Hoher Besuch in Kaunertal

So stellt am letztwöchigen Freitag ein Fleischhacker einen jungen Mann vor,

Sie kennen vielleicht oder schon wahrscheinlich die Plakate oder das eine oder andere Plakat dieses Wahlkampfes. Da gibt es ein ganz, es sind alle schön, aber ein ganz spezielles, wo ein junger Bursch mit dem Alexander Van der Bellen zu sehen ist. Die beiden haben sich kennengelernt bei einem Betriebsbesuch und haben angefangen miteinander zu reden, und der junge Mann war so beeindruckt, und die haben sich einfach gut unterhalten, er hat gesagt, ich finde ihn super, ahm, und ich würde heute ganz gern vorbeikommen und ein paar Worte sagen, und das finden wir auch super, er ist ein Tischlergeselle […]

der junge Mann rückt es doch gleich zurecht, wie es tatsächlich dazu kam, daß er an diesem 9. September im kleinen Saal von Kaunertal sprechen darf.

Hallo. Schönen Vormittag. Ich bin der Erik. Ich bin 22 Jahre alt und komme aus Wien. Ich habe selbst nicht erwartet, daß ich hier und heute vor Publikum spreche. Wow! Der […] vom Team Van der Bellen hat mich gefagt, ob ich vielleicht hierher kommen will und erzählen möchte, wer ich bin und wo ich den Herrn Bundespräsidenten kennengelernt habe. Und ich habe mir gedacht, warum nicht.

Der junge Mann, den es in Wirklichkeit geben soll, der aus Wien kommen soll, der in Wien, also in einer Großstadt arbeiten soll, der ein großstädtischer Handwerker, ein Tischler sein soll, läßt jedoch nicht daran denken, daß er aus einer Großstadt kommt, daß er in einer Großstadt arbeitet …

Ich bin Tischler und arbeite bei der Tischlerei […] in Wien. Vor ein paar Monaten hat die Chefin gesagt, daß wir morgen hohen Besuch bekommen. [..] Und dann ist er tatsächlich bei uns in der Firma erschienen.

… es scheint, als wäre er ein Schauspieler, so wie er angezogen ist, vielleicht nicht unbedingt ein professioneller Schauspieler, vielleicht von einem Laientheater, als spielte er eine Figur in einem Schwank in den Bergen, seine Rolle die es eines Kuhhirten, eines Ziegenhirten, wofür er in ein recht passendes Kostüm, und weil es ein doch festlicher Anlaß, in einen Sonntagsstaat gesteckt; sein Name in diesem Schwank Ziegenpeter und als solcher der einzige, den Alpöhi neben seiner Enkelin in seiner Nähe duldet, den Geissenpeter, der irgendwo auf dem Weg zwischen dem Dorf, das einfach wie kurz Dörfli gerufen, und der Hütte von Almhöhi lebt, den Ziegenpeter mit Furcht aber Respekt —

Er, Geissenpeter, hat seine Schwankrede vielleicht selbst geschrieben, und daß seine Schwankrede nicht mit der Schwankeinleitung des Fleischhackers nicht übereinstimmt, es so unterschiedlich erzählt wird, wie es zu seinem Auftritt auf der Kaunertaler Bühne gekommen ist, wird der hohen Stimmung an diesem Theatervormittag keinen Abbruch —

Vladimir Putin, ein anzuklagender Kriegsverbecher und ein Präsident, der vertraut

Und 2016 kehrte dann eine weitere Auswahl „absoluter Spitzenwerke“ aus Schtschukins Kollektion in die neu eröffnete Fondation Louis Vuitton zurück. Das sollte auch ein Beitrag zur Normalisierung der Beziehungen zu Russland sein: Der Ausstellungskatalog wurde von warmherzigen Bekundungen französisch-russischer Eintracht der Präsidenten Hollande und Putin eingeleitet. Als die Ausstellung eröffnet wurde, klangen diese Erklärungen schon ziemlich hohl. Putin hatte seltsamerweise an Präsident Hollandes Vorschlag, ihn wegen Kriegsverbrechen anzuklagen, Anstoß genommen und seine Reise nach Paris abgesagt (er wollte auch ein russisches Kulturzentrum einweihen und die protzige, von einer goldenen Kuppel gekrönte russische Kirche besuchen, die plötzlich neben dem Pont de l’Alma aus dem Boden geschossen war).

