Wie gut Christian Schuch verstanden werden kann. Beim Hören seiner Sehnsuchtsworte sofort den Entschluß gefaßt, gleich morgen zum Spazieren auf die Favoritenstraße.
Es ist schade, daß Christian Schuch nicht mitkommen konnte, zum gemütlichen Spazieren auf der Favoritenstraße. Wo immer er jetzt sein mag, es kann ihm versichert werden, das Spazieren auf der Favoritenstraße ist wie früher, und auch, wie früher halten sich Menschen gerne auf dem Reumannplatz auf.
Es kann ihn nur hell erfreuen, wenn er diesen Bericht vom Spazieren durch Favoriten liest, daß es immer noch ist – wie früher.
Der Spaziergang durch Favoriten am frühen Abend des 27. Juni 2020 ist gemütlich, friedlich, es bleibt viel Zeit, um stehen zu bleiben, in aller Ruhe fotografieren zu können, unbehelligt mitten auf der Favoritenstraße sich hinzusetzen, lange darüber nachzudenken, weshalb dieses Gebäude von Günther Domenig ungenutzt ist, das einmal für längere Zeit als Bankfiliale genutzt wurde, später dann für ein Geschäft mit technischen Waren, auch über weitere architektonische Werke von ihm nachzudenken, ob sein Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgeländeinzwischen dasselbe Schicksal erlitten hat, wie sein Gebäude in der Favoritenstraße, zu notieren, Erkundigung darüber einzuholen.
So wie heute muß Christian Schuch sein Spazieren früher auch gewesen sein, rundherum Menschen, die sich hier gerne aufhalten, gemütlich spazieren, Kinder, die spielen, ob in der Favoritenstraße, auf dem Keplerplatz, auf dem Viktor-Adler-Platz, auf dem Columbusplatz, in der Wielandgasse … alle diese Orte wurden heute abgegangen, und wären diese Gassen, Straßen und Plätze von früher her schon bekannt gewesen, sie alle hätten dazu eingeladen, immer wieder stehen zu bleiben, um auszurufen: „Wie früher!“
Wie früher, wie damals also, als Christian Schuch sich in Favoriten aufhielt, ehe er sich entschloss, irgendwo anders zu gehen, ob es dort so recht gemütlich ist, um sich so recht gern dort aufzuhalten …
Es könnte noch viel über diesen heutigen gemütlichen Spaziergang durch Favoriten erzählt werden, was für Gedanken gekommen sind, etwa bei den Wandbildern, aber, die dabei gemachten Fotos erzählen wohl besser davon, was für ein gemütlicher Spaziergang durch Favoriten das heute, am 27. Juni 2020, war.
Vielleicht war auch Sorge in der Sehnsucht nach Favoriten wie früher, als er noch in Favoriten war, von Christian Schuch gemischt, aber diese Bilder, wo immer diese ihn erreichen mögen, werden ihn beruhigen können, es ist in Favoriten wie früher, wie früher, als er noch sich gerne auf dem Reumannplatz aufhielt, wie früher als er noch gemütlich durch die Favoritenstraße spazierte, spazieren heute die Menschen gemütlich durch die Favoritenstraße, halten sich die Menschen gerne auf dem Reumannplatz auf.
„Wir befinden uns nicht gerade im Zentrum einer türkischen Großstadt, einer syrischen Großstadt oder einer marokkanischen Großstadt, nein, wir befinden uns hier mitten im Zentrum von Wien, Favoriten, wo sich heute Abend schier Unglaubliches abgetan hat.
Verfeindete Emigrantengruppen haben sich hier rund um den Reumannplatz eine regelrechte Straßenschlacht geliefert, die Polizei auf Trab gehalten.
Zum einen waren linksextremistische Emigranten beteiligt, aber zum anderen auch türkisch nationalistische Emigranten.
Für uns Freiheitliche hier in Favoriten ist das besonders traurig. Denn wir haben erst gestern im Bezirksparlament einen Antrag gestellt, gegen Linksextremismus in Favoriten. Und dieser Antrag wurde mit fadenscheinigen Argumenten von Rot, Grün und den Neos abgelehnt. Wir Freiheitliche werden jedoch nicht locker lassen, und weiter Anträge in diese Richtung stellen.
