Hietzing

Herr DI Gerstbach rückte die Verunglimpfungen zurecht, die Franz Schmidts Standfestigkeit gegenüber der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus als zu gering werten. Es ist dies leider ein häufiger Vorwurf aus der Sicherheit des heutigen Rechtsstaates heraus. In wirtschaftlicher Not und unter enormem politischem Druck können aber nur Menschen mit Heldenmut oder prophetischen Fähigkeiten wirklich allen Forderungen widerstehen.

Heinz Gerstbach war damals Bezirksvorsteher, als er im Beisein auch von Dr. Carmen Ottner die Verunglimpfungen zurecht…

Am 16. Juni 2005 wurden der Franz-Schmidt-Park und das Franz-Schmidt-Denkmal feierlich übergeben. Eingerahmt von der Musik Franz Schmidts, die von Blechbläsern der Musikuniversität Wien eindrucksvoll intoniert wurde, sprachen Herr Bezirksvorsteher DI Heinz Gerstbach und der Präsident der Franz-Schmidt-Gesellschaft, Herr Dr. Wilhelm Sinkovicz die feierlichen Worte. Herr Dr. Sinkovicz würdigte das beeindruckende Lebenswerk Franz Schmidts und schöpfte aus seinem reichen Wissen über diesen Künstler. Für Kurzweil sorgten Anekdoten aus Franz Schmidts Leben. Die Beeindruckendste, weil sein musikalisches Genie am anschaulichsten zeigende, war wohl der spontane Einsatz […]

Wie es dazu kam, daß dieser Park nach nur zwei Jahren auf Franz-Schmidt-Park umbenannt wurde, diese Schnurre wurde bereits erzählt.

Diesmal aber soll es um die Kontinuität gehen,

um eine bemerkenswerte Kontinuität, wie vor siebzehn Jahren für Franz Schmidt ausgerückt wurde, wie siebzehn Jahre später für Franz Schmidt, der mit seinem recht ganzen musikalischen Genie „Führer, befiehl, wir folgen dir! – Wir danken unserem Führer!“ intonierte —

Eine aufmerkenswerte Kontinuität, zutreffender: österreichische Tradition, die nicht nur von jenen gepflegt wird, von denen nichts anderes zu erwarten ist und nichts anderes erwartet wird, die, einfach wie kurz gesagt, in der identitären Partei lagern … österreichische Tradition auf deren höchstem akademischen Niveau —

Es ist wohl nicht ganz dem Zufalle geschuldet, daß die Franz-Schmidt-Büste mit seinem Sockel im Franz-Schmidt-Park in Hietzing im Stil von der Büste mit seinem Sockel im Schillerpark geraten ist, die einem Versheiligen der identitären Gesinnungsgemeinschaft

In Hietzing finden Männer des Hammers und des Meißels ihren rechten Frieden, nach Hietzing werden sie aus aller Welt heimgeholt, Hietzing, das ihnen ewige Ruhmesstätte, Hietzing, das ihnen Schutzwall vor Verunglimpfungen

Ja, in Hietzing

in Hietzing wird seit jeher wie nirgendwo sonst die Zurrechtrückung verstanden

in Hietzing wird seit jeher alles zurechtgerückt, das österreichischer Tradition zuwiderläuft

Tröster in schweren Zeiten

Beim Lesen der Einträge im österreichischen Musiklexikon online mit dem Impressum der österreichischen Akademie der Wissenschaften, deren Präsident seit dem 1. Juli 2022 ein ehemaliger Minister der christtürkisen Regierungspartei ist, auch zu Franz Schmidt und Franz Schütz im November 2022, fällt sofort das Vage, das Verschwommene auf, als ob das Ansinnen für die Einträge die Beschönigung, die Parteinahme, die Nachsicht mit Tröstern in schweren Zeiten wäre, und deren Freund Oswald Kabasta hätte möglicherweise seinem Leben nicht selbst ein Ende gesetzt, wäre ihm 1946 derart freundlich begegnet worden, auch er friedlich und unbelästigt seiner Wege der Karriere weiter hätte gehen können; vielleicht ging er mit dem tröstenden Gedanken in den Tod, daß zukünftige Generationen ihm wieder gesinnter —

Dr. Carmen Ottner, einst Generalsekretärin der Franz-Schmidt-Gesellschaft und vielleicht noch Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Musik, die den Eintrag zu Franz Schmidt schrieb, führt bei den Werken von Franz Schmidt an:

Dt. Auferstehung (Oskar Dietrich, unvollendet)“.

„Deutsche Auferstehung“ wurde vollendet, von Dr. Robert Wagner, so wie das „Requiem“ von W. A. Mozart vollendet wurde, von Süßmeyer, von dem nicht gesprochen und geschrieben wird, wenn das „Requiem“ aufgeführt wird; es ist einfach das „Requiem“ von Mozart. Es gibt viele Schreibweisen des Namens von dem Komponisten, der das „Requiem“ fertigstellte; im österreichischen Musiklexikon selbst führt Christian Fastl folgende an: „Sießmayr, Süssmayr, Süssmayer, Süßmayer“. Die oben gewählte Schreibweise – Süßmeyer – ist aus einem Artikel aus dem April 1940, als die „Deutsche Auferstehung“ von Franz Schmidt, unter Kabasta im Musikverein aufgeführt wurde.

Christian Fastl ist es auch, der den Eintrag zu Franz Schütz schrieb, zu dem „Orgelvirtuosen und Musikpädagogen“, wie er von Christian Fastl kenntnisreich und wohl aus eigenem Hörerlebnis klassifiziert wird.

Was müssen damals die Menschen doch für taube Menschen gewesen sein, das Virtuose von Franz Schütz nicht —

Menschgemäß nicht alle, denn es gab auch die Menschen die Franz Schütz weiterhin hören wollten, die Franz Schütz weiter seinen Weg der Karriere gehen ließen. Und diese sitzen auch in den Ministerien, wie die „Österreichische Zeitung“ am 20. Mai 1948 berichtet:

Die „illegale Garnitur“ (Zum bevorstehenden Orgelkonzert von Franz Schütz)

Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus in Oesterreich‘ rückte ein Mann in den Mittelpunkt des Wiener Musiklebens, dessen Stellung und Rolle bis dahin zwar bekannt, aber in keiner Weise bestimmend für das musikalische Profil Wiens und Oesterreichs waren. Es war dies der Orgellehrer an der Staatsakademie für Musik Professor Franz Schütz, als Lehrer unzweifelhaft nicht ohne Qualitäten, als ausübender Künstler jedoch farblos und akademisch; jeder Konzertbesucher erinnert sich noch der zwar finger- und fußtechnisch präzisen, aber in der Gestaltung immer langweiligen, mechanisch anmutenden, eintönigen und lustlosen Wiedergabe der Orgelwerke Bachs durch diesen Organisten, der einen Orgelstil pflegte, der in keiner Weise dem lebendigen, die Freude am Klang in die erste Linie stellenden musikalischen Temperament Oesterreichs entsprach. Dieser Mann wurde 1938 kommissarischer Leiter, später Direktor der „Reichshochschule für Musik“ in Wien, weiter Präsident der Gesellschaft der Musikfreunde und damit der ungekrönte Beherrscher nicht nur der musikalischen Nachwuchserziehung Oesterreichs, sondern auch des gesamten Wiener Musiklebens. Er hat sich diese Stellung nicht zuletzt durch seine unduldsame, barsche, echt nazistische Rücksichtslosigkeit erkämpft und ausgebaut, eine Rücksichtslosigkeit und Barschheit, an die sich alle, die mit ihm zu tun hatten, nur mit einem Gefühl der Ablehnung und des äußersten Unbehagens erinnern.

Denn Herr Schütz war, wenn auch kein echter Künstler, so doch ein echter, unverfälschter Nazi, und als solcher ein Symbol des Naziungeistes, der über das österreichische Kunstleben hereingebrochen war. Er war es, der in der sogenannten „Systemzeit“, gestützt und gedeckt durch die damals schon nazistisch infizierten und korrumpierten Behörden und Ministerien, diesen Ungeist getreulich vorbereiten half.