Das schreibt Julian Barnes in „Kunst sehen“, im Kapitel „Frankreich geht nach Russland“.

Als ein Präsident, der kein Präsident mehr ist, Vladimir Putin als Kriegsverbrecher anzuklagen vorschlug, mußte in Österreich ein Mann mehrmals darum raufen, Präsident zu werden, und er wurde ein Präsident, der Vladimir Putin, der damals für einen Präsidenten schon ein anzuklagender Kriegsverbrecher war, vertraut.

Sechs Jahre später muß der Mann, der noch Präsident ist, wieder darum raufen, allerdings versucht er sechs Jahre später mit ausredenentdeckter Amtswürde darum zu raufen, wieder Präsident zu werden, und jetzt will er, der noch Präsident ist, ein Präsident sein, der Vladimir Putin nicht mehr vertraut. Aber daß er Putin vertraut habe, daß sei doch nicht seine Schuld gewesen, nicht sein Fehler gewesen, schließlich haben Putin doch so viele vertraut. Ja, auch Präsident Hollande hat Putin so sehr vertraut und ihm zugetraut, zu was dieser imstande war und ist, daß er ihn als Kriegsverbrecher anzuklagen

Aber der Mann, der noch Präsident ist, kann, einfach wie kurz gesagt, ohne Vertrauen nicht existieren, so hat er, da er dem Kriegsverbrecher, was nicht seine Schuld ist, nicht mehr vertrauen kann, einen anderen Mann gefunden, der wohl nun sein Vertrauen —

Kaunertalisierung Österreichs II

Alle haben ihren Fleischhacker.

Ohne Fleischhacker geht nichts.

Und so fehlt auch am letzten Freitag im kleinen Saal in Kaunertal nicht ein Fleischhacker, der von Beginn an Häppchen serviert, die zu Tracht und Blasmusik passen —

Schon schön voll hier. Fein, daß so viele gekommen sind. Mein Name ist Gerald Fleischhacker, ich darf durch diesen Vormittag führen. Was ich ganz gern und sehr gerne mach‘, weil ich eh find‘, daß der Van der Bellen der Beste ist. Ah! Joa! Du muaßt im Vorfeld ein bissel oanhazen, daß die Leit‘, brauch‘ ma gar nit, paßt eh oalles. Ah. Ich darf Sie alle herzlich begrüßen, ein paar Damen und Herren darf ich persönlich erwähnen. Ich würd‘ sagen, wir machen es wie im Charterflug in in in Urlaub, nicht immer Klatschen, eigentlich goar nit, am Ende, wenns gut goangen is vielleicht. Herzlich willkommen […] Grüße Sie. Hehe. Haha. Hurchts Ihr mir nit zua? […] Herzlich Willkommen […] Grüße Sie ganz herzlich. Hallo. […] Grüße Sie. […] Herzlich willkommen. Ist überhaupt schon durchgemischt alles. […] Willkommen, willkommen. Ha. […] Ist da, gegen den koch ich jetzt boald einmoal […] Aus Kunst und Kultur: Gerda Rogers habe ich gesehen. Ja. Nicht an Horoskope glauben, aber jubeln […]

Aus, so Fleischhacker, Kunst und Kultur sei hier Gerda Rogers — ]

[…] ist hier in einem traumhaften grünen, äh äh, Ensemble […] ist hier […] habe ich schon gesehen, wenn wir einen Arzt brauchen […] ich weiß nicht, ob Sie schon gsehn hoabn, diese fantastischen Van-der-Bellen-Dudler, hervorragend […] und die Kaunertaler Delegation unter der Leitung von Altbürgermeister Pepi Raich, was aber Roiach ausgsprochn wird, wie ich gehört habe. […] Willkommen. Es geht los. Die Listen sind da, die Unterstützungserklärungen sind abgegeben. Jetzt gehts darum, in den nächsten Wochn den Wahlkampf zu machen und a bissel halt noch Bundespräsident zu sein.

