Im Leben eines jeden Menschen kommt unweigerlich die Stunde der Frage, die eigene Biographie zu schreiben, diese doch nicht zu schreiben.
Für Odin Wiesinger könnte die Stunde der Frage nun gekommen sein, jetzt am Höhepunkt, und vielleicht hat er für sich bereits die Antwort gefunden, sich also für das Schreiben seiner Biographie entschieden.
Welchen Titel könnte er seiner Biographie geben? Vielleicht: „Mit Botschafterin und Präsidenten durch die Welt meiner Werke“.
Und welches Motto wäre für solch eine Biographie in Österreich passender, als das weise Wort des allseits verehrten Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen:
„Wir wollen das Gemeinsame vor das Trennende stellen. Das war immer ein Wesenskern des Österreichischen.“
Zum Gemeinsamen stehen, das ist nicht ein Kern des Wesens des Österreichischen, das ist das Wesen des Österreichischen. Mögen in anderen Ländern Menschen trennen, was nicht zum Gemeinsamen gehören kann, weil es das Trennende ist, das niemals das Gemeinsame erstrebt, bleibt in Österreich der Gemeinsinn für das Gemeinsame Lebensborn.
Vielleicht doch nicht so rasch, in vielen kurzen Schritten zum Siege des Gemeinsamen am Ende. Jetzt einmal solch eine Biographie des Gemeinsamen geschrieben, dann in einem schönen Druck in Graz herausgebracht und …
Es sind Menschen, die wissen, irgendwann läßt sich alles teuer verkaufen, sie haben ihre Erfahrungen, Beispiele dafür, etwa die künstlerischen Postkarten des Franz Köck …
Menschen sind bereit, das ist bekannt, Liebhaberinnenpreise oder, zutreffender, Gesinnungshabererpreise zu bezahlen.
Sie sollen sich auch schon überlegen, wie sie das anpreisen könnten.
Gibt es denn eine bessere Werbung für ein Werk als diese, daß ein Werk animiert, motiviert, wohin zu gehen? Odin Wiesinger spricht die Menschen an, und sie gehen zum Ball in die Hofburg …
Was für Höchstpreise, die erzielt werden wollen, stets auch recht vorteilhaft ist, wenn es sich um das Werk eines Künstlers handelt, wie im Fall von Odin Wiesinger, das interpretiert wird, sogar eines, das geschaffen, angeschaffen wurde, für eine Getränkekarte, für eine Speisenkarte, für eine Eintrittskarte … dieses Werk kann mit einer Interpretation aufwarten, die sich kunstkritisch damit auseinandersetzt, weshalb die „Fliege“ …
Die Odin-Wiesinger-Medaille wird wohl einen Ehrenplatz auf dem Schreibtisch des Nationalbank-Gouverneurs bekommen, ab dem Herbst 19 dann zu bestaunen, von allen, die zu ihm kommen, von nah und fern.
Dann aber hätte er diese Ausstellung nicht gemacht. Denn. Das hätte geheißen, Jan Böhmermann wäre zuvor in Graz gewesen, hätte einen Stadtspaziergang gemacht und bei diesem seinem Gang durch Graz festgestellt, seine Ausstellung ist schon da, in Graz, eine Ausstellung in Permanenz, ganz Graz, die permanente Ausstellung von Jan Böhmermann ohne Zutun von Jan Böhmermann.
Jan Böhmermann, heißt es nun aufgeregt, provoziere. Aber. Mehr als Graz kann niemand provozieren und vor allem nicht ständig. Schon im Juni 19 werden sich Menschen abmühen, zu erinnern, da sei doch was gewesen, im Mai 19, eine Ausstellung, die wo mit Satire was gehabt haben soll …
… es soll irgendwelche Aufregungen um diese … und irgendwann wird diese Ausstellung abgebaut sein, bleiben wird, bleiben wird, wie je, Graz als ständig provozierende Ausstellung.
Was hätte Jan Böhmermann zur Erkenntis bringen können, seine Ausstellung ist längst schon da als ständige Ausstellung, und provoziert als nicht ausgewiesene Satire ständig, zeigt der Welt, wie Österreich ist, Österreich ist Graz, Graz ist Österreich in all seinen Vergangenheiten, Gegenwarten und schlimmsten Ahnungen für sein Zukünftiges – GRÖZ.