Warum? Wir wollen unser Favoriten wieder zurück, wie wir es von früher kennen, ohne importierte Emigrantengewalt, ohne Emigrantenkonflikte, hier um den Reumannplatz. Wir wollen unser Favoriten zurück, wie wir es von früher kennen. Wo man sich auf dem Reumannplatz gerne aufhält, wo man man auf der Favoritenstraße gemütlich spazieren kann. Aber wir wollen das Favoriten nicht, das wir heute vorfinden. Ein Favoriten voller Konflikte. Ein Favoriten voller Gewalt, wie wir es heute am Abend erlebt haben.“
Aufschlußreich an dieser Rede ist die schuchsche Unterscheidung zwischen „linksextremistische“ und „nationalistische“, die daran „beteiligt“ … Die „nationalistisch“ Beteiligten“ mit ihrem „Wolfsgruß“ sind sonst als „Faschisten“ bekannt, werden als „Faschistinnen“ geführt. Für Christian Schuch ist „faschistisch“ also „nationalistisch“. Oder umgekehrt. Schuch bestätigt damit nur, Nationalismus ist Faschismus. Das ist aber keine neue Erkenntnis von Schuch.
Und mehr als bemerkenswert, nämlich aufmerkenswert ist der Antrag der FPÖ im Bezirksparlament: „gegen Linksextremismus in Favoriten“. Schuch will mit seiner Partei weiter Anträge „gegen Linksextremismus“ stellen. Aber, nach seiner Rede, je keinen Antrag zugleich gegen Faschismus oder, wie dieser von ihm genannt wird, zugleich gegen Nationalismus in Favoriten.
Es ist wohl auch der „Idealismus“, der verbindet und es gar so recht schwer macht, Anträge zu stellen, gegen Linksextremismus und zugleich gegen Faschismus respektive Nationalismus, zugleich gegen Rechtsextremismus …
„Es ist unmöglich sich vorzustellen, was mit der Welt geschehen wäre, wenn die Rote Armee …“
Und so weiter, irgendwie, Vladimir Putin am 24. Juni 2020 …
„Anlass ist der 75. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Hitler-Deutschland. ‚Das Volk der Sowjetunion hat einen nicht wieder gutzumachenden Preis für die Freiheit Europas gezahlt‘, sagte Putin. Die Menschen der Sowjetunion hätten die Hauptlast getragen. 27 Millionen Todesopfer zählte das Land im Zweiten Weltkrieg. Das sei die ‚Wahrheit über den Krieg‘, die nie vergessen werden dürfe. Deutschland habe mit seinem Überfall auf die Sowjetunion 1941 mehr als 80 Prozent seiner Streitkräfte gegen das Land gerichtet. Diese ‚unerbittliche Armada‘ und ‚das totale Böse‘ seien aber am Widerstand des sowjetischen Volkes zerbrochen, sagte Putin. Zugleich bot er der internationalen Gemeinschaft einmal mehr an, an einem System für die weltweite Sicherheit zu arbeiten.“
Was aber tatsächlich unmöglich ist, sich vorzustellen, was in der Welt geschehen wäre, wenn es nicht die Pakte gegeben hätte, wenn es nicht den „Stalin-Hitler-Pakt“ gegeben hätte, wenn es nicht den Pakt Stalins mit Japan gegeben hätte …
Die Tinte auf dem Stalin-Hitler-Pakt und seinem Zusatzprotokoll war noch nicht trocken — das sich vorzustellen, ist ungustiös: Die Hosen von Hitler und Stalin waren noch nicht trocken, weil sie vor lauter diebischer Kicherei über ihren Pakt mit Zusatzprotokoll in die Hose schifften, da begann auch schon ihr der Krieg von 1939 bis 1945 …
Und was tatsächlich nicht notwendig ist, sich vorzustellen, was in der Welt geschehen ist, nachdem es die sowjetischen Pakte mit Japan und dem deutschen reich gegeben hat. Dieses Geschehen kann nachgelesen werden, und wer nicht liest, kann täglich stündlich auf vielen Fernsehkanälen Dokumentationen über dieses Geschehen sich ansehen, dieses Geschehen bis herauf zum Ende der Sowjetunion, und weiter bis herauf zum heutigen Tage auch über das in Gang gesetzte Geschehen des Revisionisten Putin.
Am 3. Juni ’20 gratuliert der zurzeitige Bundeskanzler in Österreich auf der Plattform des Unternehmens Twitter Avdullah Hoti zu seiner Ernennung zum Premierminister des Kosovo.
