen an die Technologie der größte, so ist der Anspruch des heutigen Menschen an die Sprüche der geringste. Es gibt keine Nachfrage nach weiterentwickelten Sprüchen. Ohne Nachfrage keine Investition in Weiterentwicklung, sondern nur Weiterverkauf von Uraltem, solange das weiterhin recht Gewinne bringt …
Und die Uraltsprüche bringen nach wie vor recht, recht fette Gewinne. Was der Ururoma schon gefiel zum Hereinfallen, gefällt dem Ururenkel immer noch, was dem Urururopa schon einfiel zum Hereinlegen von Menschen, fällt auch dem Urururenkel zum Hereinlegen von Menschen ein …
Das ist auch Tradition, nicht nur in Österreich, aber auf besonders rechte Weise in Österreich.
Bei diesem Spruch von Andreas Hofer fallen nicht augenblicklich und üblicherweise beispielsweise die Postkarten aus dem nationalsozialistischen Österreich ein, die vertriebenen posting cards der ehrenreichen Familie aus Graz … diese fielen hier nur ein, um zu beginnen, irgendwie mit diesem Kapitel beginnen zu können, aber nicht, um bei dieser Zeit haften zu bleiben, mit dieser Zeit zu enden …
„Alle Übel dieser Welt, wie auch der Krieg, hängen von diesem Faktum ab, dass nämlich diejenigen, die Befehle erteilen, nicht deren Folgen erleiden.
An-archie bestünde demnach darin, keinen Befehl zu dulden, der nicht von seinem Befehlsgeber selbst erleidet wird, so wie ihn die anderen erleiden.“
Dies ist vielleicht doch zu platt geraten, aber es ist von Paul Valéry, aus seinen „Prinzipien aufgeklärter An-archie“.
Und es ist zugleich doch eine Idee, die spekulieren läßt, wie wäre die Entwicklung gewesen, wenn diese die absolute Bedingung menschlichen Handelns seit ihrer Niederschrift vor mehr als achtzig Jahren gewesen wäre.
Aber. In der Vergangenheit nicht umgesetzt, nirgendwo auf der Welt. Aber. In der Gegenwart nicht umgesetzt, nirgendwo auf der Welt. Doch. In der Zukunft umsetzbar, überall auf der Welt.
In der Zukunft umsetzbar, überall auf der Welt.
PS Gerade in Österreich, wo auf die zurzeitige absolute Plattheit das Platteste als die richtige Antwort vollkommen gerechtfertigt und absolut ausreichend ist, kann diese Idee frei von Scham und Bedenken vorgebracht werden.
„ich bleibe bei einem beispiel: zwei erwachsene, drei kinder, mindestsicherungsbezieherfamilie, in der alten regelung der mindestsicherung mehr netto verdient haben als eine fünfköpfige familie mit zwei erwerbstätigen erwachsenen und drei kindern. das geht sich nicht aus.“
Seit diesem 28. April 19 aber ist nun bekannt, die Frau des bundeskanzlerischen Verkäufers arbeitet auch. Aber sie, die Frau, bekommt für ihre Arbeit keinen Lohn, kein Gehalt.