Dann ein Spot mit dem siebenten Bewerber im kleinen Saal in Kaunertal, in dem er davon spricht, „seien wir ehrlich, Dinge wie Ibiza sind heute schon fast vergessen“ … Es ist nicht vergessen, denn sonst reichte es nicht, nur „Ibiza“ zu sagen, um daran zu erinnern, von ihm ausgespielt werden zu müssen, wie sein letztes, einzig verbliebenes Atout

Dann der trachtige Einmarsch mit Blasmusik, Delegation mit vorangetragener Fahne, die nicht die österreichische ist, sondern eine, ist anzunehmen, kaunertalerische Fahne eines Vereins von Männern, die „Schützen“ genannt werden, obgleich sie nichts schützen, sondern schießen, eines Vereins von Männern also, die Schießer, Hobbyschießer

Die Schupfermusi aus dem Kaunertal und Alexander Van der Bellen ist auch hier, falls es Ihr nicht gsehn habst. Ich finde, Schupfer-Musi ist ein wunderbarer Name, um Van der Bellen wieder in die Hofburg zu schupfen. Habts Ihr noch a Stückl? – Aber selbstverständlich! [Nach dem noch ein „Stückl“ die Rede des Altbürgermeisters] Ich darf mich nun im Namen der Kaunertalerinen und Kaunertaler bedanken, daß Ihr unseren Bundespräsident so unterstützt! […] Glück auf!

Nach der Rede des kaunertalerischen Altbürgermeisters für seinen Bundespräsidenten —

Dankeschön. Die Schupfermusi aus dem Kaunertal, meine Damen und Herren, eine Abordnung der Schützen. Dankeschön. An der Frauenquote müß ma noch a bissel oarbeiten, aber sonst super. Ah.

An der, so Fleischhacker, Frauenquote müsse noch ein bißchen gearbeitet werden. Wie treffend gesprochen. Zu einer Wahl ohne Bewerberin, zu einer Wahl, in der die Kandidatinnen, die sich um Unterstützungserklärungen bemühten, von der Berichterstattung breit nicht einmal ignoriert wurden, zu einer Wahl ohne Frauen, ganz im Sinne des siebenten Bewerbers, der meint, es brauche ihn, also den Mann und nicht sie, also die Frau, als —

die nächste Rede —

[…] Und natürlich den Großspendern. Vielen herzlichen Dank. Ohne Euch würden wir heute nicht hier sein. Ich möchte mich aber auch bei allen Österreicherinnen und Österreicherinnen, doppelt, wegen der Frauenquote, haha […]

— der Geschäftsführerin des Vereins „Gemeinsam für Van der Bellen“ … wer sonst könnte so authentisch auf die Frauenquote hinweisen müssen … Und wegen der in Kaunertal gar so wichtigen Frauenquote spricht nach einem jungen Mann, von dem noch zu erzählen sein wird, eine weitere Frau —

Es gibt ja keine Frau, die sich aufgestellt hat. Ich finde, Sie haben sehr viel von einer Frau, von einer tollen Frau, das sehe ich als Kompliment, Sie sind sehr empathisch, Sie sind furchtbar lieb, Sie haben extrem viel Humor, und das schätze ich an Politikern, das kann ich nur jedem Politiker weitergeben, zeigen Sie Ihren Humor, das macht Sie menschlicher. Das haben Sie, und Sie sind auch noch intelligent, also alles, was eine Frau mitbringt. Deshalb haben Sie auch meine vollste Unterstützung. Sie gehen auch immer mit den Trends, die Frauen haben gerade auch so einen Trend, den sie nachgehen, sie rasieren sich nicht, das machen Sie auch oft nicht. Das ist wirklich toll. Nein. Aber ich freue mich, daß sie noch einmal antreten. Ich hatte ja schon Angst, daß Sie das nicht tun, aber ich freue mich, weil ich keine Entscheidungshilfe brauche und sehr sehr freue, hoffentlich […] im Jänner auf ihre weiteren fünf Jahre hoffentlich einmal anstoßen können, sechs, oh Gott, ich bin so schlecht, ja sehns, deshalb mache ich Cabaret und nicht Politik, weil ich mich nicht auskenn.

und wegen der Frauenquote ein Interview auf der Kaunertaler Bühne im kleinen Saal mit einer weiteren Frau — Die Frauen wissen ebenso, wie es auch der siebente Bewerber weiß, „es gilt weiter zu kämpfen“, u. v. a. m. „für berufliche Aufstiegschancen“ des …

Kaunertalisierung Österreichs I

a) Bundespräsidentinwahl in Österreich oder b) Dorfmeisterwahl in Kaunertal?

Wenn in der letztsonntäglichen Erniedrigungssendung alle sieben Bewerber anwesend gewesen wären, hätte statt des Abprüfens der Verfassung, das ein Abstrafen der anwesenden sechs Bewerber war, die Frage gestellt werden können, ob die Bewerber wissen, für welches Amt sie kandidieren, es hätten ihnen zwei Ämter als Antwort vorgegeben werden können:

a) für das Amt der Bundespräsidentin in Österreich
oder
b) für das Amt des Dorfmeisters in Kaunertal.

