Staatsoberhaupt hat seine Pflicht getan.

Martin Thür: Kommen wir zum weiteren großen Thema dieser Tage, dem Ukraine-Krieg. Sie warnen heute auch davor, daß – Zitat – Putin-Freunde versuchen würden nach der Macht zu greifen, aber wie paßt das denn zusammen, daß Sie selbst immer wieder in der Vergangenheit auch Verständnis für Wladimir Putin aufgebraucht haben, so wie auch die Bundesregierungen zu dieser Zeit. Können Sie da glaubwürdig vor Putin-Freunden warnen?

Der Wiederkandididat: Ich bin ja kein Putin-Freund nur deswegen, weil ich meine Pflicht als Staatsoberhaupt und Bundespräsident wahrnehme und selbstverständlich auch zum Präsidenten der Russischen Förderation Kontakte hatte.

Martin Thür: Aber Sie haben ja auch zum Beispiel gesagt, es gäbe keine Vertrauenskrise mit Rußland, Sie haben 2016 im Wahlkampf Verständnis für die Annexion der Krim geäußert. Also Sie haben schon Dinge gesagt, die Sie nicht unbedingt hätten sagen müssen.

Der Wiederkandididat: Hätte ich nicht unbedingt sagen müssen. Und ich habe auch schon zugegeben, auch ich, auch ich, bin von den Ereignissen seit dem 24. Februar dieses Jahres überrascht worden. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Auch their best man, once more, their best man, wurde überrascht von den Ereignissen, die acht Jahre zuvor schon hätten passieren können – hätte dann zwei Jahre später der Kandidat im Wahlkampf Verständnis für die Auslöschung der Ukraine gezeigt? Sechs Jahre nach diesem österreichischen Wahlkampf um das Amt der Bundespräsidentin gibt es nur eine Person, nicht auch noch eine Person, sondern nur eine Person, die überrascht sein kann, nämlich Putin, nur Putin darüber überrascht sein kann, nicht in zwei Wochen Kiew einnehmen zu können

Was ist das nur für eine Seltsamkeit mit der Pflicht in diesem Land Österreich, daß zuletzt alle, gleich welcher Weltanschauung sie anhängen, bloß ihre Pflicht gegenüber diktatorischen Regimen …

„Staatsoberhaupt“ scheint ein Spitzname zu sein, der dem Wiederkandidaten selbst allzu gut zu gefallen scheint, wenn er sich selbst so nennt. In der auch in diesem Interview von ihm wieder einmal ob ihrer Schönheit, ihrer Eleganz, ob der Klugheit der sie Schaffenden gelobten österreichischen Verfassung wird so schlicht wie kurz der „Bundespräsident“ „Bundespräsident“ genannt, ein „Staatsoberhaupt“ kommt in ihr nicht vor, dafür – wenn das Alter der Verfassung bedacht wird, ist es keine Überraschung – ein anderes Wort, das auch Staatsoberhaupt bei jeder ihm gebietenden Gelegenheit gar so eindringlich beschwört, gegen das zu sein, was dieses Wort gebiert, was mit diesem Wort bis heute weiter angerichtet wird … Der Wiederkandidat, der derzeit den Beruf des Bundespräsidenten ausübt, ruft sich selbst beim Spitznamen Staatsoberhaupt, oder der derzeit den Beruf des Bundespräsidentenden Nachgehende meint einer Doppelbelastung durch zwei Berufe ausgesetzt zu sein, die des Staatsoberhauptes und die des Bundespräsidenten, wobei es nach der Verfassung nur den Beruf des Bundespräsidenten … wenn das Alter der Verfassung bedacht wird, überrascht es nicht, daß in dieser der Bundespräsident nur ein Mann ist, daß in dieser nicht festgelegt ist, daß auch eine Frau dieses Amt innehaben kann. Und für Staatsoberhaupt als Fan der Verfassung, die vierundzwanzig Jahre vor seiner Geburt eingesetzt wurde, ist eines klar beantwortet: „Es braucht ihn“. Also den Mann als Bundespräsidenten.

Das ist auch so eine Seltsamkeit in diesem Land Österreich. Es wird schon brav und ordentlich gegendert, wie es modern heißt – öffentlich; es will ganz und gar nicht gehört werden, was dazu gedacht wird … Aber es wird gemacht, das Gendern. Nur, wenn es um das Amt des „Staatsoberhauptes“ geht, sprechen doch alle nur vom „Bundespräsidenten“, vom Mann, der einzig dieses Amt … Auch in diesem Interview beispielhaft Bundespräsident und Interviewer. Sonst ist auch der derzeitige Bundespräsident, auch er, ein geübter, braver und fleißiger Genderer. Wie es „ihn“, meint Staatsoberhaupt am Strand mit dem Horizont vor ihm, braucht, braucht es die Frauen, so ist es nach der nun hundertundzwei Jahre alten Verfassung in Österreich abgesegneten Verteilung, bloß, um zu wählen