Ebenfalls am 3. Juni 2020 berichtet „Der Spiegel“:
„Avdullah Hoti wird neuer Regierungschef im Kosovo. Das Parlament wählte den konservativen Politiker mit einer hauchdünnen Mehrheit von 61 der 120 Abgeordneten zum Ministerpräsidenten. Er löst den erst seit Februar amtierenden, reformorientierten linken Regierungschef Albin Kurti ab. […] Hoti gehört dem bisherigen Koalitionspartner LDK (Demokratische Liga des Kosovo) an. Nominiert hatte ihn Präsident Hashim Thaci, Kurtis erbitterter politischer Rivale. Das Verfassungsgericht hatte am vergangenen Donnerstag die Nominierung für rechtens erklärt. […] Der ehemalige Kommandeur [Thaci] der Untergrund-Miliz UCK dominiert seit dem Ende des bewaffneten Konflikts mit Serbien im Jahr 1999 die kosovarische Politik. Kritiker werfen ihm Korruption und Ineffizienz vor.
Den Wahlsieg von Vetevendosje und LDK im vergangenen Oktober verbanden viele Bürger mit Hoffnungen auf einen neuen Aufbruch. Einen solchen erwartet sich unter Hoti kaum jemand.“
Einen neuen Aufbruch unter Avd. Hoti erwartet sich kaum jemand —
Vor zwei Jahren, ebenfalls auf der Plattform des Unternehmens Twitter, freute es S. Kurz, daß Präsident Hashim Thaci in Wien – –
Hoti, nominiert von Thaci. „Das Verfassungsgericht hatte am vergangenen Donnerstag die Nominierung für rechtens erklärt.“ Im Kosovo wie in Österreich muß, kurz gesagt, der Verfassungsgerichtshof sich damit beschäftigen, ob Nominierungen, ob etwa Gesetze in Zeiten von Corona …
Has. Thaci, dem Korruption und Ineffizienz vorgeworfen wird. Aber nicht nur das, und das seit vielen, vielen Jahren. Es steht noch viel mehr auf seiner Liste, und das seit vielen, vielen Jahren, nicht erst seit 2018 – Organisierte Kriminalität, Morde, Terroranschläge …
Und nach den Meldungen dieses Tages, 24. Juni ’20, wird es wohl zu einer Anklage kommen …
„Der kosovarische Präsident Hashim Thaci muss sich aller Voraussicht nach vor dem Sondergericht zur Ahndung von Kriegsverbrechen während des Kosovo-Krieges verantworten. Die Ankläger des Haager Sondergerichts legen ihm Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last, darunter fast 100 Morde.“
PS Wenn es einmal einen österreichischen Film geben sollte, über dieses Umfeld, wie könnte sein Titel sein? Boing-Boing? Nein, das ist bereits der Titel einer Komödie aus ’65. Vielleicht nur lautmalerisch kurz: Boing? Oder Ibiza-Ibiza? Passender und identitätsstiftender zu Österreich wohl: Ischgl-Ischgl …
Seitens der Behörden wird bestätigt, daß es keinen amtlichen Auftrag gegeben habe, den Wehrmann von seinem Platz beim Wiener Rathaus (Ecke Felderstraße-Ebendorferstraße) zu entfernen.
Es kann nur vermutet werden, ob die Tafel eigentlich mit „Schande“ verunstaltet werden wollte, aber aufgrund einer Rechtschreibschwäche daraus ein „Schade“ wurde.
Nun ist in diesem Jahr in einer Neuübersetzung der Roman „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin erschienen.
In den Buchbesprechungen wird stets nur davon geschrieben, Baldwin beschreibe die Liebe zwischen „zwei weißen Männern“. Freilich die dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG aus München läßt bereits mit ihrem Klappentext
„Baldwin brach mit ‚Giovannis Zimmer‘ 1956 gleich zwei eherne Tabus: Als schwarzer Schriftsteller schrieb er über die Liebe zwischen zwei Männern, zwei weißen Männern.“
keine andere Deutung in Rezensionen zu, als eben die, Baldwin beschreibe „zwei weiße Männer“ …
Giovanni ist ein Italiener. Was von ihm erzählt wird, auch von seiner Zeit in Italien, verleitet nicht dazu, über seine Hautfarbe zu spekulieren. Die Haut wird „weiß“ sein, so „weiß“ die Haut des „weißen Mannes“ eben „weiß“ ist.
