Sonderlichkeiten

Es ist schon richtig, daß mit der kurzen Feststellung, ein schlecht gemachter Roman ist ein schlecht gemachter Roman, bereits alles gesagt ist, was zu „Keiner von euch“ zu sagen ist.

Wahr ist ebenso, es wäre zu „Keiner von euch“ nicht eine einzige Zeile zu schreiben, wäre „Keiner von euch“ aus irgendeiner Groschenromanfabrik.

Aber schon verbreiten Menschen, „Keiner von euch“ sei ein „historischer Roman“. Der Verlag und der Schriftsteller legen diese Einordnung doch nahe, wenngleich sie es zugleich zurückweisen:

„Angelehnt an die faszinierende Geschichte Angelo Solimans erzählt Felix Mitterer in seinem ersten Roman von Emanzipation und Würde, von Rassismus und Selbstbehauptung.“

„Dieses Buch ist ein Roman, keine Biographie. In diesem Roman verbindet der Autor im Sinne schriftstellerischer Freiheit historische Fakten mit literarischer Fiktion.“

Hätte also Felix Mitterer einen „Adelsroman“ für beispielsweise „Fürstenwelt“ geschrieben, hätte über seinen Roman je nicht geschrieben werden können, schlecht gemacht, ist schlecht gemacht, weil es gar nicht zur Kenntnis gelangt worden wäre, daß es überhaupt dieses Heftchen …

Hätte also Felix Mitterer nur einen Roman über Fürsten und ihre Triebe aber ohne Bezugnahme auf Angelo Soliman und seine Tochter geschrieben und ohne Hinweis darauf, „historische Fakten“ zu verwenden, nun, kein Mensch könnte sich je erdreisten, darüber eine Zeile zu schreiben, weder eine positive noch eine negative.

Dem ist aber nicht so.

Und daher soll in diesem Kapitel Felix Mitterer unter seinem amtlichen respektive, wie es so schön gesagt wird, wirklichen Namen auftreten, als Figur eines Schriftstellers im 21. Jahrhundert, der beinahe zweihundert Jahre nach dem Tod von Josephine Soliman einen Roman schreibt, der von einer schauerlichen Gegenwart erzählt, obgleich er vorgibt, über ein Geschehen vor über zweihundert Jahren zu berichten.

Ein Heftchen, reich an Sonderlichkeiten. Sonderlichkeiten, die im Heftchen geführt als „schriftstellerische Freiheit, literarische Fiktion“ … Vieles, im Grunde alles mutet an dieser „schriftstellerischen Freiheit“, an dieser „literarischen Fiktion“ sonderlich an. Es gibt Rätsel auf, was für eine „Freiheit“ muß diese wohl sein, die Felix Mitterer zweihundert Jahre später eine solche „Fiktion“ diktiert? Auch vor dem Hintergrund, wie eben erst zu erfahren war, daß eine Firma schändliche Namen ihrer Produkte gegen unverfängliche Namen tauschen will.

Ein paar von diesen Sonderlichkeiten in diesem Heftchen sollen doch exemplarisch angesprochen werden.

Die erste Seite des Heftchens zeigt eine Abbildung von Angelo Soliman. Und vermittelt bereits dadurch, doch mehr als eine „Fiktion“ zu sein. Felix Mitterer beginnt sein Heftchen mit

„Josephine Soliman. 16. April 1801. Heute bin ich 20 Jahre alt. Es ist Frühling in Messina.“

Ein Beginn mit einem konkreten Datum, als wäre es ein sogenannter Tatsachenroman. Sonderlich daran. 1801 ist das Todesjahr von Josephine Soliman. Sie wurde 29 Jahre alt. In der „Fiktion“ von Felix Mitterer ist also eine Tote eine wesentliche Figur in diesem Heftchen. Nach der uralten Weisheit der sogenannten weißen Menschen über sogenannte indianische Menschen, nur ein toter „Mischling“ sei ein guter „Mischling“. Und Mitterer nimmt ihr neun Lebensjahre weg. Auch ein „Mischling“ darf wohl nicht alt werden. Das Heftchen endet mit Josephine Soliman:

„Wir fahren durch die endlose Allee stadtauswärts, halten am Denkmal der Spinnerin am Kreuz. Drehen uns nach der Stadt um. Dort hat sich ein Großbrand ausgebreitet. Wien brennt. Ich wende wieder den Kopf, schaue, mich verabschiedend, zur Spinnerin, lasse die Leitseile schnalzen, das magere Pferd trabt los. Richtung Süden.“

Für die Tochter eines – Mitterer verwendet keine Anführungszeichen, daher auch hier keine – Negers und einer Weißen ist Österreich nicht der rechte Platz, soll auch ein „Mischling“ dort sein,

„wo ich nie war. In der Heimat meines Vaters. Die Angehörigen des Stammes der Wándala knien am roten Lehmboden und schauen ehrfüchtig zum großen Vulkan, der ausgebrochen ist und Feuer speit.“

Eine weitere Sonderlichkeit in der „schriftstellerischen Freiheit“ des Felix Mitterer:

„Aus dem Tagebuch von Clara Soliman … Sommer 1759 … Auf dem Schoß von Thurnstein saß ich, die achtjährige Clara … ein nordafrikanischer Sklavenhändler, ein Araber mit Turban … aber ich war einfach zu ungeduldig, da biss mich der Inhalt des Sacks durch den groben Stoff hindurch in die Hand. Ich schrie erschreckt auf: ‚Mamá! Es hat mich gebissen!‘ … Der Sklavenhändler gab dem Sack einen brutalen Fußtritt. Wie ein Tier schrie es darin auf … Sofort schoss ein kleiner schwarzer Junge in meinem Alter heraus und versuchte zu entkommen. Er war nackt und schmutzig … ‚So etwas Entzückendes!‘ … ‚Ich verstehe dich doch. Jedes Tierchen will nach Hause. Weißt du, sie haben mir mein Kätzchen weggenommen und verschenkt, weil es eine Chaiselongue zerkratzt hatte. Aber das Kätzchen war am nächsten Tag schon wieder da. Sie haben es mir wieder weggenommen, und diesmal kam es nicht mehr zurück. Sie haben es im Meer ersäuft, ganz bestimmt. Dasselbe würde dir passieren, kleiner Mohr. Es ist zu weit nach Afrika. Du würdest ertrinken wie mein Kätzchen.‘ … ‚So jetzt wird es aber Zeit, dass du einen Namen bekommst. Ich werde dich Angelo nennen … Aber einen Familiennamen brauchst du auch … Angelo Soliman‘ …“