Daß und wie dies geschehen ist, darüber gibt er selbst offenherzig Aufschluß, und zwar in der Folge 3 der Mitteilungen der Studentenführung der Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst, Gau Wien, vom 11. März 1939. Zuerst beschimpft Schütz in diesem Pamphlet den Lehrkörper und die Leitung des Instituts, dem er selbst angehörte, und spricht davon, daß die Anstalt vor 1938 in ihrem Niveau einen „Tiefstand erreichte, der durchaus geeignet schien, den letzten Rest des guten Rufes, den die einstmals weltberühmte Schule genoß, in kürzester Zeit vollends zu vernichten“. Den Grund hierzu ersieht er in der „Förderung einer Unmenge von Lehrpersonen, die wohl den einfachsten praktischen Aufgaben des Unterrichtsbetriebes nicht gewachsen waren, die jedoch kühn behaupteten, Pädagogen zu sein, und die sich in Wahrheit sehr bald als notorische Nichtskönner entpuppten“. Ohne hier auf die sachliche Berechtigung solcher Vorwürfe einzugehen, sei festgestellt, daß nicht diese angeblichen „Nichtskönner“ es waren, die dem „eisernen Besen“

Immerwährende Gegenwart des Besens. Ewige Wiederkehr des eisernen Besens, der auch eine Mistgabel sein kann —

des Herrn Schütz (mit diesem Ausdruck umriß er seine Mission bei seiner Antrittsrede) zum Opfer fielen, sondern Künstler und Fachleute, wie Weingarten, Ebenstein, Schulhof, Stella Wang, Ferdinand Rebay, Max Graf usw., Persönlichkeiten also, die zu dem von Schütz wehmütig angerufenen „guten Ruf der weltberühmten Schule“ ihren Teil beigetragen haben, mehr jedenfalls als Schütz, von dessen künstlerischer Bedeutung außer ihm selbst nicht eben viele überzeugt sein dürften. Zähneknirschend stellt er fest: „Wir, die illegale Garnitur, mußten (vor 1938) diesem Treiben schweigend zusehen und konnten damals nur darauf bedacht sein, unseren ansonsten tadellos funktionierenden Betrieb aufrechtzuerhalten und die Ereignisse heranreifen zu lassen. Dies ist uns auch geglückt und darauf dürfen wir auch heute noch stolz sein!“

Nun eine kleine Dankesverbeugung vor seinen ministeriellen und sonstigen Helfern: „Wie oft war der einzelne, gleichgültig ob Lehrer oder Schüler, nahe daran, alles zu verlieren, und wie oft kam es vor, daß Anzeigen über „vaterlandsfeindliche Umtriebe“ bei den vorgesetzten Behörden, sogar aus sogenannten Kollegenkreisen, einliefen. Es war nun auch hier unsererseits bestens vorgesorgt, und die betreffenden Referenten, sei es in der Anstalt selbst oder auch im Ministerium, haben uns recht oft die hilfreiche Hand gereicht, ohne daß der jeweilige Chef der Unterrichtverwaltung eine Ahnung hatte, wie viele seiner Untergebenen bereits in unserem Lager ständen.“ Hierauf folgen auf Indianer-Romantik abgestimmte „Kampferinnerungen“: „Und doch möchten wir die Erinnerung an diese Zeit, die dem Kampf um unser Deutschtum geweiht war, nicht missen. Erinnert ihr euch noch, Kameraden, wenn wir in verschwiegener Ecke der Anstalt die Saarmünzen mit der Inschrift verkauften „Die Saar hats bewiesen, die Ostmark wirds beweisen, Volk will zu Volk!“, oder wenn zu Weihnachten die Hakenkreuzschillinqe auftauchten und ich zu größerer Vorsicht mahnen mußte, um dann nach dem Vorspiel einer Bachschen Orgelfuge, wenn wir in den „Katakomben“ (das im Keller gelegene Orgellehrzimmer) halbwegs sicher waren, auch meinen Beitrag für das WHW zu entrichten? Wißt ihr noch, als nach der Zusammenkunft in Berchtesgaden das infernalische Jubelgeheul einer entarteten Presse verstummte und grenzenloser Angst Platz machen mußte? Und als die jüdisch-klerikale Interessengemeinschaft, einträchtig zusammenarbeitend gegen alles, was uns heilig war, endlich zerschlagen wurde, wißt ihr noch um unser Frohlocken auf den Gängen und in den Klassen?“ Und so geht es weiter, bis zum endlichen Treuebekenntnis an den „Führer, dessen wir an diesem Tage in Liebe und Verehrung dankbar gedenken, zu Nutz und Frommen und im Dienste unserer deutschen Kunst“!

Nun ist es klar, wie es zum Wiederauftauchen des Herrn Schütz im Wiener Konzertleben kommen konnte und mußte. Die betreffenden Referenten im Ministerium — es sind dieselben wie vor 1938 und auch von 1933 bis 1945!— haben eben wieder einmal die hilfreiche Hand gereicht, nur mit dem Unterschied, daß zwar vielleicht nicht der Chef der Unterrichtsverwaltung, aber doch große Teile des österreichischen Volkes durch die etwas kurzsichtige Prahlerei dieses „Messias“ der Musikakademie heute wissen, wer damals das „illegale Lager“ an dieser Anstalt geleitet hat.

Diese Referenten im Ministerium, beziehungsweise ihre Hintermänner, sind auch die Schuldtragenden an der gegenwärtigen Fassung des Verbotsgesetzes, das seine Härte gegen die kleinen Mitläufer auswirkt, aber den Leuten mit guten Verbindungen ein Durchschlüpfen durch seine weiten Maschen ermöglicht, und seien es auch Menschen, die, wie Schütz, Wührer, Böhm, Karajan usw., zu den charakteristischesten Bannerträgern und Wegbereitern des Faschismus in Oesterreich zählen. Somit ist die Bahn frei für die Tätigkeit der „Sonderkommissionen“ der Ministerien, die ihre Aufgabe darin sehen, die „illegale Garnitur“ zu legalisieren und das österreichische Kunstleben wieder denen auszuliefern, die es in schicksalschwerer Zeit bereits einmal in frecher Verantwortungslosigkeit und herausforderndem Zynismus mit ihrem „eisernen Besen“ zerstört haben. Heute ist es bereits so weit, daß im Falle Schütz das vorliegende und auszugsweise zitierte Dokument, das seinen Schreiber eindeutig als Hochverräter entlarvt, nicht auszureichen scheint, um einen Schuldbeweis zu konstruieren; viel ausschlaggebender ist wahrscheinlich seine eigene „eidesstattliche“, von feilen Zeugen untermauerte Erklärung, daß er in Wirklichkeit „niemals ein Nazi gewesen“ sei. Künstlerisch besteht eine Notwendigkeit, Herrn Schütz‘ öffentliche Tätigkeit wieder aufleben zu lassen, keineswegs; im Interesse des Ansehens Oesterreichs ist diese Maßnahme schädlich und verderblich. Er möge seine Tätigkeit in die dunkelsten Katakomben verlegen — wenn auch nicht in die der Akademie —, und dies möglichst in Gesellschaft seiner Helfer und Handreicher aus der Anstalt selbst oder aus dem Ministerium. Das infernalische Jubelgeheul der „illegalen Garnitur“, dieser Verräterclique, hat einmal die Trauermusik zu Oesterreichs Untergang abgegeben; eine solche Gelegenheit werde ihr kein zweitesmal geboten. R r

Es darf dabei die Herausgeberin dieser Zeitung aber nicht unerwähnt bleiben. „Österreichische Zeitung“ wurde ab dem 15. April 1945 von der „3. Ukrainischen Front“

Am 13. April nahmen die Truppen der 3. Ukrainischen Front, unter Mitwirkung der Truppen der 2. Ukrainischen Front, nach heftigen Kämpfen die Hauptstadt Österreichs, WIEN, einen strategisch wichtigen Verteidigungsknoten­punkt der Deutschen, der den Weg nach Süd­deutschland versperrte.

herausgegeben. In späterer Folge wurde diese zur „Zeitung der Roten Armee für die Bevölkerung Österreichs“.

