Holocaust ist gleich Shoa und Porajmos

martin-luthr-stost-das-tor-aufEin dringend notwendiger Denkort

Was kann es an einem 24. Dezember für einen Wunsch geben? Was kann es so kurz vor einem weiteren Jahr, das gerne ein neues Jahr genannt wird, für einen Vorsatz geben?

Ein Denkmal zu errichten. Ein Denkmal zu errichten,  das klar zum Ausdruck bringt, der Holocaust war Shoa und Porajmos in einem. Mit der Unterscheidung aufzuhören. Denn das massenverbrecherische und massenmörderische Ansinnen der Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten war nicht ein Holocaust und ein Porajmos, sondern die totale Vernichtung von Juden und Roma und Sinti in einem einzigen Holocaust.

Gerade in Österreich wäre ein derartiges Denkmal am prominentesten Ort angebracht, an dem Ort also, wo der derzeitige Verteidigungsminister ein Soldatendenkmal sich wünscht. Statt eines Soldatendenkmals also ein Denkmal, das der Geschichte gerecht wird.

Es muß nicht ein weiteres Mal ausgeführt werden, weshalb das notwendig ist, damit aufzuhören, Roma und Sinti als Opfer dritter Klasse zu führen. Weil sie eben aus dieser Gesinnung, der zum Holocaust führte, heraus weiterhin Opfer sind, europaweit.

nicht-mit-martin-luther-spielenErst vor wenigen Jahren schrieb die Wochenzeitung „Die Zeit“ anläßlich der Eröffnung eines Porajmos-Denkmals in Berlin, das etwas versteckt hinter Büschen und Bäumen südlich des Reichstagsgebäude im Tiergarten liegt, auch darüber, wie es für die Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen keine Unterscheidung gab in ihrem Ausrottungswillen von Sinti und Juden und Roma, und macht dabei selbst eine Unterscheidung zwischen Holocaust und Porajmos.

„Für Ziel und Weg, die Zeitschrift des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes, war 1938 die Diagnose klar. ‚Juden und Zigeuner‘ seien wie ‚Ratten, Wanzen und Flöhe‘ zwar ‚gottgewollte Wesen‘, dennoch müsse man diese wie jene ‚biologisch allmählich ausmerzen‘. Dergleichen gleichnishafte, christlich verbrämte Mordrede gehörte zur völkischen Tradition seit den Tagen von Jahn und Arndt, nun aber war der Moment gekommen, die Metapher Wirklichkeit werden zu lassen und ‚Juden und Zigeuner‘ tatsächlich zu vernichten.“

Denn in einem Moment, in dem die Roma, selbst in Ländern des Friedensnobelpreisträgers EU wie Tschechien, Frankreich oder Rumänien, neuen Hass erfahren, erinnert es daran, in welche Katastrophe alles rassistische Gerede und Geraune führt.“

Und gerade im kommenden Jahr mit der Zahl 2017, in dem Martin Luther recht groß gefeiert werden wird, sollte so ein Denkmal errichtet sein. Vielleicht mit

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einem Martin Luther, der das Auschwitz-Tor weit aufstößt.

Und gerade in dieser Zeit, in der die Ortsgruppe der identitären Parlamentspartei im Bezirk Margareten Jahn als „Kletterwand-Maskottchen“ haben will …

Und gerade in dieser Zeit, in der Bruderliebe eines Vizebürgermeisters ohne Aufgaben so weit geht, zu bekunden, die abscheulichste Schreibe des kleinen Bruders gefällt.

Mit einem Denkmal ist es freilich nicht getan. Deshalb darf es auch kein passives Denkmal sein. Zu wünschen ist ein aktives Denkmal. Ein Denkmal nicht der Besinnung, sondern des Handelns. Ein Denkmal zum Arbeiten. Zum Arbeiten daran, daß die Menschen, die diesen Ethnien zugeordnet werden,

Der halbe Luther von Michael Bünker oder „Zigeuner“ werden Opfer sein dürfen, wenn sie keine Opfer mehr sind

nicht weiter Opfer sind. Denkmal ist dafür wohl nicht der geeignete Bezeichnung. Denkort erscheint zutreffender.

Porajmos und der christliche Ökumene-Anhänger Adolf Hitler unter dem Einfluß von Martin Luther

Porajmos und Ökumene-Anhänger Adolf Hitler unter dem Einfluß Martin Luthers.jpg

Die Ausgabe 84 von „Der Theologe“ beschreibt zusammenfassend, wie sehr Adolf Hitler von Martin Luther eingenommen war, den er als das „größte deutsche Genie“ …

Diese Ausgabe gibt einen guten Einblick, was von Martin Luther … und macht zugleich offenkundig, wie unverständlich nicht nur aus der Sicht der unmittelbaren Gegenwart es ist, einen derartigen Mann, den „einige Theologen später stolz sogar den ‚ersten Nationalsozialisten'“ nannten, nach wie vor in einem solchen Ausmaß zu rühmen, zu verehren, zu verteidigen.

Diese Ausgabe 84 konzentriert sich auf den Antisemitismus von Martin Luther, den Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen als Massenmörder und Massenmörderinnen exekutierten.

Um diesen Massenmord an den Juden geht es hier aber nicht. Das muß heute sogar ein evangelischer Bischof aus dem Österreichischen eingestehen, daß Martin Luther mit seiner Judenfeindlichkeit …

Es geht also hier nicht

Auch zu rühmen ist Martin Luther für 500 Jahre Zigeuner-Verfolgung

um die Shoa.

Es geht hier um

Porajmos und die Geburtshäuser von Adolf Hitler, Martin Luther …

den Porajmos. Um den Massenmord an den Menschen, die nach wie vor „Zigeuner“ genannt werden.

Es geht darum, daß endlich, wenn von Martin Luther gesprochen wird, Antiziganismus und Antisemitismus gesagt werden muß, nicht länger breit nur von seiner Judenfeindlichkeit gesprochen werden darf. Denn Antiziganismus und Antisemitismus ist der lutherische eineiige Kopfgeburtszwilling. Es darf sein Antiziganismus nicht länger unterschlagen werden.