Nach Mitterer ist also Angelo Soliman 1759 acht Jahre alt. Als Geburtsjahr vom historischen Angelo Soliman wird stets 1721 angenommen. Mitterer nimmt Angelo Soliman also rund dreißig Lebensjahre weg. Für Mitterer darf ein Neger wohl nicht alt werden. In seiner „Fiktion“ höchstens etwas über 41 Jahre. Mitterer läßt ihn ermorden in der Zeit, als bereits Franz Habsburg I und II herrschte, also nach dem Juli 1792 und wohl vor dem tatsächlichen Todesjahr 1796 von Angelo Soliman; die Todesursache ein Schlaganfall.

Mit den Namen in diesem Heftchen ist es gar sonderlich bestellt. Das Sonderlichste wohl in diesem Heftchen von Mitterer ist die Verwendung von wirklichen Namen und von erfundenen Namen für die Personen, die in diesem Heftchen vorkommen.

Die Zofe heißt bei Mitterer „Giulietta“, während sie tatsächlich Angelina hieß, und aus Zuneigung zu ihr wählte Soliman für sich den Vornamen Angelo. Für Mitterer darf ein Neger wohl nicht selbst seinen Namen wählen.

Nach dem Heftchen von Felix Mitterer müßte der „Kinderschänder“ Fürst Johann Georg Christian von Lobkowitz, österreichischer Militärgouverneur und Generalfeldmarschall, sein, an den nach den tatsächlichen geschichtlichen Begebenheiten der Minderjährige Angelo Soliman „verschenkt“ wurde. Aber Mitterer nennt nicht Lobkowitz. Bei Mitterer heißt der „Kinderschänder“: „Fürst Johann Christian Thurnstein war österreichischer Feldmarschall und Gouverneur“ … Lobkowitz starb 1753, als Angelo Soliman nach Mitterer etwa zwei Jahre alt war. Dachte Mitterer vielleicht beim „Kinderschänder“ an Fürst Joseph Wenzel von Liechtenstein“, zu dem nach den historischen Begebenheiten Angelo Soliman im Jahr 1753 wechselte? Fürst Liechtenstein entließ Angelo Soliman, weil dieser heimlich heiratete. Viele Gerüchte über die Gründe der Entlassung durch Liechtenstein gibt es, ein Gerücht, die „homosexuellen Neigungen“ des Fürsten Liechtenstein. Mitterer wärmt auch das auf, Angelo Soliman als Opfer von einem Pädophilen. Sonderlich daran die Zurückhaltung von Mitterer, dem „Kinderschänder“ einen erfundenen Namen zu geben, den „Kinderschänder“ also nicht Fürst Lobkowitz oder Fürst Liechtenstein zu nennen.

Ist doch sonst Mitterer in seiner „schriftstellerischen Freiheit“ gar nicht so zurückhaltend, wirkliche Namen zu verwenden. Etwa, exemplarisch genannt, den von Wolfgang und Constanze Mozart. Constanze Mozart läßt Mitterer in seinem Heftchen mit Angelo Soliman es im Stiegenhaus treiben, wo er sie von Mozart erwischen läßt. Viele kommen in diesem Heftchen mit ihren wirklichen Namen vor, beispielhaft etwa Joseph II … wirklich an ihnen bloß die Namen und die mittererische „Fiktion“ der Fortschreibung österreichischer Legenden —

Was ein Neger bei Mitterer auch nicht sein darf: ein Hausbesitzer. Der der historische Angelo Soliman auch war, dem zwar auch das passierte, was halt vielen Menschen nach wie vor passiert, sein Haus wurde irgendwann versteigert. Mitterer aber gesteht einem Neger nur eine Wohnung zu.

Sonderlich auch, daß im Heftchen von Mitterer aus dem Lokal „Zum steinernen Löwen“ das Bordell „Zum roten Hahn“ am Spittelberg wird, aus dem, wie berichtet wird, Joseph II wegen der Prostituierten „Sonnenfels-Waberl“, die von Mitterer „Wally“ genannt wird, hinausgeworfen … Den Rausschmiß erzählt Mitterer nicht, dafür Sonderliches über die Welt eines Bordells, wie auch anders möglich, in einem Heftchen voller Absonderlichkeiten, geschuldet einer „schriftstellerischen Freiheit“, einer „literarischen Fiktion“, daß zu fragen ist, welche Wörter versteht Mitterer nicht: Schriftstellerisch? Freiheit? Literarisch? Fiktion? Er wird wohl alle Wörter verstehen, aber nicht, wie diese zu vereinen sind.

Es gab in Wien ein Wirtshaus mit dem Namen „Zum roten Hahn“. Aber … Unmittelbar vor der ersten Erwähnung vom „Roten Hahn“ in diesem Heftchen läßt Mitterer Professor Hoffmann erzählen:

„Toni schaute währenddessen auf den Leichnam. ‚Wer is’n das, Herr Professor?‘ – ‚Ein Komponist. Sehr begabt.‘ – ‚Selbstmord? Oder is er von den Nachbarn erschlagen worden, wegen der lauten Musik?‘ – ‚Selbstmord, Toni. Gift. Keiner wollte seine Musik spielen, keiner sie hören.‘ …“

An welchen Komponisten hat Mitterer dabei gedacht? An Hans Rott, der im Wirtshaus „Zum roten Hahn“ verkehrte? Kaum. Rott vergiftete sich aber nicht, er beging keinen Selbstmord. Rott wurde aber erst 1858 geboren. Bei diesem mittererischen Mischmasch, vielleicht doch …

Tatsächlich wurde die Musik von Rott lange, sehr lange nicht gespielt, wie hier in einem Kapitel gelesen werden kann.

