Das österreichische „Verbotsgesetz“ ist wieder einmal im Gerede. Diesmal aber nicht, weil es Einschlägige wieder einmal abgeschafft haben möchten, sondern, weil es reformiert werden soll.
Geradeso, als wäre der Nationalsozialismus kein Faschismus, geradeso, als würde außerhalb der österreichischen Gesetzgebung ebenfalls von einem Hitler-Faschismus nicht gesprochen und nicht geschrieben werden, als wäre der Faschismus dieses Österreichers kein Faschismus.
Es wäre dabei eine so leichte Übung, in das Verbotsgesetz Faschismus aufzunehmen. Bei manchen Paragraphen reichte es, Nationalsozialismus durch Faschismus zu ersetzen – beispielhaft dafür genannt folgende Paragraphen des Verbotsgesetzes:
§ 3f. Wer einen Mord, einen Raub, eine Brandlegung, ein Verbrechen nach §§ 85, 87 oder 89 des Strafgesetzes oder ein Verbrechen nach § 4 des Sprengstoffgesetzes als Mittel der Betätigung im [faschistischen] nationalsozialistischen Sinn versucht oder vollbringt, wird mit Freiheitsstrafe von zehn bis zu zwanzig Jahren, bei besonderer Gefährlichkeit des Täters oder der Betätigung auch mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft. § 3g. Wer sich auf andere als die in den §§ 3a bis 3f bezeichnete Weise im [faschistischen nationalsozialistischen] Sinn betätigt, wird, sofern die Tat nicht nach einer anderen Bestimmung strenger strafbar ist, mit Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren, bei besonderer Gefährlichkeit des Täters oder der Betätigung bis zu 20 Jahren bestraft. § 3h. Nach § 3g wird auch bestraft, wer in einem Druckwerk, im Rundfunk oder in einem anderen Medium oder wer sonst öffentlich auf eine Weise, daß es vielen Menschen zugänglich wird, den nationalsozialistischen Völkermord oder andere [faschistische nationalsozialistische] Verbrechen gegen die Menschlichkeit leugnet, gröblich verharmlost, gutheißt oder zu rechtfertigen sucht.
Freilich wären neue Paragraphen in das österreichische Verbotsgesetz zusätzlich zu schreiben, die spezifisch den Faschismus, dessen Machtübernahme die österreichische Gesetzgebung in einem wohl recht gern schnell vergessenen Paragraphen mit dem 5. März 1933 datiert, betreffen. In dieses Verbotsgesetz zu schreiben, mit dem seit 75 Jahren so getan wird, als würde es diesen Faschismus nicht gegeben haben, nicht geben. Dabei ist der österreichischen Gesetzgebung der Faschismus nicht unbekannt, wie eben das
„Bundesgesetz vom 21. Dezember 1945, betreffend die Einstellung von Strafverfahren und die Nachsicht von Strafen für Kämpfer gegen Nationalsozialismus und Faschismus“
belegt:
§ 1. Gegen Personen; die a) im Kampfe gegen den Nationalsozialismus oder Faschismus, b) oder zur Unterstützung des Österreichischen Freiheitskampfes oder in der Absicht, ein selbständiges, unabhängiges und demokratisches Österreich wiederherzustellen, strafbare Handlungen begangen haben, ist kein Strafverfahren einzuleiten; ein etwa eingeleitetes Strafverfahren ist einzustellen. § 2. Allen Personen, die wegen einer oder mehrerer der in § 1 bezeichneten Handlungen rechtskräftig verurteilt worden sind, ist die Strafe nachgesehen, wenn sie noch nicht vollstreckt ist. § 3. Ergibt sich nicht bereits aus dem Strafverfahren, daß die Bestimmungen des § 1 auf die begangene strafbare Handlung anzuwenden sind, so kann derjenige, für den die Begünstigungen dieses Gesetzes in Anspruch genommen werden, den Beweis dafür, daß es sich um Straftaten der in § 1 angegebenen Art handelt, auch noch anläßlich dieser Inanspruchnahme durch Urkunden oder andere in der Strafprozeßordnung vorgesehene Beweismittel erbringen. § 4. Die Amnestie ist auf alle Personen anzuwenden, welche strafbare Handlungen des in § 1 bezeichneten Charakters in der Zeit vom 5. März 1933 bis zum Tage des Wirksamkeitsbeginnes dieses Bundesgesetzes begangen haben.
Eine gesetzlich festgelegte Amnestie von Menschen also, die gegen Nationalsozialismus und Faschismus gekämpft haben, nicht erst seit dem 12. März 1938, sondern schon, als Österreich noch ganz für sich war,
seit dem 5. März 1933; so verwundert es doch, nein, so ist Österreich, es verwundert nicht, daß es in Österreich kein Verbot des Faschismus gibt, sondern lediglich des jedenfalls in der selbstnützlichen Darstellung von außen nach Österreich hereingetragenen Nationalsozialismus …
Am 9. Dezember 2022 wird es ein Jahr her sein, daß die identitäre Partei, die für kurz Regierungspartei war, einen Entschließungsantrag im österreichischen Parlament einbrachte, das „Kruckenkreuz“ ebenso gesetzlich verbieten zu wollen, ja, diese Partei hat neben ihrer Gesinnung und ihrer gesinnungsgemäßen Verbotsallergie auch Ironie — Die zwei Regierungsparteien in ihrer unendlichen Klugheit fanden darauf die einzig rechte Antwort: sie lehnten das Kruckenkreuzverbot ab. Schließlich ist es doch ein ewiges Symbol des „Klerikalfaschismus“, wie der Generalsekretär der identitären Partei den Faschismus in seiner Begründung des Verbots des Kruckenkreuzes nannte, und weder Faschismus noch Klerikalfaschismus ist ja nach dem österreichischen Verbotsgesetz in Österreich verboten, so kann auch das Kruckenkreuz, das ja kein Hakenkreuz, keine Odal-Rune, kein Lambda-Zeichen ist, kein Kaukasus-Emirat-Symbol, sondern Gottes Einsatzbefehlsstempel, nicht verboten werden.
Als was für eine Anmaßung müssen es der derzeitige Kanzler und die Partei seiner Familie, der derzeitige grünheutige Vizekanzler und der Präsident empfinden, ob dieses Lied verboten sei, nein, nicht als Anmaßung, aus Güte und Nachsicht anworten sie nicht darauf, sie möchten keinen Menschen ob seiner Dummheit, nach einem Verbot eines Lieds fragen, dessen Gesinnung in Österreich straflos erlaubt, bloßstellen, und es wird sie wohl auch mit Sorge erfüllen, daß sie nach Verboten gefragt werden, sie, die für nichts mehr, als für Freiheit von …
Der Politiker muss diese Aussagen künftig unterlassen und auf Telegram richtig stellen. Dort hatte er die Behauptungen zuvor verbreitet. Der Identitären-Chef wurde außerdem dazu verdonnert, die Kosten für sämtliche Schäden und den Prozess zu übernehmen.
Was wohl für Nachschlagewerke in den Umsonststuben aufliegen, aus denen in dieser Umsonst die Definition für Politikerinnen gesogen wird, nach der ein Martin Sellner als Politiker geführt werden kann? Das muß eine Definition sein, nach der, um ein Beispiel zu nennen, auch allenthalben Taten begehende Prediger – und bei diesen kann auf die weibliche Form verzichtet werden, sind es doch nach deren eigenem Verständnis ausschließlich Männer – Politiker …
Es kommen aber, das dürfte mehr zutreffen, in den Umsonststuben keine Nachschlagewerke zum Einsatz, wie in diesen auch keine Geschichtsbücher herumstehen dürften, denn sonst wäre es kaum, wäre es gar nicht möglich, eine derartige Werbung zu schalten —
„Außerdem dazu verdonnert, die Kosten für sämtliche Schäden und den Prozess zu übernehmen.“ Verdonnert, was so ein Politiker alles auf sich zu nehmen hat, da ist ein Wort der Urteilseinschätzung und der Erhebung zum verdonnerten Politiker nicht fehl am Platz, und das hat so ein Politiker einem Landeshauptmann zu verdanken, der solch einem Politiker das Gericht auf den Hals hetzt, das ihn dann …
Mit dem Mißbrauch der Ehe wurde begonnen, mit Sterilisierung und Fruchttötung wurde fortgesetzt; schließlich übte man leider nicht selten die sogenannte „Euthanasie“, man rottete das ‚angeblich „lebensunwerte“ Leben in Irrenanstalten und Konzentrationslagern durch systematische Morde aus‚und krönte alle diese furchtbaren Verbrechen durch den blutigsten aller Kriege
Zum Schutz des keimenden Lebens erhebt „angesichts ernster Vorkommnisse“ Kardinal Erzbischof Doktor Innitzer eindringlich seine Stimme. In einer Verlautbarung, die das: „Wiener Diözesanblatt“ Nr. veröffentlicht. Er erinnert an die kirchlichen Grundsätze, die von Pius XI. bei der Enzyklika „Casti connubii“ zusammengefaßt hat, wonach „das keimende Leben auch unter den schwersten Umständen heilig zu halten und zu schützen“ sei. „Bei dieser Einstellung“, sagt das oberhirtliche Mahnwort, „darf aber niemand glauben, daß es der Kirche an Verständnis und tiefstem Mitgefühl für die mit diesem Grundsatz so oft verbundenen schweren seelischen, leiblichen und sozialen Nöte fehlte. Aber um solche Nöte zu beseitigen, wäre die Tötung des keimenden Lebens das denkbar schlechteste Mittel; dieses würde auf weitere Sicht unter allen Umständen gerade die Frauen am meisten schädigen und benachteiligen. Es gibt andre und bessere Mittel, den Notständen abzuhelfen. Die Kirche war immer und ist heute mehr denn je entschlossen, mit allen Kräften mitzuhelfen, um die seelischen und materiellen Bedrängnisse zu überwinden, vor allem müssen die besten Möglichkeiten für die Erziehung der künftigen Kinder gesichert werden, die nicht innerhalb einer Familie aufwachsen können. Wir wünschen alle ehrlich aus ganzem Herzen, daß nie mehr ein Krieg das geborene Leben in so furchtbarer massenhafter Weise vernichte, wie wir davon Zeugen sein mußten. Am meisten werden sicher die Frauen diesen Wunsch haben. Wenn man nun das Leben heilig halten und schützen will, muß man mit dem des Lebens anfangen. Denn sonst ist damit wieder das Abgleiten auf eine schiefe Ebene unvermeidbar. Die letzten Jahrzehnte haben uns in der Hinsicht Erschütterndes gezeigt. Mit dem Mißbrauch der Ehe wurde begonnen, mit Sterilisierung und Fruchttötung wurde fortgesetzt; schließlich übte man leider nicht selten die sogenannte „Euthanasie“, man rottete das ‚angeblich „lebensunwerte“ Leben in Irrenanstalten und Konzentrationslagern durch systematische Morde aus‚ und krönte alle diese furchtbaren Verbrechen durch den blutigsten aller Kriege, wie in der ganzen Menschheitsgeschichte keiner noch verzeichnet, ist.
Von solch einem Mann, der so klar und unmißverständlich zu benennen weiß, wie es zu Massenverbrechen, Massenmorden nur kommen konnte, den seinen „Geburtstag mit einer stilvollen Feier im Großen Musikvereinssale“ nicht nur von seiner Familie begehen zu lassen, sondern von „Wien“; das ist würdig und recht, in Wahrheit ist es würdig und recht, den Musikverein, wann immer es nicht billig, aber recht, in eine Kirche zu wandeln.
Im Anschluß, nach solch tiefen Welterklärungen, kann, auch das ist würdig und recht, unmittelbar nur die Vorausschau auf die stilvolle Feier in der Musikvereinskirche kommen, für die Karten zu lösen sind – nicht in der Kirche, das wäre wohl frevelhaft -, sondern im „Generalsekretariat der Katholischen …“
Wien begeht den 70. Geburtstag des Oberhirten seiner Diözese, des Kardinal-Erzbischofs Dr Theodor Innitzer, am 21. Dezember, mit einer stilvollen Feier im Großen Musikvereinssaale. Die Veranstaltung ist in das Zeichen des Wahlsprüches des Kardinals „In caritate servire“ gestellt. Diesem Thema ist eine Kantate von Professor Dr. Ernst Tittel gewidmet, die unter Professor Dr. Andreas Weißenbäck als Dirigenten zur Uraufführung gelangt. Univ.-Doz. Dr. August Knoll hält die Feierrede. Das Präludium und die Fuge C-dur von Bach (an der Orgel Domorganist Professor Walter), ein Prolog von Dr. Rudolf Henz gesprochen; von Burgtheaterdirektor Raoul Aslan, und das Brucknersche Te Deum. (Mitwirkende: Erika Rokyta, Rosette Anday, Anton Dermota, Adolf Vogl, der Domchor, der Kirchenchor von der Hochschule für Musik und darstellende Kunst, das Niederösterreichische Landessymphonieorchester. Dirigent: Domkapellmeister Hofrat Professor Ferdinand Habel) ergänzen das Programm. Karten im Generalsekretariat der Katholischen Akademie“, Freyung 6, und bei Herder.
An die Abgeordneten wird es wohl nicht sein. Es kann der Familie Abgeordneten daher nur geraten werden, bereits jetzt ihre Bewerbung an die Wirtschaftsuniversität Wien zu schicken, um 2023 endlich doch den ihnen zustehenden Preis verliehen zu bekommen. Erfüllen sie doch alle Kriterien auf das höchste … Schon allein damit, für „Fruchttötung“ einen recht modernen und wissenschaftlich untermauerten Begriff eingeführt zu haben: „Abtreibung“.
