RSO wird als RS 0 fortgeführt

Viele machten und mußten sich in den letzten Tagen Sorgen machen, Zehntausende unterschrieben sogar eine Petition für den Erhalt des RSO. Wie nun zu vernehmen ist, es wird mit RS0 fortgefahren, die Zukunft gesichert, auch dadurch, die Marke auf einen dynamischeren Namen zu ändern: RS 0 — und es wird dafür viel Geld in die Hand genommen, mehr Geld denn je, waren es für RSO bisher neun Millionen im Jahr, so sollen es nun für RS 0 zwanzig Millionen … allein für eine ganz der Moderne verschriebenen Veranstaltung zwei Millionen …

Menschgemäß muß der ORF und mit ihm sein Generaldirektor auch für dieses Kulturbekenntnis, für diese massive Förderung der Kunst, für diese ihre Liebe zu neuen Tönen herbste und also ungerechtfertigtste Kritik einstecken.

So schreibt etwa eine Tageszeitung zu diesem ganzjährigen Grand Prix der Moderne:

Den ORF kostet dieser Unsinn mehr als 2 Millionen Euro – mehr als eine Million Euro an Produktions-Kosten für die RS-0-Übertragungen (alle Proben, Vor- und Nachberichte) an insgesamt drei Tagen – Immer zeitgleich und parallel mit Servus TV. Und rund eine weitere Million an anteiligen Rechtekosten für diesen RS-0-Grand Prix. Der Irrsinn daran: Der ORF zeigt genau dasselbe Bild wie Servus TV bei den Übertragungen und sehr ähnliche Interviews und Backstage-Berichte davor und danach. Heißt: Die Gebühren-Zahlenden sehen den RS-0-Grand Prix von Österreich zeitgleich (!) in ihrem Kabel- und Sat-Angebot zweimal – einmal GRATIS auf Servus TV, und einmal um 2 Millionen Gebühren-Geld am ORF. Insgesamt kostet der gesamte RS-0-Wahnsinn den ORF im kommenden Jahr angeblich mehr als 20 Millionen Euro (rund 15 Millionen an Rechte-Kosten und angeblich an die fünf Millionen an „versteckten“ Produktions-Kosten) – ein völlig unnötig verschwendetes Gebühren-Geld, weil sonst nämlich Servus TV die Rechte an allen RS-0-Übertragungen gekauft hätte und der ORF sich 20 Millionen Euro ersparen hätte können.

Es sollen zu dieser zukunftsweisenden Entscheidung, die der ersten Formel des Erfolgs verpflichtet ist, die Fortführung unter dem Branding RS 0 zu garantieren, bereits viele von der sogenannten Verantwortungsspitze des Landes, die schon zu harten strafrechtlichen Maßnahmen greifen wollten, äußerst positiv gemeldet haben, es sei dieser, wie allen voran auch der sie Anführende sich ausdrückte, fortgesetzten unverantwortlichen Werbung für das Gib-Gummi-zum-auf-der-Straße-Kleben oder, wie es einst einer der ersten Formel Verpflichtete selbst für einen Moment bereits hellsichtig erkannte, für das Warum-soll-ich-wie-ein-Trottel-mit-den-anderen-im Kreis-Gummi-kleben

Prova d’Austria

Eine Tuba erbläst noch keinen Winter, und ein Präsident noch keinen Herbst, das ihm anzulasten wohl ungerecht wäre, und ihm auch noch zu viel Einfluß bescheinigte, daß seine Probe des geblasenen Blechs Auftakt gewesen wäre, die im Grunde doch nur eine der vielen Proben für das, was nun auch in seiner Probe der Generaldirektor aus dem österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu machen ihm vorgegeben gewillt ist: einen noch österreichischeren …

Eine einschneidende Probe des Noch-Österreichischeren gab in der tiefsten Coronazeit, einfach wie kurz gesagt, die Bundesregierung, als sie ebenso planlos aber ganz ihrer Identität hörig wie nun der vor allem von einer der Regierungsparteien installierte Generaldirektor den

Traum der idealen österreichischen Identität: Der fressend, saufend und betend kulturlos und kunstbarbarisch schifahrende Mensch

Geblasenes Blech

Als Alexander Van der Bellen in seiner heurigen Neujahrsansprache in seiner umfassenden Aufzählung der Menschen in diesem Land, die Aufgaben erfüllen, die Aufgaben der Künstler für „unseren Erfolg als Gemeinschaft“ nicht erwähnte, er für die Künstlerinnen keine Aufgaben in diesem Land sah, die diese erfüllen, um „unseren Erfolg als Gemeinschaft“ zu ermöglichen, wurde gedacht, ein Präsident allein vertreibt noch keinen Sommer, und wenn für ihn als einzelnen die Kaunertalisierung Erfolg war, so soll es ihm …

Kaum zwei Monate später aber spricht der Generaldirektor des österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dieser, der Rundfunk, solle österreichischer werden —

Österreichischer

Das ist so eine der Ankündigungen, die gemeinhin wohl gezählt zur Kategorie der gefährlichen, der gemeingefährlichen, der gemeinschaftsgefährdenden …