Welchen Komponisten Mitterer auch gemeint haben mag, ist im Grunde belanglos, was auffällt, ein sonderlicher Zugang und Umgang mit künstlerischen Menschen, oder einfach und kurz: platt, äußerst platt, das zeigt auch und nicht nur die mittererische Beschreibung von Wolfgang Amadeus Mozart …

Sonderlichkeiten über Sonderlichkeiten. Eine letzte soll noch erwähnt werden. Eine Rolle spielt in diesem Heftchen auch „Josip“, ein „Bettler“, dem „die Beine fehlen“. Auf der vorletzten Seite des Heftchens erzählt Josephine Soliman, als sie Wien, als sie Österreich, wie es Mitterer will, verläßt:

„Als David und ich über den Josephsplatz gehen, kommen Josip und seine Bettlerarmee aus ihren Verstecken, schauen stumm und ehrfürchtig zum Kuppelsaal: Ein Feuerschein, wie aus einem Vulkan entsprungen, erhellt das große Mittelfenster. Hinter dem Mutter und Vater sich eben zu den Vorfahren begeben. Plötzlich spüre ich eine unbändige Kraft in mir aufsteigen. Ich recke die Arme hoch und stoße einen unglaublichen Schrei. Explosionsartig zerbirst das große Mittelfenster und die Flammen schießen heraus. Josip und die anderen Bettler stimmen nun im meinen Schrei vielstimmig ein, recken ihre Waffen empor.“

Unglaublich diese „schriftstellerische Freiheit, diese „literarische Fiktion“ … „Bettlerarmee, Waffen“ …

Das also kommt heraus, wenn ein guter Mensch einen Roman schreibt, der ein Heftchen ist, wie ersonnen von einer Stammtischrunde in einer einzigen Nacht der …

Schlecht gemacht, ist schlecht gemacht.

Kunst sei das Gegenteil von gut gemeint, heißt es nach einem Zitat, das gleich mehreren Schreibenden zugerechnet wird. Nun, das trifft auf den Roman von Felix Mitterer gar nicht zu. Denn.

Die kürzeste Kritik an dem Roman von Felix Mitterer kann nur lauten:

Schlecht gemacht, ist schlecht gemacht.

Die kürzeste Zusammenfassung des Romans von Felix Mitterer kann nur lauten:

Der gute Mensch als Rassist.

Wie werden rassistische Menschen, die schreiben, sich nun wohl giften, daß ihnen nach ihrer Gesinnung bislang kein Roman wie „Keiner von euch“ gelungen ist.

Oder werden rassistische Menschen fortan „Keiner von euch“ dankbar als Lehrbeispiel vortragen, wie heutzutage Romane nach ihrer Gesinnung zu verfassen seien?

Genug zu diesem Ro…

Ein Traum

Die Videobotschaft von Alexander Van der Bellen zum Porajmos-Gedenktag am 2. August 2020, in der er vom Auftrag durch das Gedenken zur Gestaltung von Gegenwart und Zukunft spricht, gebiert in derselben Nacht einen seltsamen Traum, einen Traum, der von sich selbst behauptet, ein Traum zu sein, der kein Traum ist, sogar als Traum eine Unmöglichkeit, es nicht einmal geträumt werden kann, daß ein Bundespräsident in Österreich sich für ein Denkmal mit allen Namen der Ermordeten, die nach wie vor am liebsten unter der Sammelkenzeichnung „Zigeuner“ geführt werden, einsetzt, sich für eine Namensmauer mit allen Namen der Ermordeten durch Shoah und Porajmos einsetzt, dies als seinen Auftrag, zu dem das Gedenken ihn verpflichten würde, ansieht.

Wie konnte es zu solch einem Traum kommen, zu einem Traum, der selbst den Traum von einem derartigen Denkmal als einen unmöglichen Traum zugleich verwirft?

Wohl dadurch, daß der Bundespräsident in Österreich in seiner Videobotschaft davon spricht, es würden Denkmäler errichtet werden. Er dadurch, tief in der Nacht eine Verfolgung durch die Frage im Schlaf auslöst, von welchen Denkmälern spricht er so beredt schweigend?

Von dem Denkmal etwa in dem Bundesland, wo Portschy regierte? Auf dessen Tafel unbekümmert „Zigeuner“ geschrieben steht, unbekümmert davon erzählt wird, sie hätten sterben müssen, „nur weil sie anders waren“. Sie wurden ermordet, nicht weil sie anders waren, sondern weil sie waren.

Von dem Denkmal etwa, daß nicht in einem österreichischen Bundesland steht, aber gefährdet in seinem Bestand ist, und das – ist dies der Sarkasmus der Geschichte? – durch die Errichtung einer Bahn-Trasse, und zwar in Berlin? Ein ohnehin etwas verstecktes Denkmal, und nun noch gefährdet …

Von dem Denkmal etwa in Maxglan (Salzburg), das in diesem Jahr ’20 beschädigt wurde?

Von dem Denkmal etwa im Stadtteil Parsch in Salzburg mit seiner ebenfalls unbekümmerten Inschrift, von „Zigeunern“ geschrieben steht, es nicht einmal notwendig befunden wurde, dieses schändliche Wort in Anführungszeichen zu setzen.

In Salzburg fielen über 300 Zigeuner-Sinti und Roma der Nationalsozialistischen Rassenpolitik zum Opfer. Von 1940 bis 1943 unter unmenschlichen Bedingungen im Zigeunerlager Salzburg eingesperrt wurden sie im Frühjahr 1943 in Vernichtungs-KZ Ausschwitz deportiert.“

Kein Traum hingegen ist der Beschluß zur Errichtung einer Namensmauer in Wien, Portschyland, zum Gedenken an die NS-Opfer der Shoah allein. Und die Frage, vor langer Zeit bereits gestellt, ob der Sinnhaftigkeit eines derartigen Denkmals bleibt.

Vielleicht sollen doch weiter derartige Denkmäler errichtet werden, gerade in Wien, aber ein gemeinsames für die Opfer durch Shoah und Porajmos, nicht aber als ein nationales Mahnmal, sondern als ein europäisches Denkmal, und zusätzlich mit Tafeln versehen, auf denen auch die Namen der Opfer stehen, die bis zum heutigen Tag diesem „Rassenwahn“, wie es Alexander Van der Bellen in seiner Videobotschaft nennt, geopfert werden.

