„[…] mit einer weltwirtschaftskrise zu tun […] wir als kleines österreich bleiben da nicht verschont. dieses jahr wird unsere wirtschaft um rund sieben prozent einbrechen […] comeback unserer wirtschaft […] damit das gelingt, müssen wir […]“
Und Sebastian Kurz spricht weiter, viel und bleibt ganz allgemein, von Herausforderungen, was alles getan werden müsse, um die Krise eines siebenprozentigen Einbruches … wen er schon alles gebeten habe, etwas zu tun, beispielsweise die Wirtschaftsministerin, den Finanzminister, als ob dieser jetzt Zeit hätte für sieben Prozent, in seinem Wahlkampf, den er führt, um am Ende im jetzigen lichtlosen Tunnel zu bleiben …
Sieben Prozent – Sebastian Kurz, der Held der sieben Prozent, der Bezwinger des Drachens Sieben Prozent …
… mit dieser wären sie, werden sie bequem seitlich liegend meinen, im lichtlosen Tunnel geblieben. Es hätte nicht nur weiter gefehlt an Geld für Kerzen, Christbäume, für Essen, sondern auch für die Elektrifizierung der Tunnel …
So nachträglich entspannt wie sie sein können, werden sie wohl auch zum Witzeln aufgelegt sein, der Drache Sieben Prozent ein Baby-Elefant … Die sieben Prozent, eine Sommer-Annahme, ob es dann, wenn das Jahr ’20 wirklich um sein wird, tatsächlich ein Einbruch von sieben Prozent sein wird, kann für den Baby-Elefanten nur gehofft werden, sonst wäre es ein armer Baby-Elefant, der statt zu wachsen gleich wieder schrumpft …
Einen Einbruch von neunundfünfzig Prozent, also einen zweiundfünfzig Prozent höheren Einbruch hatte 1945 die Regierung in Österreich zu … und jetzt 7 Prozent, gerade einmal schwache 3,2 Prozent mehr als 2009 … viele werden wohl auch das als Glück empfinden, daß der Bezwinger nicht schon 2009 die Regierung anführte, das Glück darüber, im Leben eine Sage nicht zweimal hören zu müssen, er hätte wohl auch 2009 nichts anderes erzählt, beim damaligen Einbruch der Wirtschaft um 3,8 Prozent, nur halt ohne Corona …
Zu Beginn seiner Sage betont Sebastian Kurz, „2020“ sei bisher ein „besonders herausforderndes“ und „ein noch nie dagewesenes Jahr“. Wie wahr von ihm gesagt, daß dieses Jahr noch nie dagewesen ist, nach dem in Österreich verwendeten Kalender eine vollkommen richtige, eine absolut wahre Aussage, nach anderen Kalendern war das Jahr 2020 schon einmal da, aber auch im übertragenen Sinn finden sich Jahre in der Vergangenheit, die mit 2020 mehr als nur mithalten können.
Auch gleich zu Beginn seiner Sage greift Sebastian Kurz wieder einmal zu einem geglückten Spruch: „Es gibt schön langsam Licht am Ende des Tunnels.“
Es gibt schon lange Licht im Tunnel, zum Glück. Kein Mensch braucht sich in einem lichtlosen Tunnel mehr vorzutasten, in ständiger Furcht und Angst, in der Dunkelheit sich das Genick zu brechen, bis er endlich wieder im Licht …
Es kann natürlich auch sein, daß dem Bundeskanzler voran der Regierung die sieben Prozent ein nachtschwarzer Tunnel sind, in dem er nach dem Licht sucht, das ihn aus dem Tunnel sicher leiten soll, und er, während er in der Tunnelschwärze nach einem Ausgang tappt, das Licht schon sieht, wie Menschen etwa, die von ihren Erfahrungen mit dem Licht am Ende des Tunnels erzählen, und denen oft nüchtern wissenschaftliche Erklärungen dafür vorgelegt werden, wie in der Art von dieser:
„Vor allem ein exzessiv erhöhter CO2-Spiegel beeinflusst signifikant die visuelle Wahrnehmung. Als Korrelat der Empfindung eines Lichts am Ende des Tunnels nimmt man eine Einengung des Gesichtsfelds auf den besser versorgten fovealen Bereich an. Der visuelle Kortex kann Farb- oder Formillusionen generieren, da Halluzinationen und echte Wahrnehmungen dieselben Hirnregionen benutzen.“
Vielen Menschen dürften die „Sommergespräche“, nicht die „Sommergespräche“ selbst, sondern die im Titel enthaltenen „Gespräche“ dazu verleiten, nicht nur selbst Gespräche über Österreich zu führen, sondern auch andere zu motivieren, ist doch immer öfters die Aufforderung zu hören, auf der Straße, im Gasthaus … „Rede über die Lage“ — —
Oh, „so besonders wie unsere Sommergespräche“ soll also „unsere Zeit“ sein.
