Erich Scheurmann vulgo Tuiavii, nationalsozialistischer Häuptling

Es ist zu verstehen, daß Verlage, die „Die Reden des Südseehäuptlings“ über den „Papalagi“ vertreiben, nicht damit werben, letztendlich wollen sie ja ihre, auch dieses Buch verkaufen, daß die Lebensreise dessen Schreibers im Nationalsozialismus endete, er, auch er ein Nationalsozialist war.

Wie jedoch ist zu verstehen, daß „Projekt Gutenberg-DE“ mit dem

Zweck und Ziel. Gutenberg-DE wurde in den Kindertagen des Internet im Jahr 1994 gegründet. Wir wollten sofort dieses »Neuland« nutzen, um neben die oft flüchtigen und flachen Inhalte etwas Dauerhafteres zu setzen und nach unseren Möglichkeiten einen Beitrag zu Förderung und Stärkung der deutschen Kultur und Sprache zu leisten. Mit Gutenberg-DE bieten wir die weltweit größte deutschsprachige Volltext-Literatursammlung kostenlos für alle an: für Schüler, Lehrer und Studenten, für Menschen, die Deutsch lernen möchten und für alle, die einfach Freude am Lesen haben.

Das ist am 7. Oktober 2023 auf der Website, für die gemäß ihres Impressums Hille & Partner mit Herausgeberin Hella Reuters verantwortlich ist, zu lesen, wie also ist es zu verstehen, daß von ihr ebenso der nationalsozialistische Hintergrund des Schreibers Erich Scheurmann verschwiegen wird, sie sich ebenso für die Nicht-Aufklärung entscheidet. Dabei, gehörte es nicht gerade für ein Unternehmen, das „Volltext-Literatursammlung kostenlos für alle: für Schüler, Lehrer und Studenten [anbietet]“, unbedingt dazu, aufzuklären, nicht zu verschweigen …

Im Fall von Erich Scheurmann ist von diesem Unternehmen nur dies auf seiner Website zu erfahren:

Geboren am 24. November 1878 in Hamburg, gestorben am 4. Mai 1957 in Armsfeld. Scheurmann war Maler, Schriftsteller, Dramatiker, Märchenerzähler, beschäftigte sich mit psychologischen Randgebieten, war Puppenspieler, Lehrer und Prediger. Im Alter von neunzehn Jahren durchwanderte er ganz Deutschland. Seit 1903 lebte er auf der Halbinsel Höri/Bodensee, wo er mit Hermann Hesse zusammentraf. Mit einem Vorschuß seines Verleger fuhr er 1914 nach Samoa, wo er von Ausbruch des 1. Weltkriegs überrascht wurde. Im Herbst 1915 verließ er Samoa und fuhr in die U.S.A., kam aber erst kurz vor Kriegsende nach Deutschland zurück. Ab 1930 lebte er in Armsfeld.

Zu lesen auch am 7. Oktober 2023 ist auf der Website dieses Unternehmens,

Im Projekt Gutenberg-DE vorhanden (gesperrt bis 2027)
Der Papalagi

„Der Papalagi“, allenthalben angepriesen als „die grüne Bibel der Umweltschützer“, ist also schon zur kostenlosen Dauerhaftigkeit vorgemerkt, als Beitrag gegen das Flüchtige, gegen die flachen Inhalte; es muß nur vier Jahre noch darauf gewartet werden, bis eben sein Urheber siebzig Jahre tot sein wird, bis sein „Papalagi“ gilt, wie es so schön heißt, „gemeinfrei“ …

Mit dem Papalagi in den Nationalsozialismus

In einer bayrischen Almhütte wurde im Sommer des Jahres 2023, ohne es zu wollen, ein Gespräch gehört, in dem es um eine anzutretende Reise zu einem „indigenen Volk“ ging, dessen Ort auf einem nur mittels Flug zu erreichenden Kontinent erst nach Binnenflug, Autofahrt, Fußmarsch und Kanufahrt, die viele Tage des Mühsals in Anspruch nehmen, zu erreichen ist. Es wurde geschwärmt, das Leben des „indigenen Volkes“ verstanden als die „Zivilisationskritik“ besthin, von seinem „Leben“ als nachzuahmendes Vorbild für den „zivilisierten Menschen“ des „Westens“ begeistert erzählt, dem „weißen Menschen“ Europas empfohlen, von diesem „indigenen Volk“ zu lernen.

Dieses Gespräch am Almhüttennebentisch brachte, ohne es zu wollen, ein Buch in Erinnerung, von dem vor Jahrzehnten gar viel geschwärmt wurde. Es muß eingestanden werden, es nie gekauft zu haben, es nie gelesen zu haben, trotz der ringums grassierenden Empfehlerei für dieses Buch. Auch damals ging es um „Zivilisationskritik“, für die dieses Buch vielen Grundlage, auch damals ging es darum, von „primitiven Völkern“, das war vor Jahrzehnten der nun durch „indigende Völker“ abgelöste Begriff, zu lernen.

Und in diese Erinnerung an ein Buch der Kritik an einer Zivilisation durch eine Zivilisation hinein sofort die Frage, was wohl aus diesem Buch geworden ist.

Was aus „Der Papalagi – Die Reden des Südseehäuptlings“ geworden ist. Ob es noch gelesen wird, ob es noch verkauft wird, ob es noch verlegt wird, ob es noch gekauft wird.

„Der Papalagi“ wird noch immer vertrieben.

„Das Buch verkauft sich immer noch gut … ewige Wahrheiten bleiben aktuell.“ So spricht Ursula Kohler, Programmleiterin des Oesch-Verlags, über dieses Buch, das im Oesch-Verlag erhältlich ist. Ist zu lesen, im Anfang des Oktobers 2023. Sie schwärmt für dieses Buch, menschgemäß muß sie begeistert davon reden, ist es doch ein Produkt ihres Verlages, und wie sie redet, als hätte sie es schon vor Jahrzehnten aufgenommen:

Vielleicht waren Sie wie ich in den 70er-Jahren jung. Dann kennen Sie den Papalagi mit grosser Wahrscheinlichkeit. Das kleine Bändchen mit den Reden des Südseehäuptlings Tuiavii erlebte zu jener Zeit gerade ein Revival.