PS Es hätte das Kapitel einen anderen Verlauf nehmen sollen, aber es hat sich selbständig gemacht, es hat wohl befunden, es ist wichtiger, darüber zu schreiben, wie die Rollen der Geschlechter in diesem Land seit Gottes Griff in die Mannesbrust … Und das Kapitel will auch nicht, daß es mit dem, was in diesem Kapitel eigentlich geschrieben werden wollte, fortgsetzt wird. Das kann auch, so essentiell es ist , in einem weiteren Kapitel —

Arbeitsprofit

Martin Thür: Eine ganz essentielle Aufgabe des Bundespräsidenten ist die Angelobung. Hundertsechsundfünfzigmal mußten Sie bereits Personen angeloben, in unterschiedlichsten Funktionen. Ein recht ordentlicher Wert. Die hundertsiebenundfünfzigste wird vermutlich Martin Kocher werden. Er soll mit dem neuen Ministeriumsgesetz Arbeits- und Wirtschaftsminister werden. Ist das vernünftig, diese Ministerien zusammenzulegen?

Der Wiederkandidat: Es ist nicht das erste Mal, daß das passiert.

Martin Thür: Sie haben das damals schon kritisiert. Ich habe mir das herausgesucht. Haben Sie gesagt: „Wer bei dieser Politik draufzahlt, liegt auf der Hand“. Und haben das sogar eine „feindliche Übernahme“ genannt, als damals Schwarzblau das Arbeits- und Wirtschaftsministerium zusammengelegt hat.

Der Wiederkandididat: Aber wir haben’s jetzt mit Martin Kocher zu tun. Martin Kocher war vorher Arbeitsminister, nicht Wirtschaftsminister. Martin Kocher, finde ich, weiß sehr genau, was er macht. Er kennt die Mechanismen am Arbeitsmarkt sehr gut. Wenn er jetzt die Wirtschaftsagenden dazubekommt, finde ich persönlich keine Bedenken, was da alles passieren kann.

Their best man on the sea schaut auf den Horizont hinaus, konzentriert auf das Mittelfristige, überlegt das Langfristige. Das Kurzfristige vor ihm auf dem Boden ist nur vom Horizont aus zu sehen, wenn von dem aus auf das Angestrandete —

Wer kommt kurzfristig in diesem kurzsichtigen Land nach der hundertsiebenundfünfzigsten als hundertachtundsiebenfünfzigste Person in das Amt des Arbeitswirtschaftsministeriums? Die Weitsichtigkeit des am Strand am Steuerrad stehenden Kandidaten eine nicht hoch genug einzuschätzende Eigenschaft der Elastizität, die er sich selbst wohl hoch anrechnen wird, erlaubt diese ihm doch, in Situationen, die das opportun erfordern, am Steuerrad herumzureißen, den einst eigenen Kurs … es kann doch nie und nimmer eine „feindliche Übernahme“ mehr sein, wenn das Wirtschaftsministerium von der Person übernommen wird, die vorher nicht Wirtschaftsministerin war, sondern Arbeitsminister —

Es muß tatsächlich keine Bedenken geben, daß kurzfristig eine Person Martin Kocher als Wirtschaftsarbeitsministerin ablösen könnte, die für eine Politik steht, bei der es auf der Hand liegt, wer draufzahlt

Martin Kocher könnte durchaus bis zum Ende dieser Bundesregierung in diesem Amt der Wirtschaftsarbeit bleiben – das nicht ein mittelfristig, nicht ein langfristig, sondern ein kurzfristig eintretendes …

Their best man führt gegenüber dem Interviewenden aus, er, Martin Kocher, sei vorher Arbeitsminister gewesen. Aber war er vorher Arbeitsminister? Freilich, dem Titel nach war es Martin Kocher, aber war er vorher schon ein Wirklicher Arbeitsminister oder nur einer, dem in diesem hofrätlich mit Titeln reichlich gesegnetem Land der Ehrentitel Arbeitsminister verliehen wurde? Martin Kocher kenne, sagt their best man, die Mechanismen am Arbeitsmarkt sehr gut, er wisse sehr genau, was er macht, und, das kann hinzugefügt werden, er, Kocher, weiß ebenso sehr genau, was er mag: Profit.

Es ist in so harten Zeiten mehr als opportun, eine Bundesregierung mit geballter „Wirtschaftsbildung“, um ein Wort eines Mannes aus Steyr zu verwenden, zu haben, nicht nur der Arbeitsminister weiß sehr genau um die Opportunitätskosten, auch der kurz gewesene Innenminister und für kurzfristig eingesprungene Bundeskanzler etwa wäre selbst ein ausgewiesen befähigter Wirtschaftsarbeitsminister, der sehr genau den Profit aus Arbeit zu berechnen weiß.