„Das geht sich nicht aus.“ Ja, das geht sich wirklich nicht aus. Sie, die Frau, kann für ihre Arbeit keinen Lohn bekommen, sonst würde die Familie des Verkäufers doch mehr als 2.600,00 Euro – jedenfalls nach der bundeskanzerlischen Beispielrechnung:
„ein verkäufer zum beispiel der in österreich arbeiten geht und 1600 euro netto verdient verheiratet ist seine frau ist zu hause und er hat drei kinder also ein arbeitnehmer mit 1600 euro einkommen der kommt als familie wenn man alles zusammenzählt dreizehntes vierzehntes gehalt familienbeihlfe alles zusammen auf eine summe von 2500 netto pro Monat ein mindestsicherungsempfänger oder eine familie in mindestsicherung mit drei kindern kommt derzeit mit dem alten modell auf eine höhere summe nämlich 2600 euro pro monat das heißt die familie wo niemand arbeiten geht in mindestsicherung steigt besser aus finanziell als ein mensch der ganz normal in österreich arbeitet 40 stunden die Woche und einen fulltimejob hat das ist ja ein absurdes System“
Na ja, vielleicht geht es sich doch aus, und die Frau verdient etwas dazu, aber damit es unter diesen 2.600,00 Euro bleibt, kann der Dazuverdienst höchstens 99,00 Euro …
Interessant wäre noch von Karl Nehammer zu erfahren gewesen, ob die Frau wie ihr Mann ebenfalls für Vollzeit oder sie für Teilzeit 99 Luftballone …
Es bleibt bei diesem berüchtigten Beispiel nur eine Frage noch offen, die verwundert, daß der zurzeitige Bundeskanzler gar nicht weiß, daß die Frau seiner Beispielfamilie ebenfalls arbeitet …
„‚Wir sind nicht rechtsextrem, wir wollen es auch nicht sein‘, betonte auch Verlagsgeschäftsführer Wolfgang Rainer Dvorak-Stocker. Zwar habe man in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts einige antisemitische Bücher herausgebracht, die kein Ruhmesblatt wären, das sei aber Vergangenheit.“
Das sind selbst karikaturenhafte Interviewminuten eines Geschichtsunterrichts beziehungsweise eine typische österreichische Geschichtsbetrachtung gewesen. Nach Nürnberg, zum „Stürmer“, zu einer Karikatur, nach Deutschland auszuweichen. Und gesinnungsgemäß der Blick auf die Vergleichsbilder von Vilimsk auf Selektionsschärfe eingestellt …
Dabei hätte Armin Wolf diesen weiten Weg nicht antreten müssen, er hätte in Österreich bleiben können, ganz bequem, der Weg von Wien nach Graz ist kurz.
Vilimskens Ringjugendkameraderie brauchte für ihren Folder ja auch nicht den beschwerlichen Weg nach Deutschland, nach Nürnberg, zum „Stürmer“ auf sich zu nehmen. RFJ brauchte nicht einmal eine Karikatur als Vorlage. Alles, was sie je braucht, findet sie reichlich im eigenen Land, sogar im eigenen Bundesland, in der Steiermark.
Eine Postkarte genügt, vom Leopold-Stocker-Verlag. Dafür ist es nicht einmal notwendig, Bücher dieses Verlages aus den 20er Jahren aufzuschlagen, nur ein kurzer Blick auf eine Postkarte aus den späten 30er Jahren reicht vollkommen aus, um im 18er Jahr einen Folder gesinnungsgemäß zu produzieren …
Wäre Armin Wolf bis Graz gekommen, was für einen schönen Titel hätte er seinem Interview mit EU-Spitzenkandida Harald Vilimsk geben können:
Bei der Einblendung des Namens von seinem Parteikameraden durch FPÖ-TV mußte augenblicklich gedacht werden, was würde Armin Wolf dazu einfallen? Abkürzungen aus der Zeit der …? Es sieht auch ganz danach aus, als ob FPÖ-TV vermitteln möchte, es sollen mit dem Namen Abkürzungen transportiert werden, haben doch die betreffenden Buchstaben andere Farben: „SK“. „SK“ war einmal die Abkürzung für „Schnellfeuerkanone“, aber auch für u.a.m. „Schiffskanone“, „Sonderkommando“ und für, besonders schön, „Schlauchkarre“. Es wird verständlich, daß der letzte Buchstabe seines Namens weggelassen wurde, eine Abkürzung „SKY“ gab es zu dieser Zeit, die Armin Wolf dazu einfallen könnte, nicht. Und „ida“? Eine Abkürzung, die einzige: „Inspekteur der Artillerie“.
„Am 23. April 1789 wendet sich Jean-Baptiste Réveillon, Eigentümer der Königlichen Tapetenmanufaktur, an die Wahlversammlung seines Bezirks und fordert eine Senkung der Löhne. In seiner Fabrik in der Rue de Montreuil sind mehr als dreihundert Menschen angestellt. Ungezwungen und erstaunlich freimütig erklärt er, die Arbeiter könnten sehr wohl mit fünfzehn Sous statt mit zwanzig pro Tag auskommen, ja manche hätten bereits eine Taschenuhr und seien bald wohlhabender als er. Réveillon ist der König der Tapeten, er exportiert in die ganze Welt, aber die Konkurrenz ist rege; er möchte, dass seine Arbeitskräfte ihn weniger kosten.