Es sind die Wege, Straßen, Gassen, Plätze, die mit ihren Namen auf Graz, um Graz und weit um Graz herum verweisen, also auf ganz GRÖZ.
Es kann Ihnen nur empfohlen werden, besuchen Sie die Ausstellung GRÖZ. Es ist auch die bequemste Ausstellung, die Sie je erlebt haben werden. Denn. Sie werden keinen Zeitdruck haben. Sie brauchen sich um keine Öffnungszeiten zu kümmern. GRÖZ ist immer geöffnet, vierundzwanzig Stunden täglich das ganze Jahr über, am Werktagen, an Sonntagen, an Feiertagen. Ohne körperliche Anstrengung. GRÖZ ist von der Fläche her eine kleine, eine sehr kleine Ausstellung. Bei einem gemütlichen Spaziergang durch die Stadt sind Sie im Nu bei allen Stationen gewesen.
… Wenn Sie die Gedenktafel für den „Ehrenbürger Bartsch“ lesen wollen, dann hinauf auf den Schloßberg, auch dieser bequem und mühelos zu erreichen. Der Ehrenbürger zwingt jetzt doch zu einer Berichtigung. Auch GRÖZ hat Sinn für Satire der Kritik. So schreibt GRÖZ auf ihrer offiziellen Website:
„Rudolf Hans Bartsch schrieb ab 1908 zahlreiche
Romane, Erzählungen und Novellen, die nach Aussagen heutiger Kritiker das
alte Österreich oft sentimental verklärten. Bereits für seine ersten Werke
wurde er positiv rezensiert und gelobt. Sein Schubert-Roman ‚Schwammerl‘, eines
der erfolgreichsten Bücher vor dem Zweiten Weltkrieg, diente 1916 als Vorlage
zu der Operette ‚Das Dreimäderlhaus‘, die auch verfilmt wurde. In seiner
Heimatstadt Graz wurde eine Straße nach ihm benannt. Geboren am 11. Februar
1873 in Graz, Ernennung zum Ehrenbürger am 17. März 1932.“
… von der Hofgasse haben Sie es dann nicht mehr, obgleich in GRÖZ davon gar nicht die Rede sein kann, weit zur Ausstellung von Jan Böhmermann, und sollte diese noch geöffnet sein, gehen Sie hinein …
Ehe es ein Aufheulen gibt, das stimme nicht, das sei so nie gesagt worden, im ORF, von Clarissa Stadler, es gäbe auch keine Ausstellung von Kurz, in der er mit Österreich abrechne, gleich zu Beginn deshalb die Wiedergabe des Originals vom Montag, 6. Mai 19, das aber nichts kenntlich machen würde:
„Böhmermann rechnet in einer Ausstellung mit Österreich ab. Der ORF distanziert sich von den provokanten und politischen Aussagen Böhmermanns, aber wie Sie wissen, darf Satire alles und der öffentlich-rechtliche Rundfunk künstlerische Meinung wiedergeben.“
Was das für eine Distanzierungsorgie wäre! Würde im ORF das immer gleich nach einem Beitrag mit „provokanten und politischen Aussagen“ von Personen aus dem Kabinett Kurzens gesagt werden. Allerdings. Zutreffend ist „provokante Aussagen“, ungenau ist „politische“, zutreffend „parteipolitische Aussagen“. Das heißt nicht, Parteipolitik könne nichts mit Politik zu tun haben, aber zur Zeit hat Politik nur recht besonders mit Parteipolitik zu tun, ist Politik abgeschafft und ersetzt durch totale Parteipolitik …
Ein Raumpfleger findet im Papierkorb einer Redaktion ein zusammengeknülltes und also zum Wegwerfen bestimmtes Blatt Papier. Offensichtlich einen Artikel. Einen viel zu lang geratenen Artikel. Fast alle Sätze sind durchgestrichen. Nur ganz wenige Sätze sind nicht dem Streichen zum Opfer gefallen. Der Raumpfleger nimmt diesen radikal zusammengestrichenen Artikel mit. Er will diesen seiner Tochter als Beispiel zeigen, wie erfahrene Journalistinnen ihre Artikel bearbeiten, ehe diese in Druck gehen. Er will den radikal gekürzten Artikel seiner Tochter geben, die sich bei ihrem Vater stets darüber beklagt, daß ihr Professor sie immer schelte, ihre Artikel würden ihr immer viel zu lang geraten, es gelänge ihr nicht, das Wesentliche herauszuarbeiten, es gelänge ihr nicht, ihre Artikel auf das Entscheidende zu beschränken. Deshalb will der Raumpfleger, dessen Tochter Publizistik studiert, den radikal gekürzten Artikel zeigen, damit sie sieht, wie erfahrene Journalistinnen ihre Artikel so lange bearbeiten, bis nur noch das Entscheidende und das Wesentliche …
Der Raumpfleger streicht das zusammengeknüllte Blatt mit dem radikal gekürzten Artikel glatt, er schreibt die nicht durchgestrichenen Sätze fein säuberlich ab, und da er kein Blatt Papier hat, schreibt er die übriggebliebenen Sätze auf die Seite des 10. Mai 19 in seinen Kalender. Zuerst will er seiner Tochter das Blatt mit dem radikal zusammengestrichenen Artikel zeigen, und dann das Ergebnis, den endgültigen und also auf das Entscheidende und auf das Wesentliche beschränkten Artikel.