Ball the bubble

Martin Thür: Sie haben mit Herbert Kickl auch erstmals einen Minister dem Amt enthoben. Sie haben später gesagt, Zitat: er sei eine Belastung gewesen. Aber warum eigentlich, gegen ihn wurden ja keinerlei Vorwürfe im Rahmen von Ibiza erhoben.

Their best man: Darf ich Sie daran erinnern, daß ich Herbert Kickl nicht einfach entlassen habe. Das darf ich nämlich gar nicht, das könnte ich gar nicht.

Martin Thür: Auf Vorschlag des Bundeskanzlers.

Their best man: Auf Vorschlag des Bundeskanzlers Sebastian Kurz. Und diesem Vorschlag bin ich nachgekommen.

Martin Thür: Aber Sie empfanden ihn eine Belastung, also zu dieser Entlassung stehen Sie nach wie vor?

Their best man: Nach wie vor.

Martin Thür: Öffentlich haben Sie Sebastian Kurz nach den Hausdurchsuchungen vom 6. Oktober des letzten Jahres ja nie zum Rücktritt aufgefordert. Haben Sie damals eigentlich hinter den Kulissen gemacht?

Their best man: Was hinter den Kulissen, das heißt, im diskreten Rahmen hinter der Tapetentür –

Martin Thür: Im persönlichen Gespräch.

Their best man: Persönlichen Gespräch besprochen wird, bleibt, ist vertraulich und bleibt vertraulich.

Martin Thür: Aber hätte Sebastian Kurz nach dem 6. Oktober Ihr Vertrauen gehabt?

Their best man: Nach dem 6. Oktober letzten Jahres?

Martin Thür: Nach den Hausdurchsuchungen, nach den ganzen Vorwürfen.

Their best man: Er hat die Konsequenzen gezogen und das ist seine persönliche Entscheidung. Ich habe dann gedacht, wenn Sebastian Kurz ins Parlament geht, als Abgeordneter, als Klubobmann, das wird nicht lange dauern, weil das Parlament ist nicht seine Bühne, das war offenkundig.

Sebastian Kurz, zweimal für kurz gewesener Bundeskanzler, schlägt dem Kandidaten als Bundespräsidenten, das ist auch die Aufgabe einer Bundeskanzlerin, Herbert Kickl als Minister vor, und der Bundespräsident als Wiederkandidat hievt Herbert Kickl in das Amt einer Ministerin. Sebastian Kurz, zweimal für kurz gewesener Bundeskanzler, schlägt dem Kandidaten als Bundespräsidenten vor, Herbert Kickl als Minister zu entlassen, und der Bundespräsident als Wiederkandidat enthebt Herbert Kickl seines Amtes als Minister — ein Ball in diesem nicht videogefilmten Spiel des Sebastian Kurz, des zweimal für kurz gewesenen Bundeskanzlers, das findige Programmierende vielleicht genannt hätten: Ball the bubble.

Der Spielverlauf hätte aber auch dieser sein können, wenn Sebastian Kurz, der zweimal für kurz gewesene Bundeskanzler, sein Spiel gewonnen hätte. Dann hätte Sebastian Kurz als Bundeskanzler Herbert Kickl noch einmal dem Bundespräsidenten für das Amt eines Ministers vorgeschlagen, jedoch für ein anderes Ressort, und der Bundespräsident hätte Herbert Kickl wieder in das Amt einer Ministerin gehievt, wie segensreich das gewesen wäre, das hätten alle Menschen in Österreich kurz darauf erfahren, Österreich coronaerstrahlt —

Und der Wiederkandidat hätte an diesem letzten Montag, 23. Mai 2022, gesagt, wenn er dann je zur Angelobung gefragt worden wäre, er stünde nach wie vor zur Angelobung von Herbert Kickl als Sozialminister

Das Spiel ging anders aus. Das lag nicht am Wiederkandidaten. Der Spieler konnte darauf Vertrauen, bis zuletzt, auch noch bis nach dem 6. Oktober, daß dieser auf der vorgeschlagenen Bahn … Nur, der Spieler brachte nicht mehr alle seine aufgeschlagenen Bälle … Es gab also keinen weiteren Vorschlag, Herbert Kickl erneut in ein Amt eines Ministers zu heben, aber sein Trost für spätere Zeiten wird sein, einst zu seiner Ehr‘ stolz erzählen zu können, der Herr Bundespräsident habe ihm gedankt …

Gespielt aber muß werden, und es wird weiter gespielt, und jetzt will der Kandidat selbst spielen, nicht mit Bällen, sondern mit Karten

Die erste Karte spielte er kurz vor den letzten Weihnachten aus und gleich den Joker als große Ansage in großer Zuversicht, wieder damit …

„Das ist glatter Betrug so etwas!“

Martin Thür: Der wohl berühmteste Satz Ihrer ersten Amtszeit ist das bekannte „So sind wir nicht“, gesagt nach Ibiza, gemünzt ganz dezidiert auf Heinz Christian Strache und seine Aussagen dort. Nach den zahlreichen Chat-Affären und Korruptionsermittlungen gegen Mitglieder der ÖVP-Bundesregierung habe ich ähnliche klare Worte von Ihnen nicht gehört. Was ist denn an Ibiza anders als an der ÖVP-Chat-Affäre?