In dieser Hinsicht ist auch „Wikipedia“ – heutzutage von so vielen als Wissensspeicher genutzt – eine äußerst unvollständige Quelle; es wird zwar seine Judenfeindlichkeit beschrieben, nicht aber seine Feindlichkeit gegen Menschen, die nach wie vor Zigeuner genannt werden.

Es geht also darum, den Menschen, die nach wie vor Zigeuner genannt werden, zuzugestehen, daß sie nicht einfach weitere Opfer des Nationalsozialismus waren, sondern sie und die Menschen, die Juden genannt werden, auf gleicher Ebene die zur totalen Vernichtung ausgewählten Menschen waren. Denn die Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten machten keinen Unterschied zwischen Juden und Zigeunern. Sowohl für Juden als auch für Zigeuner wollten sie die „endgültige Lösung“. Es wird für manche der Satz ungehörig klingen – dennoch: Für Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen waren die von ihnen ermordeten Zigeuner keine zu Ermordenden dritter Klasse, wie heutzutage noch Zigeuner breitest Opfer zweiter Klasse des Nationalsozialismus sind.

Es geht hier aber auch nicht um Geschichte. Es geht um die Gegenwart. Es geht darum, wie Menschen, die nach wie vor Zigeuner genannt werden, in diesem Europa leben müssen. Und die Lebensbedingungen dieser Menschen sind wahrlich die Schande Europas.

Vielleicht ist der Ansatz, wie in

Der halbe Luther von Michael Bünker oder „Zigeuner“ werden Opfer sein dürfen, wenn sie keine Opfer mehr sind

geschrieben, ein falscher. Vielleicht muß doch zuerst den Menschen, die nach wie vor Zigeuner genannt werden, ihr geschichtlich zustehende Opferstatus breitest anerkannt werden, damit sie in Gegenwart und Zukunft nicht weiter Opfer sind.

Porajmos und die Geburtshäuser von Adolf Hitler, Martin Luther …

Nun ist also die Enteignung offiziell. Das Geburtshaus von Adolf Hitler ist enteignet. Ab sofort gehört es der Republik Österreich.

Und weshalb wurde es enteignet? Wegen der Befürchtung, es könnte eine Pilgerstätte für, wie gesagt wird, Rechtsextreme und Neonazis … Es muß nicht wiederholt werden, was von dieser Argumentation zu halten ist, nämlich nichts, wie ausführlich gelesen werden kann:

Entschädigung Hitler-Geburtshaus-Enteignung nach dem Eisenbahn-Entschädigungsgesetz

In diesem Haus in Braunau am Inn wurde Wähler Adolf Hitler, der Hitler wählte, geboren

Und gerade nach der Wahl am zweiten Adventsonntag in diesem Jahr in Österreich ist diese Befürchtung, es könnten ein paar Dreibierhochs das Geburtshaus von Adolf Hitler als ihre Pilgerstätte ausersehen, dermaßen lächerlich und das größte Eingeständnis der gewollten Ohnmacht des Staates trotz der bestehenden Gesetze, die nur zu exekutieren wären, gerade nach dieser Wahl also, in der rund sechsundvierzig Prozent den Kandidaten der identitären Parlamentspartei, die außerhalb von Österreich immer wieder als eine „rechtsextreme“, als eine „faschistische“ Partei bezeichnet wird, kann nur wiederholt werden, was in den obigen Kapiteln bereits geschrieben wurde, es würde mit dem Enteignen in diesem Land kein Nachkommen sein, wollten alle Pilgerstätten beseitigt werden.

Hitler Haus Braunau am InnNun, da das Geburtshaus von Adolf Hitler der Republik Österreich gehört, könnte das Haus tatsächlich abgerissen werden. Und der vorgeschlagene Gedenkstein nicht in der üblichen Größe eines Gedenksteins vor dem Geburtshaus aufgestellt werden, sondern statt dem Geburtshaus in der genauen Größe des Geburtshauses von Adolf Hitler errichtet werden, mit der Inschrift:

Demokratie!
Freiheit!
Frieden!

anstelle-des-geburtshauses-adolf-hitlerMillionen Ermordete
mahnen!

In diesem Haus
wurde Wähler
Adolf Hitler, der
Hitler wählte,
geboren.

Es heißt, es wurde fünf Jahre verhandelt, bis es nun zur Enteignung gekommen ist. Was für eine verschwendete Energie, verschwendete Ressourcen, verschwendetes und noch weiter zu verschwendendes Geld, und das alles nur wegen der Befürchtung, ein paar Dreibierkäsehochs …

Wie sinnvoll wäre es beispielsweise gewesen, und wenn es so etwas wie einen Auftrag der Geschichte geben soll, auch diese Energie, diese Ressourcen, dieses Geld zu verwenden, um einen effektiven Beitrag zu leisten, daß  Menschen nicht weiter in einer Gegenwart leben müssen, die sie täglich bitter als Vergangenheit erfahren müssen, daß für sie die Geschichte nicht vorbei ist, sie in der grausamen Vergangenheit gehalten werden. Womit das zweite Geburtshaus angesprochen ist. Das nämlich von Martin Luther. Das steht zumindest nicht in Österreich. Aber es würde zu Österreich traditionsreich passen,

Romane Thana – Von der Großzügigkeit der österreichischen Gesellschaft gegen Walter Dostal

daß auch Martin Luther einer aus Österreich …

500-jahre-von-luther-zu-himmler

Martin Luther ist einer der Hähne, die das Ei Adolf Hitler legten. Am Anfang war das Wort, und das Wort war von Martin Luther. Und das Wort kam zu den Wählern und Wählerinnen, die es in den Porajmos wandelten, wie den Wein in das Blut und den Leib in den geschundenen und getöteten.