[…]
Doch das Volk hatte Hunger. Die Kornpreise waren gestiegen, die Weizenpreise waren gestiegen, alles war teuer. Und nun machte auch Henriot, Salpeterfabrikant, die gleiche Ankündigung. In den Vororten begann es zu gären. Abends traf man sich in der Schenke, schrie, schimpfte schlürfte sein Gläschen, während man sich fragte, ob man die Miete noch lange würde bezahlen können. Alle waren aufgewühlt und in Sorge. Die Nacht vom 23. April 1789 war eine lange Nacht des Palavers, der Klagen und der Wut.
Es war kurz vor der mehrmals aufgeschobenen Eröffnung der Generalstände. Man demonstrierte. Einen Tag, zwei, vergebens. Réveillon und Henriot glaubten wohl, dass sie sich umbesinnen, dass sie zwischen zwei kräftigen Zügen Wein und zwei Brocken Brot die Pille schlucken würden – es gab ja keine Wahl! –, und dass bald alle wieder frühmorgens vor ihren Maschinen knien und um ihr Leben schuften würden – denn leben muss man nun mal! –, man kann sich schließlich nicht ewig auf der Place de Grève die Seele aus dem Leib brüllen. Doch der Protest hörte nicht auf.“
„Doch der Protest hörte nicht auf.“ Es wurden die Prachtbauten von Réveillon und Henriot gestürmt. In diesem April 1789. Und es blieb nicht dabei. Es ging weiter. Bis zum 14. Juli. Bis zum Sturm …
„Angeblich soll es am 14. Juli gegen Ende des Tages geregnet haben. Ich bin mir nicht sicher. Die Meinungen gehen auseinander. Fest steht jedoch, dass es Papier regnete. Man schmiss die Archive der Ordnung und die Gefangenregister, die unbeantworteten Bittgesuche und Rechnungsbücher in die Luft und sah sie schweben, flattern, auf den Dächern landen, im Dreck, auf den Bäumen und in den schmutzigen Gräben der Festung.
[…]
Man müsste häufiger mal seine Fenster öffnen. Ab und zu, einfach so und völlig ungeplant, alles über Bord schmeißen. Das würde Erleichterung verschaffen. Man müsste, wenn das Herz uns so aufwühlt, wenn die Ordnung uns erbittert und die Verwirrung uns den Atem nimmt, die Türen unserer lächerlichen Élysée-Paläste eintreten, dort wo die letzten Fesseln langsam verrotten, man müsste die Saffianleder stibitzen, die Türsteher kitzeln, die Stuhlbeine anknabbern und nachts, unter den Harnischen, nach dem Licht suchen wie nach einer Erinnerung.
Ja, manchmal, wenn das Wetter allzu grau, der Horizont allzu trübe ist, müsste man die Schubladen öffnen, die Scheiben mit Steinen einschmeißen und die Papiere aus dem Fenster werfen. Dekrete, Gesetze, Protokolle, einfach alles! Es würde fallen, langsam sinken, in die Gosse regnen. Und sie würden durch die Nacht wirbeln wie die fettigen Papiere, die nach dem Jahrmarkt unter den Karussells kreiseln. Das wäre schön und lustig und erhebend. Glücklich würden wir zusehen, wie sie fallen und sich lösen, fliegende Blätter, unendlich fern ihrer zitternden Finsternis.“
Gesinnungsgemäß beziehungsweise identitärgemäß ist von Wolfgang Dvorak-Stocker, wenn er anhebt zur identitären Geschichtserzählung, nicht zu erfahren, wie die Menschen aus dem Krieg heimkehrten, wenn sie überhaupt aus dem Krieg heimkehrten, wenn sie nicht ihr Leben auf dem Feld der Habsburg lassen mußten. Als Kriegszitterer, als Schüttelneurotiker.
Das blieb den Menschen, die von Wolfgang Dvorak-Stocker „Krüppel“ genannt werden, erspart, auch noch als Kriegszitterer heimkehren zu müssen.
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