Their best man: Da sehe ich schon deutliche Unterschiede. Wenn Sie sich erinnern an diesen Freitag, glaube ich, wo im ORF abends dieses Video gespielt wurde, da waren doch drei Dinge. Der bewußte Versuch der Untergrabung der Pressefreiheit, Stichwort Übernahme der Kronen-Zeitung, da war, das, äh, äh, der Versuch in dieser Rede zu erklären, wie man denn Ausschreibungen so manipulieren kann, daß sie nur einer bestimmten Firma zukommen und anderen nicht. Das ist, das ist glatter Betrug so etwas. Und den dritten Punkt, was war der dritte Punkt überhaupt? Es waren jedenfalls Sachen, wo man sich sagen mußte, so geht das wirklich nicht, ein Politiker, der so denkt, ist in seinem Amt fehl am Platz.

Martin Thür: Aber bei der ÖVP, die Vorwürfe gegen Sebastian Kurz und seine Mannschaft, gegen Sophie Karmasin und gegen andere sind ja geschobene Umfragen, auch die Beeinflußung von Medien, zum Teil auch der Einsatz von Steuermitteln dafür. Das erinnert Sie nicht auch an Ibiza?

Their best man: Meines Wissens ermittelt hier die Justiz, die Staatsanwaltschaft wird bei passender Gelegenheit zu entscheiden haben, wird das Verfahren fallengelassen oder gehen sie vor Gericht. Und bis dahin gilt für mich die Unschuldsvermutung.

Martin Thür: Das tut sie auch bei Ibiza.

Ein Videospiel. Gespielt bis tief in die Nacht hinein. Und wenn Männer spielen, muß es mit viel Alkohol sein. Aufgedunsen durch Alkoholika und, spielen Männer auch noch vor Frauen, plustern sich Männer, um Frauen zu gefallen, zusätzlich auf, ihr Gelalle summt ihnen wie der schönste Lockgesang im eigenen Ohr.

Ein Videospiel – ohne „Einsatz von Steuermitteln“, ohne „Beeinflußung von Medien“ – löst beim Kandidaten aus, zu denken, „ein Politiker, der so denkt, ist in seinem Amt fehl am Platz“, das ist dem Kandidaten „glatter Betrug“, beweist der Kandidat, frei von jedweder Unschuldsvermutung zu sein, so gar recht unabhängig, Schuld und Unschuld zu vermuten.

Das Amt, für das der „Politiker“ dem Kandidaten nach dem Videospiel „fehl am Platz“ war, plötzlich fehl am Platz war, erhielt dieser von dem Kandidaten höchstselbst zu einem Zeitpunkt, als sein alkoholfreies und gesangloses Denken mehr als bekannt war, sein durch Handlungen und Verbindungen offenbartes Denken

Es könnte Ironie genannt werden, daß dieser „Politiker“ ausgerechnet auf einer Insel vom Platz fiel, während er auf der sicheren Insel für sein Gedankengut auf den Platz gehievt wurde, durch den Kandidaten auf den Platz auf der gesinnungsseligen Insel gelobt wurde.

Ein Kandidat, der denkt, daß „ein Politiker, der so denkt“ …

Recht genau weiß der Kandidat die Unterschiede im So-Denken der „Politiker“, die er an seinem Hauptleistungstag – das Interview mit Martin Thür war auch an einem solchen Tag – in die videospielfreien Ämter brachte, zu benennen. Es ist nicht der dritte Punkt, der dem Kandidaten nicht einfiel, aber ein Punkt, der recht schön die Unterschiede belegt. Wie des Kandidaten Denken auch ganz um das Wohl der Kinder kreist, ist des unterschiedenen „Politikers“ Denken ein durch und durch Denken um das Wohl der Kinder, daß es ihnen „gar …“

Der Fragekandidat fragt Martin Thür:

„Erinnern Sie sich an gar nix?“

Ja, doch, an vieles, das hat Martin Thür sich nicht nur gedacht, sondern auch ausgesprochen, und vor den Bildschirmen werden sich Menschen an vieles weitere erinnert und sich notiert haben, für den ihm Tag im Spätherbst, der kein Montag …

„Erinnern Sie sich an gar nix?“

Martin Thür: Herr Dr. Van der Bellen, Sie bewerben sich um eine zweite Amstszeit. Ihr Wahlspruch beim letzten Mal war ja: „Mutig in die neuen Zeiten!“ Ein Mut, den viele Kommentatoren dieser Tage bei Ihnen vermißt haben. Wo hat man ihn bei Ihnen in den letzten fünf Jahren gesehen, bemerkt?