Die Europäer durch die Augen des Südseehäuptlings gesehen

Doch weshalb wurde das 1920 erstmals erschienene Büchlein plötzlich wieder gelesen und ist bis heute aktuell geblieben. Ganz einfach: Häuptling Tuiavii aus Samoa hält den Weissen, uns Europäern, einen Spiegel vor. Wir sehen darin einen Menschen, der sich sehr weit von einer natürlichen Lebensweise entfernt hat. Der kritische Blick auf unser Leben, das von Industrialisierung und Kapitalismus geprägt ist, wird in einer bildlichen und naiven Sprache ausgedrückt.

Leben Sie in einer Stadt? Dann sind Sie – nach unserem Häuptling – ein Spaltenmensch, der in steinernen Truhen lebt und sich mit Lendentüchern bedeckt.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit leiden Sie an gewissen Tagen unter Stress. Doch Tuiavii schüttelt nur den Kopf darüber, dass der Papalagi nie Zeit hat, obwohl doch von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang viel mehr Zeit da ist, als ein Mensch je gebrauchen kann.

Je schillernder der Südseehäuptling die Unsitten der Weissen beschreibt, desto mehr taucht im Gegenzug die Idylle der Südseeinsel Samoa auf. Es ist ein entspanntes, ein befreites Leben in der Natur, das wie ein Traum vor unserem inneren Auge aufsteigt.

Doch zurück nach Europa: Kritisch beleuchtet der Südseehäuptling das runde Metall und das schwere Papier, das der Papalagi Geld nennt. Zwischen ihren Lendentüchern und zusammengefalteten harten Häuten schleppen es die Weissen herum, bei seinem Anblick leuchten die Augen und Speichel tritt sogar auf ihre Lippen.

Erstaunt ist Tuiavii, dass man auch mit einem demütigen Lächeln und dem freundlichsten Blick nichts bezahlen kann, nein, im Gegenteil, sogar für die Geburt muss man bezahlen und nach dem Tod noch dafür, dass der Leib in die Erde gegeben und ein grosser Stein auf das Grab gerollt wird.

Aber nicht alle, die Geld haben, arbeiten auch viel. Denn zahlreiche Weisse häufen das Geld an, das andere für sie gemacht haben, bringen es an einen gut behüteten Ort, bringen immer mehr dahin, bis sie eines Tages keine Arbeiter mehr brauchen, denn nun arbeitet das Geld selbst für sie. Wie dies ohne wilde Zauberei möglich ist, ist dem Häuptling nicht klar.

Ja, er weiss sich in klugen Worten auszudrücken, unser Südseehäuptling. Doch wer ist er? Das werden wir wohl nie erfahren. Sicher ist, dass der Autor Erich Scheurmann 1914 auf Samoa lebt, wo er vom Ausbruch des 1. Weltkrieges überrascht wird. Zu diesem Zeitpunkt ist der 1878 in Hamburg geborene Schriftsteller an einer Weggabelung seines Lebens angelangt. Zusammen mit seiner Frau musste er den frühen Tod ihrer drei Kinder verkraften. Die Reise nach Samoa, mit einem Vorschuss seines Verlegers finanziert, soll Distanz zu dem Geschehen schaffen. Über die USA verlässt Erich Scheurmann während der Kriegsjahre die Insel und kann erst 1918 nach Deutschland zurückkehren. 1920 erscheint der Papalagi und wird innert Kürze zum Kultbuch der Jugend. Nach der silbernen Hochzeit mit seiner Frau kommt es zur Trennung und Scheurmann lernt Anfang 30er-Jahre ein 17-jähriges Mädchen kennen, das seine zweite Frau wird. Zusammen hat das Paar sechs Kinder. 1957 stirbt Erich Scheurmann. Die Neuausgabe seines Werks erscheint erst 20 Jahre später, im Jahr 1977.

Der Papalagi wurde weltweit von über 1,5 Millionen Leserinnen und Lesern gelesen. Er ist in zahlreiche europäische Sprachen sowie Chinesisch und Japanisch übersetzt worden. 2013 ist eine hebräische Ausgabe erschienen. Was könnte die Zeitlosigkeit dieses Werks besser belegen? Das ist in der Tat das erstaunlichste, dass der Text – obwohl bald 100-jährig – nie veraltet wirkt.

Was bleibt uns kurz zusammengefasst vom Papalagi? Erstens: Er hält uns Europäern einen Spiegel unseres Lebens vor. Zweitens: Die Botschaft ist in den 20er- und 70er-Jahren genauso schlicht und kraftvoll wie heute: Drittens: Achte auf das Einfache.

„Doch wer ist er?“ Fragt Ursula Kohler. Und sie gibt sogleich die Antwort: „Das werden wir wohl nie erfahren.“ Freilich ist das eine Antwort, die ihr und den Lesenden dieses Buches gefallen mag, um sich nicht und um sich selbst nicht Vorhaltungen auszusetzen, die das Eigenbild beschädigten. Es ist Erich Scheurmann. Der „Südseehäuptling“, der „Primitive“ oder der „Indigene“ oder der „Autochthone“ ist Erich Scheurmann.

Sie, Ursula Kohler, erzählt einiges aus dem Leben des Erich Scheurmann, aber nichts von seiner autochthonischen Reise in den Nationalsozialismus. Mit keinem Wort erwähnt sie seine NSDAP-Mitgliedschaft, seine nationalsozialistische Linientreue, seine Mitgliedschaft in der Reichskammer der Künste, sein Denunzieren, seine Tätigkeiten als Volkstumswart, als Blockwart, als Leiter einer Ortsgruppe des Vereins der Auslandsdeutschen, daß er den Nationalsozialistinnen als politisch zuverlässig, seine Bücher die rassistischen Prinzipien der Nationalsozialisten ausdrückten, über all das verliert sie kein Wort.

Daß vor Jahrzehnten, in den späten siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, darüber geschwiegen wurde, nicht aufgeklärt wurde, wer dieses Buch schrieb, wessen Gesinnung der Schreibende dieses Buches war, mag noch verstehbar sein, daß aber in der Gegenwart immer noch das Prinzip des Verschweigens, das Prinzip der Nicht-Aufklärung oberstes Gebot, ist weder verstehbar noch nachvollziehbar. Dieses mitgehörte Gespräch im bayrischen Gebirg‘ brachte nicht nur den „Papagali“ in Erinnerung, sondern veranlaßte auch, ja, nicht den „Papagali“ zu kaufen, ja, nicht „die Reden“ des Erich Scheurmann zu lesen, aber eines, doch eine „Leseprobe“ aufzurufen, von der die „Einführung“ zu lesen, und die „Einführung“ von Erich Scheurmann genügt bereits vollauf, um zu wissen, daß dies kein zu kaufendes Buch ist, daß dies kein zu lesendes Buch ist, beinahe ein halbes Jahrhundert später bestätigt zu bekommen, wie richtig es war, dieses Buch vor Jahrzehnten nicht gekauft zu haben, dieses Buch nie gelesen zu haben.