Was kommen wird, wenn diese Ankündigungen umgesetzt sein werden, der Präsident hatte im letzten September bei seinem Einzug ins Kaunertal eine Probe gegeben, wird das, wenn der ORF noch österreichischer sein wird, das Vorgesetzte sein: Geblasenes Blech

Es geht nicht nur um das Orchester, es geht etwa auch um das Klassikportal, und der Breitensport soll auf ORF 1 … das wird den Präsidenten mit seinen sportlichen Vergleichen freuen, dem das Land ohnehin schon eine Sportnation … und ist nicht Sport der Kultur höchste Kultur, zu der ein Land wie Österreich …

Das wäre wirklich eine Kulturschande für eine Nation, die sich auf Kultur beruft, als wäre die ihr zweiter Vorname: Kulturnation! Und wollen ein Orchester einfach wegrationalisieren, das auch neue Musik spielt und außerdem einen weiblichen Chef hat. Ausradieren die blöden Instrumente.

Wir wissen besser, welche Instrumente wir brauchen, das ist ihr Leitspruch. Unsere Instrumente stimmen! Und was stimmt, entscheiden wir. Wir haben das Instrument der Korruption, das Instrument der Vetternwirtschaft (da gibt es keine weibliche Form), das Instrument der fetten Sparprogramme und das Instrument des Schlaucherltums und noch ein paar andre misstönende Geräte, aus denen nie was rauskommt.

Wir hören nichts, doch wir wissen, wir wollen was andres hören! Das RSO darf nicht weggestrichen werden, die Aufgabe der Streicher ist eine andre, und zwar: gehört zu werden!

Elfriede Jelinek, 22. Februar 2023

Kloepfer

Wie lieb ein Buch in die Kamera gehalten wird, ach, ein harmloses Buch, nur ein Bändchen Gedichte, mit einem gar so friedlichen wie sinnigen Titel: „Joahrlauf“, von Hans Kloepfer, aus dem Verlag, für den auch der Präsident schon mal lieb ein Buch in die Kamera hält, wohl auch ein ganz und gar harmloses Buch, das kein reines Bändchen mit Gedichten, das der Soldateska zur Verpflegung in den Tornister gesteckt werden kann, wie die Bändchen des Hans Kloepfer in die Rucksäcke der Soldateska gesteckt werden konnten, die sie wohl nähren sollten, wenn zum Stillen des Hungers kein Brot mehr, die der Soldateska eingepackt als Speck, sie zu kräftigen zum Weiterkämpfen —

Ein weitere Fotographie zeigt die Schautafel „Die Stimme Hans Kloepfers“… Vielleicht erinnerte sich die Soldateska , wenn sie in den Pausen zwischen Gemordetwerden und Morden sich satt las, an seine Stimme, und fühlte sich von ihm direkt angesprochen, alle „Buabn“ persönlich einzeln von ihm mit Hoffnung und Zuversicht gefüttert: „Wanns d‘ hoamkimmst, mei Bua“ —

Heimgekommen sind sie, aber nicht zu ihm, in seine warme steiermärkische Stubn, in der auf dem Tisch nicht Gedichtbändchen zum Verzehr, zum Stillen des Hungers und des Durstes, sondern Brot, Speck, Wurst, Eier und Schilcher

Heimgekommen sind sie, die Buabn, aber nicht mit dem Zug, auch nicht in Särgen, sie wurden einfach liegengelassen, auf irgendeiner Erde, einfach dort zurückgelassen, wo sie heimkamen und fortan ihnen ihre Heimat, die einzige Heimat als ihre Belohnung, die ihnen von der Heimat, von der sie ausmarschierten, je zugedacht, je zugebilligt —

Aber um Hans Kloepfer soll es nicht mehr gehen, zu viel schon zu ihm geschrieben, nicht um der Vergangenheit will, sondern einzig, weil von ihm in der Gegenwart nicht gelassen werden will, wieder und wieder für ihn sich Menschen betätigen, ihnen seine Heimaterdgesinnung weiter Nahrung sein will, obgleich die Speisekammern voll sind mit Brot, Speck, Wurst, Eier, Schilcher, kein Mensch hungern, dursten, frieren, ohne Sarg, ohne Urne heimkommen muß

Auf dem so lieb auf die unschuldigste Weise in die Kamera gehaltenen Gedichtbändchen ist zu lesen: „Hans Kloepfer Joahrlauf Gedichte in steirischer Mundart Mit Holzschnitten von […]“

Von diesem Schnitzer, der auch ein Meister aus Österreich ist, ist noch zu erzählen, ebenfalls einzig der Gegenwart wegen, von diesem Holzmeister, dem die Erziehung auch recht, recht wichtig war, wie ein von ihm bereits vorgestellter Holzschnitt —

Er hat einen Namen. Bevor aber sein Name in einem Kapitel doch zu nennen sein wird, soll von ihm ein weiterer Holzschnitt gezeigt werden, den er mit einem Spruch versah, als wäre dieser von ihm selbst —

Wer sein Volk liebt, beweist es einzig durch die Opfer, die er für dieses zu bringen bereit ist.

oder von ihm dem Tirolerischen in den Mund gelegt, der auch heute noch für nicht wenige ein Idol so recht, recht nach deren Heimaterdgesinnungsgeschmacke