David ist ein Amerikaner. David ist der zweite „weiße Mann“. Jedenfalls nach dem Klappentext und nach den diesem darein folgenden Buchbesprechungen.
Und was im Roman deutet denn darauf hin, daß er, David, tatsächlich ein „weißer Mann“ ist?
„My blond hair gleams.“
„Meine blonden Haare glänzen.“ Von seinem blond glänzenden Haar ist bereits im ersten Absatz auf der ersten Seite des Romans zu lesen. Und wessen Haar „blond glänzt“, kann, auch 2020, nach wie vor nur ein „weißer Mann“ sein.
Vielleicht muß er gar kein „weißer Mann“ sein. Nur weil sein Haar „blond glänzt“, muß er nicht zwingend ein „weißer Mann sein“.
Bereits 1923 schrieb Joseph Roth für die „Neue Berliner Zeitung“: „Der blonde Neger Guilleaume“.
„Guilleaume“ wird der „blonde Neger“ von Joseph Roth genannt und „Guillaume“ nennt James Baldwin seine Figur, die neben David mit seinem blond glänzenden Haar, Giovanni, Hella und Jacques eine sehr wesentliche Person in diesem Roman ist, und vielleicht, wenn an ihr Schicksal in diesem Roman gedacht wird …
Tatsächlich aber muß eingestanden werden, es ist nicht wirklich von Interesse, welche Hautfarben die Menschen im Roman von James Baldwin haben. Ein jeder Mensch, der diesen Roman liest, und dabei ein wenig unaufmerksam ist, und etwa „blond“ überliest, ist ein glücklicher Mensch zu nennen. Denn er entgeht der Falle, darüber, auch darüber noch nachzudenken, ob die Hautfarben der Figuren eine Bewandtnis haben, oder diese keine haben. Er erspart sich das Geschwefel über … auch von einem seit Kurzem einen Minister gebenden Mann in Österreich …
Jenen blonden Neger, den Widerspruch seiner selbst, das lebendige Dementi der schwarzen Schmach, den deutlichen Neger mit den blauen Augen, kurz eine Dinter-Gestalt, sprach ich auf der Fahrt von Wiesbaden nach Koblenz. Es saßen viele gute Burger im Zug, und in der Ecke am Fenster saß der Neger. Sagte ich Neger? Der Mann hatte aufgeworfene Lippen, schöne weiße Zähne, starke Backenknochen, aber veilchenblaue Augen und blondes gekrauseltes Haar. Alle im Coupé sahen auf den Neger. Er trug die französische Uniform und las ein Buch. Es war ein deutsches Buch. Schließlich konnte ein dicker Herr, ein Allerweltskerl, ein Reisender, hilfreicher Mann, der jedem mit ungewünschtem Rat beiseite stand und das Kursbuch auswendig kannte, seine Neugier nicht bezähmen. Er neigte sich liebevoll zu dem blonden Neger hinüber und fragte: »Was lesen Sie für ein Buch?« Der Neger sagte: »Von Sven Elvestad, ein gewöhnlicher Kriminalroman.« Also seine Überlegenheit dem Frager gegenüber erweisend, welcher keine Ahnung hatte von Sven Elvestad und dem nach der ganzen Konstruktion anzusehen war, daß er Kriminalromane nicht gewöhnlich finden konnte.
Nun war eine Verbindung hergestellt, und der Neger begann zu sprechen. Er sprach deutsch. Ein fließendes Deutsch mit einer tiefen, klangvollen, angenehmen Stimme. Vier Monate war er schon in Europa. Er kannte große deutsche Städte wie Köln, Frankfurt am Main, Hannover, Koblenz, Düsseldorf. Er fühlte sich sehr wohl in Deutschland. Man wunderte sich allgemein über das blonde Haar. Als er für einen Augenblick hinausging, sagte der dicke Allerweltsherr zu seinem Nachbarn: »Fragen Sie ihn doch, warum er blond ist. « Aber als der Neger wieder da war, fragte ihn niemand.