Der Kandidat: Das überrascht mich jetzt etwas, weil da wohl ein Mißverständnis über das Amt eines Bundespräsidenten dahinterstehen muß. Um eine Metapher zu wählen. Der Bundespräsident, wenn er am Meer stünde, schaut auf den Horizont hinaus und überlegt sich, was mittel-, langfristig sein sollte, sein könnte, worauf er reagieren wird und er wird nicht jede einzelne Welle im Auge haben, die sich da vor seinen Augen kräuselt. Also aus der Tagespolitik, finde ich, nicht vollkommmen, aber doch weitgehend heraushalten und sich auf die wesentliche Dinge konzentrieren.

Wie können sich Kommentatorinnen nur so schuldig machen, durch ihr Mißverstehen des Amtes einer Bundespräsidentin? Wie können sich Kommentatoren nur so schuldig machen, durch ihr Ernstnehmen der Aussage eines Kandidaten? „Mutig in die neuen Zeiten!“ Eine Metapher wohl auch, bloß eine Metapher, vielleicht aber schon mehr, des Kandidaten erstes Gedicht, der in harten Zeiten dem Volke noch fremde Versen zum Trost vorträgt, noch mit fremden Versen Mut …

Mehr Mut, könnte dem Kandidaten zugerufen, Mut zu mehr eigenen Gedichten. Es besteht kein Zweifel darüber, daß ein Mann mit seinen Erfahrungen, mit der Inspiration des Meeres und des Horizonts, ein Alterswerk zu erschaffen imstande wäre, das solitär …

Den Mut hat sich, einfach wie kurz gesagt, dann ein anderer ausgeborgt, und damit war der Mut abgezogen —

Martin Thür: Aber es gibt’s ja doch Entwicklungen in diesem Land, die wahrscheinlich mehr sind, als nur eine kleine Welle, die sich in der Tagespolitik bricht, zum Beispiel die Frage der Korruption. Sie haben heute in der Pressekonferenz das sanierungsbedürftige Parlamentsgebäude so als Gleichnis für die Innenpolitik und den Zustand der Politik erwähnt. Aber was haben Sie denn in den vergangenen fünf Jahren dazu beigetragen, daß die Politik in Österreich sauberer wird, demokratischer, korrekter?

Der Kandidat: Ah ja, erinnern Sie sich an gar nix? Na. Äh, muß schon sagen, natürlich waren einzelne Dinge, sagen wir mal, besorgniserregend, als Sittenbild einer Republik. Ich finde, vieles wurde, sagen wir mal, etwas übertrieben. Ich finde, die Justiz arbeitet korrekt. Urteile sind so gut wie keine, mit zwei, drei Ausnahmen vielleicht, noch ergangen. Und für mich gilt im Wesentlichen in solchen Fragen die Unschuldsvermutung, das sage ich Ihnen auch.

Das nächtliche Interview ist vom letzten Montag. 23. Mai 2022. Stunden zuvor gab es an diesem letzten Montag die Pressekonferenz, in der their best man sich erklärte, und er wählte dafür seinen Tag: den Montag, der sein absoluter Leistungstag —

„Erinnern Sie sich an gar nix?“

„Na.“

Wie mutig, tapfer tritt der Kandidat immer wieder, so auch am letzten Montag, dafür ein, daß für Menschen die „Unschuldsvermutung“ zu gelten habe, bis …

Der Horizont am Meer eine Linie, auf die der Kandidat schaut, daß diese nicht für die Falschen überschritten, das ist ihm weder eine mittelfristige noch eine langfristige, sondern eine werk- wie feiertags zu erfüllende Pflicht, ihm „eine spannende Aufgabe“, wie er am letzten Sonntag in einer Presseaussendung verlauten ließ, gehaltvoll: „Ich kann mir nichts Sinnvolleres vorstellen.“ Um diese seine schöne Aufgabe des Einsatzes für die „Unschuldsvermutung“ recht zu würdigen, wird es noch weitere Kapitel …

Heute soll dieses Kapitel mit einer Anmerkung zur Presseaussendung von their best man geschlossen werden, mit der dieses Kapitel zu beginnen war, auch wenn die Anmerkung im Schriftbild nicht am Beginn steht:

Mittelfristig, mehr langfristig, sehr langfristig wird es vielleicht einen Kandidaten geben, der seine Kandidatur mit den Worten bekanntgibt: „Ich kandidiere für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten und der österreichischen Bundespräsidentin.“

Their best man hat das in seiner Presseaussendung vom letzten Sonntag nicht geschrieben. Er schreibt: „„Mein Name ist Alexander Van der Bellen, ich kandidiere für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten und bitte um […]“ Er spricht durchweg vom Bundespräsidenten als Mann.