Aber es gibt keine Befürchtung, das Geburtshaus von Martin Luther könnte, nein, es ist ja eine Pilgerstätte, die nach wie vor zur Ehre gereicht, der die Treue gehalten wird. Und auch in Österreich wird Martin Luther gepriesen, wird beispielsweise der österreichische Rundfunk zur Kanzel zur Verbreitung des Lobgesangs auf Martin Luther. Freilich wird, was nicht mehr zu verschweigen ist, dabei zartkritisch nebenher erwähnt, im christlichen Plauderton. Aber auch das muß nicht ein weiteres Mal ausgeführt werden:

Der halbe Luther von Michael Bünker oder „Zigeuner“ werden Opfer sein dürfen, wenn sie keine Opfer mehr sind

500 Jahre Martin Luther sind auch 500 Jahre Antiziganismus

Auch zu rühmen ist Martin Luther für 500 Jahre Zigeuner-Verfolgung

Gerade jetzt im Advent werden wohl auch Sie verstärkt Buchhandlungen aufsuchen.

Nehmen Sie sich diesmal dabei Zeit, die Büchertische und die Bücherregale der Geschichte anzusehen. Es wird nicht viel Ihrer Zeit in Anspruch, damit auch Sie feststellen, Sie müssen nicht nach Büchern über Antisemitismus, Vernichtung der Juden, Judenverfolgung in Nazi-Deutschland, über den Völkermord an den Juden, über die Shoa suchen. Sie liegen n-fach offen vor Ihnen. Sie haben dabei bloß die Wahl der Qual. Das würde viel Zeit in Anspruch nehmen, aus all diesen nicht mehr zu zählenden Büchern, die offen vor ihnen liegen, eines zum Kauf auszuwählen. Keine Zeit hingegen werden Sie brauchen, um aus den Büchern über den Völkermord an den Zigeunern, über Antiziganismus eines auszuwählen.

Ein Buch aber über den Porajmos werden Sie darunter nicht finden.

Es gliche wohl einem Wunder, wie dem von der „unbefleckten Empfängnis“, fänden Sie ohne Suche und also auf Anhieb auf dem Büchertisch, in den Regalen eines über den Porajmos. Es gliche wohl auch einem Wunder, wie dem von der „Auferstehung der Toten“, würde das Buchhandlungspersonal bei Porajmos, ohne beim Nachsprechen dieses Begriffes ins Stottern zu kommen, auf Anhieb und also ohne Nachfrage wissen, worum es sich beim Porajmos handelt und Ihnen antworten kann. Lagernd ist so ein Buch nicht, aber Ihnen eines zu bestellen, das müßte möglich sein.

Es gliche wohl einem Wunder,  spräche etwa ein Bischof in einer Adventpredigt, in einer Adventkolumne von Antisemitismus und Antiziganismus zugleich, sagte dieser oder schriebe dieser, sein Nichtheiliger hat auch eine ganz und gar unrühmliche Rolle gespielt in der Verfolgung von Zigeunern, seit fünfhundert Jahren:

Martin Luther: „Wie die Zigeuner“

Der halbe Luther von Michael Bünker oder „Zigeuner“ werden Opfer sein dürfen, wenn sie keine Opfer mehr sind

Viel ist darüber noch zu schreiben. Es ist ein Kapitel der Gegenwart, das nicht mit einem Kapitel abgetan werden darf. Es wird damit im Adventrest zu beschäftigen sein.

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Gerhard Botz putzt sich seine Dollfuß-Lupe und entdeckt die weite Welt

Um dann aus seiner internationalen Umgebung für die Provinz, in der er lebt, zu schreiben, eine ausführliche Analyse unter dem Titel „Dollfuß: Mythos unter der Lupe – Wie faschistisch war der ‚Austrofaschismus wirklich?“, veröffentlicht in der Tageszeitung „Der Standard“ vom 21. Februar 2015.

Und es stellen sich zu dieser botzigen Analyse viele Fragen ein.

Meint Gerhard Botz es sei notwendig und deshalb seine Analyse, es sei in Österreich notwendig, darauf hinzuweisen, daß Österreich damals kein Einzelfall war? Nein, das wird gewußt, das ist bekannt. In ganz Europa grassierte dieses, um es salopp und verkürzt zu sagen, Faschismusfieber. Eine Fleißaufgabe also.

Eine Fleißaufgabe, aber zu welchem Zweck?

Um darzustellen, daß Dollfuß zwar schon ein schlimmer Finger gewesen ist, aber nicht vollfaschistisch? Sondern bloß halbfaschistisch, weil vollfaschistisch, das aber wäre wirklich schlimm, halbfaschistisch jedoch, das geht, das ist der österreichische Weg, damit könnte auch heute wieder gelebt werden, in einer Zeit, in der viele, viel zu viele eine gewisse Partei wählen – davon aber später …

Korneuburger Eid Heimwehr - Beschreibung Faschismus von Gerhard Botz

Gegenüberstellung „Gelöbnis der Heimwehr“ und botzige Beschreibung „Idealtypus des Faschismus“

Möglicherweise denkt Gerhard Botz, was er aber nicht geschrieben hat, sich deshalb das Dollfuß-Regime als eine halbfaschistische Diktatur, weil Engelbert Dollfuß mit Rüdiger Starhemberg einen Vizekanzler zur Seite hatte, dessen Heimwehr sogar Gerhard Botz als „eindeutig faschistisch“ eingestuft in seiner Analyse zugeben muß. Starhemberg wurde beinahe der Nachfolger von Dollfuß und blieb bis 1936 Vizekanzler. Hier bleibt bloß noch die Fragen offen? Was war die zweite Hälfte? Nationalsozialistisch? Hitlerisch? Schließlich wollte Engelbert Dollfuß alles machen, „was die Nazis versprechen“ … Das war 1933. Und 1933 wurde bereits genau gewußt, was mit Adolf Hitler, was mit dem Nationalsozialismus kommen wird, was versprochen ward. Die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen von Engelbert Dollfuß wußten es – nicht nur ein Thomas Mann wußte es schon –, Dollfuß, der selbst machen wollte, „was die Nazis versprechen“ … „einen rücksichtlosen Vernichtungskampf“, ein „Überhitlern“ …