Wenn das, was in diesem Land den gewöhnlichen Gang geht, besonders ist, dann sind es wohl besondere …
Rücktritte zum Beispiel sind etwas Gewöhnliches und nichts Besonderes. Das Selbstverständlichste. Fehler zu bekennen, sich zu entschuldigen, und zurückzutreten. Wie eben in Irland. Die Rücktritte wegen „Verstöße gegen Corona-Regeln“, nicht nur ein Rücktritt im August, sondern gleich mehrere Rücktritte am Ende dieses Monats: Handelskommissar Phil Hogan, Landwirtschaftsminister Dara Calleary …
Beispielsweise wurde der Abstand nach der für intern geltenden Regel strikt eingehalten, wonach ein Abstand von mindestens einem Fliegenpapier, wenn dies nicht möglich, dann von mindestens einer Riesenfliege zu wahren ist. Auch die Pflicht zum Nasen-Masken-Schutz wurde vom Personal in Warnwesten mit gelben Streifen strikt erfüllt …
Allein im Palast in Minsk soll Alexander Lukaschenko mit seinem fünfzehnjährigen Sohn, der nun nicht nur Sohn, sondern auch seines Vaters Leibwächter ist mit kugelsicherer Weste und Kalaschnikow, darüber gesprochen haben, ins Exil zu gehen.
Was solle aus ihnen werden, soll der fünfzehnjährige Leibwächter seinen Vater gefragt haben, wenn sie Belarus verlassen müßten, wo auf dieser Welt fänden sie wieder so ein prachtvolles Heim. Mit der totalen Liebe eines Vaters soll Lukanschenko sofort versucht haben, seinem Sohn seine Zukunftsängste zu nehmen. Und ihm, ohne lange überlegen zu müssen, einfach wie kurz gesagt haben: Graz.
8 h in Österreich: Radionachrichten, 24. August ’20, ein Interview, Andrea Maiwald zu Elie Rosen:
„Der Mann, der Sie angegriffen haben soll, ist ein syrischer Flüchtling, der seit sieben Jahren in Österreich lebt, aber hier offenbar nie richtig angekommen ist.“
In diesem Sommer ’20 ist das Urlaubserlebnis in einem Kaffeehaus mit Blick auf ein Denkmal Erzählungen über Urlaube am Nebentisch zu belauschen, und sich dabei zu fragen, vielleicht, wäre das eine Alternative gewesen, im sogenannten eigenen Land auf Urlaub zu fahren, beispielsweise nach Kärnten …
An einem Tisch wird von einem Wandertag in Kärnten erzählt.