Mit viel Platz, mit sehr viel Platz für weitere Tafeln zur fortlaufenden Ergänzung der Namen, denn nur Menschen der Illusionen können die Zuversicht aufbringen, das Morden, die Pogrome, die Diffamierungen werden je aufhören.

Verbrechen sind kein Schicksal

Damit nicht gesagt werden kann, es sei nicht bemerkt worden, daß Bundespräsident Alexander Van der Bellen etwas zum Gedenktag am 2. August 2020 gesagt hätte.

Nun, er hat etwas gesagt. Er hat eine Videobotschaft abgesetzt. Seinem Gewissen hat er soher ein feines Ruhekissen aufgeschüttelt. Wenn aber nicht zufällig an diesem 2. August eine Tageszeitung gelesen worden wäre, in der von dieser Videobotschaft berichtet worden ist, mit einer Verlinkung zur Videobotschaft des Bundespräsidenten, es wäre vollkommen untergegangen, daß er etwas zum Gedenktag gesagt hat. Es wird, so wird er fortan sagen können, ihm kein Mensch vorhalten können, er hätte geschwiegen.

Er schweigt nicht, und schweigt durch sein Nichtschweigen dennoch.

Wer in Zukunft diese Videobotschaft suchen wird, weil davon gehört, es solle solch eine Videobotschaft geben, wird lange suchen müssen, um diese zu finden, vielleicht wird auch die Suche sogar vergebens sein. Denn. Wo die Videobotschaft von Alexander Van der Bellen nicht zu finden ist, ist auf den sogenannten offiziellen Kanälen des Bundespräsidenten, also nicht veröffentlicht auf der offiziellen Website des Bundespräsidenten, nicht aufzufinden auf dem Youtube-Kanal des Bundespräsidenten, nicht auf seinem Twitter-Account.

In diesem Artikel vom 2. August wird die Videobotschaft des Bundespräsidenten zusammengefaßt:

„Lange Zeit sei das Schicksal der Roma und Sinti ‚verdrängt, verschwiegen und vergessen‘ worden, fuhr der Bundespräsident fort. Auch heute noch sei ihre Kultur ‚mit Klischees und Vorurteilen belastet‘. Die Zeitzeugen unter den Roma und Sinti, die aus der NS-Zeit berichten könnten, würden heute immer weniger.“

„Schicksal verdrängt, verschwiegen und vergessen“ … Wie lieblich! Wie rührend der Bundespräsident spricht. Vielleicht findet sich ein Mensch, der dem Bundespräsidenten es bei einer passenden Gelegenheit persönlich sagen kann:

Verbrechen sind kein Schicksal.

„Als Bundespräsident denke ich da besonders an meine eigene Heimat, Österreich.“

In seiner Videobotschaft denkt Alexander Van der Bellen also „besonders an meine eigene Heimat“, an das Portschyland, das Österreich ist. Und auf diesem Grund müßte er wohl deutlichere Worte finden, Worte, die nicht von „Schicksal“ sprechen, sondern von Verbrechen mannigfacher Art, bis hin zum Massenmord.

Was ihm etwa am 6. August 2020 so leicht über die Lippen kommt, verbreitet auf Twitter, mit über 196 Tausend „Followern“, zu den Atombombenabwürfen vor 75 Jahren, und auch auf der offiziellen Website des Bundespräsidenten, wäre endlich und wichtig auf den offiziellen Kanälen eines österreichischen Bundespräsidenten zum breitesten und offiziellen Eingeständnis not, in etwas abgeänderter Form seiner Bekanntgabe zu Hiroshima und Nagasaki:

„Im Namen der Republik Österreich“ entschuldige ich mich bei den Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen und bei deren Nachkommen, die auch 75 Jahre nach dem Untergang der massenmörderischen Totaldiktatur Opfer dieser grauenvollen Gesinnung sind.

Das mindert zwar nicht das Leid, die Verfolgungen, die Diffamierungen würden damit nicht aufhören, aber es wäre doch ein wesentlicherer Beitrag von einem Bundespräsidenten als dieses Schweigen durch Nichtschweigen, sofern er sich selbst zuhört, was er sagt:

„Das Gedenken sehe er auch als Auftrag der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft: ‚Wir müssen dafür sorgen, dass Menschenverachtung, Sündenbock, Hass und Gewalt nie wieder als politische Instrumente eingesetzt werden‘, unterstrich Van der Bellen.“

„Menschenverachtung, Sündenbock, Hass und Gewalt“ werden nach wie vor „als politische Instrumente eingesetzt“. Und gerade in diesem Artikel über seine Videobotschaft wird auch davon berichtet, von einem Mandatar

„Sie verwies auf ein derzeit in staatsanwaltlicher Prüfung befindliches Video mit Hassaussagen gegen Roma und Sinti, die ein steirischer FPÖ-Mandatar im Internet geteilt hatte, und Beschmierungen wie etwa ‚Roma raus‘. Die Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch hat den steirischen FPÖ-Vizeklubobmann Stefan Hermann wegen Verdachts der Verhetzung bei der Staatsanwaltschaft Graz angezeigt. Die Sachverhaltsdarstellung bezieht sich auf ein von ihm geteiltes Video auf Facebook, bei dem es sich laut SOS Mitmensch um ein „Anti-Roma-Hassvideo“ handle. Darin seien „wüste Beschimpfungen gegen Roma und Sinti“ zu sehen.“

der Partei, die für kurz gewesene Regierungspartei wieder einmal, angelobt so leichthin in harmonischer Zeremonie von Alexander Van der Bellen.

