Von der Sage des Bezwingers des Drachens Sieben Prozent

Sebastian Kurz am 28. August ’20:

„[…] mit einer weltwirtschaftskrise zu tun […] wir als kleines österreich bleiben da nicht verschont. dieses jahr wird unsere wirtschaft um rund sieben prozent einbrechen […] comeback unserer wirtschaft […] damit das gelingt, müssen wir […]“

Und Sebastian Kurz spricht weiter, viel und bleibt ganz allgemein, von Herausforderungen, was alles getan werden müsse, um die Krise eines siebenprozentigen Einbruches … wen er schon alles gebeten habe, etwas zu tun, beispielsweise die Wirtschaftsministerin, den Finanzminister, als ob dieser jetzt Zeit hätte für sieben Prozent, in seinem Wahlkampf, den er führt, um am Ende im jetzigen lichtlosen Tunnel zu bleiben …

Sieben Prozent – Sebastian Kurz, der Held der sieben Prozent, der Bezwinger des Drachens Sieben Prozent

Sieben Prozent – den Toten, die das Jahr 1945 etwa erlebten, wird nach dem Anhören seiner Sage fortan nicht mehr die Frage quälen, ob sie 1945 in Österreich die richtige Regierung zum richtigen Zeitpunkt hatten, sie werden sich beruhigt umdrehen und sich sagen, es war ein Glück nicht die vom Sieben-Prozent-Bezwinger angeführte Regierung gehabt zu haben

… mit dieser wären sie, werden sie bequem seitlich liegend meinen, im lichtlosen Tunnel geblieben. Es hätte nicht nur weiter gefehlt an Geld für Kerzen, Christbäume, für Essen, sondern auch für die Elektrifizierung der Tunnel …

So nachträglich entspannt wie sie sein können, werden sie wohl auch zum Witzeln aufgelegt sein, der Drache Sieben Prozent ein Baby-Elefant … Die sieben Prozent, eine Sommer-Annahme, ob es dann, wenn das Jahr ’20 wirklich um sein wird, tatsächlich ein Einbruch von sieben Prozent sein wird, kann für den Baby-Elefanten nur gehofft werden, sonst wäre es ein armer Baby-Elefant, der statt zu wachsen gleich wieder schrumpft …

Einen Einbruch von neunundfünfzig Prozent, also einen zweiundfünfzig Prozent höheren Einbruch hatte 1945 die Regierung in Österreich zu … und jetzt 7 Prozent, gerade einmal schwache 3,2 Prozent mehr als 2009 … viele werden wohl auch das als Glück empfinden, daß der Bezwinger nicht schon 2009 die Regierung anführte, das Glück darüber, im Leben eine Sage nicht zweimal hören zu müssen, er hätte wohl auch 2009 nichts anderes erzählt, beim damaligen Einbruch der Wirtschaft um 3,8 Prozent, nur halt ohne Corona …

Zu Beginn seiner Sage betont Sebastian Kurz, „2020“ sei bisher ein „besonders herausforderndes“ und „ein noch nie dagewesenes Jahr“. Wie wahr von ihm gesagt, daß dieses Jahr noch nie dagewesen ist, nach dem in Österreich verwendeten Kalender eine vollkommen richtige, eine absolut wahre Aussage, nach anderen Kalendern war das Jahr 2020 schon einmal da, aber auch im übertragenen Sinn finden sich Jahre in der Vergangenheit, die mit 2020 mehr als nur mithalten können.

Auch gleich zu Beginn seiner Sage greift Sebastian Kurz wieder einmal zu einem geglückten Spruch: „Es gibt schön langsam Licht am Ende des Tunnels.“

Es gibt schon lange Licht im Tunnel, zum Glück. Kein Mensch braucht sich in einem lichtlosen Tunnel mehr vorzutasten, in ständiger Furcht und Angst, in der Dunkelheit sich das Genick zu brechen, bis er endlich wieder im Licht …

Es kann natürlich auch sein, daß dem Bundeskanzler voran der Regierung die sieben Prozent ein nachtschwarzer Tunnel sind, in dem er nach dem Licht sucht, das ihn aus dem Tunnel sicher leiten soll, und er, während er in der Tunnelschwärze nach einem Ausgang tappt, das Licht schon sieht, wie Menschen etwa, die von ihren Erfahrungen mit dem Licht am Ende des Tunnels erzählen, und denen oft nüchtern wissenschaftliche Erklärungen dafür vorgelegt werden, wie in der Art von dieser:

„Vor allem ein exzessiv erhöhter CO2-Spiegel beeinflusst signifikant die visuelle Wahrnehmung. Als Korrelat der Empfindung eines Lichts am Ende des Tunnels nimmt man eine Einengung des Gesichtsfelds auf den besser versorgten fovealen Bereich an. Der visuelle Kortex kann Farb- oder Formillusionen generieren, da Halluzinationen und echte Wahrnehmungen dieselben Hirnregionen benutzen.“

Rede über …

Im österreichischen Fernsehen läuft nun seit Wochen eine Werbung für „Sommergespräche“, in der Simone Stribl zum Anlocken von einem recht großen Publikum sagen darf: „So besonders wie unsere Zeit“ …

Vielen Menschen dürften die „Sommergespräche“, nicht die „Sommergespräche“ selbst, sondern die im Titel enthaltenen „Gespräche“ dazu verleiten, nicht nur selbst Gespräche über Österreich zu führen, sondern auch andere zu motivieren, ist doch immer öfters die Aufforderung zu hören, auf der Straße, im Gasthaus … „Rede über die Lage“ — —

Oh, „so besonders wie unsere Sommergespräche“ soll also „unsere Zeit“ sein.