Der zweite Weltkrieg läßt eine fast unabsehbare Reihe von politischen, ökonomischen und sozialen Krisen zurück. Ganze Staaten müssen einen Zustand erleben, der noch schlimmer ist als der Krieg. Man sagt uns, daß eine neue überstaatliche Organisation zu bewaffnetem völkerrechtlichem Schutz des Friedens in Aussicht genommen sei. Die gegenwärtige Lage läßt erst ungewisse Umrisse dafür erkennen. Der Ausblick könnte nicht ernster sein. Weltliche Weisheit hat ihr Können in höchsten Anstrengungen erschöpft.
Der Gang der Pflugschar durch den Heimatboden ist Anfang, Vorbereitung; in die Furche fällt der Same, der, so Gott will, Frucht bringen wird.
Erprobung
Und das Volk hat die große Parole verstanden. „Österreich!“, Hilfe für das Land, Beistand, da es in schweren Wunden liegt, Arbeit, Wirtschaft, Frieden! So haben es die Wähler gehört und dafür haben sie gestimmt, als sie, über drei Millionen an der Zahl — bis zum letzten Mann – könnte man fast sagen — zu den Urnen gezogen kamen. Dieses Dreimillionenheer hat nicht eine wohleingespielte Parteienapparatur in Bewegung gesetzt. Während der Hitler-Diktatur war ja doch alles zerschlagen worden, was nicht nationalsozialistische Formung war. Auch die gesamte Führung der Arbeiterschaft, des Gewerbes, der Bauernschaft, die in Vorbereitung der berufsständischen Verfassung bis 1938 aufgebaut worden waren, bis in die untersten Zellen hinab jener Gewaltherrschaft verfallen gewesen. Nicht alles hatte nachgeholt werden können. An vielen Orten fehlten zudem die alten Techniker der Wahlorganisation. So war mehr als je die innere Anteilnahme des Volkes für den Wahlentscheid bestimmend geworden. Nach alten politischen Gesetzen hätte man nach dem schrankenlosen Parteiabsolutismus der letzten sieben Jahre einen starken Ruck nach links erwarten können. Aber unser Volk hat sich für ein Programm der Mäßigung entschieden, für einen Weg der Mitte, der zwischen zeitgebotenen sozialen und wirtschaftlichen Reformen auf der einen und idealistischen und doktrinären Überspannungen auf der anderen Seite verläuft. In den Wählerziffern der Österreichischen Volkspartei sprach sich dieses Volksvotum ebenso unwiderleglich aus, wie in dem jähen Absturz, der die Kommunisten aus ihren kurzen Blütenträumen in die bitterharte Welt der politischen Realitäten riß. So sehr man es verstehen kann, daß es unbequem ist, die vielen daraus folgenden Veränderungen persönlicher und sachlicher Art in Staatsämtern, Rathäusern und Landesverwaltungen auf sich zu nehmen, wäre es doch imposanter gewesen, wenn es bei der guten Haltung, die auch von den schwer Geschlagenen unter dem ersten Eindruck des Volksentscheids eingenommen wurde, geblieben wäre. Mit anderer demokratischer Würde hat sich die große Sozialistische Partei zu den gegebenen Tatsachen gestellt. Das in Mandaten ausgedrückte Stärkeverhältnis im neugewählten Nationalrat ähnelt jenem, das Dollfuß beim Antritt seiner Kanzlerschaft vorfand. Damals versagte jeder Versuch eines Brückenschlages von einem Ufer zum anderen. Heute begegnen sich die ernsthaften Betrebungen der beiden großen Parteien in der Bejahung ihrer gemeinsamen Verantwortung. Es wäre ein müßiges Spiel, auserrechnen zu wollen, um wieviel kleiner und entlastender das Maß der Mitverantwortung am Staatsruder gegenüber Land und Volk für eine Partei von der Stimmenmacht der sozialistischen ist, einer Partei, der zudem die Führung in der Kapitale zugefallen ist. Das geschaffene Kräfteverhältnis muß richtig verstanden, dazu führen, daß es die einen wie die anderen in weisem Maßhalten bestärkt, hinlenkt zu dem Wichtigsten, das wir in der Bedrängnis unseres Landes am Nötigsten haben: Zur sorgfältigen Hut für den inneren Frieden.
Das ist u. v. a. m. auf der ersten Seite des Wochenblatts „Die Furche“ vom 1. Dezember 1945 zu lesen. In der Ausgabe Nr. 1. Wer das geschrieben hat? Es wird wohl keine allzu falsche Annahme sein, daß es der Furchengründer selbst gewesen sein könnte
Politische, ökonomische, soziale Krisen: ein Zustand, der noch schlimmer ist als der Krieg
Weltliche Weisheit hat ihr Können in höchsten Anstrengungen erschöpft
Zu den Urnen – dieses Dreimillionenheer
Mit anderer demokratischer Würde hat sich die große Sozialistische Partei zu den gegebenen Tatsachen gestellt. Das in Mandaten ausgedrückte Stärkeverhältnis im neugewählten Nationalrat ähnelt jenem, das Dollfuß beim Antritt seiner Kanzlerschaft vorfand. Damals versagte jeder Versuch eines Brückenschlages von einem Ufer zum anderen
In der Mitte dieser ersten Seite des Bekenntnisses, daß ein Zustand ohne Krieg noch viel schlimmer sei als ein Krieg, in der Mitte dieser ersten Seite der Reinwaschung des eigenen Parteikeikameraden, dem jeder Versuch eines Brückenschlages versagt worden sei, in der Mitte dieser ersten Seite der Schuldzuschreibung, wer dem eigenen Parteikameraden jeden Versuch des Brückenschlages versagte, die Schuldzuschreibung an eine Partei, die sich nicht mit anderer Würde zu den gegebenen Tatsachen gestellt habe, in die Mitte dieser ersten Furchenseite vom 1. Dezember 1945 ist das Gedicht „Saatbereites Ackerland“ gesetzt, von einem Priester namens Rochus Kohlbach —
Bekenntnisbuch österreichischer Dichter. (Herausgegeben vom Bund deutscher Schriftsteller Oesterreichs; Krystall-Verlag, Wien 1938.)
Ein Geleitwort in gehobener Sprache erzählt, wie und warum es zum Zusammenschluß der nationalen Dichter Oesterreichs im Dezember 1936 gekommen war. „In der Zeit unerträglichster Verfolgungen und Verfemungen des deutschen Menschen ihres Heimatlandes.“ Sie wollten Herolde höchster und heiligster deutscher Ideale sein, und das war damals Grund genug, ihnen keinen Platz zu geben, von dem aus sie sprechen hätten können. Das Blatt Papier, ob in der Zeitung, der Zeitschrift oder im Buch, wurde ihnen irgendwie gern verwehrt. Ja, noch mehr! Es ging tückisch von Mund zu Mund in den einflußreichen Kreisen, daß der und jener Mitglied des nationalen Dichterbundes sei. Also, daß man ihn und sie alle, die Aufrechten, die für die Einigung des deutschen Volkes eintraten, zurückdränge. Und wenn auch dabei die Existenz des einzelnen zugrunde ging. Das war Verfolgung! Verfolgung des deutschen Dichters im eigenen deutschen Land! Und deshalb hat dieses „Bekenntnisbuch“ zweifachen Wert. Es stellt nicht nur die Leute vor, die sich dasmals zusammengefunden wie eine Schar letzter Kämpfer, es zeigt vor allem ihre Gedanken auf. Das Bekenntnisbuch wurde nun kürzlich bei einem Festabend im Rathaus an 2000 Gäste verschenkt. Mit dem ungesprochenen Wort: „So, hier ist der Geist der Verfemten!“ – Blättert man das Buch durch, so findet man das ganze Leben umschlossen; das Werden und Sinnen des deutschen Volkes. Von seiner stolzen Vergangenheit angefangen („Andreas Hofer und Major Schill“ oder „Deutsches Schicksal, deutsche Größe“, über seinen urewigen Quell („Meine deutsche Mutter“) und Segen des Kampfes („Wir wollen entbehren, entsagen; wir wollen kein frommes Behagen“ oder „Ein Schelm, der Gold sucht, anstatt Brot“) und den der Kunst („Ein deutsches Requiem“) bis zu den Jubelliedern über den Zusammenschluß der beiden deutschen Lande! 71 Autoren sind in diesem Buch vereinigt, fast eine Hundertschaft. Was sie wollten, damals, heute und immer, und weswegen sie verfolgt worden waren, damals, heute und immer — wenn die Kraft und Zähigkeit deutschen Geistes nicht gesiegt hätten —, läßt sich in einem Vers, der hier aus dem Buch entnommen ist, zusammenfassen […] A. Anders
Alle diese Gedichte allein aus den vier Ausgaben des Wintermonates Dezember 1945 von der herausragenden Qualität eines Liedes, das Rudolf Henz vor 1936 dichtete, und weil Rudolf Henz ein Lyriker von Weltrang, darf auch er nicht mit einem Gedicht im Dezember 1945 fehlen, und weil Rudolf Henz ein Schriftsteller von Weltrang, muß darüber hinaus auch von Beginn an ein Roman von ihm in den Ausgaben der Dezemberfurche veröffentlicht sein.
Stellvertretend für die Qualität und dem Setzen auf eine neue Zeit, die vergessen machen läßt, was war, von all diesen Gedichten sollen die Strophen von Henz zitiert sein.
Ihr Jungen, schließt die Reihen gut, Ein Toter führt uns an. Er gab für Österreich sein Blut, Ein wahrer deutscher Mann. Die Mörderkugel, die ihn traf, Die riß das Volk aus Zank und Schlaf. Wir Jungen stehn bereit Mit Dollfuß in die neue Zeit!
Für Österreich zu kämpfen lohnt, daß es gesichert sei, vor jedem Feind, wo er auch thront, und vor der Verräterei. Gewalt und Lüge schreckt uns nicht, Wir kennen nur die frohe Pflicht. Wir Jungen stehn bereit! Mit Dollfuß in die neue Zeit!
Zerschlagt was uns noch hemmen mag und nach dem Gestern weist. Die neue Zeit steigt in den Tag und will den neuen Geist. Christlich, deutsch, gerecht und frei von Klassenhaß und Tyrannei. Wir Jungen stehn bereit! Mit Dollfuß in die neue Zeit!
O Österreich, o Vaterland, zu großem Sein verjüngt. Wir hüten dich mit deutscher Hand, daß dir dein Bau gelingt. Zum Weiser einer alten Welt bist du von Gott vorangestellt. Die Front steht schon bereit. Mit Dollfuß in die neue Zeit. Die Front steht schon bereit. Mit Dollfuß in die neue Zeit. In die neue Zeit.
Das daraufhin von Rudolf Henz (Text) und A. Dostal (Melodie) geschaffene Lied sollte zu einer Art zweiten Bundeshymne werden. Im November 1936 verfügte das Bundesministerium für Landesverteidigung, dass das D.-L. von den Militärmusiken im Anschluss an die Bundeshymne zu spielen ist. In Anlehnung daran sollte es bei allen Veranstaltungen auf die Bundeshymne gespielt werden.
Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien, 15. Dezember 1936
Nr. 200. „Lied der Jugend“ (Dollfuß-Lied): Spiel im Anschluß an Bundeshymne. Das Bundesministerium für Handen und Verkehr hat zufolge Erlasses vom 10. November 1936 verfügt, daß bei allen Anlässen, insbesondere bei weltlichen Schulfeiern, bei denen die Bundeshymne gespielt oder gesungen wird, unmittelbar anschließend an diese Hymne auch stets das „Lied der Jugend“ (Dollfuß-Lied) Zu spielen oder zu singen ist. Die Direktionen (Leitungen) werden daher angewiesen, für die einwandfreie Erlernung sowohl der Bundeshymne als auch des Liedes der Jugend Sorge zu tragen.
Aber auch Unterstützer und Ideengeber des blutigen Chile-Diktators Augusto Pinochet (der war verantwortlich für Zehntausende Tote) Nun. Sobotka hat im Alleingang Räume im neuen Parlament benannt nach Hayek einen Gang
„Politik Österreich“, Seite 10, 19. November 2022
Dr. Barbara Kolm (*1964 in Innsbruck) ist seit September 2018 Vizepräsidentin der Oesterreichischen Nationalbank. Dr. Kolm ist Präsidentin des Friedrich August von Hayek Instituts und Gründerin und Direktorin des Austrian Economics Center (AEC). 2008 begründete sie die internationale Konferenzreihe Free Market Road Show, die jedes Jahr in einer Reihe von Städten Konferenzen zu ökonomischen Themen organisiert. Sie übt leitende Funktionen im Management in der Privatwirtschaft und bei NGOs aus und befasst sich intensiv mit Effizienz-, Finanzierungs- und Legitimierungsfragen von staatlichen Institutionen, der Infrastrukturbereitstellung und der öffentlichen Verwaltung. Sie erstellt wirtschaftliche Analysen und Expertisen in den Bereichen öffentliche Finanzen, Budget und strukturelle Reformen. Sie nimmt universitäre Lehrverpflichtungen wahr, unter anderem als Dozentin für Austrian Economics an der University of Donja Gorica in Podgorica, Montenegro und ist regelmäßige Sprecherin bei internationalen Konferenzen. Barbara Kolm ist Präsidentin des Friedrich A. v. Hayek-Instituts in Wien, Österreich, Gründungsdirektorin des Austrian Economics Center und Vizepräsidentin der Österreichischen Nationalbank (ÖNB). Als weltweite Netzwerkerin ist Kolm bekannt für die Förderung der freien Marktpolitik. Sie ist eine gefragte Referentin zu politischen Themen, insbesondere zu Deregulierung und Wettbewerb, der Zukunft Europas und der österreichischen Wirtschaft. Barbara Kolm ist außerordentliche Professorin für Österreichische Volkswirtschaftslehre an der Universität Donja Gorica, Montenegro, und ist Mitglied in mehreren Beiräten. Sie ist Mitglied der Mont Pèlerin Society. Wenn Sie daran interessiert sind, dass Dr. Kolm bei Ihrer Veranstaltung spricht, besuchen Sie bitte
Es muß ein Mensch nicht persönlich bekannt zu sein, um ein „Spezi“ von ihm zu sein, es kann wer auch ein „Spezi“, einfach wie kurz gesagt, der Weltanschauung eines Menschen sein. So wäre „Spezi“ ein anderes Wort für „Fan“.