Soweit bis jetzt bekannt wurde, 29. Mai 2022, sind es auch bloß Männer, die in dieses Amt drängeln wollen. Er schreibt also der Wirklichkeit nach, und beweist damit seinen Wirklichkeitssinn. Aber wo bleibt für einen am Meer stehenden Mann, der auf den Horizont schaut, der Möglichkeitssinn? Es kann eben, so wird er in seiner Vorstellung sein, dieses Amt nur einem Mann zustehen. Er ist ein Mann, der die Frage, ob es „das Amt des Bundespräsidenten brauche“ Martin Thür für sich endgültig beantwortet hat, für their best man ist die Frage „ad acta“ gelegt: „Es braucht ihn.“

„Mag schon sein, aber was bringt das jetzt?“

Wenn Sie zu raten hätten, in welcher Zeit dieser Satz gesprochen wurde, Sie würden spontan vielleicht sagen: 1945.

Was könnte so einer in Freundlichkeit gemantelte Frageforderung zum Schweigen über das Passierte Argumente geliefert haben, wie könnte so ein Wegfragen begründet worden sein? Es werden wohl Sätze gewesen sein, die ähnlich diesen, dem Inhalt und auch dem Pathetischen nach:

Mag schon sein, aber was bringt das jetzt? Es komme nun darauf an, was „hier und jetzt“ passiere.

Das Zitierte ist nicht aus 1945. Kurz ist es her, daß dies gesagt wurde, im März.

Und was nun hier und jetzt passiere, zu passieren habe, wurde kurz später ausgeführt, im Mai:

„Zuversicht steckt an. Zuversicht steckt an. Zuversicht entfesselt neue gemeinsame Vorwärtsenergien. Wir müssen weiterkommen, wir wollen weiterkommen. Wir müssen daran glauben, daß eine Veränderung zum Guten möglich ist, denn alle Veränderung beginnt mit diesem Glauben. Aber Ibiza war noch lange nicht alles. Alle waren noch dabei, ungläubig den Kopf zu schütteln, über das was möglich war in unserer Republik, und dann kam die Pandemie über uns.

Und die daraus resultierenden ökonomischen Opfer, die wir bringen müssen, sind der Preis für Freiheit […] Zukunft in Frieden […] unsere Wirtschaft auf solide, nachhaltige, zukunftsweisende Beine stellen, stärker, moderner, zukunftsfähiger, weil unabhängig von Tyrannen, die am Gashahn oder am Bohrloch sitzen […]“

Zwischen Ibiza und Pandemie und Krieg doch allenthalben eine Zeit des Verschnaufens, eine Zeit in der nichts geschieht, in diesen harten Jahren doch immer mal wieder auch Momente der Besinnung, für die der Kandidat sorgte, mit seiner Rückbesinnung auf das Gute, Schöne und Wahre, seiner Erinnerung, daß besonders die Lyrik gerade in recht harten Zeiten Zuflucht, Trost, Auszeit —

Und wie gut wußte der Kandidat auch diese Augenblicke der Handlungslosigkeit, der Ereignislosigkeit, des Durchatmens zu nutzen, den Menschen in Österreich ein pflichterfüllter Hirte zu sein, ihnen mit ganzem körperlichen Einsatz beizustehen und zu weisen, was not —

So schön wie die von ihm aufgesagten Verse sind dem Kandidaten die österreichische Verfassung und die von ihm beurkundeten Gesetze …

zukunftsweisender, zukunftsfähiger, also will er zumindest die Wirtschaft, und nennt sich wir, auf solide, nachhaltige Beine stellen, stärker, moderner, weil unabhängig von Tyrannen, die am Gashahn oder am Bohrloch sitzen … die Bundesregierung rannte sogleich zu den von ihm in ein lyrisch gestelltes Bild Sitzenden, und nennt sich nicht wir … von welchem wir spricht wir, wenn wir sagt, wir wollen …

Wir spricht nun, wieder in das Stadium des Kandidaten versetzt, viel von Unabhängigkeit, wir sind unabhängig, und diese seine Unabhängigkeit dünkt dem Kandidaten eine erste positiv benotete vorwissenschaftliche Arbeit auf dem Weg zur Matura, die der mit Zuversicht über Zuversicht angesteckte Kandidat zu bestehen meint, und noch etwas, auch das läßt ihn mit Zuversicht in den Spätherbst blicken, wie viele herzensgute Worte rannen von ihm jenen entgegen, die unabhängig sind, von ihnen weitab zelebrierten Werten, die ganz fern sind von den Werten, die wir in Beschwörungsformeln so eindrucksvoll zu fassen vermögen …