Zuerst sei die „Barbarossaschlucht“ durchwandert worden. Seit wann diese so genannt werde, sei nicht herauszufinden gewesen. Lange sei die Schlucht, bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, „Klinzerschlucht“ genannt worden. Möglicherweise sei ein anderes Unternehmen, das mit Barbarossa einst recht eng verbunden gewesen sei, Taufpate für die Umbenennung der mit einer Sage ausgeschmückten Schlucht …
„Nach der Legende führte Kaiser Friedrich Barbarossas Reise auf dem Feldzug von Deutschland nach Italien auch durch Kärnten, genauer gesagt durch Mühldorf, wo sie in der Schlucht nächtigten. Mitten in der Nacht wurden sie von einer schrecklichen Gestalt mit einem Pferdefuss und langem Schwanz überrascht. Sie ergriffen die Flucht. Als sie den Felsen erreichten, unter welchem der Barbarossatisch stand, ertönten die ersten Glockenschläge in Mühldorf.“
In solch einer wunderlichen Schlucht könne es nicht nur geschehen, daß „tapferen Kriegern“ der „Teufel“ erscheine, in solch einer Schlucht könne es auch geschehen, daß ein „Kreuzzug“ sich zu einem „Feldzug“ wandle. Wohl um den Menschen das Verstehen leichter zu machen. Ist doch „Feldzug“ noch ganz gegenwärtig, als wäre dieser erst gestern geschehen, von einem zu Ehren Barbarossa genannten Unternehmen.
Dann. Weiter von Mühldorf nach Möllbrücke. Auf halben Wege etwa zwischen Mühldorf und Möllbrücke ein kurzes Anhalten vor dem „Scheuch-Kies“, um zu überlegen, soll hier eine Pause schon eingelegt werden, oder doch gleich weiter, um im seit dem 1975 bestehenden Lokal „Rheingold“ zu einer kräftigen Jause nach kärntnerischer Art einzukehren; schließlich ist es vom Kies nicht mehr weit zum Rheingold …
Allein schon vor der überdachten Gedenkstätte für Opfer. Eine Inschrift zum Kopfzerbrechen:
„Ihr die ihr Anteil an den Leiden Jesu Christi habt, könnt auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln“
Der erste Teil der Inschrift machte kein Kopfzerbrechen, verursachte nicht einmal ein Kopfschütteln. Aber der Teil darunter, in viel, viel kleinerer Schrift geschrieben, ein Mensch schon mit einer geringen Sehschwäche würde das nicht mehr …
„Zum Gedenken an die Opfer der Kriege, des Verkehrs und der Arbeit“
„Zum Gedenken an die Opfer der Kriege, des Verkehrs und der Arbeit“ …
Mit Kopfschütteln sei diese klitzekleine Inschrift des Gedenkens im Vergleich zu den Monstergroßbuchstaben der Jesu-Christi-Jubelei … auch um gerade im Urlaub der Gefahr von Kopfschmerzen durch Kopfzerbrechen vorzubeugen, der Entschluß, weg von dieser Gedenkstätte und weiter auf dem Friedhof umherzuwandern.
Dann. Vor zwei Tafeln an der Kirchenwand. Auf der einen Tafel:
„Treu bis in den Tod! Hier ruht Obgfr. … * 6.2.1922 In Hüinghausen Westf. Gef. 4.4.1945 bei Sachsenburg“
Der Obergefreite wurde nur dreiundzwanzig Jahre alt. In einem „Feldzug“ ermordet, in den er zum Morden geschickt wurde und sich schicken ließ.
Gleich neben der Tafel des „bis in den Tod treuen“ Obergefreiten eine zweite Tafel an der Kirchenwand, für einen „Generalmajor und Ritter des Leopoldsordens“, geboren am „1.3.1863“ und gestorben am „3.1.1947“. Von „Treu bis in den Tod!“ ist auf der Tafel für den Generalmajor und Ritter nichts zu lesen, dafür:
„Dein Leben war Ehre und tapfere Pflicht, war Liebe und Güte, selbstlos und schlicht.“
Der Generalmajor und Ritter wurde vierundachtzig Jahre alt. Der Obgfr. dreiundzwanzig Jahre —
Das ist Ehrlichkeit, auf die Tafel des Generalmajors nicht geschrieben zu haben: „Treu bis in den Tod!“. Es hätte als Vorspruch auf die Tafel geschrieben werden könne: „Tapfer und Treu seinem Leben!“
In Deutschland wird schon darangegangen, nach Hermann von Wißmann benannte Straßen umzubenennen, bereits vor über fünfzig Jahren wurde ein Denkmal für Hermann von Wissmann, wie sein Familienname auch geschrieben wird, in Hamburg gestürzt, und nun, über fünfzig Jahre später, gibt es eine heftige Debatte darüber, nicht nur in Deutschland, ob solche Denkmäler des Kolonialismus u.v.a.m. aus dem sogenannten öffentlichen Raum entfernt werden sollen oder nicht, ob Zusatztafeln reichen würden, ob ihnen ebenfalls künstlerisch gestaltete Skulpturen, Denkmäler in Opposition beigestellt werden sollen oder nicht.