Dabei ist ein Ausflug in die Etymologie hilfreich: Das Wort Fan kommt, wie die Aussprache schon deutlich macht, aus dem Englischen und ist die Kurzform von „fanatic“, also „Fanatiker“ (Duden 1993: 1036). Der Duden beschreibt Fans als begeisterte Anhänger von jemandem oder etwas. Ein Fanatiker wird dagegen verstanden als jemand, „der von bestimmten Ideen, einer bestimmten Weltanschauung o.ä. so überzeugt ist, dass er sich leidenschaftlich, mit blindem Eifer (und rücksichtslos) dafür einsetzt“ (Duden 1993: 1036). In der englischen Literatur ist die begriffliche Nähe von Fanatikern und Fans dagegen nach wie vor zu spüren. Mackellar (2006) macht in ihrer Literaturschau beispielsweise keinen Unterschied zwischen Fans und Fanatikern. In der Tradition von Rudin (1969) sowie Haynal und anderen (1987) bestimmt sie Fans (und Fanatiker) durch eine vor allem emotionale Intensität und die Verabsolutierung der Wertschätzung einer Person oder eines Gegenstandes […] Autorin (Mackellar 2006: 198), und schildert Fans damit letztlich als pathologische Charaktere, die alle anderen Lebensbereiche ihrem Fanatismus unterordnen. Auch in diesen Arbeiten dient also eine – allerdings dramatisch übersteigerte – emotionale Bindung von Fans an ein Fanobjekt als Basis des Begriffsverständnisses. Schäfer, M. S., Roose, J., & Schmidt-Lux, T. (2010). Was sind Fans? Eine Nominal- und eine Realdefinition. In H.-G. Soeffner (Hrsg.), Unsichere Zeiten : Herausforderungen gesellschaftlicher Transformationen ; Verhandlungen des 34. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Jena 2008 (S. 1-13). Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-394877
Fans empfinden sich durchaus, wenngleich ihnen die von ihnen Angehimmelten persönlich nicht bekannt sind, als „Spezis“ von den von ihnen Angehimmelten.
eine Werbung unmittelbar unter „Parlamentsgang heißt wie Spezi von Diktator“ und unmittelbar daneben „Auch Kurz & Co. stellt Rat die Rute ins Fenster“, das den „neuen Chef“ des abgetretenen Kurzkurzkanzler erinnert: Peter Thiel, dem Ausgezeichneten vom Hayek-Institut der Spezine —
Peter Thiel mit dem Hayek Lifetime Achievement Award ausgezeichnet
Nach Grußworten von S.D. Prinz Michael von und zu Liechtenstein und einer Laudatio von Richard Zundritsch (CEO Added Value und Vorstand des Friedrich A. v. Hayek Instituts) an den Starunternehmer Peter Thiel überreichten Meinhard Platzer (CEO der LGT Bank Österreich) und Barbara Kolm (Präsidentin des Friedrich A. v. Hayek Instituts und Direktorin des Austrian Economics Center ) den Hayek Lifetime Achievement Award 2015 an den PayPal Mitbegründer und Startinvestor von Facebook. In seiner Dankesrede sprach Peter Thiel die unnötige Einteilung in entwickelte und sich-entwickelnde Staaten an. Er zeigte sich überzeugt, dass diese für die „entwickelten“, reichen Volkswirtschaften kontraproduktiv ist: „Wir haben in einigen Branchen viel weniger Fortschritt beobachten können: Beispielsweise im Energiebereich, in der Raketentechnik oder auf dem Gebiet der Biotechnologie. Diese Sektoren blieben zurück, weil die Gesellschaft Angst vor Wandel hat – die Menschen sehen nur die negativen Aspekte von technischem Fortschritt, denken aber nicht an die potentiellen Vorteile.” Die Betrachtungsweise, dass Entwicklung bereits erreicht und möglicherweise abgeschlossen sei, führe dazu, dass ganze Staaten in Selbstgefälligkeit und Trägheit erstarrten. Das wiederum führe zu der Tendenz, den momentanen Status-Quo zu erhalten und somit jegliche wirtschaftliche Innovation im Keim zu ersticken. „In der entwickelten Welt denken die Leute, dass sie ihr Ziel bereits erreicht haben. Das ist der Grund, warum Stagnation hauptsächlich in den Industriestaaten zum Problem wird“, so Thiel. Herr Thiel fürchtet, dass Innovation mittlerweile fast vollständig zum Stillstand gekommen ist. „Uns wurden fliegende Autos versprochen – stattdessen geben wir uns mit 140 Zeichen für moderne Kommunikation zufrieden“, scherzte der amerikanische Financier. Seine Erklärung dafür ist, dass wir in einer zweigeteilten Welt leben – kleine Bereiche des Wirtschaftslebens seien unreguliert, während die größten Teile von staatlicher Seite reglementiert und gehemmt werden. Das führe dazu, dass „Innovation auf manchen Gebieten schlichtweg unmöglich wird.“ Thiel sieht aber auch noch weitere Entwicklungen, welche die Innovationsfähigkeit moderner Gesellschaften beschränken: „Das größte Problem der gegenwärtigen westlichen Welt ist das Konzept der politischen Korrektheit – man darf nur mehr Worte und Ideen zum Ausdruck bringen, die bereits akzeptiert sind. Die Menschen denken aber bereits in einer ähnlichen Weise über Produkte und Innovation – nur das, was bewährt ist, ist gut. Für neue Ideen gibt es keinen Platz. Es kann aber nichts Gutes, nichts Herausragendes passieren, wenn man nur bereits bekannte Ideen verfolgt.” Er merkte aber optimistisch an, dass vor allem im Bereich der Informationstechnologie teilweise sehr wohl noch Freiräume und damit Möglichkeiten für einen wirklichen unternehmerischen und technologischen Durchbruch bestünden.
Wo sonst auch als im Palais Liechtenstein sollen solch „inspirierende“ Vorträge —
Doris Helmberger-Fleckl, Chefredakteurin des Wochenblatts „Die Furche“, schreibt, ist auf deren Website in diesem November 2022 zu lesen, Friedrich Funder sei „durch den Geist der Lagerstraße im Dachau geläutert worden“. Wie recht Friedrich Funder „geläutert worden war“, davon legen allein schon die ersten vier Ausgaben der „Furche“ im Dezember 1945 schriftlich Zeugnis …
Wahrlich, ein Geläuter —
Doris Helmberger-Fleckl schreibt tatsächlich „im Dachau“. Im Konzentrationslager Dachau, das wäre korrekt. Aber im Dachau. Ihr Wochenblatt hat ja seit dessen Gründung viel für Literatur übrig. Vielleicht hatte sie irgend einen Vers mit „im Gau“ im Ohr, der ihr diesen Streich spielte, im Dachau zu schreiben — einerlei, wie es dazu gekommen …
In der Ausgabe Nr. 2 vom 8. Dezember 1945 ein Weihegeläute für Karl Lueger, dessen Geist dem im Jänner 1945 noch massenmordenden Österreicher, wenn seinen Verbreitungen geglaubt werden kann, Lehrer für seine Massenverbrechen war.
Ein Mensch, ein Christ, ein Mann! Die Dreifalt in Vollendung zur Einheit fest gefaßt, war seine klare Sendung: so spiegelt ihn sein blanker Ehrenschild. Blickt auf zu ihm! Er war ein Öster- reicher. Nie sieht dies heilige Land, dies ewige Volk sich gleicher als dort in seinem geistbeseelten Bild.
Aus den Weiheversen Richard Schaukals zur Enthüllung des Lueger-Denkmals, 1926
Die gegenwärtige Jagd auf den Volksbürgermeister Dr. Karl Lueger, die auch schon Früchte getragen hat und zur Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger- Ringes in Universitätsring führte, wird damit begründet, dass Lueger mit seinem Antisemitismus ein Vorläufer Adolf Hitlers und seines mörderischen Judenhasses war. Zur Untermauerung dieser These berufen sich die Lueger-Jäger auf Adolf Hitler selbst, den man sonst mit Recht nicht über den Weg traut, dessen falscher Spur man aber im vorliegenden Fall willig folgt, ohne zu hinterfragen und zu durchschauen, ob Hitler nicht nur zur Legitimation seines Tuns sich auf Lueger berufen hat. Jedenfalls ist die Berufung Hitlers auf Lueger kein ausreichender Grund, um Lueger mit dem Odium eines Vorläufers Hitlers zu belasten. In diesem Zusammenhang ist es nützlich, ja erforderlich, einen unverdächtigen Zeitzeugen, der noch dazu vom Rassenwahn Hitlers betroffen war, und in den Tod getrieben wurde, zu Wort kommen zu lassen, der in seinem Erinnerungswerk „Die Welt von Gestern“, das ein Stück Weltliteratur geworden ist, das Verhältnis zwischen Adolf Hitler und Karl Lueger ganz anders beurteilt als die gegenwärtig tonangebenden Historiker. Im Folgenden sei der entscheidende Passus Stefan Zweigs, der auf die Beziehung zwischen den beiden historischen Persönlichkeiten abstellt, wiedergegeben: … er bewahrte immer eine gewisse Noblesse
Dieser Unzufriedenheit und Sorge bemächtigte sich ein geschickter und populärer Führer, Dr. Karl Lueger, und riß mit dem Schlagwort: »Dem kleinen Manne muß geholfen werden« das ganze Kleinbürgertum und den verärgerten Mittelstand mit sich, dessen Neid gegen die Wohlhabenden bedeutend geringer war als die Furcht, aus seiner Bürgerlichkeit in das Proletariat abzusinken. Es war genau die gleiche verängstigte Schicht, wie sie später Adolf Hitler als erste breite Masse um sich gesammelt hat, und Karl Lueger ist auch in einem anderen Sinne sein Vorbild gewesen, indem er ihn die Handlichkeit der antisemitischen Parole lehrte, die den unzufriedenen Kleinbürgerkreisen einen Gegner optisch zeigte und anderseits zugleich den Haß von den Großgrundbesitzern und dem feudalen Reichtum unmerklich ablenkte. Aber die ganze Vulgarisierung und Brutalisierung […]
Norbert Leser beginnt, um für „Die Furche“ Lueger zu entlasten, aber erst ab
„Aber die ganze Vulgarisierung und Brutalisierung der heutigen Politik, der grauenhafte Rückfall zeigt sich gerade im Vergleich der beiden Gestalten. Karl Lueger mit seinem weichen, blonden Vollbart eine imponierende Erscheinung – der ,schöne Karl‘ im Volksmund genannt – hatte akademische Bildung und war nicht vergebens in einem Zeitalter, das geistige Kultur über alles stellte, zur Schule gegangen. Er konnte populär sprechen, war vehement und witzig, aber selbst in den heftigsten Reden – oder solche, die man zu jener Zeit als heftig empfand – überschritt er nie den Anstand und seinen Streicher, einen gewissen Mechaniker Schneider, der mit Ritualmordmärchen und ähnlichen Vulgaritäten operierte, hielt er sorgfältig im Zaun. Gegen seine Gegner bewahrte er – unanfechtbar und bescheiden in seinem Privatleben – immer eine gewisse Noblesse und sein offizieller Antisemitismus hat ihn nie gehindert, seinen früheren jüdischen Freunden wohlgesinnt und gefällig zu bleiben. Als seine Bewegung schließlich den Wiener Gemeinderat eroberte und er – nach zweimaliger Verweigerung der Sanktionierung durch den Kaiser Franz Joseph, der die antisemitische Tendenz verabscheute – zum Bürgermeister ernannt wurde, blieb seine Stadtverwaltung tadellos gerecht und sogar vorbildlich demokratisch, die Juden, die vor diesem Triumph der antisemitischen Partei gezittert hatten, lebten ebenso gleichberechtigt und angesehen weiter. Noch war nicht das Hassgift und der Wille zur gegenseitigen restlosen Vernichtung in den Blutkreislauf der Zeit gedrungen.“ Stefan Zweig entlastet Lueger von dem Hauptvorwurf, der heute von nachträglichen Besserwissern gegen ihn erhoben wird. Zweig stellt klar, dass zwischen dem Luegerschen Antisemitismus und dem Hitlers nicht nur ein quantitativer, sondern ein qualitativer Unterschied besteht, den man zur Kenntnis nehmen und Lueger gutschreiben muss, wenn man nicht in den Fehler der historischen Erfolgshaftung für ungewollte und unvorhersehbare Folgen und Fernwirkungen des eigenen Tuns verfallen will. Post hoc heißt nicht immer propter hoc, das heißt, dass man die historische Verantwortung nicht zurückprojizieren darf, nur weil gewisse Ereignisse aufeinander folgten. Mit derselben Logik könnte man z.B. alle russischen Marxisten für die Verbrechen Stalins, die diese weder voraussahen noch wollten, verantwortlich machen. Freilich war auch der sich nur harmlos auswirkende Luegersche Antisemitismus im Rückblick nicht unbedenklich und aus heutiger Sicht abzulehnen. Trotzdem darf man nicht so weit gehen, Lueger in die Nähe Hitlers zu rücken und mit einem totalitären System in Zusammenhang zu bringen.
zu zitieren. Es muß also, nach Stefan Zweig, Adolf Hitler selbst nicht geglaubt werden, was er, der Massenmörder und Massenverbrecher, von Karl Lueger lernte, er, Lueger, ihm „Vorbild“ war.
Stefan Zweig schreibt von „seinem Streicher“, „einem gewissen Mechaniker Schneider“, den er, Lueger, „sorgfältig im Zaum [hielt]“.