Wenn das sein „Gedenken“ ist, wenn das sein „Auftrag“ ist, wenn das seine „Gestaltung von Gegenwart und Zukunft“ ist …

PPS In seiner Videobotschaft spricht Alexander Van der Bellen auch davon, daß die „Zeitzeugen“ immer weniger werden. Wohin sie nie eingeladen werden, davon erzählt der Herr Bundespräsident nichts …

PS Wenn Sie einer oder eine von den 31 Abonnentinnen von „European Holocaust Memorial Day for Sinti and Roma“ sind, dann werden Sie die Videobotschaft des österreichischen Bundespräsidenten bereits kennen, wenn nicht, und Sie wollen diese Videobotschaft doch finden, dann klicken Sie auf diesen Link: https://www.youtube.com/watch?v=K1-0mU8KDLA

Und Sie werden unter dem Video eine befremdliche Information lesen:

„Sadly, Youtube does not allow you to upload subtitles in Romani.“

Befremdlich aber nur, wenn die Gegenwart, die Bedingungen, unter denen Menschen, für die am liebsten noch als Bezeichnung „Zigeuner“ verwendet wird, nicht nur in Österreich, im 21. Jahrhundert europaweit zu leben haben – verdrängt, verschwiegen, vergessen …

Kinderbriefe

„Berührende Zeilen erhielt dieser Tage“ …

… eine Tageszeitung, die derart von diesen Zeilen gerührt ist, daß sie diese sofort am 9. August ’20 veröffentlichen muß, um alle im Lande Österreich mit diesen „berührenden Zeilen“ von Tassilo Wallentin …

In diesen „berührenden Zeilen“ geht es um und wieder einmal um eine „gendergerechte Sprache“, wie so oft. Aus welcher Flasche der Geist steigt, der Tassilo Wallentin diese „berührenden Zeilen“ diktiert, ist schlicht wie kurz ausgemacht, wenn er als seinen Kronzeugen Martin Luther, diesen Antiziganisten und Antisemiten, aufruft und anruft.

Wie „berührend“ er, Wallentin, schreibt, was eine Sprachgemeinschaft akzeptiere und was sie ablehne, darüber würden Millionen entscheiden – oh, wie wahr! Millionen von Menschen gehen stets dafür auf die Straße, um die Sprachregeln festzulegen, als es etwa darum ging, und auch er, Wallentin, wird unter ihnen gewesen sein, und auf der Straße, die der Herrscherin Palast, beschlossen Millionen beispielsweise die letzte Rechtschreibreform, die nun von der Sprachgemeinschaft und also auch von ihm, Wallentin, akzeptiert wird, nach der nun die Sprachgemeinschaft als „Herrscherin der Sprache“ schreibt, beispielsweise „daß“ nicht mehr mit „ß“, sondern mit „ss“.

Wieder einmal wurde beispielsweise mit der letzten Rechtschreibreform so eindrucksvoll beweisen, ein weiteres Mal so eindrucksvoll bewiesen, daß die Sprache das einzige Medium sei, „in dem die Demokratie schon immer geherrscht hat“. Nur ein dem Luther Ebenbürtiger in Sprachbeherrschung wie Hans Magnus Enzensberger ist zu solch einer tiefen Erkenntnis fähig und zurecht von Tassilo W. in den Reim, den sich Tassilo Wallentin auf die Sprache macht, aufgenommen fein säuberlich in den Kinderbrief.

So demokratisch war die Sprache schon vor über 400 Jahren beispielsweise, damals beschlossen Millionen „sein“ mit „y“ zu schreiben, etwa in einem Satz wie: „Ob die Weiber Menschen seyn, oder nicht?“ Und vierhundert Jahre später akzeptieren Millionen kein „y“ mehr in einem Worte wie „sein“ …

Und auch die „berührenden Zeilen“ von Heinz S. sogleich am Sonntage dieses Monats im Jahr ’20 veröffentlicht. Wobei zu vermuten ist, daß er, Heinz S., diese nicht selbst geschrieben hat, weil er noch zu klein ist, er vielleicht noch nicht einmal eingeschult ist, er aber seinem Vati es ganz aufgeregt erzählt haben wird, seine „gute Idee“ … und sein Vati, Sichrovsky, ganz „berührt“ und gerührt davon und von seinem Sohn Heinz, einfach wie kurz sich dazu entschlossen hat, es für seinen kleinen tapferen Rittersohn aufzuschreiben und an die „Kronen Zeitung“ zu schicken. Und als der Vati, Sichrovsky, mit dem Aufschreiben der „guten Idee“ seines Sohnes fertig ward, das Brieflein in ein Kuvertlein gesteckt, ausrief: Mein Sohn, seht, „ein eigenes Hirn“! Was für ein Sprachschöpfer: „Kret*in“ …

Was für Sohn! Auch Mutti Sichrovsky muß ganz von ihm eingenommen sein, vielleicht haben Vati und Mutti zusammen aufgeschrieben, was ihr Sohnemann ihnen aufgesagt, Papi hat es geschrieben und Mutti darauf geachtet, daß es streng nach der von Millionen beschlossenen, ah, demokratisch beschlossenen Rechtschreibreform geschrieben … So klein er ist, so er noch gar nicht selber schreiben kann, und er denkt schon darüber nach, was der Kanzler alles zu „widerrufen“ hätte …

Für ein Kapitel, in dem es um „Kinderbriefe“ geht, kann es wohl keinen besseren Schluß geben, als einen mit einer Aufgabe als Hausübung. Ist das Unbehagen daran gerechtfertigt, wenn Menschen sprachlich durch Sonderzeichen wie „*“, „_“ ausgedrückt werden? Und wenn ja, warum? Gibt es optimalere Lösungen dafür, als Menschen durch Sonderzeichen vorzuführen? Ist die Variante mit Sonderzeichen ein rührender, aber hilfloser Versuch auf dem Weg zu einer optimalen Lösung, oder ein Abgrund, der den Menschen, die um sprachliche Gleichbehandlung sich bemühen, selbst nicht bewußt ist, den wahrzunehmen sie nicht gewillt sind? Kann es eine vorzügliche sprachliche Gleichbehandlung je geben ohne eine tatsächliche Gleichbehandlung in der Wirklichkeit, ohne tatsächlich gelebte Gleichbehandlung in Staat und Gesellschaft?

Drei junge Männer aus Österreich

Es muß zugegeben werden, nicht zu wissen, zu welchem Zweck dieses Werbematerial der jungen Männer hergestellt wurde.