Die „Einführung“ des Erich Scheurmann allein gibt bereits preis, wohin die Reise mit solch einer Gesinnung, mit solch einer Weltanschauung nur gehen kann und, l beim Abfassen eines derartigen Buches wohl unbewußt noch, gehen soll, auch wenn er zum Zeitpunkt der Niederschrift es wohl selbst noch nicht bewußt das ZIel zu bestimmen vermochte, vielleicht es aber schon ahnend, ihm schon autochthon unbewußte Verheißung, noch stimmlose Vorsehung, daß das Endziel der Nationalsozialismus, der ersehnte Ort auch seiner Reise der Nationalsozialismus, in dem alles endet.

Es war nie die Absicht Tuiaviis, diese Reden1 für Europa herauszugeben oder überhaupt drucken zu laßen; sie waren ausschließlich für seine polynesischen Landsleute gedacht. Wenn ich dennoch ohne sein Wissen, und sicherlich gegen seinen Willen, die Reden dieses Eingeborenen der Lesewelt Europas übermittle, so geschieht es in der Überzeugung, daß es auch für uns Weiße und Aufgeklärte von Wert sein dürfte zu erfahren, wie die Augen eines noch eng an die Natur Gebundenen uns und unsere Kultur betrachten. Mit seinen Augen erfahren wir uns selbst; von einem Standpunkt aus, den wir selber nie mehr einnehmen können. Obwohl, zumal von Zivilisationsfanatikern, die Art seines Schauens als kindlich, ja kindisch, vielleicht als albern empfunden werden mag, muß den Vernunftvolleren und Demütigeren doch manches Wort Tuiaviis nachdenklich stimmen und zur Selbstschau zwingen; denn seine Weisheit kommt aus der Einfalt, die von Gott ist und keiner Gelehrsamkeit entspringt.

Diese Reden stellen in sich nichts mehr und nichts weniger dar als einen Anruf an alle primitiven Völker der Südsee, sich von den erhellten Völkern des europäischen Kontinents loszureißen. Tuiavii, der Verächter Europas, lebte in der tiefsten Überzeugung, daß seine eingeborenen Vorfahren den größten Fehler gemacht haben, als sie sich mit dem Lichte Europas beglücken ließen. Gleich jener Jungfrau von Fagasa, die vom hohen Riff aus die ersten weißen Missionare mit ihrem Fächer abwehrte: »Hebt euch hinweg, ihr übeltuenden Dämonen!« – Auch er sah in Europa den dunklen Dämon, das zerstörende Prinzip, von dem man sich zu hüten habe, wolle man seine Unschuld wahren.

Als ich Tuiavii zuerst kennenlernte, lebte er friedlich und abgesondert von Europens Welt auf der weltfernen kleinen Insel Upolu, die zur Samoagruppe gehört, im Dorfe Tiavea, dessen Herr und oberster Häuptling er war. Der erste Eindruck von ihm war der eines massigen, freundlichen Riesen. Er war wohl an die zwei Meter hoch und von ungewöhnlich starkem Gliederbau. Ganz im Widerspruch dazu klang seine Stimme weich und milde wie die eines Weibes. Sein großes, dunkles, von dichten Brauen überschattetes, tiefliegendes Auge hatte etwas Gebanntes, Starres. Bei plötzlicher Anrede jedoch glutete es warm auf und verriet ein wohlwollendes lichtes Gemüt.

Nichts unterschied Tuiavii im übrigen von seinen eingeborenen Brüdern. Er trank seinen Kava2, ging am Abend und Morgen zum Loto3, aß Bananen, Taro und Jams und pflegte alle heimischen Gebräuche und Sitten. Nur seine Vertrautesten wußten, was unablässig in seinem Geiste gärte und nach Klärung suchte, wenn er, gleichsam träumend, mit halbgeschlossenen Augen auf seiner großen Hausmatte lag.

Während der Eingeborene im allgemeinen gleich dem Kinde nur und alleine in seinem sinnlichen Reiche lebt, ganz und nur im Gegenwärtigen, ohne jede Beschau seiner selbst oder seiner weiteren und näheren Umgebung, war Tuiavii Ausnahmenatur. Er ragte weit über seinesgleichen hinaus, weil er Bewußtheit besaß, jene Innenkraft, die uns in erster Linie von allen primitiven Völkern scheidet.

Aus dieser Außerordentlichkeit mochte auch der Wunsch Tuiaviis entsprungen sein, das ferne Europa zu erfahren; ein sehnliches Verlangen, das er schon pflegte, als er noch Zögling der Missionsschule der Maristen war, das sich aber erst in seinen Mannesjahren erfüllte. Sich einer Völkerschaugruppe, die damals den Kontinent bereiste, anschließend, besuchte der Erfahrungshungrige nacheinander alle Staaten Europas und erwarb sich eine genaue Kenntnis der Art und Kultur dieser Länder. Ich hatte mehr als einmal Gelegenheit zu staunen, wie genau diese Kenntnisse gerade in bezug auf unscheinbare Kleinigkeiten waren. Tuiavii besaß im höchsten Maße die Gabe nüchternen,vorurteilslosen Beschauens. Nichts konnte ihn blenden, nie Worte ihn von einer Wahrheit ablenken. Er sah gleichsam das Ding an sich; wiewohl er bei allen Studien nie die eigene Plattform verlassen konnte.

Obgleich ich wohl über ein Jahr lang in seiner unmittelbaren Nähe lebte – ich war Mitglied seiner Dorfgemeinde –, eröffnete sich mir Tuiavii erst, als wir Freunde wurden, nachdem er den Europäer in mir restlos überwunden, ja vergessen hatte. Als er sich überzeugt hatte, daß ich reif für seine einfache Weisheit war und sie keinesfalls belächeln würde (was ich auch nie getan habe). Erst dann ließ er mich Bruchstücke aus seinen Aufzeichnungen hören. Er las sie mir ohne jede Wucht und ohne rednerische Bemühung, gleichsam als ob alles, was er zu sagen habe, historisch sei. Aber gerade durch diese Art seines Vortrages wirkte das Gesagte um so reiner und deutlicher auf mich und ließ den Wunsch in mir aufkommen, das Gehörte zu halten.