„pennale Studenten- und Absolventenverbindung Hans Kloepfer zu Voitsberg/Köflach – ein wesentlicher ideologischer Wegbereiter des Nationalsozialismus in der Weststeiermark“

Das

Nicht teilen wir die politische Einstellung von Dr. Hans Kloepfer in der Zeit nach 1938!

ist am 20. Februar 2023 auf der Website der „pennalen Studenten- und Absolventenverbindung Hans Kloepfer zu Voitsberg/Köflach“ zu lesen, nicht zu lesen ist auf ihrer Website der zweite Teil der Überschrift: „ein wesentlicher ideologischer Wegbereiter des Nationalsozialismus in der Weststeiermark“ …

Sie, die Verbindung, bekennt sich also, da sie das nicht ausschließt, zur kloepferisch-ideologischen Wegbereitung des Nationalsozialismus

Ihre Mitglieder bekennen sich zur Pflege des deutschen Volkstums in Brauch, Wort und Lied und stehen zur Mensur.

Das ist von der Verbindung in einen Satz gebracht, den Hans Kloepfer ohne Einschränkung mit ihr, der Verbindung, zu jeder Zeit teilte, lebte, der für sie noch lebendig, er noch und er würde ihren Satz heute ebenso wie sie formulieren, vielleicht sogar ihr zur Ehre unverändert übernehmen, diesen an die Zeit angepaßten Satz, also nicht mehr so direkt ausgesprochen wie einst, als es, auch von ihm, noch so direkt:

Ein einziges, freies, glückliches und ewiges Deutschland, ein Deutschland, das alle umfaßt, die desselben Blutes und derselben Sprache sind.

Hans Kloepfer war, wie Sigfried Uiberreither in seiner Grabrede auf Hans Kloepfer, dabei wohl mit Stolz auf die aus Berlin oder aus der Wolfsschanze geschickten Ehrenkränze blickend, ein „Kämpfer der Verbotszeit“

Wenn sie „die politische Einstellung von Dr. Hans Kloepfer in der Zeit nach 1938 nicht teilen“, teilen sie dann mit ihm,

teilt die Verbindung dann mit ihm, „Kämpfer der Verbotszeit“ zu sein? Es gab in Österreich bis zum 13. März 1938 die Verbotszeit für die kloepferische Ideologie, wie es die Verbotszeit ab dem 8. Mai 1945 für die kloepferische Ideologie wieder gibt.

Das Kämpfen will geübt sein, und wie kann das Kämpfen recht geübt werden, im Fechtkampf, auf den die Mitglieder auch dieser Verbindung stehen. Und nach solch einem Kampfe darf eine Belohnung nicht fehlen, und was sind die rechten Belohnungen nach solch einem brav gefochtenen Kampfe, auch als pädagogischen Ansporn, weiter brav — die „Akademikerbälle“

Und zum Vorglühen, ehe es auf den Ball geht, eine Schnurre über den Heimatdichter, mit dem geteilt wird und nicht geteilt wird, vom streifzüglerischen Kulturwissenschafter in einer Tageszeitung, von solch einem bleibenden Wert wie die kloepferschen Gedichte, aufbewahrt von dieser Verbindung auf ihrer Website mit ihrem Postkasten Hans Kloepfer …

Wie in Eibiswald, so in Köflach – Wissen, was ist

Was in Eibiswald, im Geburtsort von Hans Kloepfer, an „Wissen was war“ zu erfahren ist, wurde in „Oft vergessen“ erzählt. Nun soll noch erzählt werden, was in Köflach, im Sterbeort von Hans Kloepfer, zu erfahren ist, gemäß dem offensichtlichen Leitspruch des Museums Köflach: „Wissen war war“ …

Wie in Eibiswald, so in Köflach.

Damit ist zusammengefaßt, was im Geburtsort und im Sterbeort an „Wissen was war“ zu erfahren ist – eine besenrein gemachte Heimat der Vergangenheit.

Von Interesse aber an „Wissen war war“ ist das Wissen, was ist. Und wer die Website der Gemeinde Köflach durchsucht, am 18. Februar 2023, erfährt einiges darüber, was ist, oder sollte gesagt werden, was nicht ist …

Auf der Website der Gemeinde Köflach werden „keine Ergebnisse gefunden“ zum „Nationalsozialismus“, zu „Kloepfer“ werden Ergebnisse angezeigt, aber alle haben nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun, genauso, wie Hans Kloepfer …

Es gibt auf der Website der Gemeinde Köflach eine Seite der „Geschichte der Gemeinde Köflach“, die einen Einblick gibt, wie das „Wissen was war“ ist —

1936 Gründung des Arbeiter Sportklubs Köflach. 1939 Stadterhebung 1944 Am 27. Juni 1944 stirbt der Dichterarzt Hans Kloepfer. 1945 Bombenangriffe durch amerikanische Flugzeuge fordern insgesamt neun Todesopfer. 1946 Beginn der Instandsetzung der stark beschädigten Straßen. Gründung der Sing- und Spielgruppe durch Karl Romich. 1947 Gründung der „Gemeinnützigen Siedlungsgenossenschaft der Arbeiter und Angestellten“. Rege Wohnbautätigkeit. 1949 Als erstes Industrieunternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Gradenberger Formen- und Maschinenfabrik gegründet.