Zu welcher Ecke hin will Gerhard Botz nun sein Denken lenken? Der so genau weiß, aus welcher Perspektive heraus andere denken, wenn er schreibt:

„Vor 80 Jahren mochte eine antifaschistische Rhetorik im politischen Kampf gegen die Zerstörer der österreichischen Demokratie noch ihren Sinn gehabt haben, vielleicht auch noch nach 1945, als die meisten Täter wie Opfer des 12. Februar noch lebten (und Letztere in der disziplinierenden Umklammerung der großen Koalition bald wieder schweigen mussten). Eine ähnliche terminologische Zuspitzung lässt sich auch bei zeitgenössischen Schriftstellern und heutigen Historikern – nicht jedoch bei dem international meistzitierten, kürzlich verstorbenen Eric Hobsbawm! – in Großbritannien beobachten, wo die englische Linke sich ab 1934 vehement für ihre österreichischen Genossen einsetzte und damit auch von Mussolini faszinierten Konservativen entgegenzutreten suchte. Wissenschaftlich ist heute (wie schon vor Jahrzehnten) das Konzept „Austrofaschismus“ höchst fragwürdig und wird fast nur von solchen Historikern (und einigen Politologen) und von einheimischen Essayisten und Dichtern auch hoher schriftstellerischer Qualität verwendet, die oft aus einer strikten Österreich-Perspektive heraus zu denken scheinen.“

Zu welchem Zweck also schreibt im Februar 2015 Gerhard Botz seinen putzigen Versuch? In einer doch weit verbreiteten Tageszeitung, mit dem er doch auch vermittelt, das Dollfuß-Regime sei nicht so schlimm, eben bloß „halbfaschistisch“ gewesen, sich auch bemüßigt fühlt, zu beweisen, das Dollfuß-Regime hätte gar nicht so Grauenvolles vorgehabt, wie beispielsweise die Nazis.

Es wird einem Historiker unverständlich sein, Geschichte ausschließlich durch die Lupe der Gegenwart zu betrachten, aber die Gegenwart gibt eine mögliche Antwort darauf, zu welchem Zweck eine doch weit verbreitete Tageszeitung in Österreich das veröffentlicht, zu welchem Nutzen diese Verniedlichung, diese Harmonisierung. Wird daran gedacht, daß in Österreich eine Partei zurzeit in deren Magazin offen über das „Wiederbeleben des Faschismus“ nachdenken läßt, ist es nicht unpraktisch von einem anerkannten Historiker bescheinigt zu bekommen, es sei in Österreich nicht voll faschistisch gewesen, bloß „halbfaschistisch“, das Schlimme im Vergleich zu anderen Ländern war halbschlimm, kein Grund zur Sorge, kein Grund zur Furcht, auch ein „neuer Eurofaschismus“ in Österreich werde nur halb … österreichisch halt, und ohne Deutschland nicht voll …, sondern halbschlimm und vollgemütlich … Für eine ÖVP und für nicht wenige in der SPÖ und in einem kleinen Städtchen warten auch Grüne auf eine Unterstützung, eine Entlastung, wenn es um Koalitionen mit dieser Partei … Und die FPÖ wird noch aus einem anderen Grund ihre Freude an den botzigen Formulierungen haben, wenn es gilt gegen „solche Historiker, Essayisten und Dichter“ zu wettern, die antifaschistisch sich äußern, dann haben sie mit Gerhard Botz eine „unverdächtige Person“, die sie zitieren können, um …

PS Es ist aber Gerhard Botz hoch anzurechnen, daß er seine Empathie mit Engelbert Dollfuß nicht so weit treibt, die Zeit des Dollfuß-Regimes auch gleich als eine Zeit bloßer „innenpolitischer Wirren“ darzustellen, das erst vor kurzem die steirische Wirtschaft

In diesem Haus in Braunau am Inn wurde Wähler Adolf Hitler, der Hitler wählte, geboren

Vor ein paar Tagen wurde die Frage

„Was würden Sie mit dem seit fast vier Jahren leerstehenden Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn machen?“

Adolf Hitler Wählerübermittelt. Es gibt die Idee, war weiter zu lesen, aus diesem ein „Haus der Verantwortung“ zu machen.  Mit einem starken Akzent auf Gegenwart und Zukunft. Das kann uneingeschränkt unterschrieben werden. Bereits davor aber konnte der Berichterstattung hiesiger Zeitungen entnommen werden, um dieses Geburtshaus einer anderen Nutzung, irgendeiner Nutzung zuführen zu können, könnte es auch zu einer Enteignung kommen. Im Fall einer Enteignung könnte aber keine Nutzung des Geburtshauses von Adolf Hitler mehr uneingeschränkt zugestimmt werden, und würde es die edelste Nutzung sein, wie beispielweise die als ein „Haus der Verantwortung“.

Es wird im Zusammenhang mit diesem Geburtshaus von Befürchtungen gesprochen, es könnte sonst zu einer Pilgerstätte für hitlerische und ähnliche Gesinnte verkommen. Und warum nicht? Mit ihrem Hinpilgern offenbarten sie bloß ihre mannifachen Irrtümer. Denn, sie müßten eigentlich aus jedem Haus eine Pilgerstätte machen, in der Wähler und Wählerinnen von Adolf Hitler geboren wurden, wohnten. Ohne diese hätten sie keinen Adolf Hitler. Und nebenbei gesagt, die Befürchtung kann gar nicht verstanden werden. Denn zur Verhinderung derartiger Pilgereien gibt es in Österreich auch entsprechende gesetzliche Bestimmungen. Darüber hinaus, diesen Irrtumsköpfen kann alles zu einer Kultstätte werden, wahrscheinlich genügen ihnen beispielsweise dafür bereits zwei Tafeln im Kärntner Landhaus (wenn diese es nicht ohnehin schon sind) … Oder ein Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof … Oder auf dem Döblinger Friedhof … Oder … Wie lange noch will in der Vergangenheitsgefangenschaft von solchen Irrtumsköpfen verblieben werden?