Erst viel später legte Tuiavii seine Aufzeichnungen in meine Hand und gewährte mir eine Übersetzung ins Deutsche, die, wir er vermeinte, ausschließlich zu Zwecken eines persönlichen Kommentars und nie als Selbstzweck geschehen sollte. Alle diese Reden sind Entwurf, sind unabgeschlossen. Tuiavii hat sie nie anders betrachtet. Erst wenn er die Materie vollständig in seinem Geiste geordnet hatte und zur letzten Klarheit durchgedrungen war, wollte er seine »Missionsarbeit« in Polynesien, wie er es nannte, beginnen. Ich mußte Ozeanien verlassen, ohne diese Reife erwarten zu können.

So sehr es mein Ehrgeiz war, mich bei der Übersetzung möglichst wortgetreu an das Original zu halten, und wiewohl ich mir auch in der Anordnung des Stoffes keinerlei Eingriffe erlaubte, bin ich mir trotzdem bewußt, wie sehr die intuitive Art des Vortrages, der Hauch der Unmittelbarkeit, verlorengegangen ist. Das wird der gern entschuldigen, welcher die Schwierigkeiten kennt, eine primitive Sprache zu verdeutschen, ihre kindlich klingenden Äußerungen so zu geben, ohne daß sie banal und abgeschmackt wirken.

Alle Kulturerrungenschaften des Europäers betrachtet Tuiavii als einen Irrtum, als eine Sackgasse, er, der kulturlose Insulaner. Das könnte anmaßend erscheinen, wenn nicht alles mit wunderbarer Einfalt, die ein demütiges Herz verrät, vorgetragen würde. Er warnt zwar seine Landsleute, ja er ruft sie auf, sich vom Banne des Weißen frei zu machen. Aber er tut es mit der Stimme der Wehmut und bezeugt dadurch, daß sein Missionseifer der Menschenliebe, nicht der Gehässigkeit entspringt. »Ihr glaubet uns das Licht zu bringen«, sagte er bei unserm letzten Zusammensein, »in Wirklichkeit möchtet ihr uns mit in eure Dunkelheit hineinziehen.« Er betrachtet die Dinge und Vorgänge des Lebens mit der Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe eines Kindes, gerät dabei auf Widersprüche, entdeckt dabei tiefe sittliche Mängel, und indem er sie aufzählt und sich zurückruft, werden sie ihm selber zu endlicher Erfahrung. Er kann nicht erkennen, worin der hohe Wert europäischer Kultur liegt, wenn sie den Menschen von sich abzieht, ihn unecht, unnatürlicher und schlechter macht. Indem er unsere Errungenschaften, gleichsam bei der Haut, unserem Äußeren, beginnend, aufzählt, sie völlig uneuropäisch und pietätlos beim nächsten Namen nennt, enthüllt er uns ein wenn auch begrenztes Schauspiel unserer selbst, bei dem man nicht weiß, soll man den Verfasser oder dessen Gegenstand belächeln.

In dieser kindlichen Offenheit und Pietätlosigkeit liegt meines Erachtens der Wert von Tuiaviis Reden für uns Europäer und das Recht einer Veröffentlichung. Der Weltkrieg hat uns Europäer skeptisch gegen uns selbst gemacht, auch wir beginnen die Dinge auf ihren wahren Gehalt hin zu prüfen, beginnen zu bezweifeln, daß wir durch unsere Kultur das Ideal unserer selbst erfüllen können. Daher wollen wir uns auch nicht für zu gebildet halten, im Geiste einmal herabzusteigen zu der einfachen Denk- und Anschauungsweise dieses Südseeinsulaners, der noch von keiner Bildung belastet und noch urtümlicher in seinem Fühlen und Schauen ist und der uns erkennbar machen hilft, wo wir uns selber entgötterten, um uns tote Götzen dafür zu schaffen.

1 Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea sind zwar noch nicht gehalten, doch aber gleichsam als ein Entwurf in der Eingeborenensprache niedergeschrieben, aus welcher sie ins Deutsche übersetzt wurden.
2 Das samoanische Volksgetränk, bereitet aus den Wurzeln des Kavastrauches
3 Gottesdienst

Von Erich Scheurmann, dem Autochthonen, wird in einem der nächsten Kapitel noch etwas zu erzählen sein, wenn es um Gutenberg …

Cartoon ohne Worte

Der zurzeitige österreichische Bundeskanzler hat nun mit einem Video auf das Video aus seiner halleinerischen Gemeinschaft zum Weine geantwortet, mit dem er bestätigt, er stehe dazu, und er bekräftigt mit seinem Reaktionsvideo sein Mahlzeit — ein Cartoon ohne Worte …

Sie werden einwenden wollen, das sei kein Cartoon ohne Worte, denn es kommen ja in diesem Cartoon zitierte Worte aus dem Video der Reaktion vom zurzeitigen … Aber lassen Sie sich nicht täuschen, was in diesem Cartoon wie Worte aussehen, sind Strichmännchen, die Worte gleich, gar Worte mit Inhalt gleich herumhüpfen.

„Generalsekretär unter …“

Als das Beisammensein in einer Vinothek in Hallein wohl zum Gemütlichen überging, ist es nicht mehr auf Video gebannt, so wird nie zu erfahren sein, wie sentimental, nostalgisch,, schwärmerisch das Beisammensein mit Karl Nehammer Ende Juli ’23 … Mitgefilmt wurde gerade noch die nehammerische Einleitung zum möglichen sentimentalen, nostalgischen, schwärmerischen Teil des Beisammenseins, dann

Im Beirat des AMS regional sitzt die Sozialpartnerschaft. Nur damit wir wissen, was in Österreich abgeht. Und das sind die Blockaden, die wir lösen müssen. Und ich stehe vor Euch, wir sind alles g’lernte ÖVPler, wir wissen, was leiden heißt. Das Problem ist ja, des muaßt erst einmal politisch umibring’n. Das ist in der Verfossung verankert, des kannst nicht einmal mit einer einfachen Mehrheit beschließen, geschweige denn mit einer linksalternativen Partei als Koalitionspartner. Und nur eins auch gleich g’sagt: Ich war Generalsekretär unter türkisblau

bricht es ab. Was wohl Karl Nehammer dann über seine Zeit als „Generalsekretär unter türkisblau“ erzählte — nostalgisch, sentimental, schwärmerisch?