Geläutet hat er die Verse von Richard Schaukal, der nicht nur Verse schrieb, sondern auch auszutreten drohen konnte.
Es müßte das gesamte Kapitel zitiert werden, aber es reichen schon ein paar Sätze daraus, um nachvollziehen zu können, weshalb Richard Schaukal im ersten Dezember nach den Massenmorden und Massenverbrechen in der „Furche“ nicht nur mit seinen „Weiheversen“ auf einen Antisemiten, sondern auch seiner mit recht großem Anteil in der Ausgabe Nr. 3 vom 15. Dezember 1945
Es wird unsere Sache sein müssen, das Vermächtnis dieses großen Österreichers zu hüten. Josef Neumalz
Briefwechsel Robert Musil Richard Schaukal (1925) Text und Kommentar, mit neuen Materalien zum „Fall Bettauer“ und Schaukals Essay Das freie Wirken des Schriftstellers Musil-Forum, Band 35, Harald Gschwandtner
[…] Bereits die einschlägen Berichte der ersten Stunde etablierten das Narrativ, das die öffentliche Debatte über die Ermordung Bettauers – er erlag gut zwei Wochen nach dem Attentat am 26. März 1925 seinen Verletzungen – nachhaltig prägen sollte; die Behauptung, Bettauer habe den Anschlag auf sein Leben im Grunde selbst zu verantworten, weil er durch die Verbreitung von unmoralischer „Schundliteratur“ Unmut und Zorn besorgter Bürger auf sich gezogen habe. Gerade die fragwürdige, weil permissive Pressepolitik der Wiener Stadtregierung sowie der Freispruch Bettauers im Herbst 1924 habe, so die Reichspost vom 12. März, bei vielen Wienern ein „Ohmachtsgefühl gegenüber dem pornographischen Schandgewerbe“ Bettauers ausgelöst – weshalb der jugendliche Attentäter schließlich „überzeugt gewesen“ sei, die Ermordung des Publizisten stelle die unausweichliche ultima ratio zur „Eindämmung der Kloakenhochflut“ dar. […]
„Zur Sache möchte ich als das Wichtigste bemerken, daß der Schutzverband keine Gesinnungsgemeinschaft darstellt, sondern eine Interessensvertretung“ (3.1), gab Musil in seinem ersten Brief an Schaukal vom 26. März 1925 zu bedenken, nachdem dieser als Reaktion auf die prononcierte Kundgebung für Bettauer seinen Austritt aus dem SDSOe erklärt hatte. In der Ausgabe vom 15. März wiederholte die Reichspost nicht nur den Vorwurf an Bettauer und seine publizistischen Epigonen, „pornographische[] Erzeugnisse“ und „volksverpestenden Unrat“ veröffentlicht zu haben, sondern griff im selben Artikel auch die Stellungnahme des SDSOe in kritischer Absicht auf: „Heute können die gewissen Abendblätter endlich mit der Kundgebung einer Schriftstellvereinigung zum Attentat gegen Bettauer aufwarten.“ […]
Die auf Gerüchten basierende, faktisch unzutreffende und dabei unverhohlen antisemitische Kommentierung der Kundgebung wollte Musil […] nicht auf sich beruhen lassen, sah er doch, so Karl Corino, durch den in der Reichspost formulierten Parteilichkeit und persönlichen Involviertheit „die moralische und literaturpolitische Substanz der SDS-Resolution“ beschädigt. In der Nummer vom 19. März 1925 wurde schließlich folgende, von „Dr. Robert Musil gezeichnete“ Richtigstellung veröffentlicht, in der dieser sich im Namen des SDSOe gegen den tendenziösen Bericht vom 15. März zur Wehr setzte […]
An der Trauerfeier für „das erste prominente Opfer des Nationalsozialismus in Österreich“ am 30. März 1925 nahm neben zahlreichen Weggefährten aus Kunst und Journalismus sowie Vertretern der Sozialdemokratie, die Bettauer in öffentlichen Debatten immer wieder in Schutz genommen hatten, auch Robert Musil teil; ob er, so Corino, „den kurzen Nachruf auf Bettauer, der sich unter seinen Papieren fand, am Sarg gesprochen hat, oder, was wahrscheinlicher ist, in einer Trauerfeier des SDS zu anderem Termin, ist nicht klar.“ […]
„Wir betrauern in dem Dahingeschiedenen einen Mann von vorzüglichen Gaben des Herzens. Durch eine nicht immer leichte Lebensschule gegangen, vergaß er später, als er in unvergleichlich kurzer Zeit eine ungewöhnliche Popularität erlangte, nichts von dem, was ihn Armut, Sorge und Bedrückung gelehrt hatten. […] Impulsiv, empfänglich, hatte er die Gabe, das auszusprechen, was tausende fühlten. Er sprach es genau in der Weise und mit den Mitteln aus, die man heute anwenden muß, um zu wirken. Persönlich leitete ihn niemals das Verlangen nach persönlichen Vorteilen, denn dieses hätte der beliebte Schriftsteller viel bequemer befriedigen können, sondern es leitete ihn die ehrliche Überzeugung, zu bessern. Und er fiel für die vornehmste Aufgabe seines Berufs: das auszusprechen, was man für richtig hält!“ […]
Ein junger Mensch in Wien hat durch fünf Revolverschüsse, die er auf den zu diesem Zwecke von ihm Aufgesuchten aus nächster Nähe abgab, einen Schriftsteller zu töten unternommen, der, wie der Mörder zur Rechtfertigung seiner Tat erklärte, durch sein Wirken die Jugend verderbe. Das Gericht wird sich mit dem Falle zu beschäftigen haben. […]
Der Schutzverband deutscher Schriftsteller in Österreich hat, ohne seine Mitglieder vorher von seiner Absicht zu unterrichten, „anläßlich des mörderischen Anschlags auf Hugo Bettauer die zum Terror aufreizende Hetze gegen das Werk eines Schriftstellers verurteilt, das nur der Kritik durch das Wort unterworfen sein soll. Der Schutzverband sieht in der Duldung und Verherrlichung dieser Hetze eine Verletzung des Rechtes eines jeden Schriftstellers auf freies Wirken und fordert, daß in Zukunft in alle Berufenen dieses Recht besser schützen.“ Diese Erklärung fordert als öffentlich abgegeben öffentlichen Widerspruch heraus. Ich kann mich nicht damit begnügen, dem Schutzverband, dessen Mitglied ich durch Jahre gewesen bin, meinen Austritt angemeldet zu haben.
Wer ist der, gegen den jener Anschlag gerichtet war? Ist sein „Werk, das nur der Kritik durch das Wort unterworfen sein soll“ derart, dass ihm wirklich „das Recht jedes Schriftstellers auf freies Wirken“ zugebilligt werden muss“? Hugo Bettauer ist ein stadtbekannter Pornograph, ein Schriftsteller, der, lediglich um des Gelderwerbs willen, allwöchentlich in mehreren teils von ihm selbst herausgegebenen, teils von ihm mit regelmäßigen Beiträgen belieferten Blätttern der Unzucht in jeder Form das Wort redet. Diese Blätter, die in Massen verbreitet, in Straßen ausgerufen werden, in Trafiken aufliegen und aushangen, befinden sich, wie mit Ekel festgestellt werden muss, allenthalben in den Händen junger Leute, zumal Mädchen, die sie auf der Gasse und in den Straßenbahnen verschlingen. Behördliches Einschreiten gegen diesen groben Unfug war durch den von „Freiheits-„Wahn und parteipolitischer Tendenz missleiteten Machtanspruch der höheren Instanz vereitelt worden.
So steht die Sache, die ein junger Mensch zu der seinen gemacht hat, indem er die Mordwaffe gegen Bettauer erhob. Die Kritik, die aus diesem Anlasse von einigen Blättern verschiedener Parteirichtung gegen die von allen reinlich Fühlenden längst als öffentliche Schande empfundene Tätigkeit des nun so furchtbar Gezüchtigten geübt worden ist, bezeichnet die Kundgebung des Schutzverbandes als „zum Terror aufreizende Hetze gegen das Werk eines Schriftstellers, das nur der Kritik durch das Wort unterworfen sein.“ Der Schutzverband tadelt diese „Hetze“ und erblickt in ihrer „Duldung und Verherrlichung eine Verletzung des Rechtes jedes Schriftstellers auf freies Wirken“. Zugegeben, dass es sich um eine Hetze handle, die zum „Terror“, das heißt zur Gewaltmassregel „aufreize“ – ich kenne die Äusserungen jener Blätter nicht –: heißt es nicht die Tatsachen auf den Kopf stellen, wenn man das „Recht auf freies Wirken“ verteidigt, ja, alle Berufenen, also wohl vor allem die Behörden zu besserm Schutze dieses Rechtes auffordert in einem Augenblick, da es sich im Gegenteil darum handelt, den fortgesetzten Missbrauch jenes angeblichen Rechtes endlich auf eine wirksame Weise von „allen Berufenen“ gehemmt zu sehen? Heißt es nicht, auf eine „jedes Schriftstellers“ unwürdige Weise in angemasster Vertretung aller handeln, wenn man zum Schutz ruft gegen „die zum Terror aufreizende Hetze“, die, möge sie Wahlverwandten noch so peinlich in den mitschuldigen Ohren klingen, ihre Absicht, ihrem Zwecke nach sich doch ausgesprochenermassen gegen die Verpestung der geistig-seelischen Atmosphäre einer großen Stadt richtet? Ist es Sache der Schriftsteller, ihr „Recht auf freies Wirken“ gerade dann, alle Wahrhaftigen und Billigen aufreizend, zu betonen, wenn es sich darum handelt, einem „Kollegen“ das unsaubre Handwerk zu legen, mit dem sich irgendwie auch nur theoretisch identifiziert zu sehen, jeden Ehrenmann die Haut schaudert? Was, ein Zeitungsunternehmer, der seit Jahren aus den Taschen der von dieser anarchischen Zeit angefaulten Minderjährigen dafür Milliarden zieht, dass er ihren Kitzel stachelt, jeglicher Eindeutigkeit seine Schandgasse eröffnet, der Kuppelei, der Verführung und der Kindesabtreibung seine giftige Feder leiht und unsägliches Elend gewissenlos mit allen Mitteln fördert, ein solcher gemeinschädlicher Auswuchs und Auswurf „deutscher Schriftsteller in Österreich“ sollte diesen angemessenen Anlass bieten, schützend „vor das Werk“ zu treten? O ihr Heuchler und Pharisäer der „Freiheit“, warum nennt ihr es nicht mit seinem Namen: „Bettauers Wochenschrift“?
Es sind nun doch nicht so wenige Sätze aus diesem Kapitel geworden. Die „Reichspost“, dessen Schriftleiter Friedrich Funder seit 1902 und Herausgeber seit 1904 war, auch im Angesicht der ersten nationalsozialistischen Ermordung eines Schriftstellers in Österreich in einer ihrer Gesinnung nach recht rühmlichen Rolle – der junge Mensch, der stellvertretend den Mord beging, ein Zahntechniker, der nicht fallen gelassen wurde, für den gesorgt wurde.
Ein Kapitel sollte zumindest mit einem Satz seinen Abschluß finden, der tatsächlich ein Schlußsatz ist, aber dieses geht nur in eine Pause, nach der es mit dem Furchendezember —
Am „25. Januar 1945“ veröffentlicht die Wochenzeitung „Die Furche“ einen Artikel von Dr. Roland Tenschert:
Musik der Befreiung
[…] Was durch die gewaltsame Eingliederung Österreichs in das Dritte Reich und durch den folgenden Krieg für die österreichische Musik verlorengegangen ist und was durch die neuerstandene Unabhängigkeit wiedergewonnen werden konnte? Die österreichische Musik ist dadurch groß geworden, daß sich Österreich, und im besonderen Wien, aus ursprünglicher Volksveranlagung ein originelles Musikingenium zu wahren wußten und zugleich dauernd eine lebendige und feinfühlige Verbindung mit allen auswärtigen Regungen des Musiklebens hielten, deren Widerhall immer wieder produktiv verarbeitet wurde. Gerade darin liegt das Geheimnis der Weltgeltung österreichischer Musik, daß ihre Sprache bei aller Eigenart wirklich in der ganzen Welt verstanden wird. […] Bei dem Verlust der Unabhängigkeit ging zugleich mit der staatlichen Souveränität für Österreich auch die Souveränität der Österreichischen Musik verloren. Es wurde von nun an in Berlin entschieden,was und wie in Österreich musiziert werden sollte. Um etwa Mozarts Gedenken anläßlich des 150. Todestages des Meisters zu feiern, verwarf man Alfred Rollers geniale „Don-Juan“-Inszenierung und setzte an ihre Stelle die unmozartischen, mit der Musik unvereinbaren Dekorationen eines Bühnenbildners aus dem „Altreich“. Oder man kleidete Mozarts in Wien für Wien geschaffenes Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ in das Gewand einer kalten, werkfremden Inszenierung, die die genaue Kopie einer Hamburger Vorstellung war. Für die Neugestaltung der „Zauberflöte“ nahm man in Berlin Maß, für einen neuen „Lohengrin“ in Bayreuth, vergaß aber dabei, daß Wien oder auch die Festspielstadt Salzburg nach eigenen Maßen gemessen werden sollen, wollten sie weiter die bis dahin behauptete Stellung im musikalischen Weltkonzert bewahren. Mit dieser „Gleichschaltung“ der Österreichischen Musik ging ihre Absperrung von der Außenwelt Hand in Hand, die sie an einem anderen Lebensnerv traf. Was immer unserer Musik den neubelebenden Auftrieb gab, das Hineinhorchen in die Zeichen der Zeit dahin und dorthin, es war durch die undurchdringlichen Grenzsperren des Dritten Reiches zur Unmöglichkeit geworden. Ein übriges vollbrachte die Ausdehnung des Goebbels-Erlasses auf unser Land, der mit der Abschaffung der Kritik und ihrem Ersatz durch eine reglementierte „Kunstbetrachtung“ dafür sorgte, daß an der so geschaffenen Situation nicht gerührt werden durfte. Der lange Krieg riß die Entwicklung in der so angebahnten Richtung nur noch vehementer vorwärts und abwärts, bis mit der beschämenden Verordnung eıner Stillegung der kulturellen Belange vom Herbst des Jahres 1944 dem Musikbetrieb auch in Österreich praktisch ein Ende bereitet wurde. Es folgten die Wöchen, ‚wo infolge eines sinnlosen Widerstandes ehrwürdige Stätten österreichischer Musikkultur in Trümmer fielen. Kaum war der böse Spuk zerstoben, so begann sich in dem zerschlagenen Lande der Wiener Philharmoniker und mit dem neugegründeten Verband der Wiener Symphoniker ein den vorläufigen Ansprüchen gerechtwerdendes Musikleben aufzubauen verstand, konnten in Salzburg geschickt improvisierte Festspiele gestartet werden, konnte Graz manche würdige Festaufführung gelingen. Die Programme und Opernspielpläne gewährten manchen jahrelang ausgesperrtem Werk Zugang. Der Anschluß an die Zeit wurde gesucht, indem man auch der neuen Musik willig die Tore öffnete. Die Neugründung der österreichischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für neue Musik, die schon wiederholt mit bedeutsamen Veranstaltungen hervorgetreten ist, bedeutete in dieser Richtung einen entscheidenden Schritt. Auch die Wiener Operette und die Wiener Unterhaltungsmusik konnte ihren Aktionsradius erweitern, indem sie lange zu Unrecht zum Schweigen verurteilte Komponisten wieder zur verdienten Geltung brachte. Einem zeitweisen Abgleiten in das Kabarett- und Barwesen konnte gesteuert, werden. […] Im musikalischen Erziehungswesen sind die Institute einer berühmten Tradition, wie die Wiener Staatsakademie für Musik, das Salzburger Mozarteum, wieder an die Spitze getreten. Die Musikschule der sTadt Wien hat in vollem Umfange ihre Arbeit aufgenommen. Für den Erziehungsfaktor kann sich die neuerstandene Ravag bewähren. Mit der Schaffung einer demokratischen Presse in Österreich kommt auch die Musikkritik wieder zu ihren Rechten. Auch dem Künstler hilft selbst eine verständnisvolle Kritik unter Umständen mehr als uniformiertes Lob. […]
Das also veröffentlichte „Die Furche“ am „25. Januar 1945“, wie auf ihrer Website im November 2022 zu lesen ist.