Wenn das, was in diesem Land den gewöhnlichen Gang geht, besonders ist, dann sind es wohl besondere …

Rücktritte zum Beispiel sind etwas Gewöhnliches und nichts Besonderes. Das Selbstverständlichste. Fehler zu bekennen, sich zu entschuldigen, und zurückzutreten. Wie eben in Irland. Die Rücktritte wegen „Verstöße gegen Corona-Regeln“, nicht nur ein Rücktritt im August, sondern gleich mehrere Rücktritte am Ende dieses Monats: Handelskommissar Phil Hogan, Landwirtschaftsminister Dara Calleary …

Im Mai dieses Jahres gibt es Aufregungen in Österreich um eine Reise des zurzeitigen Bundeskanzlers und eines Landeshauptmannes, wegen Verstöße gegen die eigenen Corona-Regeln. Einzelne denken an eine Anzeige, manche fordert den Rücktritt, viele würden sich mit einem Eingeständnis, Fehler begangen zu haben, und einer Entschuldigung begnügen. Das Eingestehen, einen Fehler gemacht zu haben, eine Entschuldigung, beides gibt es nicht. Fehler-Bekenntnis und Entschuldigung, das hätte die Zeit zu einer …

In diesem Auftritt in einem engen Tal gleich einen Grund für Rücktritte oder zumindest für das Eingestehen von Fehlern und für eine Entschuldigung zu sehen, das war voreilig von jenen, die sich dafür aussprachen. Zu ihrer Entschuldigung kann aber angeführt werden, sie wußten einfach nicht um die Corona-Regeln für den Gebrauch im internen Kreis. Nach diesen wird alles richtig gemacht, nach diesen werden keine Fehler gemacht, nach diesen keine Notwendigkeit einer Entschuldigung, nach diesen kein Anlaß für Rücktritte …

Beispielsweise wurde der Abstand nach der für intern geltenden Regel strikt eingehalten, wonach ein Abstand von mindestens einem Fliegenpapier, wenn dies nicht möglich, dann von mindestens einer Riesenfliege zu wahren ist. Auch die Pflicht zum Nasen-Masken-Schutz wurde vom Personal in Warnwesten mit gelben Streifen strikt erfüllt …

Besonders und ungewöhnlich würde die Zeit in diesem Land einmal sein, wenn das Gewöhnliche nicht gewöhnlich wie immer gewöhnlich …

Vom Wachrütteln

Während Sebastian Kurz in einem Telefonat mit Benjamin Netanjahu von Benjamin Netanjahu „wachgerüttelt“ wurde, hat Benjamin Netanjahu in Israel selbst Tausende von Menschen „wachgerüttelt“, ohne aber je die Tausenden von Menschen persönlich anrufen zu müssen, um sie wachzurütteln.

Tausende von Menschen in Israel haben sich selbst wachgerüttelt.

Und für ihr Wachrütteln ist die Ursache vor allem der angeklagte Benjamin Netanjahu: „Betrug, Untreue, Bestechlichkeit“ und auch der „Corona-Kurs“ mit einhergehender „Fahrlässigkeit“ von ihm und seiner angeführten Regierung.

Tausende von Menschen in Belarus haben sich selbst wachgerüttelt.

Sie brauchten dazu weder einen Anruf von Netanjahu noch von Lukaschenko. Es reichte ihnen für das Wachrütteln der letzte Betrug – der Wahlbetrug – von ihm und seiner angeführten Regierung. Am Wachrütteln wird wohl auch sein Corona-Kurs einen Anteil haben, mit dem Lukaschenko, der gegen das Virus Wodka zu trinken empfiehlt, gerade noch mithalten kann with the old man from El Paraíso, der gegen das Virus Injektionen von Desinfektionsmitteln …

Je länger die sogenannte Corona-Krise andauert, desto mehr kann das folgenreiche Wachrütteln des Sebastian Kurz durch Benjamin Netanjahu zum Wachrütteln verstanden werden, auch durch den Corona-Kurs von Sebastian Kurz und seiner von ihm angeführten Regierung, die achtert wie ein Laufrad, und das nicht nur, wenn sie unter der Flagge Team Österreich auf dem Coronakurs ihre …

Kurz zum idealen Asyl für Alexander Lukaschenko: Graz, Österreich

Allein im Palast in Minsk soll Alexander Lukaschenko mit seinem fünfzehnjährigen Sohn, der nun nicht nur Sohn, sondern auch seines Vaters Leibwächter ist mit kugelsicherer Weste und Kalaschnikow, darüber gesprochen haben, ins Exil zu gehen.

Was solle aus ihnen werden, soll der fünfzehnjährige Leibwächter seinen Vater gefragt haben, wenn sie Belarus verlassen müßten, wo auf dieser Welt fänden sie wieder so ein prachtvolles Heim. Mit der totalen Liebe eines Vaters soll Lukanschenko sofort versucht haben, seinem Sohn seine Zukunftsängste zu nehmen. Und ihm, ohne lange überlegen zu müssen, einfach wie kurz gesagt haben: Graz.