Freilich. Es könnte auch vor dem Geburtshaus von Adolf Hitler stellvertretend für alle Geburtshäuser ein Gedenkstein aufgestellt werden, noch besser, eine Tafel direkt am Haus: „Hier wurde Wähler Adolf Hitler, der Hitler wählte, geboren.“ Davon kann ausgegangen werden, daß Adolf Hitler im November 1932 die NSDAP und also sich selbst wählte. Und weitere 13.745.679 Wähler und Wählerinnen ihre Stimmen der NSDAP und also Adolf Hitler gaben. Und mit ihren Stimmen wurde Adolf Hitler das, wofür er heute noch steht: für Massenverbrechen, für Massenmorde, und auch für Elend, Not und Tod des sogenannten eigenen Volkes.

Adolf-Hitler-GeburtshausZu lesen ist auch davon, daß dieses Haus nur „sozialedukativen Zwecken“ entsprechend zu nutzen sein solle – warum? Weil es das Geburtshaus von Adolf Hitler ist? Was für ein schwacher Grund. Und was für ein falscher. Und es wäre, was immer in diesem Haus gemacht werden will und vielleicht je wird, von Beginn an der falsche Ansatz, ein Widerspruch zum hehren Gewollten. Und mit einer Enteignung sogar von Anfang an das Unterlaufen eines jedweden hehren Anspruchs.

Es sollte endlich damit aufgehört werden, aus der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft zu schauen, sondern aus der Gegenwart in Gegenwart und Zukunft, das aber menschgemäß nicht heißt, deshalb die Vergangenheit zu vergessen. Und das bedeutet auch, endlich aufzuhören, vor Adolf Hitler auf dem Bauch zu liegen, und mag es auch aus den besten Gründen geschehen, als Warnung, als Mahnung … Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, es waren die Wähler und Wählerinnen und nicht … diese wählten Adolf Hitler, der das Morgen als Nacht des Grauens verkündete.

Hitler Haus Braunau am InnDeswegen soll das Haus als Geburtshaus von Adolf Hitler, dem Massenmordführer, vergessen werden, aber stellvertretend für die weiteren 13.745.679 Wählerinnen und Wähler in Deutschland aus dem Jahr 1932 die oben genannte Tafel vor dem Haus in Braunau am Inn aufgestellt werden. Und menschgemäß zusätzlich ebenfalls stellvertretend für die 4.453.772 Stimmberechtigten in Österreich, die 1938 den Anschluß an Wählerhitlerdeutschland wählten. Als Mahnung. Zur Erinnerung an die Wählerinnen der Vergangenheit, aber vor allem zur Auseinandersetzung mit dem Wähler der Gegenwart.

Wäre auch die Frage gestellt worden, wo sonst könnte im gegenwärtigen Österreich ein „Haus der Verantwortung“ etabliert werden, mit der Antwort darauf könne jeder Wettbewerb Rede gegen Peitsche gewonnen werden … Denn schneller als ein Peitschenhieb ist die Antwort: Dort, wo jetzt noch das „Abdullah-Zentrum, statt  Kaiciid“.

Bis nach Auschwitz gehts noch, aber von da an zieht sich der Weg

Glücklicherweise ist es Nestroy erspart geblieben, auch von Auschwitz wissen zu müssen. So konnte er noch von Stockerau schreiben, um über die beschwerliche Reise von Wien nach Amerika zu reden …

Heinz Fischer - Abdullah-Zentrum - Auschwitz

Bundespräsident Heinz Fischer: „Ich persönlich möchte zuerst einmal den Bericht lesen, den der Herr Außenminister verfaßt hat, der ist heute dem Ministerrat vorgelegt worden, zu einer Zeit, wo ich schon in Auschwitz war, ich werde das morgen auf meinem Schreibtisch vorfinden.“

Bis nach Auschwitz gehts noch, aber von da an zieht sich der Weg, von der Vergangenheit in die Gegenwart, könnte die gestrige Reise von Bundespräsident Heinz Fischer beschrieben werden. Über Auschwitz, die Vergangenheit, weiß Heinz Fischer klare und eindeutige Worte zu finden – „unauslöschliche Schande“, über Saudi-Arabien, die Gegenwart, weiß Heinz Fischer dampfend schöne Worte zu finden – „beeindruckende Entwicklung des Landes“, „großer Staatsmann“ …

In der Nacht war Heinz Fischer schon wieder zurück – von Vergangenheit nach Vergangenheit gehts ja rasch … im Studio der Zeit im Bild, um zum Abdullah-Zentrum zu sagen, er möchte, wie der Kardinal, dämpfend wirken

Ach, läge Saudi-Arabien bloß auch in der Vergangenheit, was für klare und eindeutige Worte würde dann sogar Heinz Fischer … Wie viele Teile der heutigen Welt müßten in der Vergangenheit liegen, damit eine klare ablehnende Haltung in der Gegenwart und, viel wichtiger noch, ein eindeutiges Widerhandeln, ein klares Handeln gegen alle unauslöschlichen Schanden…

Aber wird Heinz Fischer gesehen, wird nicht nur das Gesicht des österreichischen Seufzerpräsidenten gesehen, sondern auch die Gesichter von so vielen Staatspräsidenten, von so vielen Regierungsverantwortlichen aus der ganzen Welt, über deren Reisen ebenfalls gesagt werden kann, bis nach Auschwitz gehts noch, aber …

Gedenkveranstaltungen sind gut und wichtig. Aber, im Angesicht der heutigen Welt mit all den nach wie vor und nicht weniger werdenden unauslöschlichen Schanden, sollten all die Regierungsverantwortlichen, deren Handeln kein tatsächliches Handeln ist, nicht einmal ein Bemühen um ein tatsächliches Handeln gegen all die unauslöschlichen Schanden ist, nicht mehr zu Gedenkveranstaltungen eingeladen werden, ihnen also nicht weiter eine Plattform geboten werden, auf der sie sich als das präsentieren können, was sie nicht sind, und vor allem, was sie nicht tun, den Grausamkeiten der Gegenwart tatsächlich Einhalt zu gebieten, ganz im Gegenteil, wird etwa an Barack Obama gedacht, dem der kürzlich verstorbene saudische Terrorkönig ein „aufrichtiger Freund“ war, ein „mutiger Führer“ …