Der ehemalige Chefredakteur der christlichsozialen Reichspost und Scharfmacher, der durch den „Geist der Lagerstraße“ im Dachau geläutert worden war, gründete ein neues Wochenblatt, eine „kulturpolitische Wochenschrift“: die FURCHE. Erstmals erschienen am 1. Dezember 1945, sollte sie ein Beitrag zum geistigen Wiederaufbau sein, gleichsam eine Furche durch den von Krieg und Verheerung verhärteten Ackerboden ziehen. Doris Helmberger-Fleckl, Chefredakteurin
„Erstmals erschienen am 1. Dezember 1945.“ —
Bei einer katholischen Zeitung darf durchaus von einem Wunder gesprochen werden. 1945 begann also mit dem Monat Dezember und 1945 endete mit dem Monat Januar. Wie sonst auch hätte „Die Furche“ die „Musik der Befreiung“ von Roland Tenschert veröffentlichen können, wäre der 1. Dezember 1945 nicht vor dem 25. Januar 1945 —
Der Dezember 1945 vor dem Jänner 1945, in dem Dr. Roland Tenschert dies für „Die Furche“
Was durch die gewaltsame Eingliederung Österreichs in das Dritte Reich […] Es wurde von nun an in Berlin entschieden,was und wie in Österreich musiziert werden sollte.[…] Mit dieser „Gleichschaltung“ der Österreichischen Musik ging ihre Absperrung von der Außenwelt Hand in Hand, die sie an einem anderen Lebensnerv traf. Was immer unserer Musik den neubelebenden Auftrieb gab, das Hineinhorchen in die Zeichen der Zeit dahin und dorthin, es war durch die undurchdringlichen Grenzsperren des Dritten Reiches zur Unmöglichkeit geworden. Ein übriges vollbrachte die Ausdehnung des Goebbels-Erlasses auf unser Land, der mit der Abschaffung der Kritik und ihrem Ersatz durch eine reglementierte „Kunstbetrachtung“ dafür sorgte, daß an der so geschaffenen Situation nicht gerührt werden durfte. Der lange Krieg riß die Entwicklung in der so angebahnten Richtung nur noch vehementer vorwärts und abwärts, bis mit der beschämenden Verordnung eıner Stillegung der kulturellen Belange vom Herbst des Jahres 1944 dem Musikbetrieb auch in Österreich praktisch ein Ende bereitet wurde.
schrieb, und er, Tenschert, im Jänner 1945 dies für das „Neue Wiener Tagblatt“ schrieb, veröffentlicht am 7. Januar 1945:
Die deutschen Europasender hatten Generalmusikdirektor Lovro von Matacic eingeladen, mit dem Wiener Rundfunkorchester, dem Chor des Reichssenders Wien und Solisten der beiden Wiener Opernhäuser die kroatische Heldenoper „Nikola Subic-Zrinski“ von Ivan von Zajc in konzertanter Fassung zur Aufführung zu bringen. Das Werk ist hier in Wien von einem Gastspiel des Opernensembles des Kroatischen Staatstheaters Zagreb im Mai 1943 im Opernhaus der Stadt Wien noch in frischer Erinnerung. Lovro von Matacic sandte der Konzertaufführung einen einführenden Vortrag voraus, in dem er den Kroaten als tapferen Soldaten wie als kunstbegeisterten Menschen schilderte und beide Eigenschaften aus der Geschichte durch zahlreiche Beispiele belegte. […]
So erwies sich in der gelungenen Aufführung der kroatischen Heldenoper der deutsch-kroatische Kulturaustausch, während des gemeinsam geführten Kampfes an einem charakteristischen Beispiel bestätigt, das allen Ausführenden reichlichen Beifall brachte.
Mit unvermindertem Eifer ist das Deutsche Volksbildungswerk im Gau Wien bei der Sache, um dem Lern- und Wissensdrang seiner zahlreichen Hörer einen möglichst vielseitigen Stoff zu bieten. Sind auch einzelne Stätten der nationalsozialistischen Volksbildung verlegt worden, für den Umfang der Darbietungen ist dieser Umstand bedeutungslos.
Auch das zweite Semester des Volksbildungswerks gibt Gelegenheit, auf allen Gebieten des Wissens und des praktischen Könnens Neues hinzuzulernen. Medizin, Philosophie und Technik sind mit der gleichen Sorgfalt behandelt worden wie die kulturellen und rein praktischen Facher, die dem täglichen Gebrauch nahestehen. Unmöglich, alle einzelnen Veranstaltungen im besonderen hier zu erwähnen. Heben wir die wichtigsten hervor, dann sind wohl, die geschichtlichen Themen mit in vorderster Reihe zu nennen. Dr. Ludwig Jedlicka spricht über „Österreichische Feldherren im deutschen Schicksal“ und Professor Dr. Richard Raithel behandelt den tausendjährigen Kampf um den lothringisch-elsässischen Grenzraum. Auf literarischem Gebiet ist Dr. Hugo Ellenberger mit einer langen Reihe von Vorträgen vertreten, über bildende Kunst sprechen Doktor Margarete Kalous über „Die Kunst in Italien“, und Dr. Anne Hofmann-Heck über „Kunstschätze in den Donau- und Alpengauen“. Eine Vortragsreihe des bekannten Musikbetrachters Dr. Roland Tenschert ist dem Schaffen von Richard Strauß gewidmet […]
In der unmittelbaren Spalte neben der Werbung für die „nationalsozialistische Volksbildung“ des „Musikbetrachters Dr. Roland Tenschert“ klärt der „Völkische Beobachter“ am 1. März 1945 auf über den rechten Blickpunkt:
Der richtige Blichpunkt
Wenn sich ein Volk in schwerbedrohter Lage richtig verhalten soll, dann muß es den richtigen Blickpunkt für die gegebene Situation besitzen. Die bolschewistische Menschen- und Panzerwalze im deutschen Osten und die neue Feindoffensive im Westen zeugen von einer gewalttigen militärischen Kraftanstrengung und Machtanhäufung unserer Gegner. Es ist auch bei höchster Einschätzung der Menschen-, Rohstoff- und Rüstungskapazität der anglo-amerikanisch-bolschewistischen Weltverschwörung vollkommen ausgeschlossen, daß sich ihr jetziges Kräfteaufgebot auf lange Zeit hinaus durchhalten kann. Fs handelt sich vielmehr zweifellos um die aufs höchste getriebene und darum naturgemäß verhältnismäßig kurzfristige Entfesselung aller materiellen Einsätze, zu der sie zwecks Vernichtung Deutschlands fähig ist. Eine langfristige Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Verschleißes an Menschen und Material würde die Belastungsmöglichkeiten auch der feindlichen Riesenreiche und ihrer Hilfsquellen übersteigen. Damit ist unsere eigene Aufgabe gekennzeichnet: wir müssen unter allen Umständen, mit der äußersten Kraft, mit stählerner Härte des Willens und mit furchtlos bleibendem Herzen auch im Sturm der schwärzesten Tage aushalten, bis sich die kurzfristig bemessene feindliche Generalanstrengung an der Standhaftigkeit und Dauer des deutschen Widerstandes gebrochen hat. Die große Chance unseres Kampfes liegt darin, daß unsere Verteidigung und Kampfentschlossenheit härter sind und länger ausdauern, als die Feinde ihren auf die deutsche Niederlage abzielenden Ansturm durchzuhalten vermögen. Das ist der richtige deutsche Blickpunkt. In ihm ist nichts weniger als die Entscheidung über Tod und Leben für uns eingeschlossen. Die Last, die er auf uns wirft, ist nicht untragbar. Mit zusammengebissenen Zähnen werden wir durch die Preisgabe all unseres seelischen und materiellen Könnens Herr der Zeit und Herr der feindlichen Masse werden.
In der Ausgabe Nr. 4 der Wochenzeitung „Die Furche“ ist auch gleich etwas, wohl der geläuterten Tradition wegen, etwas von Abraham a Sancta Clara veröffentlicht, aus „Merk’s Wien!“, der so recht, recht über „Judä“ und seine „nahen Brüder und Anverwandte“ zu predigen verstand. Diese Ausgabe gleich mit dem „Credo“ von Paula Grogger, als wäre es eine Ausgabe kurz vor Weihnachten, kurz vor Christi-Geburt, zu der das „Credo“ so recht passend erscheint. Vielleicht gab es 1945 ein zweites Wunder und, nach dem Furchenwunderkalender, wurden Weihnachten 1945 im Januar begangen; was wäre das für eine Ausgabe kurz vor Heilandsgeburt ohne das „Credo“ von Paula Grogger gewesen – keine Ausgabe …
Im August 1944, der, es gab noch keinen Furchenwunderkalender, tatsächlich im nach für alle geltenden Furchenkalender der achte Monate war, schreibt Johanna Meinl im „Völkischen Beobachter“ über „Frauen und ihre Welt“, am 9. August 1944:
Aus Lyrik und Balladen unserer großen deutschen Dichterinnen Anette von Droste-Hülshoff, Ina Seidel, Agnes Miegel, Paula Grogger, Lulu von Strauß und Torney, Ricarda Huch und dem lyrischen Schaffen junger, aufstrebender Talente wie Helmtraude Dienel mit dem eigenartig schönen „Dorffriedhof“, Elisabeth Effenberger mit dem rührend zarten „Im Geiste“ und Gedichten von Anna Laube, Nelly Lia Bayer und Cary Elisabeth Wirth wählte Ernst Ludwig Matter in seinem Vortragsabend im Figaro-Kammersaal „Frauen und ihre Welt“ jene Werke, in denen die besondere, zarte und stille Welt der Frau ihren reinsten Ausdruck findet. Die eindringlich gestaltende Vortragsweise Matters, die den verborgensten Schönheiten der Dichtungen nachspürt, seine verständnisvoll gewählten verbindenden Worte sowie die weise Anordnung der Vortragsfolge, in der das Leuchten des Großen und Vollendeten das Kleinere und noch Tastende erhellte,, sicherten dem Abend einen schönen Erfolg, an dem auch jene Dichterinnen, die anwesend waren, reichen Anteil nahmen.