Aber so adrett, wie die drei jungen Männer sich präsentieren, wollen sie wohl als Kanzlerkandidaten sich positionieren. Die Frisur tadellos, das Kinn glatt, die Krawatte, das Mascherl ordentlich, der Kragen auch werktags rein …

Drei junge Männer, die sie sich selbst zu sagen scheinen, Hoffnung der Österreicher zu sein, ihnen Vorbild, ob als Wächter des KL-Denkmals etwa der eine, der um die Geschichte weiß, weiß, was er der Vergangenheit schuldet, das allein durch gegebenen Namen „D05“ bereits manifestiert, mit Bergen verstärkt. „05“ war einst eine Widerstandsbewegung in Österreich gegen das madige sieben Jahre in Österreich herbeigesehnte deutsche reich. „05“, eine Bewegung einst für Österreich, und nun „D05“: für Deutschland, wofür sollte sonst das „D“ stehen … Der zweite junge Mann oder der junge Mann in der Mitte, Wächter und Sachwalter der Vergangenheit, sieht für sich wohl noch Größeres, nicht nur Kanzlerkandidat für das kleine Gebirgsland Österreich, sondern für Deutschland, zu dem dann wieder, wie einst, so die Hoffnung in den Bergen patriotenreich …

Und auch der dritte junge Mann muß ebenfalls als Berg sich selbst empfinden. Denn auch er wirbt mit den Bergen, nicht für „05“, aber für „Investitionen in Klimaschutz, Digitalisierung & Regionalisierung“ … Kann es für die „neuen Zeiten“, in die mutig die drei jungen Männer drängelnd marschieren, ein authentischeres Zeichen geben, als die Berge …

Und zum ersten oder dritten jungen Mann auf dem Bilde muß nicht viel gesagt werden, er ist der Internationale unter den drei jungen Männern, von den Bergen treibt es ihn immer wieder in die Welt — hinaus

Nationaler Schweigetag in Österreich

Wenn sogar dem Präsidenten in Österreich nicht einmal ein Piepser auskommt, am 2. August, zum internationalen Gedenken an die industriell ermordeten Menschen, die in Österreich einfach wie kurz nach wie vor mit dem Brandzeichen „Zigeuner“ am liebsten markiert werden, dann kann erahnt werden, was für einen Stellenwert diese Menschen in Österreich haben, im Portschyland, in dem ein Blutidentifizierungsexperte wie Hans Globke eines der höchsten österreichischen staatlichen Ehrenzeichen erhielt und bis zum heutigen Tage besitzt, nach Shoa und Porajmos …

„Stellenwert“ ist das falsche Wort, nicht nur in Österreich.

Denn es enthält „wert“ als Wortteil.

Es kann mehr als erahnt werden, wenn also nicht einmal von einem amtierenden Präsidenten in Österreich, von dem wohl viele anderes erwartet hätten, ein Piepser, wenigstens ein Piepser kommt, dann ist es allzu kenntlich, an welche Stelle diese Menschen auch in Österreich hingestellt sind, es ist seit je die Stelle des Prangers … Das ist der ewige Kampf auch in Österreich, sie weiter an den Pranger zu stellen, und schlimmeres noch, tödliches …

Der Wolferl-Onkel von der achter Stiagn würde es im Wirtshaus, wo es nach dem zweiten Präsidenten, wie er, kurz ist das her, eindringlich appelliert, gilt aufzustehen, wenn die am Stammtisch so grauslich reden, deftiger beipflichtend plärren: „Recht so, daß unsa Präserl auf de Zigeina ihr Gedenkn scheißt.“

Aber dem rüden Wolferl-Onkel von der achter Stiagn würde der Präsident im Wirtshaus schon im Aufstehen von seinem Platze sagen, lieber Bürger, Sie verstehen das nicht, was staatstragend wichtig ist von mir verkündet zu werden. Das aber, was Sie meinen, daß ich tu, tue ich nicht, ich bin der erste und letzte bei jedem Gedenken. Im Garten mit dem Erzbischof gemeinsam Sorge zu tragen, daß der Gugelhupf recht schön aufgeht. Ein klares Bekenntnis zu Kunst und Kultur abzugeben in Salzburg, zu den Festspielen, deren Besucher und gar eröffnender Besucher ich noch nie war, ist das Gebot in Zeiten der Corona, denn wer nicht klar zu den Salzburger Festspielen sich bekennt, will, daß es in Österreich keine Kunst und Kultur gibt, sind doch Österreich die Salzburger Festspiele ein und einzig und allein Kunst und Kultur. Im Revier an der Baumgrenze unterwegs zu sein, kann der Bürger, selbstverständlich, so fortschrittlich sind wir geworden, auch die Bürgerin, mehr Informationen von ihrem Präsidenten der absoluten Transparenz erbitten? Und zeugen nicht die Gesundheitswünsche des Präsidenten von größter landesväterlicher Sorge? Kann es ein klareres Bekenntnis Ihres – großer Mann der Selbstironie – Landesgroßvaters geben, gegen Rassismus, gegen Antiziganismus, gegen Antisemitismus, als einem Manne zum Geburtstag zu gratulieren, das nicht zu verschweigen, den Geburtstag eines Muskelmannes frank und frei zu benennen, ist dies des aktiven Mannes im Schlafzimmer Maria Theresiens nicht erste Staatspflicht …

Das würde der Präsident möglicherweise kurz zusammengefaßt dem Wolferl-Onkel von der achter Stiagn sagen, aufzählen, was er um den internationalen Gedenktag an den Genozid piepste.