Wer immer dieses reflexive Beisammensein „gelernter ÖVPler“ filmte, wird Gründe gehabt haben, das nicht mehr zu filmen oder das nicht zu verbreiten, was Karl Nehammer über seine Zeit als „Generalsekretär unter …“

Das wäre doch interessant gewesen, was Karl Nehammer alles über seine Zeit als „Generalsekretär unter …“ in der Vinothek in Hallein sentimental oder nostalgisch oder schwärmerisch erzählte, wie das war, mit unter einem Festungskommandanten als Innenminister …

Aber das wurde nicht gefilmt oder nicht verbreitet. Auch wenn die Hoffnung zuerst enttäuscht, vielleicht wurde es doch mitgefilmt und findet vielleicht doch noch Verbreitung. Das ist im Grunde alles, was zu diesem nun verbreiteten Video mit dem abrupten Ende …

Das, was Karl Nehammer, in den rund sechs Minuten davor, ehe er den wohl sentimentalsten Teil des Beisammenseins einleitete, in der Vinothek in Hallein lehrte, dazu ist nichts zu sagen, es ist die Lehre, über die Heinreich Neisser schon gesprochen hat.

Damit dieses Kapitel aber nicht zu kurz gerät, sollen doch noch zwei Erzählungen von Karl Nehammer erwähnt werden. Er erzählt vom „AMS“ und der „Sozialpartnerschaft“ und von der Verfassung und von den Blockaden, die zu lösen seien, das sei, zählt er auf, in der Verfassung verankert

Tatsächlich gibt es einen Satz, einen einzigen Satz zur „Sozialpartnerschaft“ in der Verfassung, in die Karl Nehammer auch etwas reinerzählen möchte, und zwar diesen:

Artikel 120a. (2) Die Republik anerkennt die Rolle der Sozialpartner. Sie achtet deren Autonomie und fördert den sozialpartnerschaftlichen Dialog durch die Einrichtung von Selbstverwaltungskörpern.

Das „AMS“ ist, wie das Arbeitsmarktservice selbst schreibt, ein „Dienstleistungsunternehmen des öffentlichen Rechts im Auftrag der (sic) Bundesministerium für Arbeit und unter maßgeblicher Beteiligung der Sozialpartner […]“

Und Karl Nehammer erzählt von dem „billigsten Essen“, das in Österreich für Kinder zu bekommen sei, und zwar bei „McDonald’s“:

Ein Hamburger bei McDonald’s: 1,40 Euro, 1,40 Euro. Wenn ich noch Pommes dazu kauf, sans 3,50 Euro.

Das sind die Preise, die Karl Nehammer Ende Juli 2023 in der Vinothek in Hallein nennt.

Nur zwei Monate später, es ist nun Ende September, kostet der Hamburger: 1,60 Euro. Der Hamburger ist also in zwei Monaten um über 14 Prozent Prozent teurer geworden. Über vierzehn Prozent also kostet der nehammerische Hamburger (abgekürzt: Neham) gerade einmal zwei Monate später mehr.

Mit Pommes sind es, erzählt Karl Nehammer Ende Juli, 3,50 Euro. Ende September sind für einen Hamburger mit einer kleinen Portion Pommes 3,90 Euro zu zahlen, mit einer mittleren Portion Pommes sind es 4,60 Euro und mit einer großen Portion Pommes sind es 5,00 Euro. Zwei Monate zuvor wird Karl Nehammer mit seinen 3,50 Euro den Kindern wohl auch nur Pommes klein zugestanden haben — Ja, damit hat Karl Nehammer schon recht, denn

Kinder sind so klein, Kinder haben so kleine Mägen, Kinder sind mit einem Hamburger mit einer kleinen Portion Pommes, und so eine kindergerechte warme Portion kostet jetzt doch nur 40 Cent mehr als vor zwei Monaten, übersatt, eine große Portion Pommes zum Hamburger den Kindern zu kaufen, das wäre doch nur Verschwendung, das führte bloß zum Wegwerfen von so einem nahrhaften Lebensmittel —

„ORF III Kultur und Information“

Das Motto der aktuellen Stunde der Turbo für die Kinderbetreuung. No ja, ein Turbo mag das ja sein, aber wohin führt der? Der führt genau durthin, wo wir es eigentlich nit hob wolln, letztendlich in die Zerstörung unsarer traditionellen Familie. Jo jo, Kinderbetreuungsgeld. Jetzt frog i sie, Frau Minister, wo is denn die Finanzierung für diese Betreuungseirnichtung, die sich Mutta nennt? Das sind die Tatsachen. Ihr sogts gonz umgekehrt, wir sogn euch, wos ihr mit den Kindan zu tun habt und wie ihr sie zu betreun habt. Ihr sogt unsaran Menschn, wos sie zu tun hobn. Was i schon die gonze Zeit sog, daß die beste Betreuungseinrichtung die Mutta is. Des is also die neue Normalität.

Das sind Sätze, die Wolfgang Zanger am 20. September ’23 vorträgt, im österreichischen Parlament. Diese zangerischen Aussagen im österreichischen Parlament fallen genau in die Zeit, in der der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Österreich etliche „Volksschwänke“ der „Löwingerbühne“ sendet, an mehreren Tagen jeder Woche wieder ausstrahlt, wie einst vor allem in den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, Volksschwänke, die bereits vor über einem halben Jahrhundert ein veraltetes Programm waren, eines, von dem in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts schon zu sagen war, es ist eines aus einer Zeit, als es noch kein Fernsehen gab. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Österreichs strahlt mehrmals die Woche im Jahr 2023 Volksschwänke aus, für ein Publikum vor über einhundert Jahren …

Auf Wolfgang Zanger muß aber dieses Bildungsfernsehen auf „ORF III – Kultur und Information“ eine enorme Ausstrahlung haben, wenn er von der „Mutter“ als die „beste Betreuungseinrichtung“ spricht, von „unseren Menschen“, denen gesagt werde, „was sie zu tun haben“, von der „Zerstörung unserer traditionellen Familie“ — Es will damit in keiner Weise gesagt sein, daß er, Wolfgang Zanger, nicht wisse, wo er auftritt, in einem sogenannten Volksschwank der Löwingerbühne oder im österreichischen Parlament, es will damit auch nicht gesagt sein, er, Wolfgang Zanger mache aus dem österreichischen Parlament die Löwingerbühne, und es will damit auch nicht gesagt sein, daß das österreichische Parlament gar …