Lukaschenko soll auf den den fragenden Blick seines von ihm selber gezeugten Leibwächters sich näher erklärt haben. Erst vor wenigen Monaten sei er in Österreich gewesen, das ihn so herzlich aufgenommen habe. Er sei zuversichtlich, Österreich würde ihnen ein recht schönes Heim bereiten, im dortigen Palast. So beeindruckend er auch die Hofburg gefunden habe, würde er doch Graz bevorzugen.

Der Sohn soll seinen Vater gefragt haben. Warum Graz? Der Vater solle seinem gezeugten Leibwächter von Graz erzählen.

Und der Vater soll erzählt haben, schwärmerisch lange, schließlich hätten sie sonst nichts zu tun, allein im Palast …

In Graz werde, soll der Vater seinem Sohn erzählt haben, die Tradition der Weitergabe des Wissens an die nächsten Generationen hochgehalten. Und willig werde von den kommenden Generationen diese Gesinnung aufgenommen.

In Graz würde es Menschen geben, soll der Vater voll Zuversicht weiter erzählt haben, die ihnen über kurz Freunde sein werden, etwa der Mann, der eben erst ganz in seinem Sinne aktive Zeichen setzte gegen Homosexualität und für Antisemitismus … In Graz bliebe ihnen auch die Mühe der Integration erspart. Denn. Wenn sie in Graz ankommen, werden sie schon richtig angekommen sein, ehe sie noch ihren ersten Schritt in Graz …

Aber, soll der Sohn seinen zu Beschützenden bang gefragt haben, werde es ihnen auch erlaubt werden, nach Graz zu gehen?

Sei ohne Sorge, soll der Beschützte geantwortet haben, es verbinde ihn mit dem österreichischen Chef ein gemeinsames Anliegen, er werde ihnen ihren Wunsch nicht … es sei gerade einmal etwa ein Jahr her, daß sie gemeinsam mit gefalteten Händen vor einem Denkmal ihr Gemeinsames bekundeten, „Verantwortung für diese unfassbaren“ …

Angekommen …

8 h in Österreich: Radionachrichten, 24. August ’20, ein Interview, Andrea Maiwald zu Elie Rosen:

„Der Mann, der Sie angegriffen haben soll, ist ein syrischer Flüchtling, der seit sieben Jahren in Österreich lebt, aber hier offenbar nie richtig angekommen ist.“

Hätte Andrea Maiwald das über einen anderen Mann gesagt, er sei „hier offenbar nie richtig angekommen“, es wäre die Wahrheit gewesen. Aber um diesen Mann geht es nicht in diesem Interview, zum einen, weil dieser Mann nicht in Österreich lebt, zum anderen vor allem, weil diesem Mann fortwährend aus Österreich ausgerichtet wird, er habe hier in Österreich nicht anzukommen.

Richtiger aber als der Mann, um den es in diesem Interview geht, kann kein Mann in Österreich ankommen. Und wie kaum ein zweiter Ort ist gerade Graz dafür recht geeignet, das richtige Ankommen zu lehren.

Der „richtig angekommene Mann“ in Graz, Österreich hat soeben sein richtiges Angekommensein durch Prüfungen in den österreichischen Identitätshauptfächern Homophobie und Antisemitismus

Das richtige Ankommen zu lehren, ist in Österreich eine Pflicht, die viele, recht viele bereit sind, freudig zu erfüllen. Im Staatslehrzimmer liegen die Behelfe auf, die sie für ihr Lehren des richtigen Ankommens benötigen, die Lehrbehelfe etwa zur richtigen Ehe, die Lehrbücher etwa zur richtigen Sexualität – fortlaufend zu ergänzen, auch durch Handgeschriebenes, die Lehrbücher etwa zum richtigen Idealismus, der Medienkoffer etwa für den richtigen Journalismus, die Protokolle etwa zur richtigen Geschichte, Hochglanzfotos etwa für richtige Vorbilder, die Leitsätze etwa der richtigen Grundrechte, die Spieluhr etwa zum Erlernen der richtigen Zeitnutzung

Der Behelfe gibt es noch reichlich, zu übervoll mit ihnen das Staatslehrzimmer, um hier alle anführen zu können, aber ein Behelf muß doch ebenfalls beispielhaft noch genannt werden, der ein richtiges Schmuckstück unter den Behelfen ist: richtige Postkarten aus dem richtigen Graz

Wanderweg „Treu seinem Leben!“

In diesem Sommer ’20 ist das Urlaubserlebnis in einem Kaffeehaus mit Blick auf ein Denkmal Erzählungen über Urlaube am Nebentisch zu belauschen, und sich dabei zu fragen, vielleicht, wäre das eine Alternative gewesen, im sogenannten eigenen Land auf Urlaub zu fahren, beispielsweise nach Kärnten …

An einem Tisch wird von einem Wandertag in Kärnten erzählt.