1948 wird für die Garnitur das Orgelkonzert von Franz Schütz wieder Trost in schwerer Zeit gewesen sein. Zehn Jahre zuvor brauchte er mit seinem Orgelspiel ihr keinen Trost spenden, georgelt ward ihr messianisch das Ende ihrer schweren illegalen Zeit, und sechs Jahre danach mußte Franz Schütz wieder zum Troste auforgeln —

Von diesem Trost wird noch zu erzählen sein.

„Unter Oswald Kabasta“

Das „Buch mit den Sieben Siegeln“ steht im Zentrum der Offenbarung des Johannes: Sieben Siegel löst das Lamm (ein Sinnbild Jesu) bevor die Apokalypse ausgelöst wird. Ein komplexes Thema, das der Komponist Franz Schmidt 1937 für eines der bedeutendsten Oratorien der musikalischen Spätromantik ausgewählt hat: ein klanggewaltiges Glaubensbekenntnis. Und ein Werk, das den Wiener Symphonikern besonders nahesteht. Gemeinsam mit dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde führe das Orchester es 1938 unter Oswald Kabasta zum ersten Mal auf.

So ist es auf der Website der „Wiener Symphoniker“ zu lesen, im Oktober 2022. Ein Bekenntis zum besonderen Nahestehen zu diesem Werk. Mit dem lapidaren Vermerk, es zum ersten Mal unter Oswald Kabasta, dem Dirigenten auf der „Gottbegnadetenliste“ der „weißen Reiter“ …

Denn der brisante Zeitpunkt der Uraufführung des „Buchs mit sieben Siegeln“, unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland, hat dazu beigetragen, Franz Schmidt bezüglich seiner politischen Einstellung in Misskredit zu bringen. Dies auch deswegen, weil er kurz vor seinem Tod den fragwürdigen Auftrag der Nazis zu einer Kantate mit dem Titel „Deutsche Auferstehung“ annahm. Sie blieb Fragment, trotzdem resultieren daraus Fragen, auf die wir keine Antwort finden können.

So ist es auf der Website des „Wiener Musikvereins zu lesen, im Oktober 2022. Für Monika Mertl, die dies schrieb, „resultieren daraus Fragen, auf die wir keine Antworten finden können“.

Es resultieren daraus tatsächlich Fragen, im Grunde aber resultiert daraus nur eine einzige Frage: Wie kann vierundachtzig Jahre nach der unter Oswald Kabasta geleiteten Aufführung von „Das Buch mit sieben Siegeln“ und zweiundachtzig Jahre nach der unter Oswald Kabasta geführten Aufführung von „Deutsche Auferstehung“ noch derart —

„Deutsche Auferstehung“ „blieb“ nicht „Fragment“. Diese musikalische Anbetung der „weißen Reiter“ wurde fertiggestellt, von Dr. Robert Wagner, nach „genauen Skizzen“ von Franz Schmidt, wie Berichte aus der damaligen Gegenwart auf die Fragen von Monika Mertl antworten, in der solch zeitlose Formulierungen schon beliebt sind, wie irgendetwas sei aufgeführt worden unter …

So sind allein diese Berichte bereits Antworten, die seit so langer Zeit —

„Völkischer Beobachter“, Dr. Friedrich Bayer, 26 April 1940

Franz Schmidt schrieb die Komposition in der erstaunlich kurzen Zeit von zweieinhalb Monaten. Doch war es ihm nicht vergönnt, die Partitur fertigzustellen. Fünf Wochen nach Vollendung der Skizze (Schmidt hielt gerade bei der Partiturseite 67) nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. In der Vorahnung des nahen Todes hatte Schmidt zum Vollender der Partitur und Vollstrecker seines letzten Künstlerwillens den aus der Schule Joseph Marx’ stammenden Wiener Tondichter und Kapellmeister Dr. Robert Wagner bestimmt. »Ich habe meinen Süßmeyer gefunden«, pflegte Schmidt zu sagen, womit er auf Mozarts Famulus anspielte, der des Meisters Requiem vollendete. Und er hat ihn in der Tat gefunden; im Gefühl, ein heiliges Vermächtnis des väterlichen Freundes zu erfüllen, widmete sich Robert Wagner der Arbeit mit hingebungsvoller Sorgfalt und Liebe. So sehr hatte er sich an Hand „genauer Skizzen“ Schmidts in den Stil eingelebt und der Tonsprache angepaßt, daß selbst der geschulte Hörer die Stelle nicht zu erkennen vermag, an der der werdende zur Feder des gereiften Meisters griff. Generalmusikdirektor Professor Oswald Kabasta, unter dessen gestaltenden Händen die Partitur klingende Form annahm, ist als Kenner und Förderer Schmidtscher Musik bekannt. Mit diesem durch persönliche Freundschaft verbunden, wußte er stets Bescheid um die Interpretationswünsche in Hinsicht auf diese oder jene Stelle einer neuen Partitur, die genau durchbesprochen wurde. So führte er uns auch diesmal den leibhaftigen Schmidt in seiner zwingenden Naturkraft innig empfundener Melodien vor, die von stimmungsgesättigten Harmonien getragen wird. Tatkräftige Helfer am Werk waren die im Ensemblegesang sorgsam aufeinander abgestimmten Solisten Margarethe Teschemacher (Sopran), Gertrude Pitzinger (Alt), Dr. Josef Hoffmann (Tenor), Hans Hermann Riffen (Baß), Hans Songström (Baß) sowie der Meisterorganist Franz Schütz, das um die Pflege moderner Musik verdiente Stadtorchester Wiener Symphoniker und der oft bewährte Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde. Rauschender Beifall zeichnete Werk und Wiedergabe aus.

Das Dritte Ordentliche Chorkonzert der Gesellschaft der Musikfreunde stand im Zeichen eines besonderen musikalischen Ereignisses. Es brachte die Uraufführung der nachgelassenen Kantate des bedeutendsten ostmärkischen Symphonikers der Gegenwart, des ungefähr vor Jahresfrist verstorbenen Franz Schmidt. Den Text dieses »festlichen Liedes für Soli, Chor, Orchester und Orgel« verfaßte der aus der Schule des Meisters hervorgegangene Wiener Komponist und Schriftsteller Dr. Oskar Dietrich. Ursprünglich als »Dank der Ostmark an den Führer« betitelt, bringt die Kantate, wie es der Dichter selbst nennt, in gedrängter Kürze eine dramatische Darstellung des Verlaufes der Begebenheiten vom Zeitpunkt des deutschen Niederbruches im Jahre 1918 bis zur Wiedererstarkung und Einigung der Nation. Dietrich verleiht ein Bekenntnis zur nationalsozialistischen Idee Großdeutschlands dadurch dichterischen Ausdruck, daß er markige Leitsätze und Sprüche der Bewegung, die uns von Sprechchören her längst vertraut geworden sind, in den Mittelpunkt beschreibender Betrachtung stellt. Die tragende weltanschauliche Idee, die der bescheiden in den Hintergrund tretende Textdichter für sich sprechen ließ, entfachte Franz Schmidts genialen Schöpferfunken zur lodernden Flamme musikalisch-illustrativer Gedankengänge, denen er die äußere Form der abendfüllenden Kantate gab.

Dr. Robert Wagner, dem das „Österreichische Musiklexikon online (Österreichischen Akademie der Wissenschaften)“ einen für die Gegenwart so ehrenvollen Eintrag widmet, gibt selbst auch eine Antwort:

„Sonntagsbeilage Neues Wiener Tagblatt“, 21. April 1940

Kantate auf Deutschland
Zur Uraufführung von Franz Schmidts „Deutsche Auferstehung“

Im Musikverein unter Leitung Oswald Kabastas Franz Schmidts nachgelassenes Werk „Deutsche Auferstehung“ zur Uraufführung. Dr. Robert Wagner, ein Schüler des verstorbenen Komponisten, hat das Werk, dem er im folgenden Worte der Beqeisterung zur Einführung widmet, nach Vorlagen des Meisters vollendet.