Österreich, wo Geschichte als Posse der Farce sich wiederholt

Es war, 1945, es begann im Grunde schon kurz davor, die Farce, daß Österreich sich als Opfer des deutschen reiches, unschuldig an den Massenverbrechen, an den Massenmorden des Nationalsozialismus …

Wie es zu dieser Farce kommen konnte, ist leicht nachvollziehbar. Es gibt in der Geschichte nichts, das unerklärlich ist. Unerklärlich ist, wenn etwas unerklärlich gesehen werden will, höchstens die Fortsetzung, die, so die unaufhörlichen Beteuerungen, nicht geschrieben werden will

In der Geschichte gibt es nichts, das unerklärlich ist. Es muß bloß stets die Gegenwart herangezogen werden, um verstehen zu können, wie es zu irgendwas in der Vergangenheit kommen konnte.

Die Gegenwart, etwa in Österreich, wo sich eben diese Farce als Posse wiederholt.

Der Kandididat für das Amt der Bundespräsidentin mit seiner Verkündigung vom letzten Montag, weiter Kandidat sein zu wollen, zeigt vor, wie es zur Farce, nun wiederholt als Posse, kommen konnte, wie leicht Teile der Wirklichkeit zum eigenen Nutzen, zum eigenen Vorankommen, zur eigenen Rechtfertigung ausgeblendet werden können.

Schauen Sie, die letzten Jahre waren für uns alle außergewöhnlich hart […] Aber, daß es gleich so dick kommen würde, haben wir nicht vorausgesehen. Erinnert sich noch jemand an Ibiza? Die Ausläufer dieses Skandals beschäftigen uns bis heute. Belasten unsere Republik bis heute. Diese Sittenbilder und ihre Folgen haben das Vertrauen der Österreicherinnen und der Österreicher in die Politik bis ins Mark erschüttert. Ich habe damals gesagt, so sind wir nicht […] Aber Ibiza war noch lange nicht alles. Alle waren noch dabei, ungläubig den Kopf zu schütteln, über das was möglich war in unserer Republik, und da kam die Pandemie über uns, und mit der Pandemie Krankheit, Angst, Sorgen, Sterben von geliebten Menschen Vereinsamung, aber auch Spaltung, Streit, eine Bedrohung für viele unserer Arbeitsplätze, für unsere Wirtschaft insgesamt, für unseren Zusammenhalt, für unser aller Leben. Ein Riß ist damals ins Land gegangen, bis heute vielleicht, er hat sich ins Land gegraben, quer durch Freundschaften und Familien. Die Angst und die Verunsicherung, die in dieser Zeit entstanden sind, mit der werden wir uns noch einige Zeit herumzuschlagen haben. Aber wir müssen sie überwinden, wir wollen sie überwinden, wir werden sie überwinden. Und dann, dann der Kriegswahnsinn. Vladmir Putin hat die Ukraine attackiert. Das Leid und das Elend, daß Putin über die Ukraine gebracht hat, macht uns alle betroffen und es betrifft uns auch alle, ob wir das wollen oder nicht. Der Preis der Freiheit wird zunächst vom ukrainischen Volk bezahlt. Aber auch wir bezahlen gerade einen hohen Preis. Die Lebenshaltungskosten steigen in direkter Folge des Kriegs. Die Preise für Energie steigen in direkter Folge des Kriegs. Unsere Sanktionen gegen Rußland sind unser Einsatz für Freiheit und Demokratie. Und die daraus resultierenden ökonomischen Opfer, die wir bringen müssen, sind der Preis für Freiheit und Demokratie. Aber auch diese Herausforderung werden wir überwinden. Europa sieht seine Zukunft in Frieden und Freiheit. Ein Frieden und eine Freiheit, die wir noch wachsamer schützen und entschlossener verteidigen werden müssen. Wir werden unsere Wirtschaft auf solide, nachhaltige, zukunftsweisende Beine stellen, stärker, moderner, zukunftsfähiger, weil unabhängig von Tyrannen, die am Gashahn oder am Bohrloch sitzen […]

Der Kandidat – zurückübersetzt ins Englische: their best man – will mit seiner Geschichtsschreibung der letzten außergewöhnlich harten Jahre durchkommen, er möchte weiter das Schlafzimmer dienstlich bewohnen; wer könnte es ihm verdenken, die bequeme Macht der Gewohnheit, wer erliegt dieser nicht —

Was wurde nicht alles, obgleich alles gewußt wurde, in der Farce ausgespart, was spart their best man alles, obgleich er alles weiß, in der Posse aus. Seine Geschichte der letzten Jahre, auf die er, wie er sie meint, zu seinen Gunsten sich mit sich selbst verständigt hat: Ibiza, dann die Pandemie, dann der Krieg …

Sie werden sich daran erinnern, was their best man alles ausläßt, was über allem bereits davor, während und weiter Ibiza, Pandemie, Krieg … Ob der parteipolitische Haupttäter, für den im Rechtlichen die Unschuldsvermutung gilt, die their best man jetzt immer anführt, wenn er auf das von ihm Ausgelassene angesprochen wird, sich bei ihm auch für die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ bedankt hat, wie their best man bei ihm?