Zuerst sei die „Barbarossaschlucht“ durchwandert worden. Seit wann diese so genannt werde, sei nicht herauszufinden gewesen. Lange sei die Schlucht, bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, „Klinzerschlucht“ genannt worden. Möglicherweise sei ein anderes Unternehmen, das mit Barbarossa einst recht eng verbunden gewesen sei, Taufpate für die Umbenennung der mit einer Sage ausgeschmückten Schlucht …

„Nach der Legende führte Kaiser Friedrich Barbarossas Reise auf dem Feldzug von Deutschland nach Italien auch durch Kärnten, genauer gesagt durch Mühldorf, wo sie in der Schlucht nächtigten. Mitten in der Nacht wurden sie von einer schrecklichen Gestalt mit einem Pferdefuss und langem Schwanz überrascht. Sie ergriffen die Flucht. Als sie den Felsen erreichten, unter welchem der Barbarossatisch stand, ertönten die ersten Glockenschläge in Mühldorf.“

In solch einer wunderlichen Schlucht könne es nicht nur geschehen, daß „tapferen Kriegern“ der „Teufel“ erscheine, in solch einer Schlucht könne es auch geschehen, daß ein „Kreuzzug“ sich zu einem „Feldzug“ wandle. Wohl um den Menschen das Verstehen leichter zu machen. Ist doch „Feldzug“ noch ganz gegenwärtig, als wäre dieser erst gestern geschehen, von einem zu Ehren Barbarossa genannten Unternehmen.

Dann. Weiter von Mühldorf nach Möllbrücke. Auf halben Wege etwa zwischen Mühldorf und Möllbrücke ein kurzes Anhalten vor dem „Scheuch-Kies“, um zu überlegen, soll hier eine Pause schon eingelegt werden, oder doch gleich weiter, um im seit dem 1975 bestehenden Lokal „Rheingold“ zu einer kräftigen Jause nach kärntnerischer Art einzukehren; schließlich ist es vom Kies nicht mehr weit zum Rheingold

Dann. Wieder weiter. Nach Sachsenburg. Vorbei am „Kriegerdenkmal“, ohne stehenzubleiben, ein Blick im Vorbeigehen genügt: ein übliches …

Auf dem Friedhof dann. Ein langes Verweilen.

Allein schon vor der überdachten Gedenkstätte für Opfer. Eine Inschrift zum Kopfzerbrechen:

„Ihr die ihr Anteil an den Leiden Jesu Christi habt, könnt auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln“

Der erste Teil der Inschrift machte kein Kopfzerbrechen, verursachte nicht einmal ein Kopfschütteln. Aber der Teil darunter, in viel, viel kleinerer Schrift geschrieben, ein Mensch schon mit einer geringen Sehschwäche würde das nicht mehr …

„Zum Gedenken an die Opfer der Kriege, des Verkehrs und der Arbeit“

„Zum Gedenken an die Opfer der Kriege, des Verkehrs und der Arbeit“ …

Mit Kopfschütteln sei diese klitzekleine Inschrift des Gedenkens im Vergleich zu den Monstergroßbuchstaben der Jesu-Christi-Jubelei … auch um gerade im Urlaub der Gefahr von Kopfschmerzen durch Kopfzerbrechen vorzubeugen, der Entschluß, weg von dieser Gedenkstätte und weiter auf dem Friedhof umherzuwandern.

Dann. Vor zwei Tafeln an der Kirchenwand. Auf der einen Tafel:

„Treu bis in den Tod!
Hier ruht Obgfr. …
* 6.2.1922
In Hüinghausen Westf.
Gef. 4.4.1945
bei Sachsenburg“

Der Obergefreite wurde nur dreiundzwanzig Jahre alt. In einem „Feldzug“ ermordet, in den er zum Morden geschickt wurde und sich schicken ließ.

Gleich neben der Tafel des „bis in den Tod treuen“ Obergefreiten eine zweite Tafel an der Kirchenwand, für einen „Generalmajor und Ritter des Leopoldsordens“, geboren am „1.3.1863“ und gestorben am „3.1.1947“. Von „Treu bis in den Tod!“ ist auf der Tafel für den Generalmajor und Ritter nichts zu lesen, dafür:

„Dein Leben war Ehre
und tapfere Pflicht,
war Liebe und Güte,
selbstlos und schlicht.“

Der Generalmajor und Ritter wurde vierundachtzig Jahre alt. Der Obgfr. dreiundzwanzig Jahre —

Das ist Ehrlichkeit, auf die Tafel des Generalmajors nicht geschrieben zu haben: „Treu bis in den Tod!“. Es hätte als Vorspruch auf die Tafel geschrieben werden könne: „Tapfer und Treu seinem Leben!“

Bei dem „Feldzug“ des Unternehmens Barbarossa wird Ritter Eder nicht mehr dabei gewesen sein, aber bei dem anderen „Feldzug“, der 1914 begann, auch mit der Verpflichtung von jungen Menschen, bis „in den Tod Treu“ zu sein, die so jung morden mußten und so jung ermordet wurden, wie der Obergefreite, nicht so alt werden durften, wie der Generalmajor, wie ihre Befehlenden, die im biblischen Alter friedlich in ihren warmen Prunkbetten …

Denkmal

In Deutschland wird schon darangegangen, nach Hermann von Wißmann benannte Straßen umzubenennen, bereits vor über fünfzig Jahren wurde ein Denkmal für Hermann von Wissmann, wie sein Familienname auch geschrieben wird, in Hamburg gestürzt, und nun, über fünfzig Jahre später, gibt es eine heftige Debatte darüber, nicht nur in Deutschland, ob solche Denkmäler des Kolonialismus u.v.a.m. aus dem sogenannten öffentlichen Raum entfernt werden sollen oder nicht, ob Zusatztafeln reichen würden, ob ihnen ebenfalls künstlerisch gestaltete Skulpturen, Denkmäler in Opposition beigestellt werden sollen oder nicht.