Der Name des Wiener Komponisten Franz Schmidt wandelte sich in unserm Bewußtsein bereits zu einem unverrückbaren Wertbegriff, insbesondere seit der Tod ihn alles Materiellen entkleidete und für uns nur mehr seine herrlichen Werke leben, ohne die wir uns die Musik der Gegenwart nicht mehr vorzustellen vermögen. Und nun sollen wir die Aufführung miterleben, in der Schmidts letztes Werk der Oeffentlichkeit übergeben wird. Es ist nicht in erster Linie die Spannung, ob dieses letzte Werk die Höhe der andern Werke hält, die uns erfüllt, wenn wir bedenken, daß Schmidt in harter Selbstkritik nur immer das Allerbeste in seinen Werken bestehen ließ, als vielmehr die Spannung, wie Schmidt einen so allgemein interessierenden Text, der die Wiederaufrichtung des Reiches behandelt, verarbeitet haben mag. Und in der Tat ist die „Deutsche Auferstehung“ ein außergewöhnliches Werk. Schmidt hat hier am Ende seines Lebens in vollster Reife eine richtige Volkskantate geschaffen, die bei höchster künstlerischer Vollendung und edelstem Ausdruck solch natürliche und einfache Kraft des Einfalls besitzt, daß das Werk auch jeden, der bisher nichts von Schmidt kannte, ja vielleicht überhaupt Neuling im Konzertsaal ist, zum künstlerischen Erlebnis schönster Art werden kann. Das große Werk ist in zwei Teile gegliedert; zwischen ihnen steht als mächtiges Orchesterzwischenspiel die Fuga solemnis für Orgel und Blechbläser, die im Gedächtniskonzert für Schmidt vor einem Jahre schon aufgeführt wurde. Diese wunderbare Doppelfuge, die ein feierliches, breites melodisches Thema mit einem bewegten rhythmischen verbindet, ist das Herzstück des ganzen Werkes, sie wird sowohl im ersten als auch im zweiten Teil wesentlich verarbeitet und beschließt in großartiger Steigerung das Werk. Die vollendete Kunst der Steigerung und der langen Entwicklung ist ein Hauptmerkmal des Werkes — wie überhaupt des gesamten Schmidtschen Schaffens. Der erste Teil beginnt in der gänzlich niedergedrückten Stimmung der tiefsten Erniedrigung des deutschen Volkes und zeigt in wunderschöner, allmählicher Entwicklung das Aufkeimen neuer Hoffnung und das Aufblühen des neuen Geistes. Mit einem hinreißenden Marsch über die Worte: „Führer, befiehl, wie folgen dir!“ schließt dieser Teil. Der zweite bringt die Vereinigung aller Deutschen und gipfelt in einem mächtigen Dankgesang an den Führer. Auch hier sind wieder allgemein bekannte Sprechchortexte, wie „Wir danken unserm Führer!“, musikalisch verarbeitet. Nur Schmidt konnte es wagen, in einem Werk ernstester künstlerischer Haltung solch spontane Worte des allgemeinen Empfindens, die gerade uns Wienern von den Tagen des Umbruches her in so lebhafter Erinnerung stehen, zu vertonen. Nur er verfügte über die elementare Kraft der musikalischen Persönlichkeit, den großen Geschehnissen, die wir alle miterlebten, ein unvergängliches künstlerisches Denkmal zu setzen.

„Salzburger Volksblatt: unabh. Tageszeitung für Stadt u. Land Salzburg“, Dr. Roland Tenschert, 26. April 1940

Ein Chorkonzert der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien galt der Uraufführung von Franz Schmidts nachgelassener Kantate, betitelt „Deutsche Auferstehung“, ein festliches Lied für Soli, Chor, Orchester und Orgel. Das Werk, dessen Worte von Oskar Dietrich stammen und das nach genauen Skizzen Franz Schmidts im Sinne des Komponisten von Robert Wagner fertiggestellt werden konnte, ist der künstlerische Niederschlag des geschichtlichen Geschehens im März des Jahres 1938. In diesem Tongemälde rollt sich in knappen, markanten Zügen die Entwicklung seit 1918 ab, die mit der Heimkehr der Ostmark ins Reich eine wichtige Etappe zurückgelegt hat. Wie sich aus der niederschmetternden Erfahrung des Zusammenbruchs nach dem Weltkrieg die deutsche Volkswerdung im wahren Sinn« vollzieht, wie der Führer entscheidend in die Entwicklung eingreift und den Weg ins Freie bahnt, ist hier künstlerisch in packender Weise geformt. Franz Schmidt zeigt sich da im Vollbesitz seiner eminenten technischen Mittel, die im Dienste einer mehr in die Breite wirkenden Ausdrucksweise stehen, wie es ja der Stoff verlangt. Die Keimzelle der Komposition ist eine festliche Fuge für Orgel und Blechbläser, die auch zuerst entstanden ist. Sie verbindet nun als instrumentales Zwischenspiel die zwei vokalen Hauptteile der Kantate, wirkt aber wesentlich bestimmend auf die ganze Komposition ein. Ihre Thematik läßt sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk verfolgen. Der erste Hauptteil schildert die niedergedrückte Stimmung nach dem Zusammenbruch und das Aufkeimen einer neuen Hoffnung, die an den vertrauenserweckenden Worten des „Rufers“ mehr und mehr erstarkt. Der zweite Hauptteil, der dem erwähnten Zwischenspiel folgt, hat den nationalen Aufstieg mit der Krönung durch die heimkehrende Ostmark zum Inhalt. Für die Aufführung. die Oswald Kabasta, der oft bewährte Apostel Franz Schmidtscher Kunst, leitete, war. Ein prachtvoller Apparat von Solisten aufgeboten, der sich an den Sängerinnen Margarete Teschemacher, Gertrude Pitzinger, den Sängern Dr. Hans Hoffmarm, Hans Hermann Riffen, Hans Songström und dem Orgelmeister Franz Schütz zusammensetzte. Der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde, das Stadtorchester Wiener Symphoniker, an deren Leistungsfähigkeit die Komposition sehr hohe Anforderungen stellte, bewährten ihr beträchtliches Niveau. Die Kantate „Deutsche Auferstehung“ erweckte auf Grund ihres tiefen künstlerischen Gehaltes und ihrer stofflichen Aktualität im höheren Sinne einen nachhaltigen Eindruck. Es fand in lebhafter Zustimmung der Zuhörerschaft laute Resonanz. Viel Beifall wurde den großartigen Leistungen aller Ausführungen gezollt.

Bis zur Tenschertstraße ist die Kommission, der ein zeitgenössischer Historiker von höchstem Range angehörte, nicht gekommen, dabei ist diese nur einen kurzen Fußweg von der Kabastagasse entfernt, die sie als „Fall mit Diskussionsbedarf“ …

„Illustrierte Kronen Zeitung“, H. Damisch, 26. April 1940

Theater und Kunst. Die Kantate von der deutschen Auferstehung. Des großen Wiener Tonmeisters Franz Schmidts Lebenswerk mündet in das große Wunder der deutschen Auferstehung. Diesem Wunder gilt die letzte Musik, die Franz Schmidt geschrieben hat. Sie ist Geist von seinem Geiste, Gefühl von seinem Gefühl, Kunst von seiner Kunst. Nur wer ihm genau auf seinem Lebensweg folgen konnte, kann ihn mit tiefer Rührung in diesem großen Finale seines Schaffens ganz verstehen. Franz Schmidts „Festliches Lied“ für Soli, Chor, Orchester und Orgel, die deutsche Auferstehung, welches von Oskar Dietrich mit Worten des politischen Kampfes der Gegenwart im Stil der alten Oratorientexte versehen wurde, ist keine nationale Tondichtung in zukunstweisendem Sinne, sondern ein national gestimmter Abschluß einer abgelaufenen Epoche, die nicht dem völkischen, sondern dem religiösen Empfinden ihre Formen gab. Aber die Musik dieses Werkes ist an sich so großartig, so reich an Schönheit und wunderbarer künstlerischer Technik, daß vieles von ihr auch praktische Zukunftswerte behalten wird. Durch eine schier endlos dahinströmende „Fuga solemnis“ für Orgel mit abschließendem Bläser-Hymnus in zwei Teile getrennt, behandelt das Werk zum Teil sehr dramatisch des deutschen Volkes Schmach und Erhebung, Auferstehung und Befreiung. Oswald Kabasta hat mit dem Singverein, dem Symphonieorchester, mit Franz Schütz an der Orgel und mit fünf ausgezeichneten Solisten: Margarete Teschemacher, Gertrud Pitzinger, Dr. Hans Hoffmann, Hans Hermann Riffen und Hans Songström die Kantate mit stärkster Wirkung zur Uraufführung gebracht.