Es ist wohl auch Feigheit dabei, das Gefühl der Schwäche, wie das von den ganz Kleinen, die sich von den nicht wirklich Großen, die immer von irgendwoher als kleine Bande auftauchen und stets skrupellos und roh sich produzieren, vertreiben lassen, auch von den Plätzen, auf denen es ihnen eigentlich zusteht sich aufzuhalten, diese zu gestalten, weil sie es sind, die unmittelbar dort leben … wohl auch, weil sie nicht so sein wollen wie die platzräuberischen Halbstarken, die nichts vom Reden halten, die nicht lange fackeln … Dabei, blieben die Kleinen stehen, schauten sie auf diese Banden, würden sie sehen, zu den Banden gehören stets so wenige, daß es keinen Grund gäbe, zu glauben, gegen sie nichts ausrichten zu können. Freilich kann es passieren, wenn so eine kleine, aber stets lautstarke, überlaute Bande einen Platz für sich erstürmt hat, daß sich ihnen mit der Zeit mehr und mehr anschließen, die meinen, zu einer vermeintlichen Mehrheit gehören zu müssen, erst aber eine Mehrheit bilden, wie es beispielsweise vor bald neun Jahrzehnten einmal …
Den paar Verehrern und wohl auch den paar wenigen Verehrerinnen von Wissmann ist dann 26 Jahre später ein ganzer Staat in der Verehrung gefolgt, das deutsche reich, das widmete Wissmann u.v.a.m. eine Briefmarke, rief 1934 zum „Kolonialgedenkjahr“ aus …
Für das Belassen der Denkmäler, der Straßennamen und so weiter wird oft das Argument bemüht, in Deutschland etwa auch von einem Götz Aly, in Österreich beispielsweise von einem Zusatztafelhistorienmaler, mit dem Entfernen, mit dem Umbenennen würde Geschichte gereinigt, aufgegeben werden … Aber das ist nicht die gesamte Geschichte, es ist bloß die Geschichtspropaganda stets kleiner Banden, die sie damit unfreiwillig und wohl auch ungewollt verteidigen, wobei sie damit einem Geschichtsbild verhaftet bleiben, das nicht erst seit den „Fragen eines lesenden Arbeiters“ äußerst fragwürdig ist, Geschichte aus der Perspektive von überwiegend einzelnen männlichen Führern und wenigen weiblichen Führerinnen von kleinen Banden zu erzählen — eine gänzlich überholte Geschichtsschreibung …
Wahr ist ebenso, es wäre zu „Keiner von euch“ nicht eine einzige Zeile zu schreiben, wäre „Keiner von euch“ aus irgendeiner Groschenromanfabrik.