Diesem Mißbrauch von Gedenkveranstaltungen durch höchste Regierungsverantwortliche ist Einhalt zu gebieten. Es kann nicht der Sinn von Gedenkveranstaltungen sein, höchsten Regierungsverantwortlichen Trost zu spenden, sie seien auch gute Menschen. Wenn sie dieser Bestätigung bedürfen, sollen sie sich diese von ihren Familien ausstellen lassen. Es darf mit Sicherheit angenommen werden,  das werden sie in ihren Familien ohnehin zu hören bekommen, wie gut und lieb sie sind – auch die Führer hatten und haben ihre Liebsten, die ihnen bescheinigen, gute … Es kann nicht der Zweck von Gedenkveranstaltungen sein, daß höchste Regierungsverantwortliche die Gelegenheit bekommen, sie als Mittel für ihre Zwecke zu mißbrauchen, und dabei auch noch alle zu ermahnen, aus der Vergangenheit ja zu lernen, einer derart grausamen Vergangenheit ihr Niemals wieder! entgegenschleudern zu können, während sie selbst in der Gegenwart …

Ermordeter Zigeuner – Zum Bedenken am Heldenplatz am 30. Jänner 2015

Menschen, die ob des Wortes Zigeuner jetzt gleich politisch korrekt aufheulen wollen, ist eingangs sofort zu entgegnen, es wird mit Absicht das Wort Zigeuner verwendet, weil diese Menschen in Österreich (aber leider nicht nur, sondern in ganz Europa) nach wie vor als Zigeuner gehandelt und widerwärtig behandelt werden. Jenen, die möglicherweise beim Lesen irgendwann politisch korrekt auch bemängeln wollen, es werde nur von dem Zigeuner gesprochen, aber nicht von der Zigeunerin, ist gleich auch zu sagen, es geht hier ausschließlich um das nach wie vor sehr verbreitete Zigeuner, das wohl auch und nicht unwesentlich beiträgt zur unhaltbaren Lage von Frauen und Männern, die pauschal als Zigeuner

FPÖ-Akademikerball 30 Jänner 2015Nun wird also für den 30. Jänner 2015 eine Veranstaltung angekündigt, mit einem Text, in denen Zigeuner nicht vorkommt, obgleich es auch um das Gedenken an die Massenmorde der nationalistischen Totaldiktatur des deutschen reiches geht. In der Ankündigung geht es um Antisemitismus, um Rassismus, aber ein Platz für noch ein Wort wollte nicht mehr gefunden werden: Antiziganismus … Es werden Reden auch angekündigt. Bloß, ein Zigeuner wird keine Rede halten dürfen. Allerdings. Ein Zigeuner wird das machen dürfen, was einem Zigeuner in Österreich gerade noch zugestanden wird, wobei vorausgesetzt wird, es wissen alle um die sogenannte Herkunft des angekündigten Musikers …

Ach, wie edel und politisch korrekt, der Zigeuner darf musizierend „Jetzt Zeichen setzen“ …

Ein Zigeuner wird das also machen dürfen, was einem Zigeuner in Österreich gerade noch zugetraut wird – Musik. Und darin werden am 30. Jänner 2015 die Menschen, die in der Hofburg tanzen werden, und die Menschen, die vor der Hofburg, auf dem Heldenplatz, gegen den identitären Ball auftreten werden, sich einig sein … Musizieren können sie, die Zigeuner … Vielleicht wird sogar in der Hofburg getanzt werden zu …, nein, bestimmt wird dazu getanzt werden, zu dem einen oder anderen Walzer, zu der einen oder anderen Mazurka, zu … Zu später Stunde wird vielleicht eine „volksdeutsche“ Ballbesucherin rufen: Und jetzt die Zigeunerpolka

Ach, wie wunderbar wird das sein, am 30. Jänner 2015, Hofburg und Heldenplatz einig in der Liebe zur Zigeunermusik

Was einem Zigeuner allerdings in Österreich nicht zugestanden wird, ihm übelgenommen wird, ist, wenn er beispielsweise bettelt, sogar dann, wenn er es musizierend macht …

Was einem Zigeuner allerdings in Österreich nicht zugestanden wird, ist ein Gedenken am 30. Jänner 2015 auf dem Heldenplatz, ein Gedenken an die Morde in Oberwart, die vor zwanzig Jahren, am 4. Februar 1995, verübt wurden, aus ebenden Gründen, genauer, Nichtgründen, weshalb am 30. Jänner 2015 auf dem Heldenplatz ein „Zeichen“ gesetzt werden will.

Was bei einem Zigeuner allerdings in Österreich unter sofortiger Zustimmung immer noch gefragt wird (wie in der Collage gelesen werden kann), am 24. Jänner 2015, ob er „auch ein paar Merkmale von einem Menschen“ …