Denn das wäre nicht nur, sondern ist eine ungerechtfertigte Abwertung des österreichischen Parlaments, auf dem Niveau einer für kurz gewesenen Landwirtschaftsministerin,

die einen Ausschuß im Parlament „Löwingerbühne“ nennt, auf der Ebene eines für kurz gewesenen Bundeskanzlers,

der das Parlament zwar nicht „Löwingerbühne“ nennt,

aber sagt: „Das Parlament hat bestimmt. Das Volk wird entscheiden.“

Freilich, es braucht Wolfgang Zanger den ORF nicht als seine Bildungsstub’n, um Derartiges von sich zu geben, wie von ihm seit langem bekannt ist,

aber er und sein auch ihn führender Gebirgsjäger reden gar recht so, als wären sie in einem löwingerischen Volksschwank,

und ihnen jeder ihrer Sprüche auch ein Schenkelklopfer … „Kinder statt Inder – eine Geburtenoffensive für Österreich“ —

Aber, was kann aus einem Land nur werden, mit einem derartigen öffentlich-rechtlichen Bildungsfernsehen, ein Land nur bleiben, was es ist, und nur eines werden, ein Land, in dem wieder noch mehr Zangerische im Parlament ihre Stühle —

„Jetzt spricht [ ]“

Es wurde gedacht, die „Bürgerinitiative Dammstraße“ habe sich längst schon aufgelöst, falscher Beginn —

Es wurde nicht mehr an die „Bürgerinitiative Dammstraße“ gedacht, seit von dieser erzählt wurde, vor mehr als zehn Jahren.

Es gibt sie noch, wie heute, am 24. September 2023, ist, sie tritt in der fellnerischen Anstalt auf, im „Bürgerforum“. In dem, wie diese Anstalt in der Eigenwerbung sagt, „Bürgerinnen und Bürger“ …

„Bürgerforum – Jetzt spricht Österreich [Hannelore Schuster]“ — Und zu was sprechen „Bürgerinnen und Bürger“, als wären es einfach nur Bürgerinnen und Bürger? Als wären es Bürger und Bürgerinnen, die ganz und gar nicht organisiert sind, die nicht aktivistisch sind, sondern bloß einmal ihre Meinung sagen möchten, auch im Fernsehen, und nicht nur daheim vor dem Fernsehapparat, für sich allein. An diesem 24. September 2023. Zum „Ansturm“. Und jetzt spricht an diesem Sonntag Hannelore Schuster [Österreich], und was es spricht, im Kern das, was sie stets … Was vielleicht von es so noch nicht gehört, an diesem 24. September 2023, ist, möchte nicht spalten

Es wurde in dieser sontäglichen Sendung von der Moderatorin nicht gefragt, was für eine Initiative denn die „Bürgerinitiative Dammstraße“ sei. Dann hätte sich Österreich [Hannelore Schuster] erklären müssen, und vorbei wäre es gewesen, mit der anstaltlichen Vorstellung, hier seien einfach bloß „Bürgerinnen und Bürger“ eingeladen, die „diskutieren“ …

Sechs Personen sind an diesem Sonntag in das „Bürgerforum“ geladen, neben Hannelore Schuster, die vor über zehn Jahren angab, sich politisch für die ÖVP Wien zu engagieren, eine Konflikt- und Mobbingberaterin, die, wie sie in dieser Sendung sagt, früher einmal ÖVP, jetzt aber FPÖ … Ein kaufmännischer Angestellter, dem es zu billig, alles Rußland

Mit dieser Sendung, auch von diesem Sonntag, sich auseinanderzusetzen, lohnt nicht, zu erzählen ist nur eines, nach über zehn Jahren erfahren zu haben, daß es die „Bürgerinitiative Dammstraße“ nach wie vor gibt, und ihre Hannelore Schuster jetzt spricht Österreich

Österreichs Verfassung: „schön elegant tickende Zeitbombe“

Von schön und elegant spricht der derzeitige Bundespräsident in Österreich, wenn er von der österreichischen Bundesverfassung spricht; freilich er, der Bundespräsident, spricht dabei stets von der Verfassung von 1920, als wäre diese, wie nicht nur für den Bundespräsidenten, noch gültig, als wäre diese in Kraft …

Von einer „tickenden Zeitbombe“ spricht Oliver Rathkolb, wenn er von der österreichischen Bundesverfassung spricht, wie jetzt in 38/23, dann spricht er, Oliver Rathkolb, von der „Verfassungsnovelle von 1929“, die, außer für den Bundespräsidenten, gültig und in Kraft …

Denn unsere Verfassung hat einige autoritäre Paragrafen. 1929 stand die Republik schon am Abgrund des Autoritären, der Führerstaat war in Sicht. Weniger Macht für die Volksvertreter im Nationalrat, dafür mehr für den Bundespräsidenten und die Regierung, das war damals der Zeitgeist. Der Historiker Oliver Rathkolb nennt die Verfasssungsnovelle von 1929 deshalb eine „tickende Zeitbombe“. Normalerweise halten sich Historiker mit solchen Schlagworten und düsteren Prognosen zurück, aber bei diesem Thema kann Rathkolb seine Gefühle nicht verbergen.

Die „tickende Zeitbombe“, wie Oliver Rathkolb die Verfassung in der gültigen Fassung nennt, zitiert in der Wochenzeitung „Falter“, läßt wieder daran erinnern, in wie vielen Kapiteln schon über diese Verfassung geschrieben wurde, daß nur eines dringlich erforderlich ist, diese sofort zu ändern.