Ein Denkmal für Hermann von Wissmann steht auch in Österreich, in Weißenbach bei Liezen in der Steiermark, mit einem Reliefbild vom Bildhauer Karl Hackstock … bei diesem Namen kommt unweigerlich die Erinnerung hoch an die abgehackten Hände im Kongo, den der mit einer Habsburgerin verheiratete Kolonialist aus Belgien als seine … Wissmann war auch im Auftrag von diesem Mann in Afrika …

Dem kühnen Forscher
Deutschlands größtem Afrikaner
gewidmet von seinen Verehrern
in Steiermark 15. Juni 1908

So lautet die Inschrift unter dem Reliefbild von Hackstock …

Und dies ist das Seltsame an dieser nun wieder einmal aufgebrochenen und vielleicht heftig wie noch weltweit geführten Debatte …

Diese Achtung, diese Vorsicht, dieser Respekt vor ein paar Menschen, die vor einer Ewigkeit aus ihrer reinen Verehrung für irgendwelche Personen diesen Denkmäler errichteten, dafür den sogenannten öffentlichen Raum, vor über einhundert Jahren wird dieser Begriff noch nicht so … nun, die vor einer Ewigkeit Plätze, Straßen, Gassen, Parks und weitere unbebaute Flächen stürmten, eroberten, okkupierten, besetzten, um ihre propagandistische Verehrung etwa für einen Wissmann beispielsweise durch Denkmäler zu verankern, und diese je ein paar Verehrerinnen für irgendwelche Typen werden wohl nicht einmal zu träumen gewagt haben, daß alle diese von ihnen besetzten Orte, von ihnen mit Denkmälern markierten Plätze sogar eine Ewigkeit später ihre Plätze, ihre Orte sein werden, sogar noch unter dem modernen Begriff des öffentlichen Raumes …

Es ist wohl auch Feigheit dabei, das Gefühl der Schwäche, wie das von den ganz Kleinen, die sich von den nicht wirklich Großen, die immer von irgendwoher als kleine Bande auftauchen und stets skrupellos und roh sich produzieren, vertreiben lassen, auch von den Plätzen, auf denen es ihnen eigentlich zusteht sich aufzuhalten, diese zu gestalten, weil sie es sind, die unmittelbar dort leben … wohl auch, weil sie nicht so sein wollen wie die platzräuberischen Halbstarken, die nichts vom Reden halten, die nicht lange fackeln … Dabei, blieben die Kleinen stehen, schauten sie auf diese Banden, würden sie sehen, zu den Banden gehören stets so wenige, daß es keinen Grund gäbe, zu glauben, gegen sie nichts ausrichten zu können. Freilich kann es passieren, wenn so eine kleine, aber stets lautstarke, überlaute Bande einen Platz für sich erstürmt hat, daß sich ihnen mit der Zeit mehr und mehr anschließen, die meinen, zu einer vermeintlichen Mehrheit gehören zu müssen, erst aber eine Mehrheit bilden, wie es beispielsweise vor bald neun Jahrzehnten einmal …

Den paar Verehrern und wohl auch den paar wenigen Verehrerinnen von Wissmann ist dann 26 Jahre später ein ganzer Staat in der Verehrung gefolgt, das deutsche reich, das widmete Wissmann u.v.a.m. eine Briefmarke, rief 1934 zum „Kolonialgedenkjahr“ aus …

Ein befremdlicher, ein verstörender Gedanke will sich zu diesem Gedenken des Barbarischen einschleichen. Das Gedenken der Nationalsozialistinnen stimmte mit der Gesinnung und dem Handeln der Nationalsozialisten überein. Heutzutage mit den vielen Gedenkveranstaltungen, mit den vielen Gedenkjahren kann nicht gesagt werden, daß das Gedenken mit dem Handeln, zu dem das Gedenken zwingend verpflichtete, übereinstimmt, mit dem Denken ja, aber nicht mit dem Handeln …

Für das Belassen der Denkmäler, der Straßennamen und so weiter wird oft das Argument bemüht, in Deutschland etwa auch von einem Götz Aly, in Österreich beispielsweise von einem Zusatztafelhistorienmaler, mit dem Entfernen, mit dem Umbenennen würde Geschichte gereinigt, aufgegeben werden … Aber das ist nicht die gesamte Geschichte, es ist bloß die Geschichtspropaganda stets kleiner Banden, die sie damit unfreiwillig und wohl auch ungewollt verteidigen, wobei sie damit einem Geschichtsbild verhaftet bleiben, das nicht erst seit den „Fragen eines lesenden Arbeiters“ äußerst fragwürdig ist, Geschichte aus der Perspektive von überwiegend einzelnen männlichen Führern und wenigen weiblichen Führerinnen von kleinen Banden zu erzählen — eine gänzlich überholte Geschichtsschreibung …

Übrigens. In diesem steiermärkischen Örtlein gibt es nicht nur das Denkmal von ein paar, die Wissmann verehrten, sondern auch einen „Hermann-von-Wißmann-Weg“. Und das ist ein wirklicher und langer Weg, im Vergleich zum „Angelo-Soliman-Weg“ in Wien, der in Wirklichkeit gar kein Weg ist, sondern eine kurze Unterführung zum Wasser auf der Löwengasse ist, ist der „Hermann-von-Wißmann-Weg“ ein wirklich, wirklich langer, langer Weg …

Auf Augenhöhe

Die österreichische Tageszeitung, die dem Journalismus seit Jahrzehnten täglich die Krone aufsetzt, deren täglich geschwungenes Zepter geschnitzt ist aus „berührenden Zeilen“, erkennt, wie es so schön heißt, blind „schlaue Zeilen“

Der junge Mensch von zehn Jahren verdiente mit seinen Zeilen, die zuerst „berührend“ und dann, nach eingehender Prüfung, als „schlaue“ einzustufen waren, so die einhellige Meinung eines Mitglieds der Bundesregierung und der gekrönten Tageszeitung, eine „Belohnung“: ein Treffen mit dem Innenminister.