Das muß für die Gemeinde Köflach bitter gewesen sein, die

Stadterhebungsfeier konnte jedoch nicht stattfinden, weil am 1. September 1939 der Krieg mit Polen und damit der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Es brach der Krieg mit Polen aus. Damals wie heute, ein Krieg bricht einfach aus, zwei Staaten beschließen einvernehmlich, gegeneinander Krieg zu führen, damals der einvernehmliche Krieg zwischen einem Österreicher, der sich Deutschland nannte, und Polen, heute der einvernehmliche Krieg zwischen Putin, der sich Rußland nennt, und der Ukraine, einfach die in gemeinsamer Verhandlung getroffene Entscheidung von zwei Staaten für einen Krieg, und nicht die einsame Entscheidung eines Staates, einen anderen Staat, der keinen Krieg will, zu überfallen, überrennen, erobern, vernichten zu wollen …

Ebenso bitter für die Gemeinde Köflach muß es 1944 gewesen, ihren Dichterarzt zu verlieren. Was für ein armes Begräbnis mußte das gewesen sein, der Österreicher konnte nicht selbst kommen, nur einen Kranz schicken. Und so bitter ging es für die Gemeinde Köflach weiter, 1945 mit den Bombenangriffen durch amerikanische Flugzeuge, neun Todesopfer

Frohen Mutes aber ging es in der Gemeinde Köflach schon 1946 daran, die stark beschädigten Straßen instandzusetzen, es wird die Arbeit leicht von der Hand gegangen sein, unter Begleitung der Sing- und Spielgruppe, gegründet von Karl Romich

Karl Romich wurde am 26. Juni 1911 in Köflach geboren. Er besuchte die Volksschule und die Bürgerschule. Danach absolvierte er eine Lehrerbildungsanstalt. Im Anschluss daran, arbeitete er als Lehrer. Sein Beitritt zum NSLB erfolgte im Oktober 1936. Am 1. Mai 1938 wurde Romich mit der Mitgliedsnummer 6.109.357 in die NSDAP-Ortsgruppe Köflach aufgenommen. In der Kreisleitung war er Leiter des Kulturamtes, welches Teil des Kreispropagandaamtes war. 1941 beantragte Romich die Ausstellung einer anderen Mitgliedsnummer, da er laut eigener Angabe schon 1933 der NSDAP beigetreten war. Da es für diese Behauptung keine Belege gab, wurde der Antrag abgewiesen.

Eine Richtigstellung

Es passierte am 26. Jänner 2023. Was mußte seitdem nicht alles spekuliert werden. Ob es ein Irrtum, ein Fehler oder doch abgründiger … Nun ist es gewiß. Es war bloß ein Irrtum, bloß ein Fehler.

Der Fehler wurde behoben. Richtiggestellt am 16. Februar 2023.

Es muß nicht weiter spekuliert werden. Eines doch, vielleicht. Ob die Richtigstellung mit ein wenig Widerwillen vorgenommen wurde? Aber nein, kein Zeichen eines Widerwillens, es passierte dabei bloß ein weiterer Fehler, ein geringer Fehler, bloß ein Tippfehler, daß auch der zweite Buchstabe großgeschrieben: „LIteraturnobelpreisträger“. Allerdings, ein schöner Tippfehler. So wurde einst „GOtt“ geschrieben, mit zwei großen Buchstaben am Anfang. Ein Tippfehler, der nicht zu verbessern ist. Die Gemeinde Canettis wird es freuen.

Es wird nicht gewußt, das muß eingestanden werden, wie lange diese Sendung, in der wohl weiter der Fehler enthalten ist, der Podcast dieser Sendung abrufbar bleibt, es stellt sich aber doch die Frage, ob nicht auch die Sendung, der Podcast neu aufgenommen werden müßte, die Sendung mit dem bereinigten Fehler noch einmal ausgestrahlt werden müßte, um den Fehler, der nun im Beitragstext auf der Website des Radiosenders berichtigt wurde, nicht auf diese Weise weiter seine Verbreitung …

Aber das soll nicht mehr kümmern. Es fand doch so schon einen guten Schluß der Spekulation. Immerhin, es kann schon nach drei Wochen das letzte hierzu je zu schreibende Kapitel mit dem Satz enden, den am 16. Februar 2023 der Verfasser und Sprecher der Gedanken für den Tag

Jetzt wird genommen und gegeben. Die Preise tragen und die Schriften stellen wieder richtig.

Ein Fehler, der Unwille zur Richtigstellung

Würde es nicht nach wie vor vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbreitet werden, wie es heute noch, am 15. Februar 2023, auf der Website seines Hochbildungsradiosenders zu lesen ist, daß Elias Canetti kein Literaturnobelpreisträger, sondern nur ein Schriftsteller, dafür James Baldwin Literaturnobelpreisträger, Elias Canetti also sein Literaturnobelpreis genommen, James Baldwin der Literaturnobelpreis gegeben, der diesen je nicht bekam, es wäre zu dem, was bereits hierzu geschrieben wurde, nichts mehr hinzuzufügen.