Der derzeitige Bundespräsident ist weit nicht die einzige Person in diesem Land, die sieht und weiß, was an Verfassungen zu ändern ist, zu ändern ist an Verfassungen von anderen Ländern, von der Verfassung des eigenen Landes wird nur dies gesehen, daß diese reich an Eleganz und Schönheit …

Die „tickende Zeitbombe“ ist jetzt nicht dringlich wegen eines kleinen Gebirgsjägers, für den auch Oliver Rathkolb eine Strategie auf Lager hat, zu ändern, sondern weil diese je nie hätte wieder gültig werden dürfen, der Staat Österreich bereits 1945 mit einer gänzlich neuen Verfassung die demokratische Republik begründen hätte müssen. 1945 haben die Alliierten noch eine Bundespräsidentinnenwahl nach dieser „tickenden Zeitbombe“ abgelehnt und damit klug gehandelt. Sie werden eine solche Verfassung wohl weder schön noch elegant

Seit achtundsiebzig Jahren ist also die Entschärfung dieser „tickenden Zeitbombe“ überfällig, seit 78 Jahren ist die scharf gemachte gültig, in Kraft, seit achtundsiebzig Jahren wird in diesem Land Österreich keine Wichtigkeit darauf gelegt, diese „tickende Zeitbombe“ zu entsorgen, seit 78 Jahren besteht in diesem Land kein Interesse daran, einem als Demokratie bezeichneten Land eine demokratische Verfassung zu schreiben.

Die „tickende Zeitbombe“ ist wohl recht passend für ein Land mit seinen autoritären Neigungen,

mit seiner rassifizierten Gesellschaft. Einer rassifizierten Gesellschaft,

die auf dem Weg in eine hyper-rassifizierte Gesellschaft ist, mit einem kleinen Gebirgsjäger an der Spitze, zu der er nicht selbst aufsteigen kann, sondern auf die er hinaufgetragen werden wird, nicht von den Wählenden, sondern von denen, die ihn hinter verschlossenen Türen —

Lepanto, Kahlenberg 11817536

Vielleicht haben die um H. Gescharten auch schon einen Entschließungsantrag eingebracht, für die Etablierung eines Gedenktages, für das Schaffen eines Feiertages der Schlacht im Mittelmeer, und es ist bloß nicht darüber berichtet worden.

Vielleicht haben die um den österreichischen H. Gescharten es noch vor, solch einen Entschließungsantrag auch noch einzubringen, und dann nicht nur einen Feiertag für die Schlacht im Mittelmeer, sondern auch gleich, es möge im Europäischen Parlament beschlossen werden, der siegreiche Flottenführer Don Juan de Austria sei zum heiligen Schutzpatron des Abendlands mit einem eigenen Feiertag zu erheben und ihm auf dem Schweinsberg eine Statue zu errichten, in einem solch gigantischen Ausmaß, das den Hügel zu einem wahren Berg …

Als Feiertag für Don Juan de Austria böte sich nach deren Gesinnung der 7. Oktober an, ist es ihnen doch auch ein rechter Tag —

Bis aber die um H. Gescharten solche Entschließungsanträge für die Schlacht im Mittelmeer einbringen, begehen Männer ihren jährlichen Gedenktag, putzen sich Männer jährlich zu ihrem Feiertag heraus, richten sich recht hübsch her in ihrem „Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte“. Solch ein Gedenktagsbuch, solch ein Feiertagsbuch wird erst so recht zur hohen Messe, wenn ein Papst

Passend dazu beschäftigt sich auch ein Beitrag von Benedikt XVI., dem früheren Papst, mit der Frage nach Macht und Gewissen

mitten unter ihnen … Das oben Zitierte ist aus der Rezension von Ulrich Kriehn, veröffentlicht in der „Sezession“, 1. Juni 2020, wie am 21. September 2023 gelesen. Der Beitrag von Joseph Ratzinger vulgo Benedikt XVI. im Lepanto-Almanach: „Das Gewissen in der Zeit“ — Und es bestätigt wieder einmal, kein Mensch kann Rezension wahrer schreiben, als der, der selbst Autor des rezensierten Buches ist, in diesem Fall: Ulrich Kriehn …

Ulrich Kriehn, mitten unter ihnen, den Autoren von „Sezession“, die auch dann Autoren sind, wenn sie Frauen sind, wie Caroline Sommerfeld,

die Männer bleiben, was sie sind, Autoren, wie Götz Kubitschek, der mit einem Autor, Ellen Kositza, verheiratet,

bleiben so recht, was sie eben sind, wie Martin Lichtmesz, wie Martin Sellner, wie Erik Lehnert und dergleichen Autoren mehr —

1571 und 1683 sind die Zahlen auf dem Sturmgewehr des Mörders in Christschurch und

auch der Mörder in Norwegen bezieht sich auf 1571 und 1683, auf Zahlen, die in Verbindung mit Lepanto und Kahlenberg nicht mehr bloße Zahlen sind, sondern Blutzahlen …

Mitten unter ihnen, auch schon damals ein Papst, Antonio Michele Ghislieri vulgo Pius V.

Der Papst krempelte Rom nicht zum Kloster um. Dennoch musste besonders die Oberschicht beinharte Strafen fürchten. Erschrocken verfolgten die Römer, wie ein angesehener Bürger wegen Ehebruchs öffentlich ausgepeitscht wurde. Der Papst wollte ein Exempel dafür statuieren, dass die Autorität der Kirche auch in der Sittenlehre galt. Mit spektakulären Prozessen ging Pius gegen prominente „Häretiker“ vor; ein Dutzend rückfällige Bekenner starben für ihren Glauben. Die Juden im Kirchenstaat verbannte Pius ins Ghetto.

Pius‘ beharrlicher Wille brachte ein für unmöglich gehaltenes Bündnis der Seemächte gegen das expandierende Osmanische Großreich zuwege. Die Seeschlacht von Lepanto im Oktober 1571 befreite Europa von Kriegsdruck. Unter Freudentränen konnte der todkranke Papst Gott danken. Er führte das Fest „Unserer Lieben Frau vom Sieg“ ein, das heutige Rosenkranzfest.

Die Marienverehrung erreichte in der Abwehr der Osmanen einen Höhepunkt. Die alte Gebetsbitte im Ave Maria um Fürsprache „jetzt und in der Stunde unseres Todes“ machte Pius kirchenamtlich. Als der Mönchspapst starb, suchten Gläubige seinen Sarg mit ihren Rosenkränzen zu berühren. Die Kirche sprach den Papst von Gegenreformation und Lepanto heilig.

Besonders die Fronleichnamsprozession liebte Pius. Die Römer waren entzückt von der echten Frömmigkeit ihres neuen Papstes, wenn er barfuß und barhäuptig einherschritt, in Andacht des Allerheiligsten versunken.