Und auf derselben Seite ein recht langer lyrischer Berichterstattungserguß über einen Prozeß – Credo des Reiches, Beschwörung des Herrn: „Zukomme uns dein Reich“
[…] Am Schluß der Verhandlung weist der Vorsitzende darauf hin, daß die Putschisten die verbrecherische Absicht gehabt hätten, mit dem feindlichen Ausland zu paktieren. Er stellt weiter dem Angeklagten Witzleben die Frage, ob er in einer militärischen Dienststelle nach dem Scheitern des Verrats sich noch dahin geäußert habe, daß für den Putsch nicht genügend Personen zur Verfügung gestanden hätten. Der Angeklagte antwortet darauf, daß er beim Scheitern dieses Putschversuches „einen grundlegenden Irrtum“ festgestellt habe. Er habe immer geglaubt, daß „zuverlässige Truppenteile und ein größerer Kreis höherer Offiziere“ mitmachen würden. Sein großer Irrtum sei gewesen, daß er sich völlig über die nationalsozialistische Haltung der deutschen Wehrmacht getäuscht habe. Nunmehr nimmt der Oberreichsanwalt das Wort zur Frage des Vollzugs des zu erwartenden Todesurteils. Die Angeklagten hätten sich mit dieser Tat außerhalb jeder Beziehung zur Volksgemeinschaft, zur Front und Heimat gestellt. Die Attentäter hätten die Treue zum Obersten Kriegsherrn und gegenüber ihren Kameraden gebrochen und das Reich in der Stunde höchster Gefahr neuen unerhörten Belastungen ausgesetzt. Sie hätten die Bereitschaft dokumentiert, das Vermächtnis der Hunderttausende von Gefallenen, die ihr Leben hingaben, damit Deutschland stark bleibe, einfach in den Schmutz zu treten. Daß ein solch schimpfliches Beginnen nicht damit gesühnt werden könne, daß eine ehrliche Kugel das Leben der Angeklagten beende, sei unbestreitbar. Die gemeinen Beweggründe und der geradezu erschütternde Ablauf der hier zur Sprache gekommenen Ereignisse zwingen zu dem einzig möglichen Schluß, daß der Vollzug der Todesstrafe gegen diese ehrlosen Verbrecher nur durch den Strang erfolgen könne. Der Oberreichsanwalt schließt: „Wenn das Urteil vollstreckt sein wird, ist ein Schandfleck aus der Geschichte der deutschen Wehrmacht ausgelöscht, wie es ihn niemals zuvor gegeben hat, und wie er in Zukunft niemals wieder sein wird.“ Als nach diesen Ausführungen des Oberreichsanwaltes die Angeklagten Stieff, Höppner und Witzleben durch ihre Verteidiger beantragen, die Todesstrafe möge durch Erschießen vollzogen werden, da antwortet der Präsident ihnen scharf:„Den Führer wollten Sie in die Luft sprengen, und Sie verlangen für sich die Kugel? Das ist ein starkes Stück.“ Das Urteil Nach mehrstündiger Beratung verkündet der Präsident des Volksgerichtshofes das Urteil, das wir auf Seite 1 veröffentlicht haben: „Im Namen des deutschen Volkes! Eidbrüchige, ehrlose Ehrgeizlinge! Erwin von Witzleben, Erich Höppner, Helmuth Stieff, Paul von Hase, Robert Bernardis, Peter Graf York von Wartenburg, Albrecht von Hagen, Friedrich Karl Klausing verrieten, statt mannhaft wie das ganze deutsche Volk dem Führer folgend, den Sieg zu erkämpfen, so wie noch niemand in unserer ganzen Geschichte das Opfer unserer Krieger, Volk, Führer und Reich, den Meuchelmord an unserem Führer setzten sie ins Werk. Feige dachten sie, dem Feinde unser Volk auf Gnade und Ungnade auszuliefern, es selbst in dunkler Reaktion zu knechten. Verräter an allem, wofür wir leben und kämpfen, werden sie alle mit dem Tode bestraft. Ihr Vermögen verfällt dem Reich.“ Urteilsbegründung Die schimpflichste Tat, die die deutsche Geschichte je gesehen hat. Zu seiner Urteilsbegründung entrollt der Präsident noch einmal ein Bild der furchtbaren Tat. Schaudernd erleben wir erneut, wie der erste Mord-Putsch-Gedanke in verbrecherischen Gehirnen aufkeimt, wie ein Schurke sich zum anderen fand, wie schließlich eine Clique von Reaktionären, Verbrechern und Mithelfern daran ging, mit englischem Sprengstoff und englischem Zündwerk den Führer feige zu meucheln, Volk und Reich, Heimat und kämpfende Front zu vernichten. Es ist ein entsetzenerregendes Bild menschlicher Verkommenheit, das sich in diesen beiden Tagen der Verhandlung enthüllt hat und das nun der Präsident bis in alle Einzelheiten nachzeichnet. „Wovon wissen wir das alles?“ so fragt der Präsident am Schluß seiner Urteilsbegründung, und er antwortet: „Wir haben nur das festgestellt, was jeder der Angeklagten selbst in der Hauptverhandlung bekannt und eingestanden hat. Aber das, was wir feststellen, ist bei jedem von ihnen nur das Mindestmaß ihrer Schuld. Ihre wirkliche Schuld sprengt jedes Maß. Der Verrat an unserem freien, starken deutschen Gemeinschaftsleben, an unserer Wesens- und Lebensart, die vermessene Begier, an die Stelle unserer inneren Freiheit die Knechtung und die Reaktion zu setzen, die moralische Selbstentmannung des Feiglings mitten im Kampf— das ist Hochverrat.
Sein Credo an den Herrn, seine „Treue zum Obersten Kriegsherrn“ schrieb Roland Tenschert schon fünf Jahre zuvor, im April 1940 – auch dieser Monat war nach dem für alle geltenden Furchenkalender tatsächlich der vierte Monate im Jahr — zum Anlaß der Auferstehungsaufführung unter …
Geläutert, schreibt Doris Helmberger-Fleckl, ist im elften Monat des Jahres 2022 zu lesen, sei also der Reichspostscharfmacher durch den Geist worden. Von seiner Läuterung wird noch zu erzählen sein, aber einzig durch seine Vorstellung im ersten Erscheinungsmonat des Wochenblatts „Die Furche“, der der zwölfte Monat des Jahres 1945 —
Ein Opfer der Entnazifizierung? Der verfemte und vergessene Dirigent Oswald Kabasta wurde vor 100 Jahren geboren Drei Jahre später wurde er zum Chef der Münchner Philharmoniker und Generalmusikdirektor der bayrischen Hauptstadt ernannt. Man sagte ihm ein Naheverhältnis zur NSDAP nach. Doch konnte bis heute kein Beweis für eine Parteimitgliedschaft gefunden werden. Nach Kriegsende erhielt Kabasta Auftrittsverbot, verlor seine Stellung bei den Münchner Philharmonikern, und damit auch seine Existenzgrundlage. Eine schwere Krankheit kam hinzu, manch alter Freund wollte ihn nicht mehr kennen. Am 6. Februar 1946 setzte er in Kufstein seinem Leben ein Ende. Seine Gattin folgte ihm ein halbes Jahr später. Aus zeitgenössischen Berichten und persönlichen Erinnerungen ergiebt sich das Bild einer faszinierenden Persönlichkeit. Kabasta war ein kompromißloser Arbeiter, der Neuerungen höchst aufgeschlossen war. In Wien dirigierte er die Uraufführung von Franz Schmidts „Buch mit den sieben Siegeln“, in Graz hatte er die Kritiker mit allzu modernen Kompositionen von Paul Hindemith verschreckt. Heute ist Kabasta fast vergessen. Das sollte sich aber bald ändern. Denn in Mistelbach fand heuer schon zum zweiten Mal ein Kabasta-Symposium statt. Und der Verlag „Vom Pasqualati.Haus“ hat eine CD mit der „Eroica“ und Schuberts Fünfter herausgebracht. (Zu beziehen beim Kulturamt Mistelbach) Aus dem stillen Gedenken, das Kabasta sich in seinem Abschiedsbrief wünschte, könnte bald wieder allgemeine Aner-v kennung werden.
Ach, wie lange ist das her. Sechsundzwanzig Jahre.
Wozu noch, das zitieren.
Es ist hervorzuholen da es die innere Kontinuität in diesem Land ein weiteres Mal belegt, eine Kontinuität, die nach außen nicht gewahrt gesehen sein will.
2022, also sechsundzwanzig Jahre später, ist auf der Website des Musikvereins zu lesen:
Oswald Kabasta, Konzertdirektor der Gesellschaft seit 1933, wird Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Konzertdirektor wird wieder Wilhelm Furtwängler.
Das ist alles, was vom „Verfemten“ unter „Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien von 1812 bis heute“, November 2022, auf der Website des Musikvereins zu lesen zu bekommen ist, und was zu Franz Schütz aus der „illegalen Garnitur“ zu lesen zu bekommen ist, na ja
Wie war das damals, als der „Verfemte“ Paul Hindemith, den Christa Höller als ihren Zeugen für den „Verfemten“ aufruft, in Graz dirigierte,
von welcher Zeit wird in der „Furche“ geschrieben, als „er die Kritiker mit allzu modernen Kompositionen von Paul Hindemith verschreckt“?
Von der Zeit ab 1938 nicht. Zu dieser Zeit gab es längst schon das Aufführungsverbot der Musik des in der Emigration lebenden Paul Hindemith im zwölfewigjährigen deutschen und im siebenewig wütenden österreich.
Christa Höller wird sich dabei wohl auf 1929, vielleicht auch noch auf 1930 beziehen, als Kabasta mit Hindemith „die Kritiker verschreckt“ —
„Die Kritiker“ – alle „Kritiker“? Bei weitem nicht.
Sie wird „die Kritiker“ im Auge haben, zu denen ein Dr. Dettelbach etwa gehören könnte, der im „Grazer Tagblatt“ schrieb, am 25. September 1929:
1. Sinfonie-Konzert. Erstaufführung von Hindemiths „Konzert für Orchester“. Wir danken es Oswald Kabasta, daß er uns mit den Erzeugnissen der „Neuen Musik“ bekannt macht. Daß er mit der Feder für sie eintritt und sich freimütig und offen zu ihr bekennt, ist achtenswert. Kabasta fordert zur Diskussion über Hindemiths Schaffen auf. Das verpflichtet uns, die wir uns an dieser Diskussion beteiligen, zu gleicher Ehrlichkeit. So habe ich sogleich zu bekennen, daß ich mit dieser Musik nicht zu sympathisieren vermag. Sie macht sich mir weder aus der Sphäre des Schönen oder Wahren noch aus der des Notwendigen verständlich. Musik ohne innere Notwendigkeit aber halte ich für Sport und nicht für Kunst. Hindemith ist ganz ohne Zweifel eine starke Begabung. Er hat Sinn für Melodik und Form und es kommt vor, daß man für ein paar Takte das Gesicht eines ernsten Musikers zu sehen bekommt, das aber gleich wieder hinter Grimassen verschwindet. An einigen Stellen glaubt man so etwas wie Neuland zu spüren, da sind Entdeckungen gemacht, die ein Kommender verwerten wird. Sonst scheint mir diese Musik eher ein Ende, denn ein Anfang zu sein. Einen Vorteil hat Hindemiths Konzert gewiß: Es ist kurz. Dauerte es so lange wie die Sinfonie von Bruckner, so wären manche Leute wohl nicht auf ihren Stühlen geblieben. Hindemith ist der Repräsentant einer Richtung, die im entgötterten Deutschland keine geringe Rolle spielt. Man fast sie gewöhnlich unter dem Titel „Neue Musik“ zusammen. Diese „Neue Musik“ hat uns bisher ein umfangreiches und radikales Programm geschenkt, das allerdings an Negationen reicher ist als an Positivem. Sie hat vor allem mit der Tradition abgerechnet und die abendländische Musik des 19. Jahrhunderts zu entthronen versucht. Allein, sie wird uns die Aussicht auf die großen Meister der Vergangenheit so lange nicht verstellen, bis sie nicht ebenso Großes oder annähernd so Großes geleistet hat. Wer eine Sinfonie von Bruckner oder Beethoven ernstlich mit Hindemiths Konzert in eine Linie stellt, der hat weder zu Bruckner noch zu Beethoven jemals ein tieferes Verhältnis gehabt. Hindemiths Konzert ist kein schlechtes Beispiel für den Katzenjammer, der der musikalischen Romantik gefolgt ist. Wir nehmen es als für die Richtung repräsentatives Werk. Was wollen die Jüngsten? Sie wollen vor allem das 19. Jahrhundert überwinden. In ihm aber war die deutsche Musik vorherrschend und sie war eine Sprache des Menschen, in der er sein Tiefstes zum Ausdruck brachte. Den deutschen Meistern dieser Zeit war die Musik nicht Gehirnsport, sondern Herzenssache und heiliges Bekenntnis. Für die Neuesten aber bedeutet ihr Schaffen das Steinzeitalter der Musik, sie greifen lieber auf die Altklassiker Bach und Händel, ja auf den Gregorianischen Choral und die Niederländer, als auf das verpönte 19. Jahrhundert zurück. Daß sie wenigstens die Vorvergangenheit gelten lassen, hat ihr Gutes und gegen die daraus folgenden Programmpunkte wäre nichts einzuwenden. Daß die strengen Formen gegenüber den individualistischen bevorzugt werden, daß Kanon, Fuge, Passacaglia und Invention wieder zu Ehren kommen, daß man wieder Conzerti grossi schreibt, mag begrüßenswert erscheinen, ebenso, daß die Sinfonik nach der Seite der Kammermusik zu verrückt wird, Füllstimmen und Farbwerte zurücktreten. Auch das Aufleben des linearen Kontrapunkts, der alle „ars antiqua“ an Rücksichtslosigkeit übertrifft, die radikale Polyphonie, die Zersetzung von Rhythmik und Metrik: Das alles ist diskutabel. Aber die neue Musik ist arm. Sie ist von den Höhen des Geistes in seine Niederungen herabgestiegen oder sie hat sich ganz dem Ungeiste ergeben. Das Bestreben, die Musik zu objektivieren, zu mechanisieren, mußte zur Verarmung des Inhaltlichen führen. Die Romantik ist für tot erklärt, die Musik verliert ihre Beziehung zum Menschen, sie will nicht mehr ausdrücken, erschüttern, erfreuen; wo das Gefühl auftaucht, verfällt es der Persiflage, es wird trivialisiert. Diese Musik vermeidet alles Große, alles Pathetische, und so bleibt ihr schließlich ein einziges Ausdrucksgebiet über: das der Groteske, Ironie, Satire, Parodie. Es ist klar, daß eine so entgötterte und entseelte Musik nicht mehr im nationalen Leben wurzelt. Sie bedient sich einer internationalen Einheitsgrammatik und es gelingt ihr, die völkischen Idiome bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen. Ist das alles wirklich ein Fortschritt? Die Schwäche des neuen Systems scheint mir schon in der Verleugnung des „wohlerfundenen Alten“ zu liegen. Die Sprache Mozarts und Beethovens ist ja für diese Jüngsten nur ein stammelnder Anfang zu ihrer eigenen Betätigung. Aber: die Kunst hat kein Ziel, nur der Künstler hat eines! oder wie Brand sagt: „Nach bloßem Neuen streb‘ ich nicht, auf das Ew’ge lege ich nur Gewicht.“ Das Konzertchen von Hindemith im einzelnen durchzubesprechen, scheint mir nicht nötig. Das hat Kabasta schon getan. Eine solche Analyse kann nur den Kunstleib betreffen. Daß die Arbeit den musikalischen Techniker in hohem Maße zu interessieren vermag, sei zugegeben. Das ist ja auch der Unterschied: Bruckner lieben wir. Hindemith interessiert uns bestenfalls. Oswald Kabasta hat seine „Pionierarbeit“ ernst genommen. Er hat die Schwierigkeiten der Aufführung nicht gescheut und mit sicherem musikalischen Instinkt die Absichten des Tondichters zu verwirklichen gesucht. Daß es trotzdem nicht Musik war, was wir hörten, sondern irgend etwas anderes, für das ein Name erst gefunden werden muß, ist nicht seine Schuld. Es folgte eine Aufführung von Bruckners herrlicher 7. Sinfonie, die zwar klanglich nicht immer ganz auf der Höhe stand (allzu brutales Blech, undeutliche Holzbläser), aber doch Kabasta Gelegenheit gab, ursprüngliche Musikalität zu entfalten und nach Hindemith wie ein Reinigungsbad wirkte. Dr. Dettelbach.