Aber seit drei Wochen beharren die Macher des Hochbildungsradiosenders auf ihre Verbreitung des Falschen, seit drei Wochen sehen die Macherinnen des österreichischen Hochbildungsradiosenders keine Notwendigkeit der Richtigstellung.

Was sie nicht dazu bewegt, es endlich richtigzustellen, können Gründe sein, über die bereits spekuliert wurde, und da sie nicht dazu zu bewegen sind, es richtig zu stellen, laden sie ein, weiter darüber zu spekulieren. Vielleicht wollen sie jenen, die so begierig darauf aus sind, „Panik“ zu verbreiten, noch eine „Anekdote“ willfährig liefern, die diese dann wieder als Beweis hysterisch verkaufen können, wie sehr inzwischen „Cancel Culture“ —

Wenn „Cancel Culture“ genannt wird, muß sofort dazu das Buch „Cancel Culture Transfer: Wie eine moralische Panik die Welt erfasst“ von Adrian Daub genannt werden, zur Klarstellung, was es mit „Cancel Culture“ auf sich hat: Nichts Neues. Recht sehr Altes, bloß Aufgewärmtes umetikettiert —

Und bevor ein Mensch, der mit größter Wahrscheinlichkeit ein vor lauter Erregung weiß im Gesicht nicht mehr sehr jung seiender Mann sein wird, es als seinen schlagenden Beweis bastelt, um vor „Cancel Culture“ zu warnen, anzuprangern, wie weit es mit der Meinungsfreiheit gekommen ist, wobei er menschgemäß alles seine Argumentation Störende, seine Argumentation null und nichtig Machende weglassen wird, verschweigen wird, daß es nur eine und noch dazu kleine Anekdote ist, soll hier schon klargestellt sein, es ist nicht einmal eine Anekdote, es ist bloß ein Fehler und der Unwille, einen Fehler einzugestehen und vor allem zu berichtigen, aber auch ein solch unberichtigter weiter verbreiteter Fehler kann vor allem solch nicht mehr jungen, weiß angelaufenen Männern …

Dabei, was wäre heute, auch am 15. Februar 2023, alles zu schreiben, wird nur ein Blick auf die Schlagzeilen dieses Tages

„Oft vergessen“

[3] Hans Kloepfer, Eibiswald, Graz 1933. Auch Hans Kloepfer hielt hier seine Dichterlesungen. Während einer seiner Lesungen im August 1928 war der Saal bis zum Bersten voll mit Gästen aus der ganzen Steiermark. Als „größter Sohn der Gemeinde Eibiswald“, dem im Markt auch ein Museum gewidmet ist, gilt Dr. Hans Kloepfer. 1867 als Sohn eines aus Schwaben eingewanderten Wundarztes in Eibiswald geboren, war er zwar Werksarzt in Köflach, wo er 1944 starb, blieb Eibiswald aber eng verbunden. Als Dichter der Weststeirer und Chronist des Marktes ist er unvergessen. Mit ihm ging die „Dynastie” der Stelzer, die auch Hans Kloepfer gewürdigt hat, zu Ende. In der Folgezeit verkaufte Klöpfer, der Vater des berühmten Dichters Hans Kloepfer, einige Grundstücke, unter anderen auch an den Schlosser Pabstmann. 1867 kam in diesem Hause der Dichter und Arzt Dr.Hans Kloepfer auf die Welt. Herrn Klöpfers Ordination lag im Osttrakt des Erdgeschoßes. Der überwiegende Teil seiner Patienten rekrutierte sich aus Arbeitern des Stahlwerkes und der Kohlengruben in der heutigen Gemeinde Pitschgau, bzw. deren Familienangehörigen. 1958 erwarb der Eibiswalder Kultur- und Wirtschaftsförderungsverein das Haus, nachdem schon vier Jahre vorher RR.Othmar Kreuzwirth begonnen hatte, das Erdgeschoß zum Kloepfer- und Heimatmuseum” umzugestalten. Das in seinen Grundmauern barocke Haus, gewichtig am Ortsanfang gelegen, ist das Geburtshaus des steirischen Dichters und Arzt Dr. Hans Kloepfer. In diesem Haus findet man Eibiswalds Universalmuseum en miniature: lokale Frühgeschcihten, bäuerliches Leben und Arbeiten in der Südsteiermark, Koralpenglas und Stahlproduktion werden ausgestellt; ein Raum ist dem aus Eibiswald gebürtigen Dichterarzt Dr. Hans Kloepfer (1867-1944) gewidmet. Über sein dichterisches Werk und seine Arbeit als Volkskundler und Heimatforscher – letztere oft vergessen – informiert eine Sammlung sachlich und kenntnisreich.