Sechs Bewerber hätten sich wohl für die Antwort a) entschieden. Für den siebenten Bewerber wäre es wohl nicht so leicht gewesen, sich zu entscheiden, welche Antwort denn wirklich die richtige —

Vor allem deshalb, weil zu frisch noch für ihn die Erinnerung an seinen Wahlkampfauftakt im Museumsquartier, in das er einzieht, genauer, wo er in einen Raum, in einen kleinen Saal des Museumsquartiers, mit Blasmusik, einer trachtigen Abordnung eines Vereins hinter einer Fahne einhergehend, die nicht die österreichische Flagge ist, sondern, darf angenommen werden, irgendeine Vereinsfahne aus Kaunertal, so zieht der siebente Bewerber also am Freitag, 9. September 2022, ein in sein berglerisches Kaunertal, während draußen, außerhalb des kleinen Saals, die Menschen noch meinen, sich auf den Straßen einer Großstadt zu befinden, laufen sie, das für den siebenten Bewerber keine „Utopie“, sondern ihm Wirklichkeit: über Stock und Stein …

Für welche Antwort er sich letztendlich in der letztsonntäglichen Sendung entschieden hätte, wird nie zu erfahren sein – er war ja nicht da.

Kaunertalisierung Österreichs

Statt Kaunertalisierung Österreichs könnte auch Verprovinzialisierung Österreichs geschrieben werden. Aber wie städtisch schnitte Provinzialisierung in einem Vergleich zwischen Kaunertalisierung und Provinzialisierung ab. Seltsam dabei ist, der siebente Bewerber spricht, auch diesmal, vom Höhersteigen, vom Hoch hinauf in die Berge, während es doch immer nur hinunter, tiefer und tiefer hinunter —

Der siebente Bewerber sieht sich, so legen es Bilder im gezeigten Werbespot nahe, ganz oben, über allem, wie der „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich. Über das Sehen, die Vorwegnahme des Kommenden, der Innovationen anhand des Wanderers über den Nebelmeer hat László F. Földény den Essay „Der Maler und der Wanderer“ geschrieben. Was hätte Földény über einen männlichen Kandidaten als Wanderer unten, weit unten im Tal geschreiben? Nichts? Über das Starren in die felsigen Wände? Über die Ausblickslosigkeit, die Aussichtslosigkeit im diesigen Tal? Földény wird diesen Essay nie schreiben, das kann verstanden werden, wenn es auch dauert, da er auch in einem solchen Essay mit Einsichten aufwarten würde, die wieder zum Besten gehörten, das zur Lektüre angeboten wird.

Wenn schon ein Buch angesprochen ist, darf das nicht unerwähnt bleiben. Am Sonntag hat einer der sechs Bewerber Alexander Kluge zitiert. Alexander Kluge wird von einem Bewerber, der in der Provinz lebt, zitiert und beweist damit, Provinz ist nicht Kaunertal.

Und wen zitiert, plakatiert der siebente Bewerber? Jemanden mit ein paar noch Zeilen, und das nur, weil diese gesetzlich vorgeschrieben sind, sie nicht vergessen zu dürfen. Das ist mehr als Provinz, das ist Kaunertal.

Untrennbar verbunden sind mit Büchern die Sprachen – Schriftsprachen. In welche Sprache verfällt der siebente Bewerber immer öfter, so auch an diesem letzten Freitag im kleinen kaunertalerischen Saal? In eine Sprache, die aufzuschreiben nur ein Mensch vermag, der im Kaunertalerischen lebt, und wahrscheinlich auch einer Generation angehören muß, die diese Sprache wenigstens noch versteht, wenigstens zum Teil sprechen kann, wenn auch nicht unbedingt schreiben — Deshalb wohl gibt der siebente Bewerber am letzten Freitag im kleinen kaunertalerischen Saal auch gleich Unterricht in dieser seiner Lautsprache, die für ihn, den siebenten Bewerber, schlicht wie kurz eine „Sprache ist“, für andere ist sie einfach ein Dialekt …

Es war einmal, da wurde in Österreich die Bundespräsidentin kostenneutral von der Bundesversammlung gewählt

Gerade in dieser Zeit oder, wie es in Österreich seit Jahrzehnten gern formuliert wird, in Zeiten wie diesen, in der das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, also den Menschen, könnte der Staat auch im Finanziellen es billiger geben, und die Bundespräsidentin nicht durch eine teure österreichweite Wahl ermitteln, sondern durch eine gerade einmal einen Apfel und ein Ei kostende Sitzung der Bundesversammlung.