Wie unerträglich das sein wird, am 30. Jänner 2015, identitär besetzte Hofburg und politisch-korrekt besuchter Heldenplatz einig darin, wie schrecklich, oh wie schrecklich und unmenschlich die Vergangenheit war, dieses NS-Regime – komm, Zigeuner, spiel uns dazu auf –, es war so barbarisch, daß wir deiner Gegenwart nicht gewahr, niemals wieder – spiel, Zigeuner – darf das – Zigeuner, tanz dazu – geschehen, hier und jetzt – red‘ nicht, Zigeuner, spiel – Zeichen setzen, gegen das, was passiert war – siehst du, Zigeuner -, Österreich erinnert sich, was vor siebzig Jahren geschah, Österreich vergißt das NS-Regime nicht – warte, Zigeuner, warte -, vielleicht in siebzig Jahren wird sich Österreich – Zigeuner – an dich erinnern, wie du ermordet wurdest, fünfzig Jahre nach Auschwitz – hoffe, Zigeuner, hoffe -, wie es dir erging, siebzig Jahre nach Auschwitz, wie du behandelt wurdest – Zigeuner – siebzig Jahre nach dem Holocaust, weil du ein Zigeuner warst, aber warum mußt du siebzig Jahre später immer noch ein Zigeuner sein, aber schau, wir sind großzügig, auch gegen dich, du wirst sehen, Zigeuner,  in siebzig Jahren, Zigeuner, wirst du, versprochen werden kann es aber noch nicht, auf dem Heldenplatz selbst erzählen dürfen, vielleicht – Zigeuner -, wie es dir in den ersten zwei Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts in Österreich (in Europa) erging, wie es dir überhaupt erging in den siebzig Jahren nach Auschwitz, in Österreich, in Europa, aber bis dahin – spiel, Zigeuner, spiel brav, und hör mit dem Betteln auf, Zigeuner, siehst du nicht, wie du alle zwingst, Verbote erlassen zu müssen, siehst du nicht, Zigeuner, wie du die edelsten und tapfersten Medien, die dem untergangenen NS-Regime tollkühn ihre Stirne bieten, wie du, Zigeuner, diese dazu zwingst, gegen dich  zu stürmen … und vor allem – Zigeuner – integriere dich in Europa, sonst zwingst du alle, dich zurückzuschicken, Zigeuner, dorthin, von wo du gekommen bist, nach Europa, und, Zigeuner, schneide dir endlich die Haare, damit erkannt werden kann, ob du, mußt schon noch – Zigeuner – allen beweisen, ob du überhaupt ein …

Wie, Manfred Bockelmann, war das mit Onkel Erwin, Eurotank und der NS-Zwangsarbeit?

In „Der Auschwitz-Kitsch des Manfred Bockelmann“ wurde bemängelt, Manfred Bockelmann hätte sich zu allgemein der NS-Zeit mit seinen Kinder-Zeichnungen genähert, wo er doch mit seinem familiären Umfeld …

Erwin Bockelmann - Onkel von Manfred Bockelmann und seinem Bruder der ein Sänger warVielleicht wußte Manfred Bockelmann einfach nicht, wo konkret beginnen, mit den Nachforschungen – mit dem Vater? Vielleicht einmal mit dem Onkel. Nein, nicht mit dem Onkel Werner, der 1957 Oberbürgermeister von Frankfurt am Main wurde, wie sein Bruder, der Schlagersänger war, in seinem „Steckbrief“ stolz vermerkt und so viele Medien in Österreich es nun abschrieben, sondern mit Onkel Erwin, den der Bruder in seinem „Steckbrief“ nicht erwähnt und auch die Medien erwähnten ihn nicht in ihren Todesnachrichten mit „Steckbrief“, diesen so erfolgreichen Mann der Öl-Industrie 

Mit Erwin Bockelmann also könnte der Neffe einen neuen Versuch der Auseinandersetzung unternehmen, also konkreter und nicht gar so allgemein und fern … Mit Onkel Erwin, über den „Der Spiegel“ in seiner Nr. 21/1963 berichtet:

„Nach dem Studium des Allgemeinen Maschinenbaus an den Technischen Hochschulen in Hannover, Berlin-Charlottenburg und München trat Erwin Bockeimann 1934 in die Dienste der Europäischen Tanklager- und Transport-AG, die ihn mit dem Aufbau ihrer Eurotank-Raffinerie in Hamburg-Finkenwerder beauftragte. Bereits 1935 wurde er Vorstandsmitglied.“

In „Der Mann mit dem Fagott“ nimmt Onkel Erwin aber eine enorm wichtige Rolle ein, dem Bruder des Malers war es doch sehr wichtig, daß Onkel Erwin seine Leistungen als Schlagersänger schließlich doch noch anerkennt, daß das doch etwas Solides ist, die Schlagersängerei, kurz um, eine Leistung zum Anerkennen auch durch einen Mann der Öl-Wirtschaft … Ein Hinweis auf diesen gar so erfolgreichen Onkel im „Steckbrief“ jedoch hätte vielleicht Erinnerungen wachgerufen, die so gar nicht …

Holocaust - Manfred BockelmannWie war das mit den Leistungen und der Rolle des Onkel Erwin in der NS-Zeit? Immerhin ab „1935 Vorstandsmitglied“ und beauftragt mit dem „Aufbau ihrer Eurotank-Raffinierie in Hamburg-Finkenwerder? Vielleicht findet es Manfred Bockelmann heraus, und malt es, dann aber in Öl … Im Film-Trailer „Zeichnen gegen das Vergessen“ sagt Manfred Bockelmann einen Satz, den er als Leitsatz für den nächsten Versuch nehmen kann: „Aber es gibt immer noch eine Schuld, und das ist die Schuld, wenn ich das leugne, dieses Verbrechen.“

Es soll Manfred Bockelmann, der sich mit dieser Zeit schon gar so künstlerisch auseinandersetzte, der Vortritt gelassen werden. Das jedoch ist keine großzügige Geste. Denn. Die Zeit vor 1945 will hier nicht behandelt werden. Nur, eine kleine Hilfe, wenn er nicht wissen sollte, wo beginnen:

„Die gleichen Zwangsarbeitergruppen und zusätzlich männliche KZ-Insassen waren auch bei seiner ursprünglichen Arbeitsstelle bei Euro-Tank, Finkenwerder, beschäftigt. ‚Grauenvoll war, daß sich die KZ-Häftlinge abends, bevor sie auf Schuten ins Lager zuriickgefahren wurden, bei uns Zementtüten geholt haben und sie sich um den Leib gewickelt haben, um es ein bißchen warm zu haben.'“

PS Zwei Neffen, ach so bemüht darum, Anteil daran zu haben, Licht in eine dunkle Vergangenheit zu bringen, und vergessen dann einfach, beispielsweise auf Onkel Erwin … Es wird gehofft, das verärgert Manfred Bockelmann nicht, aber wer selbst einen Scheinwerfer einschaltet, nur um sich selbst zu bestrahlen, darf sich nicht wundern, daß weitere einfach eingeschaltet werden müssen, um noch besser zu sehen, was im …

Zeichnen zum Vernebeln – Der Auschwitz-Kitsch des Manfred Bockelmann

Als im Jahr 2013 Wien voll war mit den Plakaten der Ankündigung der Ausstellung „Zeichnen gegen das Vergessen – Manfred Bockelmann“ verursachten diese Zeichnungen von Kindern auf den Plakaten, die in der nationalistischen Massenmorddiktatur des deutschen reiches ermordet wurden, ein Unbehagen, eine Ahnung, es stimme daran etwas nicht, und es wurde der Entschluß gefaßt, diese Ausstellung nicht zu besuchen.