Aber schon verbreiten Menschen, „Keiner von euch“ sei ein „historischer Roman“. Der Verlag und der Schriftsteller legen diese Einordnung doch nahe, wenngleich sie es zugleich zurückweisen:
„Angelehnt an die faszinierende Geschichte Angelo Solimans erzählt Felix Mitterer in seinem ersten Roman von Emanzipation und Würde, von Rassismus und Selbstbehauptung.“
„Dieses Buch ist ein Roman, keine Biographie. In diesem Roman verbindet der Autor im Sinne schriftstellerischer Freiheit historische Fakten mit literarischer Fiktion.“
Hätte also Felix Mitterer einen „Adelsroman“ für beispielsweise „Fürstenwelt“ geschrieben, hätte über seinen Roman je nicht geschrieben werden können, schlecht gemacht, ist schlecht gemacht, weil es gar nicht zur Kenntnis gelangt worden wäre, daß es überhaupt dieses Heftchen …
Und daher soll in diesem Kapitel Felix Mitterer unter seinem amtlichen respektive, wie es so schön gesagt wird, wirklichen Namen auftreten, als Figur eines Schriftstellers im 21. Jahrhundert, der beinahe zweihundert Jahre nach dem Tod von Josephine Soliman einen Roman schreibt, der von einer schauerlichen Gegenwart erzählt, obgleich er vorgibt, über ein Geschehen vor über zweihundert Jahren zu berichten.
Ein paar von diesen Sonderlichkeiten in diesem Heftchen sollen doch exemplarisch angesprochen werden.
Die erste Seite des Heftchens zeigt eine Abbildung von Angelo Soliman. Und vermittelt bereits dadurch, doch mehr als eine „Fiktion“ zu sein. Felix Mitterer beginnt sein Heftchen mit
„Josephine Soliman. 16. April 1801. Heute bin ich 20 Jahre alt. Es ist Frühling in Messina.“
Ein Beginn mit einem konkreten Datum, als wäre es ein sogenannter Tatsachenroman. Sonderlich daran. 1801 ist das Todesjahr von Josephine Soliman. Sie wurde 29 Jahre alt. In der „Fiktion“ von Felix Mitterer ist also eine Tote eine wesentliche Figur in diesem Heftchen. Nach der uralten Weisheit der sogenannten weißen Menschen über sogenannte indianische Menschen, nur ein toter „Mischling“ sei ein guter „Mischling“. Und Mitterer nimmt ihr neun Lebensjahre weg. Auch ein „Mischling“ darf wohl nicht alt werden. Das Heftchen endet mit Josephine Soliman:
„Wir fahren durch die endlose Allee stadtauswärts, halten am Denkmal der Spinnerin am Kreuz. Drehen uns nach der Stadt um. Dort hat sich ein Großbrand ausgebreitet. Wien brennt. Ich wende wieder den Kopf, schaue, mich verabschiedend, zur Spinnerin, lasse die Leitseile schnalzen, das magere Pferd trabt los. Richtung Süden.“
Für die Tochter eines – Mitterer verwendet keine Anführungszeichen, daher auch hier keine – Negers und einer Weißen ist Österreich nicht der rechte Platz, soll auch ein „Mischling“ dort sein,
„wo ich nie war. In der Heimat meines Vaters. Die Angehörigen des Stammes der Wándala knien am roten Lehmboden und schauen ehrfüchtig zum großen Vulkan, der ausgebrochen ist und Feuer speit.“
Eine weitere Sonderlichkeit in der „schriftstellerischen Freiheit“ des Felix Mitterer:
„Aus dem Tagebuch von Clara Soliman … Sommer 1759 … Auf dem Schoß von Thurnstein saß ich, die achtjährige Clara … ein nordafrikanischer Sklavenhändler, ein Araber mit Turban … aber ich war einfach zu ungeduldig, da biss mich der Inhalt des Sacks durch den groben Stoff hindurch in die Hand. Ich schrie erschreckt auf: ‚Mamá! Es hat mich gebissen!‘ … Der Sklavenhändler gab dem Sack einen brutalen Fußtritt. Wie ein Tier schrie es darin auf … Sofort schoss ein kleiner schwarzer Junge in meinem Alter heraus und versuchte zu entkommen. Er war nackt und schmutzig … ‚So etwas Entzückendes!‘ … ‚Ich verstehe dich doch. Jedes Tierchen will nach Hause. Weißt du, sie haben mir mein Kätzchen weggenommen und verschenkt, weil es eine Chaiselongue zerkratzt hatte. Aber das Kätzchen war am nächsten Tag schon wieder da. Sie haben es mir wieder weggenommen, und diesmal kam es nicht mehr zurück. Sie haben es im Meer ersäuft, ganz bestimmt. Dasselbe würde dir passieren, kleiner Mohr. Es ist zu weit nach Afrika. Du würdest ertrinken wie mein Kätzchen.‘ … ‚So jetzt wird es aber Zeit, dass du einen Namen bekommst. Ich werde dich Angelo nennen … Aber einen Familiennamen brauchst du auch … Angelo Soliman‘ …“
Nach Mitterer ist also Angelo Soliman 1759 acht Jahre alt. Als Geburtsjahr vom historischen Angelo Soliman wird stets 1721 angenommen. Mitterer nimmt Angelo Soliman also rund dreißig Lebensjahre weg. Für Mitterer darf ein Neger wohl nicht alt werden. In seiner „Fiktion“ höchstens etwas über 41 Jahre. Mitterer läßt ihn ermorden in der Zeit, als bereits Franz Habsburg I und II herrschte, also nach dem Juli 1792 und wohl vor dem tatsächlichen Todesjahr 1796 von Angelo Soliman; die Todesursache ein Schlaganfall.