Für den jungen Menschen von zehn Jahren einmal die Gelegenheit, sich mit einem Mann auf Augenhöhe über verabzuschiedende Gesetze auszutauschen, und auch für den Innenminister endlich die Gelegenheit, auch einmal außerhalb seiner Regierung auf Augenhöhe sich über vor allem kürzlich verabschiedete und noch zu verabschiedende Gesetze in einer einfachen wie kurzen Sprache ohne Spitzfindigkeiten mit einem jungen Mann …

Sonderlichkeiten

Es ist schon richtig, daß mit der kurzen Feststellung, ein schlecht gemachter Roman ist ein schlecht gemachter Roman, bereits alles gesagt ist, was zu „Keiner von euch“ zu sagen ist.

Wahr ist ebenso, es wäre zu „Keiner von euch“ nicht eine einzige Zeile zu schreiben, wäre „Keiner von euch“ aus irgendeiner Groschenromanfabrik.

Aber schon verbreiten Menschen, „Keiner von euch“ sei ein „historischer Roman“. Der Verlag und der Schriftsteller legen diese Einordnung doch nahe, wenngleich sie es zugleich zurückweisen:

„Angelehnt an die faszinierende Geschichte Angelo Solimans erzählt Felix Mitterer in seinem ersten Roman von Emanzipation und Würde, von Rassismus und Selbstbehauptung.“

„Dieses Buch ist ein Roman, keine Biographie. In diesem Roman verbindet der Autor im Sinne schriftstellerischer Freiheit historische Fakten mit literarischer Fiktion.“

Hätte also Felix Mitterer einen „Adelsroman“ für beispielsweise „Fürstenwelt“ geschrieben, hätte über seinen Roman je nicht geschrieben werden können, schlecht gemacht, ist schlecht gemacht, weil es gar nicht zur Kenntnis gelangt worden wäre, daß es überhaupt dieses Heftchen …

Hätte also Felix Mitterer nur einen Roman über Fürsten und ihre Triebe aber ohne Bezugnahme auf Angelo Soliman und seine Tochter geschrieben und ohne Hinweis darauf, „historische Fakten“ zu verwenden, nun, kein Mensch könnte sich je erdreisten, darüber eine Zeile zu schreiben, weder eine positive noch eine negative.

Dem ist aber nicht so.

Und daher soll in diesem Kapitel Felix Mitterer unter seinem amtlichen respektive, wie es so schön gesagt wird, wirklichen Namen auftreten, als Figur eines Schriftstellers im 21. Jahrhundert, der beinahe zweihundert Jahre nach dem Tod von Josephine Soliman einen Roman schreibt, der von einer schauerlichen Gegenwart erzählt, obgleich er vorgibt, über ein Geschehen vor über zweihundert Jahren zu berichten.

Ein Heftchen, reich an Sonderlichkeiten. Sonderlichkeiten, die im Heftchen geführt als „schriftstellerische Freiheit, literarische Fiktion“ … Vieles, im Grunde alles mutet an dieser „schriftstellerischen Freiheit“, an dieser „literarischen Fiktion“ sonderlich an. Es gibt Rätsel auf, was für eine „Freiheit“ muß diese wohl sein, die Felix Mitterer zweihundert Jahre später eine solche „Fiktion“ diktiert? Auch vor dem Hintergrund, wie eben erst zu erfahren war, daß eine Firma schändliche Namen ihrer Produkte gegen unverfängliche Namen tauschen will.

Ein paar von diesen Sonderlichkeiten in diesem Heftchen sollen doch exemplarisch angesprochen werden.

Die erste Seite des Heftchens zeigt eine Abbildung von Angelo Soliman. Und vermittelt bereits dadurch, doch mehr als eine „Fiktion“ zu sein. Felix Mitterer beginnt sein Heftchen mit

„Josephine Soliman. 16. April 1801. Heute bin ich 20 Jahre alt. Es ist Frühling in Messina.“

Ein Beginn mit einem konkreten Datum, als wäre es ein sogenannter Tatsachenroman. Sonderlich daran. 1801 ist das Todesjahr von Josephine Soliman. Sie wurde 29 Jahre alt. In der „Fiktion“ von Felix Mitterer ist also eine Tote eine wesentliche Figur in diesem Heftchen. Nach der uralten Weisheit der sogenannten weißen Menschen über sogenannte indianische Menschen, nur ein toter „Mischling“ sei ein guter „Mischling“. Und Mitterer nimmt ihr neun Lebensjahre weg. Auch ein „Mischling“ darf wohl nicht alt werden. Das Heftchen endet mit Josephine Soliman:

„Wir fahren durch die endlose Allee stadtauswärts, halten am Denkmal der Spinnerin am Kreuz. Drehen uns nach der Stadt um. Dort hat sich ein Großbrand ausgebreitet. Wien brennt. Ich wende wieder den Kopf, schaue, mich verabschiedend, zur Spinnerin, lasse die Leitseile schnalzen, das magere Pferd trabt los. Richtung Süden.“

Für die Tochter eines – Mitterer verwendet keine Anführungszeichen, daher auch hier keine – Negers und einer Weißen ist Österreich nicht der rechte Platz, soll auch ein „Mischling“ dort sein,

„wo ich nie war. In der Heimat meines Vaters. Die Angehörigen des Stammes der Wándala knien am roten Lehmboden und schauen ehrfüchtig zum großen Vulkan, der ausgebrochen ist und Feuer speit.“

Eine weitere Sonderlichkeit in der „schriftstellerischen Freiheit“ des Felix Mitterer:

„Aus dem Tagebuch von Clara Soliman … Sommer 1759 … Auf dem Schoß von Thurnstein saß ich, die achtjährige Clara … ein nordafrikanischer Sklavenhändler, ein Araber mit Turban … aber ich war einfach zu ungeduldig, da biss mich der Inhalt des Sacks durch den groben Stoff hindurch in die Hand. Ich schrie erschreckt auf: ‚Mamá! Es hat mich gebissen!‘ … Der Sklavenhändler gab dem Sack einen brutalen Fußtritt. Wie ein Tier schrie es darin auf … Sofort schoss ein kleiner schwarzer Junge in meinem Alter heraus und versuchte zu entkommen. Er war nackt und schmutzig … ‚So etwas Entzückendes!‘ … ‚Ich verstehe dich doch. Jedes Tierchen will nach Hause. Weißt du, sie haben mir mein Kätzchen weggenommen und verschenkt, weil es eine Chaiselongue zerkratzt hatte. Aber das Kätzchen war am nächsten Tag schon wieder da. Sie haben es mir wieder weggenommen, und diesmal kam es nicht mehr zurück. Sie haben es im Meer ersäuft, ganz bestimmt. Dasselbe würde dir passieren, kleiner Mohr. Es ist zu weit nach Afrika. Du würdest ertrinken wie mein Kätzchen.‘ … ‚So jetzt wird es aber Zeit, dass du einen Namen bekommst. Ich werde dich Angelo nennen … Aber einen Familiennamen brauchst du auch … Angelo Soliman‘ …“

Nach Mitterer ist also Angelo Soliman 1759 acht Jahre alt. Als Geburtsjahr vom historischen Angelo Soliman wird stets 1721 angenommen. Mitterer nimmt Angelo Soliman also rund dreißig Lebensjahre weg. Für Mitterer darf ein Neger wohl nicht alt werden. In seiner „Fiktion“ höchstens etwas über 41 Jahre. Mitterer läßt ihn ermorden in der Zeit, als bereits Franz Habsburg I und II herrschte, also nach dem Juli 1792 und wohl vor dem tatsächlichen Todesjahr 1796 von Angelo Soliman; die Todesursache ein Schlaganfall.

Mit den Namen in diesem Heftchen ist es gar sonderlich bestellt. Das Sonderlichste wohl in diesem Heftchen von Mitterer ist die Verwendung von wirklichen Namen und von erfundenen Namen für die Personen, die in diesem Heftchen vorkommen.

Die Zofe heißt bei Mitterer „Giulietta“, während sie tatsächlich Angelina hieß, und aus Zuneigung zu ihr wählte Soliman für sich den Vornamen Angelo. Für Mitterer darf ein Neger wohl nicht selbst seinen Namen wählen.

Nach dem Heftchen von Felix Mitterer müßte der „Kinderschänder“ Fürst Johann Georg Christian von Lobkowitz, österreichischer Militärgouverneur und Generalfeldmarschall, sein, an den nach den tatsächlichen geschichtlichen Begebenheiten der Minderjährige Angelo Soliman „verschenkt“ wurde. Aber Mitterer nennt nicht Lobkowitz. Bei Mitterer heißt der „Kinderschänder“: „Fürst Johann Christian Thurnstein war österreichischer Feldmarschall und Gouverneur“ … Lobkowitz starb 1753, als Angelo Soliman nach Mitterer etwa zwei Jahre alt war. Dachte Mitterer vielleicht beim „Kinderschänder“ an Fürst Joseph Wenzel von Liechtenstein“, zu dem nach den historischen Begebenheiten Angelo Soliman im Jahr 1753 wechselte? Fürst Liechtenstein entließ Angelo Soliman, weil dieser heimlich heiratete. Viele Gerüchte über die Gründe der Entlassung durch Liechtenstein gibt es, ein Gerücht, die „homosexuellen Neigungen“ des Fürsten Liechtenstein. Mitterer wärmt auch das auf, Angelo Soliman als Opfer von einem Pädophilen. Sonderlich daran die Zurückhaltung von Mitterer, dem „Kinderschänder“ einen erfundenen Namen zu geben, den „Kinderschänder“ also nicht Fürst Lobkowitz oder Fürst Liechtenstein zu nennen.