Ein derart frommer Mann konnte von seiner Kirche nur heiliggesprochen werden …

So einfallsreich mitten unter ihnen war dann auch ein weiterer Mann mit dem Vulgo-Namen Innozenz XI., der es nur zum Seligen brachte, ausgerufen dazu von dem Mann mit dem Vulgo-Namen Pius XII., dem Papst, der in diesen Tagen des Septembers 2023 wegen seiner Rolle während des Holocausts wieder viel Aufmerksamkeit …

Er, Benedetto Odescalchi, hätte es wohl auch verdient,

Am 31. März 1683 gelang es ihm, den polnischen König Jan Sobieski und KaiserLeopold I. zu einem Defensivbündnis zu überreden. Innozenz unterstützte das Bündnis und den Kampf gegen die Osmanen mit 1,5 Millionen Gulden. So gelang am 12. September 1683 die Befreiung Wiens von der Zweiten Wiener Türkenbelagerung.[1] Das türkische Heer wurde vernichtend geschlagen und weit nach Ungarn zurückgedrängt. Sein Einsatz bei der Türkenabwehr brachte ihm später durch Historiker den Beinamen „Verteidiger des christlichen Abendlandes“ ein. Zur Feier dieses Siegs führte er den Festtag Mariä Namen für die gesamte Kirche ein.

heiliggesprochen zu werden, so fromm auch er, und darüber hinaus so überredensreich, so großzügig …

Mitten unter ihnen, die drei Finger — Wie wurde doch ein österreichischer Mann noch bis vor kurzem, dessen Abstieg im Grunde schon am Sauberg begann, für seine drei Finger gescholten, und hat doch nur die drei Finger gezeigt, wie es ihm vor Jahrhunderten etwa die Männer mit Vulgo-Namen Pius V. und Paul V. vorgemacht, sie für sich zum Vorbilde genommen, wer aber seine recht wahren Drei-Finger-Vorbilder waren, das kann nur er selbst offenbaren

Die Vergessenen der um H. Gescharten

Gesinnungsgemäß wollen ein Haider und die um ihn Gescharten nicht einen Gedenktag am 16. Dezember, nicht einen Feiertag am 16. Dezember zur feierlichen Erinnerung an das Geschehen auf dem Kahlenberg am 16. Dezember ’17: ist es doch der Tag, an dem der Abstieg seiner identitären Partei im Grunde schon wieder begann.

Gesinnungsgemäß wollen die um H. Gescharten einen Feiertag, einen Gedenktag für einen Tag vor etlichen Jahrhunderten, als wer am Kahlenberg das tat, was ein Mensch eben tut, der keinen Menschen zum Reden hat, der zu dienen hat: beten, ministrieren. Für solch einen Tag also wollen die um H. Gescharten einen Feiertag, einen Gedenktag, für einen Tag, von dem heute wohl keiner mehr auf Anhieb wissen wird zu sagen, was für ein Wochentag das war. Und noch weniger auf Anhieb, auf welchem Berg das war, dieser Hügel mit seinen vielen wechselnden Namen durch die Zeit: Sauberg, Schweinsberg, Josephsberg, und für eine gewisse Zeit hieß gar ein anderer Hügel in der Nachbarschaft des Saubergs Kahlenberg

So geschichtsbesessen wie die um H. Gescharten sich auch geben, so geschichtsvergessen sind sie. Wie sonst können die um H. Gescharten bei ihrer Aufzählung in ihrem Entschließungsantrag auf jene Menschen vergessen,

vor dem Hintergrund, dass sich dort auf christlicher Seite die vereinigte Infanterie und
Artillerie der Allianz aus Österreich, Sachsen, Bayern, Baden und des Kirchenstaats
sowie das polnische Reiterheer und ihnen gegenüber das Wien belagernde osmanische
Heer gegenüberstanden,

die ebenfalls dem „osmanische[n] Heer gegenüberstanden, die ebenfalls zur „Niederlage der osmanischen Armee“ beitrugen.

Auf diese Menschen haben die um H. Gescharten vergessen, auf sie haben die um H. Gescharten wohl nicht ohne Absicht vergessen,

so vergessen wie besessen sind sie nicht, die um H. Gescharten, sie wissen, wem zuliebe sie auf diese Menschen pflichtgemäß zu vergessen haben, ihrem nunmehrig einen Führer pflichtgemäß zuliebe, der es ihnen nicht vergessen würde, hätten sie nicht auf diese Menschen vergessen,

über die Menschen aus dem von ihrem Führer überfallenen Land ihr Führer nichts Positives hören lassen will,

über die Menschen aus dem auf ihres Führers Befehl überfallenen Staat ihr Führer nur das Schlechteste verkündet haben will.

Gedenktag Kahlenberg 16. Dezember ’17

Wenn ein Haider aus der identitären Parlamentspartei mit einen Entschließungsantrag im Europäischen Parlament einbringt, für die Etablierung eines Gedenktages, eines Feiertages, so soll das nicht aufgeregt kommentiert werden, so soll das nicht verdammt werden, sondern, ganz im Gegenteil, oh, ganz im Gegenteil freudig begrüßt, als Gedenktag angenommen und allen berichtet, alle erinnert werden, was am Kahlenberg geschah, würdig dem zu gedenken, der Zukunft Warnung

Am 16. Dezember ’17 zogen die identitäre Parlamentspartei und die schwarze Christfraktion gen Wiener Kahlenberg, um ihr — und weil es ein Ort der Schlacht ist — Schlachtprogramm zu präsentieren. Einfach wie kurz gesagt, sie zogen in die Schlacht, von Beginn an in den Niedergang, in den Untergang, auf den nicht lange gewartet zu werden brauchte. So ist der 16. Dezember ’17 ein gut gewählter Gedenktag.

Keinen schöneren Tag als diesen 16. Dezember auf dem Kahlenberg konnte Haider erwählen, der für die identitäre Parlamentspartei im Europäischen Parlament seinen Stuhl hat,

und er hat immer noch seinen Stuhl im Europäischen Parlament, auch wenn auf der Website, wie am 18. September 2023 zu lesen, des österreichischen Parlaments er, Haider, als „Abgeordneter zum Europaparlament a. D.“ geführt wird, anläßlich der Überreichung eines Ehrenzeichens an ihn durch den Präsidenten. Wie gut, daß er, Haider, kein Abgeordneter außer Dienst ist, sonst hätte er diesen für Österreich zu wichtigen Gedenktag nicht mit einbringen können.