Die ihre Kritikerinnen scheinen weniger verschreckt als erschreckt darüber, daß, wie an dieser Beispielkritik abzulesen, nicht ihre Gesinnung Musik ward. Es gab auch „die Kritiker“, die Paul Hindemith wie folgt beurteilten, zum Beispiel in der Zeitung „Arbeiterwille“, 25. September 1929:
Paul Hindemith: Konzert für Orchester; Anton Bruckner: Siebente. — Dirigent: Oswald Kabasta, (23. September.) Zum erstenmal wird in Graz Paul Hindemith zur Aufführung gebracht, der seit zehn Jahren bereits von sich reden macht und von vielen ernsthaften Beurteilern als der einzige wirklich ernst zu nehmende Musiker des jüngsten Deutschland geschätzt wird. In Graz las man höchstens gelegentlich eine Zeitungsnotiz, die sich mit ihm beschäftigte und gewöhnlich zu berichten wußte, dieses oder jenes Werk, aus seiner Feder sei da oder dort ausgepfiffen worden. Ein Apostel der Atonalität also, dieses Gottseibeiuns aller Musikspießer. Wenn hier zunächst der Versuch unternommen wird, den vielumstrittenen Musiker kurz zu charakterisieren, sei vor allem vorweggenommen, daß er gar kein absoluter Vertreter des Atonalen ist, sondern vielmehr Tonalität und Atonalität in gleicher Weise huldigt, wie es eben seinen künstlerischen Zwecken dienstbar sein mag. Ein großes Publikum zum Verständnis der hier genannten Gegensätze führen, ist nicht ganz leicht. Mit der alten Definition, daß Tonalität die eigentümliche Bedeutung sei, welche Akkorde erhalten durch ihre Bezogenheit auf einen bestimmten Hauptklang, die Tonika, wird der Laie nicht allzu viel anzufangen wissen. Vielleicht ist aber durch den Hinweis geholfen, daß die Musik, wie ausschließlich psychisch, gefühlsmäßig, sie auch vom Hörer aufgenommen werden mag, so doch physischer, oder besser gesagt physikalischer Prinzipien nicht zu entraten vermag. Die Töne haben bekanntlich ihre Schwingungszahlen, gewisse Klangspannungen verwandter Töne prägen sich dem Hörer eben durch ihre Verwandtschaft ein, sein Erinnerungsvermögen ist deshalb leicht imstande, mitzuarbeiten, zu vergleichen, und er findet einen naiven Genuß darin (wenn auch im Unterbewußtsein), festzustellen, daß alle Klangspannungen, die er gehört hat, eine Folge von Tonbewegungen sind, die zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren. Diese Konsonanz, dieses Streben zur Vereinheitlichung ist nun ein charakteristisches Merkmal der tonalen Musik. Ist doch ihr Kontrapunkt geradezu auf dem Prinzip der Einheit aufgebaut. Die atonale Musik verzichtet von vornherein auf die Mithilfe jenes Erinnerungsvermögens, das durch Tonalitätsspannungen erreicht wird, sie verneint sogar den reinen Dreiklang und arbeitet mit dem atonalen Akkord (der Laie nennt ihn richtig: Dissonanz), der zehn- und mehrtönige Gebilde umfassen kann und grundsätzlich zu melodischen Bindungen sich ebensowenig eignet wie zu klarer innerer Dynamik oder gar zu klarer rhythmischer Bewegung. Der ungeübte Hörer ist ihr gegenüber einem ungeübten Bergwanderer vergleichbar, dem Stab und Stütze genommen wurden und Wegweiser und Markierungen unauffindbar sind. Vollends verschrien wurde die atonale Musik, weil unzählige Dilettanten, Nichtskönner, Unmusikalische sensationslüstern und konjunkturhungrig sich ihr verschrieben haben. Paul Hindemith aber ist ein Vollblutmusiker, ein großer Könner, Musikantennatur von Geburt aus. Ursprünglich Orchestermusiker, hat er Bratsche, Geige gespielt, das Schlagwerk bedient und dabei viel gelernt. Staunenswerte Phantasie vereinigte sich bei ihm mit einer staunenswerten — Pietätlosigkeit gegen das Hergebrachte, Bürgerliche, Gesetzmäßige, und so wird er — ein anderer Eulenspiegel— zum Künder des Übermutes, der Persiflage, des Spottes um seiner selbst willen. Aber: hinter dem Lachen quillt die Träne, hinter dem Spott wohnt der Ernst, und keines seiner Werke wird man durchblättern, ohne auf einen Kern von Poesie zu stoßen. So wird sein Schaffen, wie Adolf Weißmann einmal trefflich sagte, zu einem Bindeglied zwischen Volks- und Höhenkunst, weil er, ohne etwas von den Errungenschaften der Neuzeit aufzugeben, doch den musikalischen Urboden nie verläßt. Mussorgskij, Strawinskis, Schönberg hat er genau so in sich aufgenommen wie den alten J. S. Bach. Ein enormer Klangsinn steht allen seinen Werken Pate und seine rhythmische Ader hat an quellendem Reichtum kaum ihresgleichen. Jedenfalls ist sein Schaffen Urtrieb, nicht Verstandesarbeit. Das „Konzert für Orchester“ op. 38, das hier von Oswald Kabasta aus der Taufe gehoben wurde, scheint zunächst eine Absage an alles das zu sein, was wir musikalische Romantik nennen. Ein Stil, der an Bach gemahnt, ist mit einer beispiellosen Kongenialität modernisiert. Speziell der erste Satz wird in seinem formalen Aufbau von einem Konzert im alten Stil schwer zu unterscheiden sein. Der zweite Satz, ein bewegtes Tonstück, in dem fast von Anfang bis zum Ende dieselben kurzwertigen Noten fortlaufen (in diesem Sinne etwa Paganinis op. 11, vergleichbar), fesselt besonders durch seine scharf rhythmische Motivik. Der dritte Satz ist ein regelrechter Marsch von unbekümmert spöttischen, Gott und alle Welt zum besten haltenden Klangkombinationen. Der letzte Satz endlich, in mitreißendem Feuertempo dahinfegend, ist ein kontrapunktisches Meisterstück; über einem immer sich wiederholenden Baßthema werden stets sich ändernde Kontrapunktierungen zu einem himmelstürmenden Bogen emporgespannt. Oswald Kabasta hat das Werk glänzend interpretiert. Fast duftig ließ er zu Beginn Fagott, Oboe und Geige ihr Solokonzertchen über dem allgemeinen Gewoge spielen. Mit starker Hand hielt er das in mehrere Gruppen geschiedene Orchester des 2. Satzes auseinander, um dann im dritten die Holzbläser mit übermütiger Geste ihren grotesken Marsch blasen zu lassen, während er im letzten Satz dem inneren Temperament des Tonstückes das äußere Temperament seiner Stabführung ausgezeichnet gegenüberstellte. Ein Händelsches „Concerto grosso“, an den Anfang des Programmes gesetzt, hätte vielleicht manchen Hörer auf die Spur des Weges gebracht, der von den Alten zu den Neuen führt. So aber ließ Kabasta, von einem anderen Gesichtspunkt betrachtet, ebenfalls dankenswert, statt der Parallele den Kontrast in Erscheinung treten und spielte Anton Bruckners E-Dur-Sinfonie. Aus die Kürze folgte so die Länge, auf Sachlichkeit Pathos, auf gottlosen Spott frommes Händefalten, auf die moderne Teufelei der Gegenwart die selige Romantik der Vergangenheit. Über das hier des öfteren gespielte Werk ist nichts Neues zu sagen. Kabasta hat es mit Inbrunst vor den Hörer hingebreitet, schon mit der prächtig dahin schreitenden Thematik der Einleitung die Herzen geöffnet, im lustigen A-Moll— wie verschieden lebt sich Humor hier und dort aus!— ein Stück fidelen Landlebens vorgezaubert, geradeso wie er auch im Adagio Töne edelster Ergriffenheit anzuschlagen wußte. (Ein Meisterstück der Wiedergabe: der Fis-Dur-Gesang.) Fazit: Ein schöner, genußreicher Abend, ein anerkennenswerter Auftakt zu den heurigen Sinfoniekonzerten, wofür man dem Leiter dankbar sein muß. Dr. O. H.
Und ein Jahr später, 1930, Paul Hindemith selbst in Graz, an der Bratsche …
„Neues Wiener Journal“, 21. September 1930.
Nach dem durchschlagenden Erfolg, den Paul Hindemith gestern mit seinem neuesten Werk, der „Kammermusik für Solobratsche und größeres Kammerorchester“ unter Leitung von Oswald Kabasta in Graz hatte, wurde der Komponist eingeladen, das gleiche Stück in Wien zu spielen. Hindemith hat zugesagt und wird das Stück mit dem eigens für diese Aufführung neu komponierten Schlußsatz zu Beginn des kommenden Jahres zur Wiener Erstaufführung bringen.
„Arbeiterwille“, 24 September 1930.
Daß dieses Kommende nicht im Hergebrachten ersticke, sondern neue Pfade wandle, dafür hat Oswald Kabasta schon in diesem seinem ersten Konzerte gesorgt, wofür man ihm besonders dankbar sein muß. Von Paul Hindemith, dem bedeutendsten Repräsentanten moderner Musik, kannte man in Graz bis zum vorigen Jahre kaum den Namen. Dieser fortschrittliche Dirigent hat nun im vorigen Jahre das „Konzert für Orchester“ erstmalig in Graz zu Gehör gebracht und ließ es aber dabei nicht sein Bewenden haben, sondern brachte diesmal zwei neue Werke (sogar eine Uraufführung) und den Komponisten selbst zu uns. Die Ouvertüre „Neues vom Tage“ wird man vielleicht als ganz charakteristisches Schulbeispiel für diese neue Musik gelten lassen dürfen. Der Schreiber dieses Berichtes versuchte im vorigen Jahre anläßlich der ersten Hindemith-Aufführung die Prinzipien tonaler und atonaler Musik klarzulegen. Darum handelt es sich hier eigentlich gar nicht: mit Atonalität hat diese Ouvertüre wenig oder gar nichts zu tun. Wohl aber mit einer deutlichen Absage an das Gefühlsmäßige, an das „Romantische“ in der Musik, mit einer fast ängstlichen Vermeidung des Pathetischen. Wenn nun den ungeschulten Durchchnittshörer manches wie eine Parodie auf alles, was ihm bisher hoch und heilig war, anmuten mag, wird man ihm gar nicht unrecht geben und sogar behaupten dürfen, daß diese Parodie beabsichtigt sei. Nicht zu überhören wird aber sein, daß in diesen neuen Klängen ein großes, ein echtes, von wirklichen Einfällen durchpulstes Musikantentum sich zu Worte meldet. Oswald Kabasta hat das Tonstück sehr lebendig gestaltet. Er wußte, worauf es in der Wiedergabe ankommt. Das Geheimnis, einmal enthüllt, ist gar kein so großes Geheimnis mehr: die Art der Verwendung der Instrumente, ihre Funktion ist sozusagen pervertiert. Streicher, Hörner, Holzbläser, die man als Melodienträger im „alten“ Orchester zu verwenden pflegte, sind zu Begleitinstrumenten degradiert, während die „Hintergrundinstrumente“ nun im Vordergrund stehen. In der „Konzertmusik für Solobratsche und größeres Kammerorchester“, zu der Hindemith eben einen neuen Schluß komponiert hatte, so daß man also einer Uraufführung anwohnen konnte, ist der Komponist in dieser seiner Pervertierung des Normalklanges noch weiter gegangen, indem er kurzerhand die Violinen und Violen aus dem Klangkörper extrahierte. Dies mußte er natürlich diesmal aus zwingenden ökonomischen Gründen tun, da er die Bratsche zum Soloinstrument ernannte und deren dunkleren und stumpferen Klang nun natürlich vor dem helleren, süßeren der Violinen zu schützen hatte. Da Hindemith als ausübender Instrumentalist selbst Bratschist ist, wird seine Vorliebe für dieses Instrument gewiß begreiflich, aber auch, daß seine Phantasie wirklich Eingebungen aus dem Bratschenton zu gewinnen imstande ist. Wie die Bratsche denn auch in diesem Werk immer neue und eigenartigere Variationen zu finden weiß, wie sie in motivischer Bewegung sich verbreitert und vergrößert, rhythmische Figuren von seltsamer, bald grotesker, bald schemenhafter Gestalt annimmt, einmal in Sekundentriolen zittert, einmal in chromatischem Ostinato sich betont, dann wieder das Cello an sich zu locken und zum Weiterspinnen des Themas zu veranlassen scheint: und das alles nicht ohne Verzicht auf polyphone Formen, nicht ohne Verzicht auf gewöhnliche, auf „landläufige“ Art von Modulation: das beweist mit seltener Eindringlichkeit, daß hier eine Kraft sich kundtut, die aus dem Urquell der Musik schöpft, die in einer zwar ungewohnten, aber trotzdem eindringlichen Dialektik zu reden vermag. Die Fesseln einer uralten Tradition scheinen abgestreift, die Musikkultur der Vergangenheit — die leider ein wenig zur Musikzivilisation geworden ist — scheint negiert: Neuland eröffnet sich. Niemand soll zur Begeisterung für dieses Neuland überredet, es soll nicht einmal der Versuch gemacht werden, sich in Vermutungen zu ergehen, ob das Heil hier im Vorwärts oder in der Umkehr läge, aber eines steht fest: hören, kennen lernen muß man diese Werke, und seien Paul Hindemith, der das Bratschensolo mit einer geradezu unheimlichen Virtuosität, einer souveränen Überwindung aller aufgehäuften schier maßlosen technischen Schwierigkeiten spielte, ist als Komponist und als Instrumentalist ohne Zweifel sehr gefeiert worden.