Ist doch sonst Mitterer in seiner „schriftstellerischen Freiheit“ gar nicht so zurückhaltend, wirkliche Namen zu verwenden. Etwa, exemplarisch genannt, den von Wolfgang und Constanze Mozart. Constanze Mozart läßt Mitterer in seinem Heftchen mit Angelo Soliman es im Stiegenhaus treiben, wo er sie von Mozart erwischen läßt. Viele kommen in diesem Heftchen mit ihren wirklichen Namen vor, beispielhaft etwa Joseph II … wirklich an ihnen bloß die Namen und die mittererische „Fiktion“ der Fortschreibung österreichischer Legenden —

Was ein Neger bei Mitterer auch nicht sein darf: ein Hausbesitzer. Der der historische Angelo Soliman auch war, dem zwar auch das passierte, was halt vielen Menschen nach wie vor passiert, sein Haus wurde irgendwann versteigert. Mitterer aber gesteht einem Neger nur eine Wohnung zu.

Sonderlich auch, daß im Heftchen von Mitterer aus dem Lokal „Zum steinernen Löwen“ das Bordell „Zum roten Hahn“ am Spittelberg wird, aus dem, wie berichtet wird, Joseph II wegen der Prostituierten „Sonnenfels-Waberl“, die von Mitterer „Wally“ genannt wird, hinausgeworfen … Den Rausschmiß erzählt Mitterer nicht, dafür Sonderliches über die Welt eines Bordells, wie auch anders möglich, in einem Heftchen voller Absonderlichkeiten, geschuldet einer „schriftstellerischen Freiheit“, einer „literarischen Fiktion“, daß zu fragen ist, welche Wörter versteht Mitterer nicht: Schriftstellerisch? Freiheit? Literarisch? Fiktion? Er wird wohl alle Wörter verstehen, aber nicht, wie diese zu vereinen sind.

Es gab in Wien ein Wirtshaus mit dem Namen „Zum roten Hahn“. Aber … Unmittelbar vor der ersten Erwähnung vom „Roten Hahn“ in diesem Heftchen läßt Mitterer Professor Hoffmann erzählen:

„Toni schaute währenddessen auf den Leichnam. ‚Wer is’n das, Herr Professor?‘ – ‚Ein Komponist. Sehr begabt.‘ – ‚Selbstmord? Oder is er von den Nachbarn erschlagen worden, wegen der lauten Musik?‘ – ‚Selbstmord, Toni. Gift. Keiner wollte seine Musik spielen, keiner sie hören.‘ …“

An welchen Komponisten hat Mitterer dabei gedacht? An Hans Rott, der im Wirtshaus „Zum roten Hahn“ verkehrte? Kaum. Rott vergiftete sich aber nicht, er beging keinen Selbstmord. Rott wurde aber erst 1858 geboren. Bei diesem mittererischen Mischmasch, vielleicht doch …

Tatsächlich wurde die Musik von Rott lange, sehr lange nicht gespielt, wie hier in einem Kapitel gelesen werden kann.

Welchen Komponisten Mitterer auch gemeint haben mag, ist im Grunde belanglos, was auffällt, ein sonderlicher Zugang und Umgang mit künstlerischen Menschen, oder einfach und kurz: platt, äußerst platt, das zeigt auch und nicht nur die mittererische Beschreibung von Wolfgang Amadeus Mozart …

Sonderlichkeiten über Sonderlichkeiten. Eine letzte soll noch erwähnt werden. Eine Rolle spielt in diesem Heftchen auch „Josip“, ein „Bettler“, dem „die Beine fehlen“. Auf der vorletzten Seite des Heftchens erzählt Josephine Soliman, als sie Wien, als sie Österreich, wie es Mitterer will, verläßt:

„Als David und ich über den Josephsplatz gehen, kommen Josip und seine Bettlerarmee aus ihren Verstecken, schauen stumm und ehrfürchtig zum Kuppelsaal: Ein Feuerschein, wie aus einem Vulkan entsprungen, erhellt das große Mittelfenster. Hinter dem Mutter und Vater sich eben zu den Vorfahren begeben. Plötzlich spüre ich eine unbändige Kraft in mir aufsteigen. Ich recke die Arme hoch und stoße einen unglaublichen Schrei. Explosionsartig zerbirst das große Mittelfenster und die Flammen schießen heraus. Josip und die anderen Bettler stimmen nun im meinen Schrei vielstimmig ein, recken ihre Waffen empor.“

Unglaublich diese „schriftstellerische Freiheit, diese „literarische Fiktion“ … „Bettlerarmee, Waffen“ …

Das also kommt heraus, wenn ein guter Mensch einen Roman schreibt, der ein Heftchen ist, wie ersonnen von einer Stammtischrunde in einer einzigen Nacht der …

Schlecht gemacht, ist schlecht gemacht.

Kunst sei das Gegenteil von gut gemeint, heißt es nach einem Zitat, das gleich mehreren Schreibenden zugerechnet wird. Nun, das trifft auf den Roman von Felix Mitterer gar nicht zu. Denn.

Die kürzeste Kritik an dem Roman von Felix Mitterer kann nur lauten:

Schlecht gemacht, ist schlecht gemacht.

Die kürzeste Zusammenfassung des Romans von Felix Mitterer kann nur lauten:

Der gute Mensch als Rassist.

Wie werden rassistische Menschen, die schreiben, sich nun wohl giften, daß ihnen nach ihrer Gesinnung bislang kein Roman wie „Keiner von euch“ gelungen ist.

Oder werden rassistische Menschen fortan „Keiner von euch“ dankbar als Lehrbeispiel vortragen, wie heutzutage Romane nach ihrer Gesinnung zu verfassen seien?

Genug zu diesem Ro…