Und auch ihm, Heinrich Damisch, einem aus der „illegalen Garnitur“, von der in einem weiteren Kapitel noch zu erzählen sein wird, wenn es um den von Franz Schütz gespendeten „Trost in schweren Zeiten“ gehen wird, gedenkt das Musiklexikon der österreichischen Akademie der Wissenschaften mit einem ehrenreichen wissenschaftlichen Eintrag.

„Neues Wiener Tagblatt“, Hans Nutz, 26. April 1940

Franz Schmidts „Deutsche Auferstehung“
Matt und schleppend begleitet Paukenwirbel das heimkehrende Heer. Die Ungewißheit der Zukunft lastet auf der deutschen Welt, wütende Weiber, von falschen Führern im Zeichen der allgemeinen Menschenbrüderschaft toll gemacht, speien Verachtung und Schande auf Männer und Brüder, die im Kampf standen. Das ist die dramatische Exposition eines Textes, den Oskar Dietrich dem im vorigen Jahr verstorbenen Wiener Komponisten Franz Schmidt als Grundlage eines Oratoriums, „Deutsche Auferstehung“, geliefert hat. Um das ungeheure Wagnis, das der Komponist mit der Vertonung eines in erster Linie aus politischen Bereichen stammenden Textes auf sich nahm, ganz zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen,daß es ein Chorwerk auf der Grundlage einer derart gegenständlichen Sprache und in dieser Konseguenz in der ganzen Musikgeschichte bisher nicht gegeben hat. Musik – das ist ihre ungeheure Kraft, das ist ihr Wesen und ihr Inhalt — verneint ihrer Natur nach den „Begriff“, sucht auch dort, wo sie sich mit dem Wort verbindet, das Allgemeine und Gefühlsmäßige der „Idee“. Es ist kein Zufall, daß Franz Schmidt, der Musik ganz und gar als absolute Kunst versteht, auch in diesem Werk den Text vom rein-musikalischen Erlebnis her zu fassen sucht: eine schon früher vorliegende Fuga solemnis für Orgel und Bläser ist als breites, instrumentales Zwischenglied eingefügt, und von ihr aus strömen die thematischen Bausteine in die beiden Teile des Werkes. Über seinen formalen Bau hat Dr. Robert Wagner, der nach genauen Skizzen Schmidts das Werk fertigestellt hat, an dieser Stelle schon in großen Zügen berichtet (in Nummer 110 vom 21. d.). Die Musik verleugnet auch in diesem Werk die charakteristische Handschrift Franz Schmidts nicht. Eine überreiche, von einer ständig fließenden Chromatik durchsetzte Harmonik durchzieht wesentliche Teile des Oratoriums, Sexten- und Terzengänge spenden Farbe und Glanz, und auch die Melodik (daher die meist ungeheuer schwierigen Führungen der Singstimmen im Chor und in den Soli) entspringt diesem reich differenzierten harmonischen Klanggefühl. Entsprechend dem Vorwurf breitet sich im ersten Teil eine dramatisch zugespitzte Illustrationsmusik aus, während der zweite Teil mit allen Mitteln der Besetzung die Breite des eigentlichen Jubelgesanges auf die befreiende Tat des Führers einnimmt. Oswald Kabasta, der unermüdliche Vorkämpfer Franz Schmidts, hat nun auch das musikalische Vermächtnis Franz Schmidts zum Sieg geführt. Mit Recht unterstrich der Dirigent, wo es nur anging, die führenden Stimmen. Eine machtvollere Steigerung aus der Wucht instrumentalen und stimmlichen Einsatzes konnte man sich als Finalwirkung schlechterdings nicht vorstellen. Die Namen der Solisten bürgten für eine vollendete Ausführung der kurzen solistischen Aufgaben: Margarete Teschemechers wunderbar klarer und machtvoll aufstrahlender Sopran, Gertrude Pitzingers warm-empfindsamer Alt und Hans Hermann Riffens klangprächtiger Baß standen an der Spitze; kleinere Partien sangen Dr. Hans Hoffmann (Tenor) und Hans Songström (Baß). Franz Schütz saß wieder an der Orgel. Neben den Wiener Symphonikern hatte der Singverein der Musikfreunde Höchstes zu leisten: für seine klangliche Intensität, die noch die schwierigsten, ganz instrumental geführten Partien durchleuchtete, und seine großartige seelische Bereitschaft, die nur einer wahren inneren Anteilnahme entsprungen sein kann, gibt es nur Worte der Bewunderung. Der Beifall war außerordentlich stark.

Ein Satz aus dieser Preisung des Hans Nutz, der zu merken ist, da dieser die Wahrheit ausspricht, ohne die Wahrheit sagen zu wollen, wenn von „falschen Führern“ — „Die Ungewißheit der Zukunft lastet auf der deutschen Welt, wütende Weiber, von falschen Führern im Zeichen der allgemeinen Menschenbrüderschaft toll gemacht, speien Verachtung und Schande auf Männer und Brüder, die im Kampf standen.“

An diesem Tag, dies nur nebenher gesagt, schreibt im „Neuen Wiener Tagblatt“ auch Dr. Mirko Jelusich über irgendeine Aufführung in irgendeinem Theater; ein Mann, von dem in der Gegenwart allenthalben auch das Ehrenreichste der Treuesten

Unter Oswald Kabasta

1935 ständiger Dirigent der Gesellschaft der Musikfreunde und der Wiener Symphoniker. War laut eigenen Angaben am 1.2.1932 dem Steirischen Heimatschutz beigetreten und wurde am 1.5.1938 offiziell in die NSDAP aufgenommen. 1938 wurde K. von den Münchener Philharmonikern zum Generalmusikdirektor gewählt, mit denen er mitten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges weite Tourneen unternahm. Im Oktober 1945 folgte die fristlose Entlassung. Aus gesundheitlichen Gründen, möglicherweise, weil er dem psychischen Druck der Verhöre während seines Entnazifizierungsverfahrens nicht standhalten konnte, setzte er seinem Leben 1946 selbst ein Ende. K. zählt zu den bedeutendsten Dirigenten der 1. Hälfte des 20. Jh.s und setzte v. a. durch sein vehementes Einsetzen für Originalfassungen neue Maßstäbe. K. engagierte sich nachhaltig für das Schaffen seines Lehrers Fr. Schmidt […]

Was unter Oswald Kabasta im österreichischen Musiklexikon zu lesen ist, im Oktober 2022, nun, wer würde nach dieser Lektüre nicht größtes Mitleid mit diesem armen Mann haben, der, wie es heutzutage gerne heißt, proaktiv bloß dem steirischen heimatschutz beigetreten ist, der ohne eigenes Zutun in die NSDAP aufgenommen wurde, geradeso, wie – und das fällt bei einem Apostel unabwendbar als Vergleich ein – Maria ohne ihr Zutun von Gott geschwängert wurde, während Gabriel dem Akt zusah oder Maria von Gabriel geschwängert wurde, und Gott zusah, dieser vielleicht erst eingriff, als er sah, daß Gabriels Samen zu spärlich oder gar nicht floß, der seinem Leben selbst ein Ende setzte, möglicherweise, weil er dem psychischen Druck der Verhöre während seines Entnazifizierungsverfahrens nicht standhalten konnte

Was für überhebliche Menschen müssen das gewesen sein, die einen der bedeutendsten Dirigenten, einen siegreichen Feldherrn, einen Vorkämpfer, der die deutsche auferstehung, das musikalische Vermächtnis Franz Schmidts zum Sieg geführt, was für eingebildete Menschen müssen das gewesen sein, die meinten, einen solchen Mann je verhören zu dürfen, was für ein abgründiges Ansinnen dieser hartherzigen Menschen muß es gewesen sein, solch einem Manne ein Entnazifierungsverfahren aufzubürden, und wie roh erst müssen die Verhöre selbst gewesen sein, daß ein so recht musischer Mann, ein so feiner Mann des Musikvereins, ein so kultivierter Mann der Symphoniker diesen nicht

„Trost in schweren Zeiten“ in der Musikvereinskirche

Unter dem deutschen Dirigenten gelingt eine mustergültige Aufführung von Franz Schmidts Oratorium – ohne Bombast und Glaubenskitsch

Es war eine eindrückliche, mustergültige Aufführung, in welcher der Deutsche weder aufgeblähten Bombast noch süßlichen Glaubenskitsch zu Gehör brachte, sondern eine Darstellung der Schreckenszeit […] Bleibt nur zu hoffen, dass auf diese Wiedergabe weniger apokalyptische Zeiten folgen als auf die Uraufführung anno 1938.