Wenn es nicht um seinen Haupttäter geht, dann war dem Wiederkandidaten die „Unschuldsvermutung“ schon mal kein Anliegen, also nur dann, wenn dieser aus der Ibiza-Partei — Sie werden sich erinnern, wie das mit dem Mann und dem Liederbuch ausging, von dem der Wiederkandidat den Rücktritt verlangte … Es war eben, zusätzlich, ein Fall, mit dem der Wiederkandidat beweisen konnte, wie ernst er all die von ihm besuchten Veranstaltungen nimmt, daß er sich von diesen sehr wohl in seinen Handlungen in der Gegenwart leiten läßt, er zu Recht ein Gedenkabo

Their best man hat, das soll nicht verschwiegen werden, einmal das „Sittenbild“, mit dem er einmal nicht Ibiza meinte, angesprochen, sich sogar, als dafür falsche Person, entschuldigt und zugleich mit der ihm nicht zustehenden Entschuldigung dieses Sittenbild sofort der gesamten Politik angelastet und nicht einzig der dafür verantwortlichen Partei. Es mögen manche diese seine Worte interpretiert haben, als Vorwurf gegen diese eine einzig dafür verantwortliche Partei mit ihrem im Grunde doch kurz gewesenen Obmann. Aber their best man ist kein Philosoph als Staatsmann, das zu interpretieren ist, their best man ist, einfach wie kurz gesagt: schlicht ein Bundespräsident —

Nun begann their best man am letzten Montag seine ihm zur Selbstschmeichelung aufgesetzte Geschichtserzählung mit Ibiza. Das war klar, die FPÖ-Karte muß gezogen werden, wie es seit dem Dezember 2021 klar war, daß er wieder kandidieren wird, als er die Kurzinnenminister-Karte zog.

Their best man ist auch ein Mann, der von der Pflicht spricht, wie im Interview in der letzten Sonnntagnacht. Zur Pflicht gehört der Befehl. Vielleicht war ihm der auch schon im letzten Jahr geäußerte Wunsch eines Mannes, der auch Präsident ist, Befehl, wieder zu kandidieren?

In Anbetracht der Würde und der Höhe dieses Amtes ist es nur billig und recht, nicht alles, was their best man zu seiner Wiederkandidatur am letzten Montag verkündet hat, in einem einzigen Kapitel zu erzählen.

Die Achtung des Amtes erfordert es, dies auf zwei oder drei Kapitel — —

Ein Bild sagt zwar nicht mehr als tausend Worte, aber eine Aufnahme alles …

Es gibt Fotographien, die … es gibt also tatsächlich das berühmte Bild, das zwar nicht mehr als tausend Wörter, aber alles sagt, so wie diese Aufnahme alles sagt, das zu Sebastian B. M. geschrieben werden könnte, so einfach wie kurz …

Wem diese Aufnahme aber nicht reicht, kann an anderer Stelle ausführlich lesen, auch was ergänzend zu —

Es sagt ergänzend auch dies, daß es diesem Mann selbst schmeicheln wird, seinen Namen in einer parlamentarischen Anfrage zu lesen. Und sollte einst der Dritte im Bunde, der auf dieser Fotographie ebenfalls zu sehen ist, Bundespräsident geworden sein, daß dieser sich so heftig mit Menschen, die an einer Hand abzuzählen sein sollten, wünscht, würde Sebastian B. M. drängeln, um auch mit ihm in einer Fotographie festgehalten zu werden, das bloß wiederholte, was diese Aufnahme schon von ihm preisgibt. Vergessen würde dann dafür sein, das gegenseitige wöchentliche Bewerfen mit kaltem Verbaldreck …

In einer dieser Verbaldreckwurfsendungen in der ersten Hälfte des Jahres 2022 sagt Sebastian B. M., gerichtet gegen demonstrierende Menschen, sie sollten gescheiter was hackeln als … Das Enkerl wird, was es ist, sein Großvater der Generation von Müttern und Vätern, die vor allem in den 70er Jahren das von der Hackelei demonstrierenden Menschen entgegenschleuderten, als sie erschreckt —

Das Ergänzende hätte gar nicht geschrieben werden müssen, zu dieser Aufnahme, aber es fällt so vieles ein zu diesem Bild, das alles …