Mit den Namen in diesem Heftchen ist es gar sonderlich bestellt. Das Sonderlichste wohl in diesem Heftchen von Mitterer ist die Verwendung von wirklichen Namen und von erfundenen Namen für die Personen, die in diesem Heftchen vorkommen.
Die Zofe heißt bei Mitterer „Giulietta“, während sie tatsächlich Angelina hieß, und aus Zuneigung zu ihr wählte Soliman für sich den Vornamen Angelo. Für Mitterer darf ein Neger wohl nicht selbst seinen Namen wählen.
Nach dem Heftchen von Felix Mitterer müßte der „Kinderschänder“ Fürst Johann Georg Christian von Lobkowitz, österreichischer Militärgouverneur und Generalfeldmarschall, sein, an den nach den tatsächlichen geschichtlichen Begebenheiten der Minderjährige Angelo Soliman „verschenkt“ wurde. Aber Mitterer nennt nicht Lobkowitz. Bei Mitterer heißt der „Kinderschänder“: „Fürst Johann Christian Thurnstein war österreichischer Feldmarschall und Gouverneur“ … Lobkowitz starb 1753, als Angelo Soliman nach Mitterer etwa zwei Jahre alt war. Dachte Mitterer vielleicht beim „Kinderschänder“ an Fürst Joseph Wenzel von Liechtenstein“, zu dem nach den historischen Begebenheiten Angelo Soliman im Jahr 1753 wechselte? Fürst Liechtenstein entließ Angelo Soliman, weil dieser heimlich heiratete. Viele Gerüchte über die Gründe der Entlassung durch Liechtenstein gibt es, ein Gerücht, die „homosexuellen Neigungen“ des Fürsten Liechtenstein. Mitterer wärmt auch das auf, Angelo Soliman als Opfer von einem Pädophilen. Sonderlich daran die Zurückhaltung von Mitterer, dem „Kinderschänder“ einen erfundenen Namen zu geben, den „Kinderschänder“ also nicht Fürst Lobkowitz oder Fürst Liechtenstein zu nennen.
Ist doch sonst Mitterer in seiner „schriftstellerischen Freiheit“ gar nicht so zurückhaltend, wirkliche Namen zu verwenden. Etwa, exemplarisch genannt, den von Wolfgang und Constanze Mozart. Constanze Mozart läßt Mitterer in seinem Heftchen mit Angelo Soliman es im Stiegenhaus treiben, wo er sie von Mozart erwischen läßt. Viele kommen in diesem Heftchen mit ihren wirklichen Namen vor, beispielhaft etwa Joseph II … wirklich an ihnen bloß die Namen und die mittererische „Fiktion“ der Fortschreibung österreichischer Legenden —
Sonderlich auch, daß im Heftchen von Mitterer aus dem Lokal „Zum steinernen Löwen“ das Bordell „Zum roten Hahn“ am Spittelberg wird, aus dem, wie berichtet wird, Joseph II wegen der Prostituierten „Sonnenfels-Waberl“, die von Mitterer „Wally“ genannt wird, hinausgeworfen … Den Rausschmiß erzählt Mitterer nicht, dafür Sonderliches über die Welt eines Bordells, wie auch anders möglich, in einem Heftchen voller Absonderlichkeiten, geschuldet einer „schriftstellerischen Freiheit“, einer „literarischen Fiktion“, daß zu fragen ist, welche Wörter versteht Mitterer nicht: Schriftstellerisch? Freiheit? Literarisch? Fiktion? Er wird wohl alle Wörter verstehen, aber nicht, wie diese zu vereinen sind.