Das ist am 7. Oktober 2022 in der Tageszeitung des österreichischen Medienstandards zu lesen, geschrieben von Stefan Ender.

Absoluter Ausdruck des Kitsches bereits, den Baß vulgo Herrn alias Gott aka Führer vom Balkon herab singen zu lassen, aber zugleich, wie es heutzutage heißt, gar recht authentisch getroffen, bei einem Werk, dessen Text reiner Kitsch

Zugleich ein Text aus dem Buch — Franz Schmidt hielt sich dabei an die Übersetzung des auch nationalsozialistisch angebeteten Martin Luther –, das sadistischer als je ein Text von de Sade, das masochistischer als je ein Buch von Sacher-Masoch und soher von Krafft-Ebing als Beleg für seinen erfundenen Begriff Sadismus hätte nehmen müssen, mit dem er dem zu dieser Zeit schon lange toten de Sade keinen Schaden mehr zufügen konnte, und auch als Beleg für seinen in Umlauf gebrachten Begriff Masochismus, mit dem er dem zu dieser Zeit noch lebenden Leopold Sacher-Masoch größten Schaden zufügte.

Das Konzerthaus des Wiener Musikvereins gewandelt zur Kirche, geradeso, als ob es für deren Propaganda immer noch viel zu wenige Häuser …

Trost in schweren Zeiten
Das zweiteilige Werk, das vorwiegend auf der Luther-Übersetzung […] Der Einsatz traditioneller Stilmittel sowie das Festhalten an der Tonalität haben dazu geführt, dass man Schmidt Eklektizismus und Epigonentum vorwarf. Herbert von Karajan etwa hat eine Aufführung des „Buchs mit sieben Siegeln“ mit dem Argument abgelehnt, es handle sich um „verspätete Romantik“. Doch in unserer Zeit, in der in der Musik längst ohnehin alles „erlaubt“ ist, wirken solche Urteile doch ziemlich oberflächlich und überholt. Und die Meisterschaft, mit der Schmidt hier die gesamte Palette tradierter Ausdrucksformen von Bach bis Wagner nicht nur zu einer großen Synthese führt, sondern sie in sein persönliches Idiom übersetzt, wobei er die Aufbruchstendenzen seiner Gegenwart keineswegs ignoriert, spricht für sich. Einen leidenschaftlichen Anwalt fand der Komponist in Nikolaus Harnoncourt, der das Werk 2000 mit dem Wiener Singverein und den Wiener Philharmonikern erarbeitet und für CD aufgenommen hat – übrigens auch im Hinblick auf einen außermusikalischen Aspekt, der einen Schatten auf Schmidts Persönlichkeit wirft. Denn der brisante Zeitpunkt der Uraufführung des „Buchs mit sieben Siegeln“, unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland, hat dazu beigetragen, Franz Schmidt bezüglich seiner politischen Einstellung in Misskredit zu bringen. Dies auch deswegen, weil er kurz vor seinem Tod den fragwürdigen Auftrag der Nazis zu einer Kantate mit dem Titel „Deutsche Auferstehung“ annahm. Sie blieb Fragment, trotzdem resultieren daraus Fragen, auf die wir keine Antwort finden können.
Das stärkste Argument für Franz Schmidt bleibt die überwältigende Musik seines großen Oratoriums. Nikolaus Harnoncourts Bruder Philipp, der bedeutende Liturgiewissenschaftler, hat betont, dass die Johannes-Apokalypse als „Trost-Buch für Zeiten schwerster Anfechtung“ zu lesen sei. Genau in diesem Sinn hat der tiefreligiöse Komponist sie auch interpretiert. Dass es möglich scheint, gegen alle Hoffnung noch zu hoffen, mag uns gerade angesichts der aktuellen Weltlage ein heilsames Erlebnis sein.
Monika Mertl Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).

Das ist auf der Website der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zu lesen, im Oktober 2022.

Ach, wieder ein Armer der doch so genialischen Männer, die in „Misskredit“ gebracht. Was für ein gepeinigter Mann, der weder im Tod noch im Leben, wie Susanne Zobl am 7. Oktober 2022 in ein weiteren Tageszeitung österreichischen Qualitätszuschnitts zu berichten weiß, sich etwas aussuchen konnte:

Dass der damals schwer kranke Komponist von den Nationalsozialisten verehrt wurde, konnte er sich nicht aussuchen.

So also wird nun über Franz Schmidt geschrieben.

Franz-Schmidt-Park (13, Bereich Ghelengasse – Prehauserstraße), benannt (11. Jänner 2001 Gemeinderatsausschuss für Kultur) nach Franz Schmidt; vorher (benannt 12. Oktober 1999 Gemeinderatsausschuss für Kultur) Ernst-Krenek-Park (13). 2005 Errichtung eines von der Franz-Schmidt-Gesellschaft gestifteten Denkmals (Metallbüste auf hohem Vierkantsockel) mit der Inschrift „Franz Schmidt 1874-1939“. Die feierliche Enthüllung fand am 23. Juni statt. Im Auftrag der Stadt Wien hat eine HistorikerInnen-Kommission die historische Bedeutung jener Persönlichkeiten, nach denen Wiener Straßen benannt sind, von 2011 bis 2013 untersucht sowie eine zeithistorische Kontextualisierung vorgenommen. Aufgrund der daraus gewonnenen Erkenntnisse zur historischen Einordnung von Franz Schmidt wurde der Straßenname als Fall mit Diskussionsbedarf eingeordnet.

Das ist die heitere Seite daran, die Umbenennung des Parks, der für zwei Jahre Ernst-Krenek-Park heißen durfte. Es läßt doch ein Schmunzeln zu, daß ein Park, benannt nach einem Symphatisanten des Ständestaats, des Austrofaschismus (wenngleich er wohl meinte, mit diesem gegen den Nationalsozialismus kämpfen und diesen vielleicht sogar besiegen zu können) und des italienischen Faschismus und seines Anführers, nach nur zwei Jahren nach einem Mann umbenannt wird, der den deutschen Faschismus

Das Fortführen der Entlastung, das Freisprechen wird Edwin Baumgartner wohl nicht überraschen, der in der „Wiener Zeitung“ vor zwei Jahren, am 22. September 2020, zu Einspielungen von Franz Schmidt schreibt:

Erst Jahrzehnte lang nahezu nichts. Und jetzt sind fünf Gesamteinspielungen der vier Sinfonien im Handel. – Die Flaute ist leichter erklärt als der jetzige Erfolg: Der Österreicher Franz Schmidt (1874-1939) war bekennender Nationalsozialist. Ganz geheuer war er den Nationalsozialisten dennoch nicht, er galt aufgrund seiner Orgelmusik und seines Oratoriums „Das Buch mit sieben Siegeln“ als „katholischer Künstler“. Um die braunen Machthaber seiner Gesinnung zu versichern, komponierte er „Die deutsche Auferstehung“. Wer einen Blick in den Klavierauszug werfen konnte, weiß, dass Schmidt ein Überzeugungskomponist war – wie beim Katholizismus, so beim Nationalsozialismus.
Schmidt ist ein Komponist mit einer Gemeinde. Seine Anhänger setzen einerseits alles daran, seine NS-Verstrickungen kleinzureden, andererseits, ihn zum letzten Meister und Vollender der österreichischen Sinfonie hochzustilisieren, was, angesichts des Qualitätsgefälles etwa zu Gustav Mahler, fruchtlos bleiben muss.
Dennoch ist die Flut von Einspielungen ein Rätsel: Die Sinfonien sind weder klanglich sonderlich spektakulär, noch bieten sie Möglichkeiten grundlegend unterschiedlicher interpretatorischer Ansätze. Im Prinzip genügt es, den Klangstrom fließen zu lassen, ohne sich in seinen Fluten zu verlieren.
Mögen Schmidts Werke auch keine Vollendung der österreichischen Sinfonik sein: Ein Kennenlernen steht dafür, wenn man nachromantischen Schwelgereien etwas abgewinnen kann.