Es war einmal eine Bundesverfassung in Österreich, in der das auch so – elegant, schön und und darüber hinaus auch noch kostengünstig

Artikel 60
(1) Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gemäß Artikel 38 in geheimer Abstimmung gewählt.
(2) Sein Amt dauert vier Jahre. Eine Wiederwahl für die unmittelbar folgende Funktionsperiode ist nur einmal zulässig.
(3) Zum Bundespräsidenten kann nur gewählt werden, wer das Wahlrecht zum Nationalrat hat und vor dem 1. Jänner des Jahres der Wahl das fünfunddreißigste Lebensjahr überschritten hat.
(4) Ausgeschlossen von der Wählbarkeit sind Mitglieder regierender Häuser oder solcher Familien, die ehemals regiert haben.
(5) Gewählt ist, wer mehr als die Hälfte aller abgegebenen Stimmen für sich hat. Die Wahlgänge werden so lange wiederholt, bis sich eine unbedingte Mehrheit für eine Person ergibt.

festgelegt war, in der Bundesverfassung vom 1. Oktober 1920.

(Ganz gestrichen wurde u. a. später aus der nicht nur schönen und eleganten Verfassung, sondern ach großzügigen, nachsichtigen, die Hand den Familien reichenden, der Absatz vier.)

Der erste Bundespräsident der Republik Österreich wurde am 20. Dezember 1945 aber noch von der Bundesversammlung kostengünstigst gewählt.

Gewählt wurde Karl Renner von „Nationalrat“ und „Bundesrat“ in der Bundesversammlung. Noch aber hatten die vier alliierten Staaten in Österreich das Sagen, und sie anerkannten in dieser Zeit die Bundesverfassung von 1929 – das ist die von Staatsoberhaupt als schön und elegant angehimmelte – nicht, die das österreichische Parlament sofort wieder in Kraft setzen wollte. So blieb nichts anderes übrig, zu gehorchen, die Bundespräsidentin durch die Bundesversammlung kostengünstig ermitteln zu lassen, und nicht durch eine sündteure österreichweite Wahl, und das, so hätte es in Österreich dennoch gewollt werden, in einer Zeit, in der es an allem fehlte.

Erst ab 1951 war es – endlich, so muß es empfunden worden sein in Österreich, geschafft, die im Sinne des Autoritären schöne und elegante Verfassung von 1929 wieder in Kraft gesetzt zu kriegen – dann bis heute hinunter mit den sündteuren Wahlgängen soweit.

Theodor Körner schafft es in die Stichwahl am 27. Mai 1951.

Im ersten Wahlgang am 6. Mai 1951 kandidiert auch … wie viel Geld wurde seitdem hinausgeworfen, nur dafür, daß solche zur eigenen Befriedigung hilflosen Männer mit geldkräftiger Unterstützung Dritter sich befriedigen können.

So viel Geld in sieben Jahrzehnten verschwendet, nur dafür, daß solche Männer befriedigt werden.

Und gerade die wieder sündteure Wahl am 9. Oktober 2022, der wohl noch eine wieder sündteure Stichwahl auf die unwohlste Art folgen wird, zeigt auf die Geldverschwendung für Kandidaten, die in ihrer Gesamtheit den Sieg im Tiefpunktwettbewerb schon für sich entschieden haben, gemeinsam mit den Kandidatinnen, die es, wenigstens die, die es nicht geschafft haben, am 9. Oktober 2022 gewählt werden zu können.

Bundespräsidentinwahl in Österreich im Herbst „Im Zentrum“: Die Demütigung

Es werden sich in dieser Fernsehanstalt wohl alle Verantwortlichen hoch anrechnen, wie sie die Diskussion der Bewerber um das Amt der Bundespräsidentin in der Nacht des Sonntags, 11. September ’22, anlegten.

Von Beginn an, bis zum Ende.

Der Beginn: Das Abfragen des Wissens der Kandidaten über die österreichische Bundesverfassung – eine Demütigung.