Es gab in Wien ein Wirtshaus mit dem Namen „Zum roten Hahn“. Aber … Unmittelbar vor der ersten Erwähnung vom „Roten Hahn“ in diesem Heftchen läßt Mitterer Professor Hoffmann erzählen:
„Toni schaute währenddessen auf den Leichnam. ‚Wer is’n das, Herr Professor?‘ – ‚Ein Komponist. Sehr begabt.‘ – ‚Selbstmord? Oder is er von den Nachbarn erschlagen worden, wegen der lauten Musik?‘ – ‚Selbstmord, Toni. Gift. Keiner wollte seine Musik spielen, keiner sie hören.‘ …“
An welchen Komponisten hat Mitterer dabei gedacht? An Hans Rott, der im Wirtshaus „Zum roten Hahn“ verkehrte? Kaum. Rott vergiftete sich aber nicht, er beging keinen Selbstmord. Rott wurde aber erst 1858 geboren. Bei diesem mittererischen Mischmasch, vielleicht doch …
Sonderlichkeiten über Sonderlichkeiten. Eine letzte soll noch erwähnt werden. Eine Rolle spielt in diesem Heftchen auch „Josip“, ein „Bettler“, dem „die Beine fehlen“. Auf der vorletzten Seite des Heftchens erzählt Josephine Soliman, als sie Wien, als sie Österreich, wie es Mitterer will, verläßt:
„Als David und ich über den Josephsplatz gehen, kommen Josip und seine Bettlerarmee aus ihren Verstecken, schauen stumm und ehrfürchtig zum Kuppelsaal: Ein Feuerschein, wie aus einem Vulkan entsprungen, erhellt das große Mittelfenster. Hinter dem Mutter und Vater sich eben zu den Vorfahren begeben. Plötzlich spüre ich eine unbändige Kraft in mir aufsteigen. Ich recke die Arme hoch und stoße einen unglaublichen Schrei. Explosionsartig zerbirst das große Mittelfenster und die Flammen schießen heraus. Josip und die anderen Bettler stimmen nun im meinen Schrei vielstimmig ein, recken ihre Waffen empor.“
Unglaublich diese „schriftstellerische Freiheit, diese „literarische Fiktion“ … „Bettlerarmee, Waffen“ …
Das also kommt heraus, wenn ein guter Mensch einen Roman schreibt, der ein Heftchen ist, wie ersonnen von einer Stammtischrunde in einer einzigen Nacht der …
Kunst sei das Gegenteil von gut gemeint, heißt es nach einem Zitat, das gleich mehreren Schreibenden zugerechnet wird. Nun, das trifft auf den Roman von Felix Mitterer gar nicht zu. Denn.
Die kürzeste Kritik an dem Roman von Felix Mitterer kann nur lauten:
Schlecht gemacht, ist schlecht gemacht.
Die kürzeste Zusammenfassung des Romans von Felix Mitterer kann nur lauten:
Wie werden rassistische Menschen, die schreiben, sich nun wohl giften, daß ihnen nach ihrer Gesinnung bislang kein Roman wie „Keiner von euch“ gelungen ist.
Oder werden rassistische Menschen fortan „Keiner von euch“ dankbar als Lehrbeispiel vortragen, wie heutzutage Romane nach ihrer Gesinnung zu verfassen seien?
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