Der Raumpfleger hört ihr zu, wie immer, aber er nickt nur, gibt ihr nicht das Blatt mit dem radikal gekürzten Artikel, zeigt ihr nicht sein Kalenderblatt mit der von ihm fein säuberlich abgeschriebenen Essenz des auch einem erfahrenen Journalisten in ersten Entwürfen viel zu lang geratenen Artikels:
Später, beim Zubereiten des Abendessens wirft der Raumpfleger mit den Kartoffelschalen auch den radikal gekürzten Artikel weg. Das Kalenderblatt mit seiner fein säuberlichen Abschrift freilich wirft er nicht weg, ist auf dem doch auch notiert, wie viele Stunden er an diesem Tag gearbeitet hat. Das muß er sich merken, das braucht er ja noch, für die Abrechnung.
Ach, wie stolz könnten sie doch darauf sein, so etwas wie die Europride vor über achtzig Jahren schon gehabt zu haben, sie müssen sich dafür nicht schämen, sie müssen nichts „zugeben“, als wäre das ein verbrecherischer Akt, eine Parade zu machen, sie könnten sich stolz hinstellen und ehrenreich verkünden, schon ihre Ahninnen, vor allem ihre Ahnen hatten bereits eine Europride, genannt wurde sie damals wohl noch anders, die Welt war einst noch nicht so deutsch …
Das würde ihnen zur Fahnenehre gereichen, freudig offen in einem patriotischen Akt zu feiern, der Tradition ihrer Vorfahren nie den Einlaß verwehrt zu haben, zu der die Aryanpride oder Sungear parade …
Im Juli 19 werden es 85 Jahre her sein, daß Anton Rintelen für die kurze Zeit einer Rundfunkansage zum Bundeskanzler in Österreich ausgerufen war. Viel länger dauerte auch der gesamte nationalsozialistische Putsch nicht, noch am selben Tag war klar, das wird nichts mit dem mörderischen nationalsozialistischen Versuch der Machtübernahme in Österreich, und drei Tage später war es mit dem gewaltsamen nationalsozialistischen Umsturzversuch endgültig vorbei. Es sollte dann vier Jahre dauern, daß es den Nationalsozialistinnen mit ihrer barbarischen Gesinnung doch noch gelang, die Macht in Österreich zu übernehmen, die Nationalsozialisten Anton Rintelen aus dem Gefängnis entließen, in dem er lebenslänglich einsitzen sollte.
Freilich ist es nicht die Aufgabe einer Galerie, auch die Geschichte der Gemalten zu erzählen, und das wird auch nicht gefordert.
Deshalb wird es hier erzählt. Aber nicht, weil es interessiert, was Anton Rintelen vor 85 Jahren verbrochen hat, was er, kurz zusammengefaßt, als christlichsozialer Landeshauptmann in der Steiermark, als christlichsozialer Minister für zwielichtige Rollen spielte, daß er durch die mordende Unterstützung der Nationalsozialisten sich zum Bundeskanzler machen wollte, daß er ein Mittäter der mordenden Nationalsozialistinnen war, und während seiner gesamten Laufbahn ein, kurz gesagt, Intrigant war, sein größtes Talent die Intrige war, von ihm eingesetzt nur für sein persönliches Weiterkommen, für seine Gier nach Macht.
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