Gemäß der Geschichte dieses Werkes hat es seine Richtigkeit, wenn Stefan Ender wohl unbewußt und geschichtlich leichthändisch so eindringlich, so herausstellend auf das Deutsche verweist: „unter dem deutschen Dirigenten gelingt eine mustergültige Aufführung, der Deutsche“ —

„Das Buch mit sieben Siegeln“ ist aufzuschlagen, in der Gegenwart seines Entstehens und seiner Uraufführung.

Die „Illustrierte Kronen Zeitung“, 17. Juni 1938

Uraufführung im Gesellschaftskonzert. Die Apokalypse Johannis bildet die textliche Grundlage des gewaltigen Oratoriums, das Franz Schmidt, der bedeutendste Vertreter der gegenwärtigen Tonkunst der Ostmark, als einen Höhepunkt seines reichen musikalischen Lebenswerkes in einer Zeit geschaffen hat, die wie kaum eine andere zuvor so zusammenfassend das Ereignisvolle im Schicksal der Menschheit wahrnehmen läßt.
Diese neueste religiöse Tondichtung kann sowohl in ihrer textlichen Gestalt als in der aus ihr entwachsenden gewaltigen musikalischen Erscheinung in unsere unmittelbarste Gegenwart gelegt werden und eine Deutung erfahren, als wäre sie auf den Tag geschrieben. Die Aufführung durch Oswald Kabasta mit dem Singverein, der als Hauptträger des musikalischen Gebäudes erscheint, dem Orchester der Wiener Symphoniker, dem Orgelmeister Franz Schütz, der ebenfalls bedeutende Aufgaben meisterhaft löste, und mit dem ausgezeichneten Solisten-Ensemble, bildet ein Ruhmesblatt in der 125jährigen Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde, aber auch ein Ehrenmal für den Dirigenten und alle Ausführenden. Die ganz ungeheuren Schwierigkeiten des Werkes wurden restlos überwunden. Der Eindruck der künstlerisch vollendeten Aufführung war überwältigend, die Begeisterung der Zuhörer schier grenzenlos. Franz Schmidt, nach schwerer Krankheit dem Leben wiedergegeben, wurde als ein Held der Kunst gefeiert.

„Völkischer Beobachter“, 9. Juni 1938

In allernächster Zeit steht dem musikalischen Wien ein Ereignis besonderer Art bevor. Oswald Kabasta, der im Dienst der deutschen Sache unermüdlich wirkende Konzertdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde, wird in dem aus Anlaß des hundertfünfundzwanzigjährigen Bestehens der Gesellschaft veranstalteten Festkonzert, das von Franz Schmidt der Gesellschaft zu dieser Feier gewidmete Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ aus der Offenbarung des Johannes zur Uraufführung bringen. Es ist ein abendfüllendes Werk mit Gesangssolopartien, Chor, Orgel und Orchester. Wie Franz Schmidt selbst sagt, ist der Versuch, die Apokalypse zusammenhängend zu vertonen, neu und noch von niemand unternommen worden. Die Schwierigkeit liegt darin, den Text so zu gestalten, daß alles Wesentliche womöglich dem Wortlaut nach erhalten bleibe und zugleich die überdimensionierte Form auf ein im Konzertsaal erträgliches Maß reduziert werde. Der Komponist hat sich streng an das Textoriginal gehalten und sich nur dort Freiheiten erlaubt, wo sie künstlerisch gerechtfertigt erscheinen. So wird beispielsweise Johannes, der zur Zeit der Abfassung der Apokalypse ein Greis war, als junger Mann aufgefaßt, was auch in der Musik zum Ausdruck kommt. Der Text des Werkes ist nicht nur gewissermaßen Knochengerüst der Komposition, sondern nimmt auf das Wachstum der einzelnen Gestalten maßgeblichen Einfluß.

„Das deutsche Echo, Nr. 131“

Das Großwerk ist von einer Zeitnähe (Ringen gegen finstere Kunst- und Kulturmächte) und einer bezwingenden Wirkung. Kabasta war der siegreiche Feldherr des Abends. Schmidt wurde stürmisch bejubelt von Hörern und Ausführenden, er und die Solisten mußten sich immer wieder am Podium zeigen.

„Völkischer Beobachter“, Dr. Friedrich Bayer, 16. Juni 1938

Ein künstlerisches Ereignis von besonderer, einmaliger Art hält das musikalische Wien in Atem. Ein reifer Meister, einer unserer Großen, sagen wir es nur: der bedeutendste lebende österreichische Symphoniker, Franz Schmidt, hat uns mit einem abendfüllenden Werk beschenkt, das Oswald Kabasta im dritten Chorkonzert der Gesellschaft der Musikfreunde aus der Taufe gehoben hat. Für den Wiener Boden, der, energiegeladen, allenthalben Musik ausstrahlt, sind Uraufführungen an sich bedeutsame Augenblicke, in denen das hohe Allgemeininteresse an zeitgenössischer Musik Höhepunkte erlebt. Für neues ist der Wiener immer zu haben, dafür sorgt schon seine angeborene Neugier. Handelt es sich nun gar um Uraufführungsabende anerkannter Tondichter, ist das ganze Musik-Wien auf den Beinen, um dem Meister und seinem Werk die gebührende Ehre zu erweisen. Im Falle Franz Schmidt ist es heute so gewesen.
Während dieser Stille erzählt uns Johannes gleichsam in Paranthese die Geschichte des wahren Glaubens und seiner Kirche von der Geburt des Heilandes angefangen, von ihren Kämpfen gegen die Anhänger des Teufels und deren falsche Lehren, und von ihrem endgültigen Sieg. Nach dem großen Schweigen im Himmel, das bis an das Ende aller irdischen Zeit während anzunehmen ist, rüsten die sieben Posaunenengel zum Blasen des schauerlichen Appells für das jüngste Gericht. Über dieses selbst berichtet Johannes wie im Original nur kurz, um aber um so eindringlicher darzulegen, daß die Weltenwende angebrochen sei, daß nunmehr eine neue Erde jene trage, die das ewige Leben haben, und daß ein neuer Himmel über ihnen blaue. Der Herr spricht zu den Geläuterten, daß er mit ihnen wohnen und sie seine Kinder sein und er ihr Vater sein werde. Nachdem die Geläuterten dem Herrn mit Hallelujah gedankt und gehuldigt haben, schließt Johannes seine Offenbarung mit einer kurzen erläuternden Abschiedsansprache ab. „Das Buch mit sieben Siegeln“ ist ein richtiggehendes Oratorium mit Solo-, Ensemble- und Chorpartien, Orgelzwischenspielen, vom Orchester zum Teil rein musikalisch begleitet, zum Teil dramatisch charakterisiert, illustriert. Die Worte des Oratoriums sind der Apokalypse („aus der Offenbarung des Johannes“) entnommen, deren reichlichen Wortschwall der Komponist eindämmen und auf ein erträgliches Maß reduzieren mußte. Sinnstörende Kürzungen zu vermeiden, mag da nicht immer ganz leicht gewesen sein. Indem Schmidt die Briefe des Johannes an die sieben Gemeinden zu einer Begrüßungsansprache zusammenfaßt, hielt er sich streng an das Original. Die Berufung Johannis durch den Herrn, sein Erscheinen vor dem Thron, die Huldigungszeremonie, das Buch in der Hand des Herrn, die Vision des Lamms, das Entgegenneahmen des Buches durch das Lamm, all dies hat der Komponist nahezu im Wortlaut dem Original nachgebildet. Der anschließende kurze Dankgottesdienst rundet, wie sich Schmidt selbst in seiner Erläuterung des Werkes ausdrückt, den Akt zu einem „Prolog im Himmel“ ab. Lassen wir den Tondichter schildern, wie der erste Teil des Oratoriums im Rahmen der Lösung der ersten sechs Siegel durch das Lamm die Geschichte der Menschheit vorauserzählt.
„Nach segens- und hoffnungsreicher Ausbreitung der christlichen Heilslehre durch den weißen Reiter (Jesus Christus) und seine himmlischen Heerscharen verfällt die Menschheit in Nacht und Wirrsal. Der blutrote Reiter überzieht die Welt mit seinen höllischen Heerscharen und stürzt die Menschheit in den Krieg aller gegen alle. Der dritte (schwarze) und der vierte (fahle) apokalyptische Reiter führen weiterhin die Folgen des Krieges vor: Hungersnot und Pest. Die Menschheit ist zum größten Teil zugrunde gegangen und in Verzweiflung versunken. Nur ein kleiner Rest hält noch am Glauben fest. Beim Aufbrechen des fünften Siegels treten die Seelen der Glaubensmärtyrer und anderer Opfer menschlicher Verbrechen in Erscheinung. Sie rufen nach Gerechtigkeit und Vergeltung. Der Herr heißt sie noch ausharren und verspricht ihnen Gerechtigkeit am Tage des großen Gerichtes. Da der größte Teil der noch übrigen Menschheit auch weiterhin in Sünde und Verstocktheit verharrt, vertilgt sie der Herr durch Erdbeben, Sintflut und Weltbrand, was durch das Aufbrechen des sechsten Siegels offenbar wird.
Das der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zum hundertfünfundzwanzigjährigen Bestand gewidmete Werk hatte durchschlagenden Erfolg. Der anwesende Komponist wurde im Verein mit den Solisten stürmisch umjubelt und konnte das erhebende Gefühl aus dem Konzert mit sich tragen, die an sich würdige Feier der Gesellschaft durch seine herrliche Musik ganz besonders festlich gestaltet zu haben.