Wir stiegen zusammen in Koblenz aus. Das Coupé hatte er mit einem freundlichen süddeutschen Gruß verlassen. Er sagte: »Grüß Gott.« Ein Grüßsigott-Neger. Eine herrliche Mischung, fast rein arisch. In Koblenz am Bahnhof erregte er Aufsehen. Er war groß, breitschultrig, hochhüftig, ein prachtvoller Mensch. Vor dem Gepäckschalter warteten wir beisammen eine Weile. Er mußte einen schweren Koffer abgeben. Ich ließ ihm den Vortritt. Er lehnte ab. Wir stritten fünf Minuten darum, wer von uns beiden den Koffer abgeben sollte. Es wuchs sich langsam zu einer schwarzen Schmach heraus. Schließlich kamen wir in ein vertrautes Gespräch, und der blonde Neger erzählte: Er heißt Guilleaume. Er heißt nicht nur Guilleaume, er heißt auch Thiele. Er heißt also Wilhelm Thiele und ist ein Sergeant und gehört der Okkupationsarmee an und ist sozusagen ein Feind Deutschlands.
Ein Neger und blond und blauäugig, aus lauter Gegensätzen zusammengesetzt. Ein politisches, ein ethnologisches Paradox. Sein Vater war ein Fremdenlegionär, seine Mutter eine Schwarze. Vom Vater hat er also das blonde Haar, seine Muttersprache ist Deutsch. Seine Mutter lebte eine Zeitlang in München und war Stenotypistin in einem großen Bankgeschäft. Er blieb indessen bei seinen Großeltern. Er ist nicht nur ein Deutscher, er ist ein Süddeutscher. Gelegentlich sagt er »nit«. Wie es ihm zumute ist in Deutschland, als »Feind«, fragte ich ihn. Er habe sich sehr gefreut, sagte er, als er nach Deutschland kam. Unter seinen Kameraden halte er Vorträge. Er lese ihnen manchmal aus Goethe vor. Sein Lieblingsdichter ist Lenau. Und nach einer Viertelstunde sah ich, daß dieser Neger nicht nur weit mehr wußte als Hitler aus dem Negerstamm der Oberösterreicher, sondern sogar, daß er eine intuitiv tiefere Verbundenheit mit dem deutschen Wesen besaß als zum Beispiel ein Professor von Freytagh-Loringhoven oder Rothe; daß dieser Neger Guilleaume in der Reinheit seiner Seele weit über der angeblichen Rassereinheit Dinters stand und daß er der blauen Augen und der blonden Haare gar nicht bedurft hatte, um ein Deutscher zu sein. Er wohnte in einem kleinen Bauernhaus in der Nähe von Koblenz, und ich war bei ihm am Nachmittag. Er spielte Geige. Dabei sah ich, daß er schlank war und große Hände und Finger hatte. Ich sah das Bild seines Vaters, eines Mannes mit blondem aufgezwirbeltem Schnurrbart. Dieser Mann war in Frankreichs Diensten gestorben. Und dann sah ich das Bild eines jungen Mädchens aus München, die die Braut des Negers werden soll. Nachher, natürlich, wenn alles zu Ende ist. Ich fürchte, es wird noch lange nicht alles zu Ende sein, zumindest nicht in München, wo die weißen Neger wohnen und wo man bestimmt nicht die Braut eines französischen blonden deutschen Schwarzen sein darf, ohne von Hakenkreuzlern gepeinigt zu werden. Joseph Roth, Neue Berliner Zeitung – 12-Uhr-Blatt, 28. 12. 1923
Vielleicht haben sie auch ab und an gemeinsame Nachtspaziergänge durch die Wiener Innenstadt gemacht, der dritte Kanzler und sein Vizekanzler, wie könnte dabei der dritte Kanzler seinen Vizekanzler mit Bewunderung angesehen haben, der plötzlich vor dem Ginzkeyhof in der Johannesgasse ein Gedicht von dem „neuromantischen Lyriker“ aus dem Gemeindebau vortrug, oder einen Körner, einen Goethe … vielleicht begleitet von dem für kurz gewesenen Innenminister, der in den Kanon mit einem Hölderlin …
Herr K macht einen Spaziergang. Und kommt dabei vom Weg ab. Er klopft an eine Tür, um nach dem Weg zurück zu fragen.
Frau A bitten ihn sogleich herein in die gar gute Stube.