Sie werden vielleicht einwenden wollen, es muß ja nicht immer der Präsident etwas von sich geben, es gibt ja auch noch die Bundesregierung, den Vizebundeskanzler, den Bundeskanzler … Freilich, die es gibt es, aber diese piepsen wie der Präsident und können sich dafür der Beipflichtung sicher sein des Wolferl-Onkels …. Und erst recht der Bundeskanzler, der recht auf der Seite der Innenminister …

Kurz waren sie Innenminister und lange wieder die Verfahren …

Gram aber wird der Wolferl-Onkel einem Präsidenten sein und möglicherweise im rechten kleinen Kreis gegen ihn poltern, da tue er und die seinen den Juden recht schön, und der Dank dafür, was ist der Dank, der Dank ist, daß der Präsident jetzt ohne Not plötzlich und zum ersten Mal mit den „Zigeunern“ daherkommt …

#Porajmos-Gedenken: Nur wenn wir auch den Genozid an den Roma und Sinti ins kollektive Bewusstsein rücken und Lehren daraus ziehen, erfüllen wir als Gesellschaft den Auftrag, der sich aus der Formel ‚Nie wieder!‘ ableitet“

PS Es soll die gelebte Großzügigkeit in Österreich nicht verschwiegen werden. So demokratisch schon geht es in Österreich zu. Der nationale Schweigetag August 2 (auch Österreichtag 8.2 genannt) muß auf einem kleinen Platz nicht eingehalten werden, auf diesem kleinen Platz darf laut darüber gesprochen, auf daß es noch in allen umliegenden Gassen gehört werden kann, wenn die Motoren zum Gedenken abgeschaltet zum Gedenken …

Beim Lesen eines Gedichts von Theodor Kramer im Schatten des Weinheber-Steins

Es gibt allenthalben dieses Für-und-Wider-Geplärre um Denkmäler.

Fern vom Geplärre aber, im Schatten des Waldes, muß mit Bitterkeit an die Antwort gedacht werden, die vor Generationen schon Theodor Kramer gab, als er von der Geduld sprach, jenen in ihrer Sprache den Weg zu sagen, jenen, die marschieren mit

Das Gedicht von Theodor Kramer selbst ist kein Rätsel, ein Rätsel aber bleibt, wovon es so deutlich spricht. Sie schwelgten gerne bei den gleichen Festen, vielfältig waren ihre Verbindungen, oft sogar waren sie einander in Freundschaft zugetan. Hierzu braucht nur beispielhaft die Literaturgeschichte im Land Österreich aufgeschlagen werden, aber nicht nur, kaum anders hat es sich beispielsweise in Deutschland zugetragen. Die Trennung zwischen ihnen hat lange vor dem sogenannten Anschluß Österreichs an das madig zwölf Jahre lang wütende deutsche reich begonnen. Die Trennung zwischen jenen, die dann mit denen marschierten, die mordeten, und jenen, die Österreich und Deutschland fliehen mußten, und auch jenen, wenngleich wenigen, die Österreich und Deutschland verließen, weil sie nicht mit Mörderinnen marschieren wollten, und auch jenen, die aus dem Land nicht herauskamen und ermordet wurden, deren Mörder auch jene waren, mit denen sie einst auf gleichen Festen sich vergnügten, mit denen sie in Kaffeehäusern einst beieinander saßen, gemeinsam schwelgerisch der Kunst und Literatur und Musik zugetan, denen sie, den Mördern, ihre Verse vortrugen, die Mörder ihnen, den Fliehen-Müssenden und den Ermordeten, ihre Verse widmeten.

Es war wohl auch damals das Geplärre schon zu laut, um einander genau zuhören zu können. Beim genauen Zuhören in größter Aufmerksamkeit wäre wohl schon zu hören gewesen, das leise Streichen über den Klingelknopf draußen an der Tür, ehe der Knopf gedrückt wird zum schrillen Heraustreten auf den Hinrichtungsplatz …

Vielleicht sollte es nun, um kommenden Generationen Trennungen zu ersparen, die so klare Antwort von Theodor Kramer in allen Kaffeehäusern ausgehängt werden, in Stein gemeißelt an allen Ortseinfahrten aufgestellt werden, auf daß gesehen wird, die vielen Ausfahrten, die es gibt …

Doch unser keiner hatte die Geduld,
In deiner Sprache dir den Weg zu sagen
.

Landmark

Manchmal kann etwas aus der Vergangenheit in der Gegenwart dadurch gelöst werden, daß in der Gegenwart das durchgespielt wird, was in der Vergangenheit passiert ist.

Nicht alles, was in der Vergangenheit passiert ist, eignet sich zum Nachspielen. Vieles ist zu verheerend.

Aber das harmlose Errichten eines Denkmals, wenn auch mit verheerenden Auswirkungen und Nachwirkungen, eignet sich zum Nachspielen ohne Bedenken.

Wie zum Beispiel die Errichtung des KL-Denkmals in Wien, dieses Parteipolitikdenkmals für einen …

Wie das abgelaufen ist, in der Vergangenheit, kann also in der Gegenwart nachgespielt werden.

Sagen Sie nicht, das kann nicht nachgespielt werden, weil die Zeit der Denkmäler vorbei ist. Die Zeit der Denkmäler ist nicht vorbei, auch die Zeit der Parteipolitikdenkmäler ist nicht vorbei.

Kurz ist es her, daß eine Partei ein solches Demonstrationsdenkmal ihrer Gesinnung in Wien errichtete.

Kurz davor, daß ein weiteres errichtet werden soll … Das wird kein Parteipolitikdenkmal im eigentlichen Sinne werden. Aber besonders eine Partei wird sich dieses Denkmal recht hoch anrechnen. Allerdings bleibt die Frage, was das sein wird können, daß sie sich hoch anrechnen wird, wird es doch kein Denkmal auf der Höhe der Zeit sein.

Stellen Sie sich also vor, es finden sich Anhängerinnen des zurzeitigen Obmannes einer Partei zur Installierung eines Vereins zur Errichtung eines Denkmals zusammen, unter dem Unstern gegenwärtiger Zugerichtetheit könnten dessen Gründungsmitglieder sein: ein Präsident, ein Minister, ein Kardinal

Stellen Sie sich weiter vor, dieser Verein bekommt die Spenden zusammen, um das Denkmal errichten zu können. Daran besteht kein Zweifel, daß sie das Geld zusammen bekommen würden, gibt es doch einen großen Hort der spendenwilligen Verehrer in diesem Land.

Stellen Sie sich weiter vor, es gibt dann eine Ausschreibung. Künstlerinnen beteiligen sich daran, wie sie sich an jeder Ausschreibung beteiligen, weil sie ja nur davon beseelt sind, künstlerisch zu wirken. Wer diese Ausschreibung gewinnen wird? Wohl ein moderner Künstler. Schließlich ist die Gegenwart eine moderne Gegenwart. Aber moderne Zeiten bergen auch Überraschungen. So sollten Künstler, die meinen, ohnehin keine Chance zu haben, weil sie sich selber als verfemt empfinden, nicht darauf verzichten, sich zu beteiligen.