Österreichgemäß konnten die Verantwortlichen dieser Sendung damit rechnen, daß sie mit dieser demütigenden Verfassungsprüfung der Kandidaten diese vorführen werden können und sie demütigend durch einen Herrn Verfassungslehrer sofort belehren werden lassen können, da das Wissen der Verfassung in Österreich generell ein geringes ist; denn wäre das Wissen um die Bundesverfassung in Österreich ein großes, gäbe es längst schon eine breite Debatte um die überfällige Reformierung der Verfassung.

Nun auf einmal, die telegene Besinnung in diesem Landfunk darauf, daß die Kenntnisse von Gesetzen ein hehres —

Das Wissen von Gesetzen in das Zentrum zu stellen, ist einzig der Gunstbezeugung dem abwesenden Mitbewerber geschuldet, spielt doch sonst in Österreich das Wissen der Gesetze keine Rolle, werden in Österreich sonst nicht einmal höchste Amtsbesetzende nach ihrem Wissen der Gesetze, auf die sie vereidigt sind, befragt und belehrt

Plötzlich das Wissen von Gesetzen in das Zentrum zu stellen, ist dem Demütigungswillen zur Unterstützung des abwesenden Mitwerbers geschuldet, werden doch sonst in Österreich aus lauter Respekt bäuchlings höchste Amtsbesetzende nicht belehrt, daß das Parlament kein Fußballplatz —

Einen wird diese Vorführungssendung zur Demütigung wohl recht freuen, der selbst eine hohe Verantwortungsfunktion seit wenigen Monaten zur rechten Zeit in dieser Fernsehanstalt einnimmt. Lange, lange gab der Abwesende nicht seine Kandidatur bekannt; es wird ihm vielleicht noch eine letzte Versicherung für eine erfolgreiche Wahl gefehlt haben. Aber drei Tage nach der Bestellung dieses Mannes zum Vorsitzenden des Fernsehanstaltsrates fühlt sich der Abwesende sicher, gibt sofort seine Kandidatur bekannt.

Das Ende.

Das Ende der Sendung. Diesmal beendet die Moderatorin nicht wie sonst die Sendung üblich so oft mit „Reden Sie darüber!“ Vielleicht ein generelles Eingeständnis, daß es über die von ihr modererierte Sendung hernach nichts zu reden gibt, vielleicht auch, es soll nicht nicht darüber geredet werden, was die sich der Wahl stellenden Bewerber gesagt haben, zu sagen haben, es könnte ihre Wählbarkeit erhöhen, es könnte ihrem Mitbewerber die Mühsal abverlangen, auch noch die Energie aufbringen zu müssen, für eine —

Der Klugheit, des Wissens, der Erfahrungen und der Ratschläge kein Ende in Wahlzeiten

In Wahlzeiten besinnen sich vor allem Menschen, die sich um ein Amt bewerben, ihrer Klugheit, ihres Wissens, ihrer altgedienten Erfahrung. Und sie bringen das auch herzerweichend zum Ausdruck, durch ihre Sprüche, durch ihre Zitate höchster Literatur, aber auch durch Ratschläge, auf die gerade junge Menschen, die noch nicht reich an Erfahrungen und zumeist auch noch ohne eigenes Geld, angewiesen sind wie auf einen Bissen Brot. Und wie dankbar junge Menschen sein können, für jeden Rat, was sie etwa beißen könnten, wenn es in der Suppe nichts zum Beißen gibt, das wird nach diesem Rat erlebt werden können, beim Zusehen, wie junge Menschen, diesen Rat beherzigend, mit Heißhunger dankbar ihre Zähne —

Österreichs Verfassung

Es ist nun die so lange verabsäumte und somit die letztbeste Gelegenheit, wohl wieder auf Jahre hinaus, also so kurz vor der Wahl in Österreich im Herbst, von der Verfassung Alexander Van der Bellens zu sprechen, von der er gar recht schwärmt, sie sei so schön, derart elegant

Von welcher Verfassung schwärmt er?

Er schwärmt von der in Österreich gültigen Verfassung.

Er schwärmt von der schon ganz im Geiste des Autoritären für Österreich geschriebenen Verfassung, von der Verfassung für die kommenden „starken Männer“, er schwärmt von der noch ganz den Geist des Autoritarismus weiter verströmenden Verfassung.

Und er ist nun Mitbewerber von Männern für das Amt der Bundespräsidentin, die sich um dieses Amt anstellen, das ist für sie so recht, recht verlockend, die Aussicht, einmal den „starken Mann“ —

Es geht um des Mannes Machtphantasie, mit der die gültige Verfassung in Österreich so zahlreich Männer lockt.