Das ist es auch schon, was auf der Website der Marktgemeinde Eibiswald zu Hans Kloepfer, dem Kämpfer der Verbotszeit, zu finden ist, am 14. Februar ’23. Ein Heimatforscher war der Nationalsozialist also auch, bei dessen Lesung der Saal bis zum Bersten voll mit Gästen aus der ganzen Steiermark, ein Heimatforscher war er also auch, der größte Sohn der Gemeinde Eibiswald, ein berühmter Dichter war er, dem im Kloepfer- und Heimatmuseum ein Raum gewidmet ist, ein Dichterarzt war er, Volkskundler und Heimatforscher war er, worauf oft vergessen — Ganz aber kann auf der Website der Marktgemeinde Eibiswald auf die Nazis doch nicht vergessen werden, auch wenn es sich so liest, als wäre es zum besten geben am Wirtshaustisch

Und auch darauf wird nicht vergessen zu berichten, was zu vergraben war, um es aufzubewahren, um, wenn die Russen, die Titos wieder fort, die Zeit wieder ist, wie sie vor ihnen war, dergleichen hervorzuholen, die Auszeichnungen als Legitimation, die Hitlerbüsten als Zeichen der ewigen Treue, zur Erziehung der Kinder …

Haus Nr.157  Gendarmeriewohnhaus

Im Jahre 1943 errichtet, war es von Anfang an für die verheirateten Gendarmeriebeamten und deren Familien bestimmt. Hier wohnte auch Johann Prater, der von Mai 1945 bis 1946 Bezirksgendarmeriekommandant gewesen war. Von ihm erfuhren wir auch so manche interessante Begebenheit: „Bei Kriegsende 1945 hat wahrscheinlich jeder meiner Kollegen etwas im Gemüsegarten hinter dem Haus vergraben. Auszeichnungen, Hitlerbüsten und dergleichen durften nicht von den Russen oder „Titos” gefunden werden. Auch ich vergrub etwas, nämlich meine Tagebücher.”

Das Gedächtnis

Ich erfahre aus den Zeitungen und dem Fernsehen, daß ein zehn Jahre altes türkisches Kind vor Kälte und Erschöpfung gestorben ist, als seine Eltern mit ihm heimlich die […] Grenze überquert haben. Die „Schlepper“ hatten sie in Grenznähe allein gelassen. Sie brauchten nur geradeaus zu gehen bis zum ersten […] Dorf. Sie gingen viele Stunden lang durch Wald und Gebirge. Es war kalt. Am Schluß trug der Vater das Kind auf dem Rücken. Aber es war schon zu spät. Als sie ins Dorf kamen, war das Kind vor Müdigkeit, Kälte und Erschöpfung gestorben.

Meine erste Reaktion ist die jedes beliebigen […]: „Wie können sich Leute mit Kindern auf solche Geschichten einlasssen? Ein so unverantwortliches Verhalten darf nicht hingenommen werden.“ Der Gegenschlag ist heftig und unmittelbar. Ein kalter Novemberwind fährt in mein gut geheiztes Zimmer, und in mir erhebt sich bestürzt die Stimme meines Gedächtnisses: „Wie? Hast du etwa alles vergessen? Du hast das gleich getan, genau das gleiche. Und dein Kind war fast noch ein Neugeborenes.“

Ja, ich erinnere mich.

Ich bin einundzwanzig. Seit zwei Jahren bin ich verheiratet, und ich habe eine kleine Tochter von vier Monaten. An einem Novemberabend überqueren wir die Grenze zwischen Ungarn und Österreich, geführt von einem „Schlepper“. Er heißt Joseph, ich kenne ihn gut.

Wir sind eine Gruppe von etwa zehn Personen, darunter einige Kinder. Meine kleine Tochter schläft in den Armen ihres Vaters, ich trage zwei Taschen. In der einen Tasche sind Fläschchen, Windeln, Kleidung zum Wechseln für das Baby, in der anderen Tasche Wörterbücher. Wir gehen ungefähr eine Stunde schweigend hinter Joseph her. Es herrscht fast vollkommene Finsternis. Manchmal wird alles von Leuchtraketen und Scheinwerfern erhellt, man hört Geknalle, Schüsse, dann kehren Stille und Finsternis zurück.

Am Waldrand bleibt Joseph stehen und sagt zu uns:

„Ihr seid in Österreich. Ihr braucht nur geradeaus weiterzugehen. Das Dorf ist nicht weit.“

Ich umarme Joseph. Alle geben wir ihm das Geld, das wir besitzen, in Österreich würde dieses Geld sowieso wertlos sein.

Wir gehen durch den Wald. Lange. Zu lange. Zweige zerkratzen uns das Gesicht, wir fallen in Löcher, modriges Laub macht unsere Schuhe naß, über Wurzeln stolpernd verstauchen wir uns die Knöchel. Ein paar Taschenlampen brennen, aber sie erhellen nur kleine Flecken, und Bäume, immer noch Bäume. Wir hätten aber schon aus dem Wald herauskommen müssen. Wir haben den Eindruck, uns im Kreis zu drehen.

Ein Kind sagt: „Ich habe Angst. Ich will wieder heim. Ich will ins Bett.“

Ein anderes Kind weint. Eine Frau sagt: „Wir sind verloren.“ Ein junger Mann sagt: „Laßt uns anhalten. Wenn wir so weitergehen, kommen wir wieder nach Ungarn. wenn wir da nicht schon sind. Rührt euch nicht. Ich schaue nach.“

Wieder nach Ungarn kommen, wir wissen alle, was das bedeutet. Gefängnis wegen illegalen Grenzübertritts, und vielleicht sogar betrunkende russische Grenzposten, die auf uns schießen.