Und schließlich wird es errichtet, das Denkmal, irgendwo in Wien, vielleicht wird dafür auf einem Platz ein altes Denkmal, ein sehr altes Parteipoltikdenkmal abgetragen, weil gemeint wird, es ist Zeit, daß ein anderer Mann aus dieser Partei jetzt auf dem Platze stehen soll, ein modernerer von einem modernen Künstler, vielleicht sogar schon von einer modernen Künstlerin gestaltet …

Und in fünfzig Jahren kann dieses Parteipolitikdenkmal wieder ersetzt werden, dann vielleicht schon durch eine Frau aus dieser Partei …

Denn das aus der Vergangenheit ist doch je nur für die Gegenwart zur Zeit der Vergangenheit bestimmte, und je nicht für die kommenden Gegenwarten jedweder Gegenwart, die nach den Vergangenheiten kommen, und wären diese Denkmäler nicht aus Stein, Metall, Eisen oder Marmor, sondern aus Papier, wie die Wahlplakate, so wären diese alle längst schon weggeräumt, wie eben Wahlplakate nach jedweder Wahl sofort von den Straßen, Plätzen, Gassen entsorgt werden …

So marschiertest du mit denen, die mordeten.

Es ist bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß es bei Denkmälern nicht nur um die Dargestellten gehen darf, sondern auch um jene, die die Denkmäler schaffen, künstlerisch gestalten.

Es sind je keine Denkmäler als Gruß an die Vergangenheit, es sind je Denkmäler für die Gegenwart, steinerne Demonstrationen der Gesinnungen. So ist es auch um das Denkmal bei Purkersdorf für Josef Weinheber bestellt, mit einem Relief von Rudolf Pleban, hingestellt als Gesinnungsgrenzstein, landmark of conviction

Wer mit ihm auf dem Feld, auf dem Rudolf Pleban schritt, zu dieser Zeit der Schaffung des Weinheber-Denkmals auf der Feihlerhöhe, schildert die „Eigenwerbung“ der Zeitschrift von Karl Strobl, die alles selber sagt, was zu sagen ist …

„Diese Zeitschrift dient der deutschen Kunst. Sie bekämpft daher: die entartete Kunst in allen ihren Erscheinungsformen / den Kunstjournalismus, der für die entartete Kunst wirbt / den Kunstsnob, der die entartete Kunst fördert / den evantgardistischen Kunsterzieher, der durch sein Eintreten für entartete Kunst das gesunde Empfinden unserer Jugend vergiftet / das offizielle Kunstmanagertum, das seit Jahren Millionenbeiträge aus öffentlichen Mitteln in die entartete Kunst investiert. Aus dem Inhalt: Josef Weinheber zum Gedenken (mit Abb. von Bildnis-Büste J.W s von Rudolf Pleban) / Zu Bildern eines österreichischen Soldatenmalers (Alexander Pock) / War Adolf Hitler künstlerisch begabt? (Karl Strobl) / Erinnerung an Wilhelm Dachauer / Der Bildhauer Rudolf Schmid-Rodaun / Erich Kern 60 Jahre alt (mit Photo) / Neue Welle der Deutschenhetze in den USA: Film- und Fernsehgesellschaften überbieten sich in pornographischen und sadistischen Darstellungen / Unsere Marinemaler (u.a. Claus Berger, Lothar Buchheim, Richard Schreiber) / Gefälschte Guardi – Bilder / Franz Xaver Wolf, ein Meister der Zeichnung / Der Maler Heinrich Kreisel / Genie am Pranger – warum Ezra Pound verstummen musste / Wilhelm Frass zum 80. Geburtstag / Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg – Lippe nun ständiger Mitarbeiter dieser Zeitschrift. / Rudolf Hess / Der Maler Roland Strasser / Das Ende von Kultur und Gesittung – Machtergreifung der Asozialen ( H.Rustenmayer) / Die Künstlerfamilie Kasimir (u.a. Hoernes – Kasimir) / Exlibris in Vergangenheit und Gegenwart / Zu neuen Arbeiten des Architekten Ferdinand Gaisser / Ein Meister des Holzschnitts – Ernst von Dombrowski zum Gruß.“

Wer weiter Eintritt gegen „entartete Kunst“ und weiter mit Weinheber voran, nun, zusammengefaßt, vor allem die Parlamentspartei, die auch wieder einmal Regierungspartei für recht kurz …

Und auch sie, kurz gewesene Regierungspartei errichtet Denkmäler der Gesinnung, wie erst vor Kurzem auf der Bastei …

Irgendwann wurde dann doch eine Zusatztafel angebracht, am Male in Purkersdorf, mit einer abgeänderten Zeile eines Verses aus „Requiem für einen Faschisten“ von Theodor Kramer. Es ist wohl der Gesinnung geschuldet, daß auf der Website der Josef-Weinheber-Gesellschaft, wie diese sich im Juli ’20 präsentiert, eine Abbildung des Denkmals ohne Zusatztafel gezeigt wird …

Es ist ein Vergehen an Theodor Kramer. Nicht kenntlich zu machen auf der Tafel, daß sein Vers geändert wurde. Schlimmer noch, durch die verwendeten Anführungszeichen den Eindruck vermitteln zu wollen, Theodor Kramer hätte diesen Vers genauso geschrieben, Theodor Kramer würde wörtlich zitiert werden. Doch im Vers von Theodor Kramer steht nichts von einem „großen Lyriker“ …

So ist auch an dieser Tafel mannigfach das Dilemma von Zusatztafeln ablesbar.

Entweder wäre das gesamte Gedicht von Theodor Kramer auf die Zusatztafel zu schreiben. Oder, wenn schon ein abgeänderter Vers, dann ohne Anführungszeichen und vor allem in einer deutlicheren Abänderung …

So marschiertest du mit denen, die mordeten;
wer weiß da, wann du auf dem Weg über die
Aschenberge gewahr der Menschen wurdest,
die sie verbrannten?