Und was machte einen Mann so recht zum „starken Mann“

Wenn er ganz allein, wie es ihm gerade beliebt, ohne je irgendwen fragen zu müssen, ohne sich je mit irgendwem absprechen zu müssen, beispielsweise eine Bundesregierung entlassen kann. Und dazu ist er von der gültigen österreichischen Verfassung ins Recht gesetzt, das im Sinne einer Demokratie und wohl auch im Sinne einer, wie es nun einschränkend, breit auslegend und verblendend gern genannt wird, liberalen Demokratie ein Unrecht ist. Konkret wird dieses verfassungsrechtliche willkürliche Gutdünken den „starken Männern“ durch diese Paragraphen zugestanden:

Artikel 70. (1) Der Bundeskanzler und auf seinen Vorschlag die übrigen Mitglieder der Bundesregierung werden vom Bundespräsidenten ernannt. Zur Entlassung des Bundeskanzlers oder der gesamten Bundesregierung ist ein Vorschlag nicht erforderlich; die Entlassung einzelner Mitglieder der Bundesregierung erfolgt auf Vorschlag des Bundeskanzlers. Die Gegenzeichnung erfolgt, wenn es sich um die Ernennung des Bundeskanzlers oder der gesamten Bundesregierung handelt, durch den neubestellten Bundeskanzler; die Entlassung bedarf keiner Gegenzeichnung.
Artikel 74. (3) Unbeschadet der dem Bundespräsidenten nach Art. 70 Abs. 1 sonst zustehenden Befugnis sind die Bundesregierung oder ihre einzelnen Mitglieder vom Bundespräsidenten in den gesetzlich bestimmten Fällen oder auf ihren Wunsch des Amtes zu entheben.

Alexander Van der Bellen würde wohl auch die Bundesverfassung vom 1. Oktober 1920, wäre diese noch in Kraft, ergebendst hinnehmen, er würde vielleicht auch diese einhundertundzwei Jahre alte und in Österreich nicht mehr geltende Verfassung als eine schöne und elegante preisen wie das Kaunertal, beklatschen wie die Blasmusik, die Verfassung von 1920, die der Bundespräsidentin nicht das Recht einräumt, nach seiner Befindlichkeit, nach seiner Tagesverfassung, nach seiner Laune, nach seinem wilkürlichen Gutdünken die Bundesregierung zu entlassen, ohne von irgendwem dazu beauftragt zu werden, ohne dies mit irgendwem besprechen zu müssen, ohne irgendwen konsultieren zu müssen, und wenn es wenigstens sein Goldfisch wäre.

Artikel 70. (1) Die Bundesregierung wird vom Nationalrat in namentlicher Abstimmung auf einen vom Hauptausschuß zu erstattenden Gesamtvorschlag gewählt.
Artikel 72. (1) Die Mitglieder der Bundesregierung werden vor Antritt ihres Amtes vom Bundespräsidenten angelobt.
Artikel 74. (1) Versagt der Nationalrat der Bundesregierung oder einzelnen ihrer Mitglieder durch ausdrückliche Entschließung das Vertrauen, so ist die Bundesregierung oder der betreffende Bundesminister des Amtes zu entheben.

Als Österreich im Sinne der Demokratie noch visionär modern war, vor einhundertundzwei Jahren …

Ob Österreich im Sinne der Demokratie und nicht nur im Rückzug in die liberale Demokratie je wieder so visionär modern werden wird, wie es vor einhundertundzweimillionen —

„Vielgeliebtes Österreich – Sollte dem Wirt Schaden erwachsen, werde ich dafür gerade stehen.“

Als „Wirt“ wird ein Organismus bezeichnet, der andere mit Ressourcen versorgt. Ist die Beziehung zwischen „Wirt“ und „Gast“ zum beiderseitigen Vorteil, wird von einer Symbiose gesprochen, erleidet der „Wirt“ einen Nachteil, handelt es sich um Parasitismus. Nutzt der „Gast“ lediglich die Nahrungsreste, besteht Kommensalismus. Als „Wirte“ kommen u. v. a. m. Menschen in Betracht. Der „Wirt“ ist in aller Regel das größere Lebewesen.

Es war die Firma, und es war nicht das Staatsoberhaupt.