Der junge Mann klettert auf einen Baum. Als er wieder herunterkommt. sagt er: „Ich weiß, wo wir sind. Ich habe mich an den Lichtern orientiert. Folgt mir.“ Wir folgen ihm. Bald lichtet sich auch der Wald, und wir gehen endlich auf einem richtigen Weg, ohne Zweige, ohne Löcher, ohne Wurzeln.

Plötzlich werden wir hell angestrahlt, eine Stimme sagt: „Halt!“ Einer von uns sagt auf deutsch: „Wir sind Flüchtlinge.“ Die österreichischen Grenzposten erwidern lachend: „Das dachten wir uns. Kommen Sie mit.“ Sie führen uns auf den Dorfplatz. Dort ist schon eine ganze Schar von Flüchtlingen. Der Bürgermeister kommt: „Die, die Kinder haben, sollen vortreten.“ Wir wir werden bei einer Bauernfamilie untergebracht. Sie sind sehr nett. Sie kümmern sich um das Baby, sie geben uns zu essen, sie geben uns ein Bett.

Merkwürdig ist, wie wenig ich von all dem in Erinnerung behalten habe. Es ist, als hätte sich alles in einem Traum abgespielt, oder in einem anderen Leben. Als weigerte sich mein Gedächtnis, sich an diesen Moment zu erinnern, in dem ich einen großen Teil meines Lebens verloren habe. Ich habe mein in Geheimschrift geschriebenes Tagebuch und auch meine ersten Gedichte in Ungarn zurückgelassen. Ich habe meine Brüder, meine Eltern zurückgelassen, ohne ihnen Bescheid zu sagen, ohne ihnen Lebewohl oder auf Wiedersehn zu sagen. Vor allem habe ich an jenem Tag, an jenem Tag Ende November […], endgültig meine Zugehörigkeit zu einem Volk verloren.

Es gibt in „Die Analphabetin“ von Agota Kristof das Kapitel „Das Gedächtnis“ und noch weitere Kapitel — „Displaced Persons“, „Die Wüste“ –, die ebenso im Gesamten zu zitieren gehörten. Aus denen zu erfahren ist, daß es einerseits für die zwei jungen Menschen mit ihrem Kleinkind gut ausging, sie aufgenommen wurden, sie zurechtkamen, andererseits nicht für alle aus dieser Gruppe, die aus Ungarn flüchten mußten, es so gut verlief, manche freiwillig aus dem Leben schieden …

Das Gedächtnis wird ständig bemüht, aus dem Gedächtnis wird ständig die bald sieben Jahrzehnte alte Bereitschaft, Menschen auf der Flucht aufzunehmen, geholt, es wird ständig angeführt, als den Flüchtlingen aus Ungarn geholfen wurde, wenn es darum geht, Menschen auf der Flucht die Aufnahme in Österreich zu verweigern, als wäre mit der Aufnahme der ungarischen Flüchtlinge ein für alle Mal, in alle Ewigkeit, das österreichische Soll erfüllt worden, das österreichische Soll der Gesetzeseinhaltungen erfüllt worden, Menschen auf der Flucht aufzunehmen.

Und nun?

Das wird von dem bald sieben Jahrzehnte später Österreichischen im Gedächtnis bleiben: das nehammersche Österreich, das orbánsche Ungarn, oder das orbánsche Österreich, das nehammersche Ungarn oder das nehammersch-orbánsche Ungarn und das nehammersch-orbánsche Österreich, oder einfach wie kurz: das NO-Österreich und das NO-Ungarn, oder, noch schlichter wie kurz: das NO-Österreich-Ungarn

Von dem kleinen österreichischen Dorf, in das wir aus Ungarn kommend gelangt sind, fahren wir mit dem Bus nach Wien. Der Bürgermeister des Dorfes bezahlt unsere Fahrscheine. Während der Reise schläft mein Töchterchen auf meinem Schoß. Am Straßenrand ziehen Leuchtpfosten vorüber. Ich habe noch nie Leuchtpfosten gesehen.

In Wien angekommen, finden wir eine Polizeiwache, wo wir uns melden. Dort im Büro wickle ich mein Baby und gebe ihm die Flasche. Es spuckt. Die Polizisten geben uns die Adresse eines Flüchtlingszentrums und zeigen uns die Straßenbahn, die uns umsonst dorthin bringen wird. In der Straßenbahn nehmen gutgekleidete Damen mein Baby auf ihren Schoß, stecken mir Geld in die Tasche.

[…]

Weihnachten naht, als wir den Zug in die […] nehmen. Auf dem Fensterbrett liegen Tannenzweige, Schokolade und Orangen. Es ist ein Sonderzug. Außer den Begleitpersonen sind nur Ungarn darin, und der Zug hält erst an der […] Grenze. Dort empfängt uns eine Blaskapelle, und freundliche Damen reichen uns Becher mit heißem Tee, Schokolade und Orangen durchs Fenster.

[…]

Diejenigen unter uns, die schon einmal eine ähnliche Situation erlebt haben, werden später gestehen, daß sie Angst hatten. Danach sind wir alle erleichtert, uns und vor allem, sauber und bereits gefüttert, unsere Kinder wiederzufinden. Meine kleine Tochter schläft ruhig in einer schönen Wiege, wie sie noch nie eine gehabt hat, neben meinem Bett.