Nun, da sein Bruder, der ein Schlagersänger war, tot ist, kommt die Erinnerung an diese Ausstellung und macht das damalige Unbehagen endlich erklärlich. Erklärlich dadurch, wie bereitwillig so viele Medien in diesem Land einen dem Bruder schmeichelnden Steckbrief veröffentlichten, der den Vater des Malers und des Sängers …

Es ist ein Zeichnen nicht gegen das Vergessen, es sind Bilder der Vernebelung, es sind Bilder für das Vergessen, es soll vergessen werden, wie der Vater von Manfred Bockelmann und seinem Bruder, der ein Schlagersänger war, involviert war in das totalitäre Massenmordregime …

Die Zeichnungen des Manfred Bockelmann aber sind bloßer Auschwitz-Kitsch. Das allein würde ihm noch positiv und hoch anzurechnen sein, einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten. Jedoch derart allgemein diese grausame Geschichte zu behandeln, muß ihm zum Vorwurf gemacht werden. Denn. Gerade er hätte aufgrund seiner Familiengeschichte tatsächlich etwas Konkreteres beitragen können, um etwas über die Verbindungen, über die Gegebenheiten zu berichten, die zu solchen Grausamkeiten führen … Aber Manfred Bockelmann zog es vor, das Thema weit entfernt von seiner Familie, weit entfernt von den Schlössern in Kärnten anzusiedeln … Das wäre wohl viel mehr und vor allem keine angenehme Arbeit gewesen, vor allem zusätzlich noch, hätte er dabei einbezogen, wie es nach 1945 …

Carmen Nebel österreichischer intellektueller Folklore eröffnet Bockelmann-AusstellungSein „Zeichnen gegen das Vergessen“ begründete Manfred Bockelmann mit einem rührenden Gedanken, er wollte die Kinder zeigen, um die niemand geweint hätte – ach, waren das alles Waisen  und ganz ohne Verwandte und Freunde und Bekannte, die allein abgelegen in tiefen Wäldern seit ihrer Geburt lebten, aus denen sie dann von den Nazis und Nazissen zum Ermorden herausgeholt wurden? Hätte Manfred Bockelmann Kinder der Gegenwart gezeichnet, die heute auf der ganzen Welt Opfer der grausamsten Verbrechen sind und sekündlich werden, wäre das ein Zeichen gewesen, das ihm hoch anzurechnen wäre …

Aber das tat er nicht. So bleiben es Zeichnungen von einem Sohn bloß, dessen Vater NSDAP-Mitglied und NS-Bürgermeister war, und menschgemäß ist es anzuerkennen, daß ein Sohn einen Versuch unternimmt, etwas zur Aufklärung und zur sogenannten Aufarbeitung … Aber mit diesem Umfeld, in diesem Umfeld – da hätte Manfred Bockelmann vieles zu erforschen und dann zu erzählen, darf angenommen werden, auch, daß er dafür einen leichten Zugang haben müßte … Das wäre aufschlußreich, aber nicht Zeichnungen der Allerweltsbetroffenheit und der Allerweltsgeschichten abzuliefern …

Bockelmann Manfred Klavierspiel zum Auschwitz-KitschAuf der Website von Manfred Bockelmann ist ein Ausschnitt von einem Film zu sehen, in dem auch über die Eröffnung dieser Ausstellung berichtet wird. „Wenn diese Türen aufgehen, meine Damen und Herren, ziehen Sie sich warm an.“ Das sagt in seiner Eröffnungsrede der Carmen Nebel der intellektuellen Folklore in Österreich … Türen hat Manfred Bockelmann keine aufgemacht, jedenfalls zu keinen Zeichnungen, die rechtfertigen, daß er sich dieser Grausamkeit angenommen hat … Die Türen zu den Schlössern nicht nur in Kärnten hätte er aufreißen sollen, und nicht nur die Türen zu der Zeit vor 1945, vor allem die Türen zu der Zeit danach, wie es da weiterging, als sich alle wieder frische Socken anzogen, um zum Lerch auf einen Tanz … In diesem Film kommt unweigerlich auch sein Bruder, der ein Sänger war, vor, und brudergemäß sind für ihn die Zeichnungen gleich „groß“ … Und noch etwas ist in diesem Film zu sehen, in dem über dieser Grausamkeiten berichtet wird, sich Manfred Bockelmann erklärt, weshalb diese Zeichnungen er machen muß, es ist zu sehen, wie schön Manfred Bockelmann in dem schönen Innenhof eines schloßartigen Gebäudes Klavier spielen kann …

Eines aber ist Manfred Bockelmann hoch anzurechnen, im Gegensatz zu seinem Bruder, der ein Schlagersänger war, präsentiert er auf seiner Website wenigstens keinen schmeichelnden, zurechtgerückten „Steckbrief“ seiner Familie, sondern erzählt wohltuend nur von sich selbst und seinem Werdegang … Das hebt ihn weit über seinen Bruder, der ein Schlagersänger war …

Vielleicht erzählt Manfred Bockelmann eines Tages doch die konkrete Geschichte, als einen weiteren Beitrag, der verstehen läßt, wie es auf den Schlössern in dieser grausamen Zeit zugegangen ist, aber auch nach dem Untergang dieser totalitäten Massenmorddiktatur …