Es wird auch 1930 „die Kritiker“, von Christa Höller bevorzugten, gegeben haben, deren Gesinnung ihnen Kritik ist, die, sitzen sie in einem Konzert und hören sie ihre Gesinnung nicht, nichts hören.
Insbesondere Christa Höller würde das wohl beantworten können,
„Musik soll nicht bloß tönen, sie muß leben“. Die Beiträge zum 2. Internationalen Oswald Kabasta Symposion vom 16. bis 19. Mai 1996 in Mistelbach, hrsg. von Engelbert M. Exl. Mit Beiträgen von Manfred Blumauer, Christa Höller, Richard Steurer, Carmen Ottner u.a. Graz, Edition Strahalm, 1998. 262 SS.
ob 1996 das Symposium im mistelbacherischen „Oswald-Kabasta-Saal“ abgehalten wurde, sieben Gehminuten der Oswald-Kabasta-Straße nahe. Aus welchen Gründen der „Oswald-Kabasta-Saal“ 2017 in „Alfred-Sramek-Saal“ (eigentlich Šramek) umbenannt wurde? Aber es bleiben dem „Verfemten“ zum Troste seiner Bewunderungssschar immer noch die nach ihm benannten Straßennamen —
Wir hörten … Die bezwingende Schönheit der Regerschen Musik begeisterte uns neuerdings in einem Konzert der Prager Deutschen Philharmoniker zu Ehren des Meisters unter Josef Keilberth. Die schöne Feier begann mit der Suite im alten Stil, dann spielte Franz Schütz auf der Orgel die Choralphantasie „Alle Menschen müssen sterben“.
Dieses Opus zeigt in eindrucksvoller mächtiger Weise die hohe Musikalität Regers, und seine Bedeutung für die Orgelnmusik. Franz Schütz erwies sich wieder als souveräner Beherrscher seines Instruments. Den Abschluß des Gedenkkonzertes, das anläßlich des bevorstehenden Geburtstages Max Regers, stattfand, bildete die Aufführung der Fuge über ein Thema von Mozart op. 132. Keilberth und seine Prager Philharmoniker konnten für langanhaltenden Beifall danken. Kammersängerin Frida Leider, deren Kunst wir von der Oper her schätzen, konnten wir diesmal im Konzertsaal begrüßen, wo sie Lieder von Mozart, Schumann und Brahms in meisterhafter Weise zum Vortrag brachte. Der Liederabend wurde durch das tiefe Einfühlungsvermögen der berühmten Sängerin, die sich in Wien einen großen Freundeskreis geschaffen hat, zu einem besonderen Genuß. Sebastian Beschko zeigte als Begleiter am Flügel großes Können. R. Peterca-Ferrari.
Und auf derselben Seite, gar so passend —
Akrobat schö—ö—n Im Ronacher „Wer trotz schwerer Zeit und Krieg lacht, dient schließlich auch dem Sieg!“ So oder so ähnlich plädiert Oskar Paulig im Maiprogramm über das Lachen. Wenn er recht hat, dann muß jeder einmal im Mai zu Ronacher. Denn zu lachen gibt´s am laufenden Band. Das Feld beherrscht Charlie Rivels, dessen komisch-seelenvolles „Akrobat schö—ö—n!“ wir mittlerweile ja vom Film her kennen. Charlie am Trapez, tolpatschig, aber im rechten Augenblick ganz Akrobat […]
„Kleine Volks-Zeitung“, 10. Mai 1944 — Oskar Paulig war fleißig unterwegs, von Innsbruck bis …
Paulis wieder in Innsbruck Zur heutigen Veranstaltung im Stadtsaal Ein frohes Wiedersehen mit Oskar Paulig und seiner Künstlertruppe vermittelt am heutigen Abend die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. Vor dreieinhalb Jahren, im November 1938, gastierte dieser bekannte Humorist in Innsbruck. Damals war es ebensfalls die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“, welche in Gemeinschaft mit dem Reichssender Wien unter dem Motto „Musik und Frohsinn“ einen bunten Abend veranstaltete, welcher über den Rundfunk von Innsbruck aus übertragen wurde. Der von Humor direkt übersprudelnde und immer neue Lachstürme erzeugende Vermittler dieses Programms war Oskar Paulig. Jeder Frühaufsteher wird sich auch noch gerne mit einem inneren Schmunzeln an den lustigen Morgenwecker des Reichssenders Wien erinnern, der es so gut verstand, selbst diejenigen, welche mit dem linken Fuß aufgestanden waren, eine frohe Stimmung für ihr Tageswerk mit auf den Weg zu geben.
„Innsbrucker Nachrichten“ („Körperschaft: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Erschienen: Innsbruck, NS-Gauverlag Tirol-Vorarlberg.“ Vorgängerin der „Tiroler Tageszeitung“), 9. Mai 1942 —
So also wird in den Jahren des Massenmordens geschwärmt. Von Wien bis … Und wieder ist Franz Schütz dabei, erweist sich Schütz wieder als Beherrscher des Trostes in schweren Zeiten:
„Alle Menschen müssen sterben“.
Trost, oder Befehl.
Ein auf der Orgel gespielter Gesinnungsbefehl: „Alle Menschen müssen sterben“.
Und sie wurden „aber im rechten Augenblick ganz Akrobat“, was für eine Tanzakrobatik führten sie dabei auf, mit der sie allen zeigen wollten, was sie nicht gewesen sind, was für akrobatisch verdrehte Figuren führten sie vor, wie verrenkten sie ihre Glieder, um endlich alle zu überzeugen, was sie nicht waren; so bauten sie sich schnell die Brücke, unter der alles, was war, im Zeitstrom ertrank, und tief in den Schlammboden versank, im Schlamm vergraben, so daß von der Brücke aus, die ihnen rasch gebaut ward, nicht mehr zu sehen war, was war, und was sie und mit ihnen alle noch sahen, war der Brückenboden, auf dem sie tanzten, und alle, die ihnen dabei zusahen, entzückt ausriefen, immer noch ausrufen: „Akrobat schö-ö-n“ —
Es kam schon vor, daß der eine oder die andere verzagte, ihnen der Bau der Brücke zu langsam, sie zu ungeduldig der Brückenfertigstellung harrten, und sie selbst in den Tod gingen. Aber auch für sie gibt es eine Auferstehung, wie etwa für des Schützens Freund, den „Die Furche“ auferstehen ließ, fünfzig Jahre nach seinem Tod. Eine berufenere Zeitung für eine Auferstehung als eine katholische kann es nicht geben.
Ein Opfer der Entnazifizierung? Der verfemte und vergessene Dirigent Oswald Kabasta wurde vor 100 Jahren geboren Drei Jahre später wurde er zum Chef der Münchner Philharmoniker und Generalmusikdirektor der bayrischen Hauptstadt ernannt. Man sagte ihm ein Naheverhältnis zur NSDAP nach. Doch konnte bis heute kein Beweis für eine Parteimitgliedschaft gefunden werden. Nach Kriegsende erhielt Kabasta Auftrittsverbot, verlor seine Stellung bei den Münchner Philharmonikern, und damit auch seine Existenzgrundlage. Eine schwere Krankheit kam hinzu, manch alter Freund wollte ihn nicht mehr kennen. Am 6. Februar 1946 setzte er in Kufstein seinem Leben ein Ende. Seine Gattin folgte ihm ein halbes Jahr später. Aus zeitgenössischen Berichten und persönlichen Erinnerungen ergiebt sich das Bild einer faszinierenden Persönlichkeit. Kabasta war ein kompromißloser Arbeiter, der Neuerungen höchst aufgeschlossen war. In Wien dirigierte er die Uraufführung von Franz Schmidts „Buch mit den sieben Siegeln“, in Graz hatte er die Kritiker mit allzu modernen Kompositionen von Paul Hindemith verschreckt. Heute ist Kabasta fast vergessen. Das sollte sich aber bald ändern. Denn in Mistelbach fand heuer schon zum zweiten Mal ein Kabasta-Symposium statt. Und der Verlag „Vom Pasqualati.Haus“ hat eine CD mit der „Eroica“ und Schuberts Fünfter herausgebracht. (Zu beziehen beim Kulturamt Mistelbach) Aus dem stillen Gedenken, das Kabasta sich in seinem Abschiedsbrief wünschte, könnte bald wieder allgemeine Anerkennung werden.
Von welcher Zeit wird in der „Furche“ geschrieben, als „er die Kritiker mit allzu modernen Kompositionen von Paul Hindemith verschreckt“?
Von der Zeit ab 1938 jedenfalls nicht. Denn zu dieser Zeit gab es schon längst das Aufführungsverbot der Musik von Hindemith im zwölfewigjährigen deutschen und im siebenewig wütenden österreich.
Christa Höller wird sich dabei wohl auf 1929, vielleicht auch noch auf 1930 beziehen, als Kabasta mit Hindemith „die Kritiker verschreckte. „Die Kritiker“ – alle Kritiker? Bei weitem nicht. Davon sollte doch in einem eigenen Kapitel erzählt werden. Geht es in diesem ja nicht um Kabasta, sondern um Schützens Trost, der im Anfang des siebenewigjährigen österdeutschreichesunter Kabasta war und gespendet wurde durch siebenewige Jahre hindurch, bis zum Ende, das der Anfang war zum Schützens eigenen Trost.
Es würde Franz Schütz wohl recht zufriedenstellen, er es als gar tröstende Worte empfinden, die die Stadt Wien als Service für ihn geschrieben, könnte auch er diese im November 2022 lesen —
Studierte bei Franz Schmidt an der Musikakademie, an der er bereits ab 1919 lehrte (ao. Prof. für Orgel 1929). 1938 wurde Schütz Rektor der Musikakademie und war mit der Umorganisation zur „Reichshochschule für Musik und darstellende Kunst“ betraut (Pensionierung 1945). Er ist Widmungsträger zahlreicher Orgelwerke Franz Schmidts.
imagine si ceci un jour ceci un beau jour imagine si un jour un beau jour ceci cessait imagine
Samuel Beckett, Poèmes suivi de Mirlitonnades.
Auf diese Weise von Karl Krolow übersetzt:
stell dir vor wenn dies eines Tages dies eines schönen Tages stell dir vor wenn eines Tages eines schönen Tages dies aufhörte stell dir vor
Und von Elmar Tophoven auf diese Art:
Stell dir vor, ob dies, ob dies eines Tages, eines schönen Tages, ob eines Tages, eines schönen Tages dies aufhört, stell dir vor.
Es gibt menschgemäß auch englische Übersetzungen, mit „imagine“ und „dissolves“, aber auch mit „just think“ und „stopped“, mit „say all this one day all this one fine day […] ceased say“.
Von David J. Collard etwa wie folgt übersetzt:
say this lot one day this lot one fine day say if one day one fine day all this lot stopped say
Es geht mit diesem Gedicht von Samuel Beckett nicht um Übersetzungen.
Die erste Veröffentlichung von Samuel Beckett ein Essay über Proust, der Veröffentlichungen über Veröffentlichungen zu Lebzeiten folgten. Die einzige Veröffentlichung zu Lebzeiten von Guido Morselli ein Essay über Proust.
Was eines Tages, eines baldigen Tages sich auflösen wird, um das in einem Gedicht zu beschreiben, genügte Samuel Beckett ein Vokabular von sieben Wörtern — „Poèmes suivi de Mirlitonnades“, Les éditions de minuit, Paris 1978.
Ein Jahr zuvor wurde „Dissipatio humani generis“ veröffentlicht, von Guido Morselli, vier Jahre nach seinem Tod. Das Gedicht von Samuel Beckett – warum es nicht so sagen – in der Langfassung eines Romans: „Die Auflösung der Gattung Mensch“.
Ein Roman, vor fünfundvierzig Jahren erschienen, von einem Schriftsteller, um nur bei diesem zu bleiben, mit dem gesagt werden kann, seit siebzig Jahren ausgemalt, was eines baldigen Tages —
Nun nennen sich Menschen, die gegen diesen baldigen Tag aktiv werden, die „Letzte Generation“. Sie sollten sich die „Erste Generation“ nennen. Darin einem Gedanken von Camus, der in „Dissipatio humani generis“ erwähnt wird, folgend: Sie sollen, alle sollen sich Erste Generation nennen, die nicht weiter, wie Generationen vor ihnen, bereit ist, das Unrecht zu begehen, die Geschichte auf diese in einem baldigen Tag endenden Art fortzuführen.
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