[…]

Wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte? Härter, ärmlicher, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerrissen, vielleicht glücklich.

[…]

Vom […] Flüchtlingszentrum aus werden wir über die ganze […] „verteilt“. So kommen wir durch Zufall nach N[…], genauer nach V[…], wo uns eine von den Dorfbewohnern möblierte Zweizimmerwohnung erwartet. Ein paar Wochen später beginne ich in einer Uhrenfabrik in F[…] mit der Arbeit.

[…]

Hier beginnt die Wüste. Soziale Wüste, kulturelle Wüste. Auf die Erregung der Tage der […] und der Flucht folgen die Stille, die Leere, die Sehnsucht nach den Tagen, als wir den Eindruck hatten, an etwas Wichtigem, vielleicht Historischem teilzunehmen, das Heimweh, das Vermissen der Familie und der Freunde.

Wir erwarteten etwas, als wir hier ankamen. Wir wußten nicht, was wir erwarteten, aber sicher nicht das: diese tristen Arbeitstage, diese stillen Abende, dieses erstarrte Leben, ohne Abwechslung, ohne Überraschung, ohne Hoffnung. Materiell leben wir ein bißchen besser als vorher. Wir haben zwei Zimmer anstatt einem. Wir haben genug Kohlen und ausreichend Nahrung. Doch im Vergleich zu dem was wir verloren haben, ist das zu teuer bezahlt.

Im Bus am Morgen setzt sich der Schaffner neben mich, morgens ist es immer derselbe, ein dicker, fröhlicher, er redet die ganze Fahrt über mit mir. Ich verstehe ihn nicht sehr gut, ich verstehe aber, daß er mich beruhigen will, indem er mir erklärt, daß die […] den […] nicht erlauben werden, bis hierher zu kommen. Er sagt, daß ich keine Angst mehr haben soll, daß ich nicht mehr traurig sein soll, daß ich jetzt in Sicherheit bin. Ich lächle, ich kann ihm nicht sagen, daß ich keine Angst vor den […] habe, und wenn ich traurig bin, dann eher wegen meiner jetzigen zu großen Sicherheit, und weil ich nichts anderes tun und denken kann, als Arbeit, Fabrik, Einkaufen, Waschen, Kochen und auf nichts anderes warten kann als auf die Sonntage, um ein bißchen länger zu schlafen und von meinem Land zu träumen.

Wie soll ich ihm, ohne ihn zu kränken und mit den wenigen Wörtern, die ich auf […] kann, erklären, daß sein schönes Land für uns, die Flüchtlinge, nur eine Wüste ist, eine Wüste, durch die wir hindurch müssen, um zu dem zu kommen, was man „Integration“, „Assimilation“ nennt. In diesem Moment weiß ich noch nicht, daß manche nie so weit kommen werden.

Zwei von uns sind nach Ungarn zurückgekehrt, trotz der Gefängnisstrafe, die sie dort erwartete. Zwei andere, junge, unverheiratete Männer, sind weiter weg gegangen […] Vier andere noch weiter weg, so weit man gehen kann, über die große Grenze. Diese vier Personen aus meinem Bekanntenkreis haben sich in den ersten beiden Jahren unseres Exils umgebracht. Eine mit Schlafmitteln, eine mit Gas und zwei mit dem Strick. Die jüngste war achtzehn. Sie hieß Gisela.

Im Gedächtnis muß bleiben, was bald sieben Jahrzehnte später Othmar Karas, Mitglied der Partei des zurzeitigen Bundeskanzlers, wird sagen müssen, in der Pressestunde am 12. Februar 1934 – oh, was für ein Verschreiber, was Othmar Karas am 12. Februar 2023 sagen wird müssen — Und eigentlich gehörte ebenfalls alles, was Othmar Karas am 12. Februar ’23 dazu sagen muß, zitiert

Sie haben jetzt ein großes Thema auf eine einzige Frage reduziert. […] Der Zaun ist eine Einzelmaßnahme, auf die wird ein Thema reduziert, das nicht auf das reduzierbar ist. Ich sage Ihnen, ein Zaun kann nicht sprechen, ein Zaun gibt keine Antworten, ein Zaun registriert nicht. Ich weiß nicht, ob Sie bei sich zu Hause, bei Ihrer Wohnung oder bei einem Haus, einen Zaun haben. Wahrscheinlich schon. Aber Ihr Zaun hat eine Tür, Ihr Zaun hat eine Glocke, Ihr Zaun hat vielleicht eine Überwachungskamera, vielleicht ein Sprachnetzwerk, auch im Mittelalter hatte eine jede Festung eine Zugbrücke. Ich sage schon ganz klar, ich bin nicht bereit, das Thema Flucht und Migration auf einen Zaun zu reduzieren. […]

Ich bedauere die Kommunikation in Österreich im Umgang mit den Ergebnissen des Gipfels. Ich bedauere die Reduzierung auf Asyl-Stopp, den es nicht gibt, Asyl-Bremse, die es nicht gibt, es gibt nur ein Asyl-Recht. Ich halte das für falsch, ich habe das immer für falsch gehalten.

Petra Stuiber: Das heißt, Sie sind enttäuscht von Bundeskanzler Nehammer […]