Die Firma ist es, so das Kampagnenteam des Bewerbers, die seine Wahlplakate gegen das Gesetz in Vorarlberg jetzt im September 2022 in Vorarlberg zu früh aufstellt.

Es war das Staatsoberhaupt, und nicht der Wirt.

Es ist der Gast, und nicht der Wirt. Nicht der Wirt übersieht im Mai 2020 die nach dem Covid-19-Gesetz verordnete Sperrstunde.

Commensalis hat die Sperrstunde „übersehen“.

Der Tischgenosse hat übersehen, wann Sperrstund‘

Vienna’s fathernight, austrian standards

Italien zählt zu den streng gläubigen Ländern. Deshalb hatte ich von der Zensur wichtige Fragen erwartet. Aber der Vorsitzende der Kommission fragte mich nur, weshalb die Frau beim Liebsakt auf dem Mann sitzt. Ich antwortete: „das könne schon mal vorkommen“. Der Nachtportier wurde also nicht aus ideologischen Gründen zensiert.

Das sagt Liliana Cavani zum dann doch abgewendeten Aufführungsverbot (Interview mit ihr, Bonus-Material zu „Der Nachtportier“, DVD, Weltkino-Verleih), in Italien.

Im Gegensatz zu Liliana Cavani mit ihrer persönlichen Erfahrung mit der Zensurkommission hat Stephan Hilpold, „Ressortleiter Kultur“ in der Tageszeitung des österreichischen Medienstandards eine extrem hohe Meinung von einer Zensurbehörde, er traut ihr höchste denkerische Auseinandersetzungen zu, schreibt er doch in seiner Kritik:

Das Begehren, die Moral und die Macht driften in dieser Beziehung derart auseinander, dass die italienische Staatsanwaltschaft den Film verbot. Erst nach einem Gerichtsprozess wurde er schließlich freigegeben […]

(Noch strenger gläubig als Italien heutzutage Österreich, in diesem Land hat ein Regisseur es nicht mehr erlebt, aber das nur nebenher, seinen Film freizubekommen.)

Davor schreibt Stephan Hilpold einleitend:

Neunzig Minuten […] zu und am Ende. […] NV/Night/Vater/Vienna nennen der amerikanische Künstler Paul McCarthy und die deutsche Schauspielerin Schauspielerin Lilith Stangenberg das Projekt, mit der sich das Wiener Volkstheater in die neue Saison […] Die Wiener Festwochen hatten seinerzeit die Finanzierung der Performance zurückgezogen, das Volkstheater unter Kay Voges sprang mit stattlichen 120.000 Euro ein. Mit Körperflüssigkeiten kennt man sich an diesem Theater ja aus. Dabei geht die Vorlage, auf die sich McCarthy und Stangenberg berufen, damit recht sparsam um. Liliana Cavanis Kultfilm Der Nachtportier aus dem Jahre 1974 erzählt von der sadomasochistischen Verstrickung einer KZ-Insassin mit ihrem Peiniger. Zwölf Jahre nach Ende des Kriegs treffen diese in einem Wiener Hotel wieder aufeinander – und setzen die Liaison in der Wohnung des ehemaligen SS-Manns fort.

Am 3. September 2022, als Stephan Hilpold wohl Zuschauer der Performance gewesen sein dürfte, kam eine „Gurke“ zum Einsatz, am 4. September keine Gurke, aber eine Karotte … Was Stephan Hilpold nach seiner intellektuellen Hervorhebung der Zensurbehörde bereits zu Beginn und dann weiter noch über diese Performance schreibt, nun, ja, ist von der höchsten Qualität, wie sie nur alle paar Jahrzehnte erreicht wird. Das letzte Mal war dies, als österreichische Tageszeitungen über die „Uni-Ferkelei“ schrieben. Das war 1968. Was noch zu zitieren bleibt, um seine Leistung auf der Höhe dieser seiner Zeit angemessen würdigen zu können, ist sein letzter Absatz, als Essenz seiner Kritik. Das Geld, das ihm, Stephan Hilpold, wohl ein rechtes Begehr. Fängt er doch gleich mit der stattlichen Summe an, und er endet mit finanziell kräftig mitschneiden …

Also weicht der von der Megagalerie Hauser & Wirth vertretene McCarthy auf europäische Bühnen aus (in Hamburg lief der erste Teil). Man kann nur hoffen, dass diese an der Weiterverwertung dieser Ferkelei finanziell kräftig mitschneiden.