In kurzen Sprechpausen sind Satzfetzen, einzelne Wörter
Schöne … Furchtbar … Wunderbare … Fruchtbar … Der Natur so nah … Menschlich … Rot im Kalender … Das Allerschönste … Nur recht und billig … Das Schönste aber unter so viel Schönem … Gar ganz wie eine Firma … Unternehmerin auf Augenhöhe
aus dem Radio deutlicher zu hören. In manchen Pausen auch nur ein paar Takte „Aus der schönen neuen Welt“. Es klingt nach einem Hörspiel.
Frau A: Ich arbeite regelmäßig in der Ernte. Eine harte Arbeit.
Herr K: Es muß attraktiv sein, arbeiten zu gehen —
Frau A: Ich erlebe Überraschungen.
Herr K: Ja, weil wir im internationalen Vergleich teilweise ein höheres Arbeitslosengeld haben als viele andere Staaten.
Frau A: Überraschungen. Wir schlafen zu zehnt in einem völlig desolaten Haus. Für mich ist es einfach, einfach —
Herr K: Wir haben ja auch in der Arbeitslosigkeit viele Menschen —
Frau A: Es gibt Schimmel, Kakerlaken.
Frau A geht auf Herrn K zu.
Frau A: Das Fenster läßt sich nicht richtig schließen.
Herr K tritt ausweichend zurück.
Frau A: Wir haben kaum Pausen. Wie Sklaven werden wir behandelt. Das Verhalten der Auftraggeberin ist einfach unmenschlich.
Herr K: Wo es wichtig ist einfach, daß es nach wie vor.
Frau A: Seit dem April keinen Tag frei. Und die mit 14 Arbeitsstunden.
Herr K:Attraktiv ist, auch arbeiten zu gehen. Gerade auch, Sie wissen, es gibt viele Bereiche, wo es trotz hoher Arbeitslosigkeit schwierig ist, Arbeitskräfte zu finden, von den Erntehelfern bis —
Frau A: Und der Lohn – weniger als ausgemacht. Für das Quartier das Doppelte zu zahlen, als ein Kollektivvertrag es erlaubt.
Herr K tritt über die Schwelle.
Frau A: Eine nicht näher definierte Pönale zahlen.
Wieder auf dem Pfad zwischen den Feldern fällt Herrn K nicht ein, nach dem Weg gefragt zu haben.
Sebastian Kurz: „Also, Herr Wolf, Sie reden von sehr fiktiven Fällen. Das Arbeitslosengeld in Österreich ist 55 Prozent des Einkommens, das man davor hatte. Sie werden nicht viele Menschen finden, die da jetzt wesentlich mehr Arbeitslosengeld haben, als jemand der arbeiten geht, und das ist auch gut so. Es muss attraktiv sein, arbeiten zu gehen.“
Am 15. Juni ’20 in der Nachrichtensendung im österreichischen Fernsehen nach 22.00 Uhr.
Ein zweites Mal in diesem Interview betont der zurzeitige Bundeskanzler in Österreich, es müsse attraktiv sein, arbeiten zu gehen. Also, es ist ihm der Prozentsatz schon einmal untergekommen.
Sebastian Kurz: „Es wird Ihnen jeder Experte sagen, daß die Arbeit in Österreich relativ hoch besteuert ist. Ist eine Frage der Gerechtigkeit, daß Menschen, die hart arbeiten, kleine Einkommen haben, daß denen netto etwas mehr überbleibt als bisher, darum freue ich mich, daß wir diese Senkung der untersten Einkommensstufe jetzt schon vorziehen. Wir wollen auch diejenigen entlasten, die arbeiten gehen, aber so wenig verdienen, daß sie gar keine Steuern zahlen, daher auch diese Negativsteuer von 100,00 Euro. Na ja, weil, Herr Wolf, eine Steuersenkung an sich hat, daß es zu einer Senkung der Steuer für die Menschen kommt, die auch Steuern zahlen. Wir können natürlich darüber diskutieren, ob wir nicht jedem Menschen noch mehr direkt an Subvention zukommen lassen sollte. Und wir sind ein Land, in dem arbeitende Menschen sehr sehr hohe Steuern bezahlen, wir sind ein Land, in dem ganz viele Menschen, ob das Tischler sind, Supermarktkassiererinnen, Automechaniker, Beamtinnen und Beamte, sehr sehr hart arbeiten dafür, daß sie nicht nur ein Einkommen haben, sondern auch die Allgemeinheiten mit ihrer Steuerlast finanzieren.“
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