„Feinschwarz“, Elisabeth Birnbaum, Direktorin des österreichischen Bibelwerkes, 31. Juli 2020

Wer Franz Schmidt auf die Idee brachte, sein Werk zu schreiben, ist nicht sicher. Viele, darunter auch ein enger Freund Schmidts, vermuten den Dirigenten Oswald Kabasta als Inspirationsquelle. Dieser, Katholik und Parteimitglied der NSDAP, habe ihn in den frühen Dreißigerjahren davon überzeugt, dass „katholisch Trumpf sei und er die Apokalypse des Johannes vertonen müsse.“[1] Kabasta dirigierte auch die Uraufführung, ebenso wie später einen (von Schmidt unvollendeten) Jubelhymnus auf den Führer. 

Die „Offenbarung“ war nicht nur in Zeiten des Austrofaschismus, sondern auch des Nationalsozialismus ein beliebtes Buch. Nicht nur wegen der Idee eines heilbringenden „tausendjährigen“ Reiches, das als „ewiges“ Reich, als „Endphase der nationalsozialistischen ‚Heilsgeschichte‘“ verstanden wurde.[2] Auch die Endzeit-Szenarien, die schrecklichen Plagen und Kriege als unumgängliche Vorboten der Erlösung, die Verdammung der Feinde und der Sieg der Erwählten schienen geeignete Motive zu sein, die bewegte Zeit zu deuten. Von Feinden des Nazi-Regimes ebenso wie von Freunden: „Vielerorts wurde die Apk [=Offb] in Deutschland am Sonntag nach der Reichspogromnacht (13.11.1938) als gottesdienstliche Lesung benutzt.“[3]

Die Vision der biblischen Johannes-Offenbarung gipfelt in einem erneuerten, endzeitlichen Jerusalem. Unter Rückgriff auf Ezechiels große Tempelvision wird die neue „heilige Stadt Jerusalem“ beschrieben: Sie ist prachtvoll und kostbar, erleuchtet von der Herrlichkeit des Herrn, bewohnt von Gott selbst und dem „Lamm“ (Offb 21). Im Oratorium dagegen fehlt jeder Hinweis auf Jerusalem. Der neue Himmel und die neue Erde entstehen an keinem bestimmten Ort. Es gibt keine Erwählten aus Israel (vgl. Offb 7,4–8). Die Bedrohung und Errettung der Stadt spielt keine Rolle. Die Vision wird aus seinem Israel-Kontext entwurzelt und universalisiert. Das betrifft auch den Messias selbst, „das Lamm“ Gottes. Er wird in Offb 5,5 eingeführt als „Löwe aus dem Stamm Juda“ und „Wurzel Davids“. All das wird im Oratorium ersatzlos gestrichen.

Christus wird durch wenige Auslassungen entjudaisiert. Die Erlösten sind folgerichtig auch nicht mehr Juden und Heiden, die sich zu Jesus bekennen, sondern Christen ohne Vergangenheit und Verortung. Ein anderes, viel weniger durchgängiges Motiv der biblischen Offenbarung wird hingegen sehr wohl erwähnt: In der „Offenbarung“ ist von einer tausendjährigen Herrschaft die Rede (Offb 20). In dieser Zeit ist der Satan gefesselt: Das Oratorium zitiert die Verse 2–3: „Und er [der Engel, Anm. d. V.] ergriff den Drachen, die alte Schlange, die da heisset auch der Teufel und Satan, und band ihn für tausend Jahre. Und warf ihn in den Abgrund und verschloss und versiegelte ihn über ihm, dass er nicht mehr verführen sollte die Völker der Erde.“ In Schmidts Opus endet der Vers hier. In der Bibel nicht. Der Vers setzt fort mit: … „bis vollendet würden die tausend Jahre. Danach muss er losgelassen werden eine kleine Zeit (Offb 20,3c).“ In der Bibel ist der Sieg über den Satan also noch nicht das Ende. Es gibt ein Danach. Bei Schmidt hingegen wird die tausendjährige Herrschaft über den Satan zum endgültigen End- und Schlusspunkt der Geschichte.

Es könnte nun auch etwas zu Oswald Kabasta geschrieben werden, der im Juni 1938 die Uraufführung dirigierte. Über einen, der es auf die Liste der weißen Reiter schaffte, einen, nach dem Gassen in der Gegenwart benannt sind, einen, den ein Unterrichtsminister fest an der Wiener Staatsoper

Ein österreichischer Maler, Hubert Lanzinger, malte Jahre vor diesem Juni 1938 bereits einen weißen Reiter, den Anführer, ausgestellt auch 1937 auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“, in der als einzige Malerin aus Österreich —

Wie richtig ihm, Franz Schmidt, dem namentlich Gepriesenen, sein werbendes Bekenntnis zum sogenannten Anschluß Österreichs an das tausendjährige deutsche reich gewesen sein muß, werden die gedruckten Worte am Vorabend der sogenannten Volksabstimmung noch einmal bestätigt haben.

„Völkischer Beobachter“, Dr. Friedrich Bayer, 9. April 1938

Als gelegentlich des Empfanges im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg Reichsminister Dr. Joseph Goebbels zu uns Kunstschaffenden sprach, warf er die heikle Frage auf, ob man denn von einer Gegenwartskunst in Österreich überhaupt sprechen könne, da man sie nicht sehe oder sie bisher nicht gesehen habe. Daß der Reichsminister — Gott sei’s geklagt, mit vollkommener Berechtigung— diese Frage anschneiden konnte, beweist, unter welch grauenvoll erschütternden kulturellen Verhältnissen wir im Systemösterreich zu leben gezwungen waren, vor welchem Abgrund wir standen. Wenn man sich die Aufgabe stellt, über das Kunstgebiet der Musik zu sprechen, so tritt uns zunächst die wertvollste Gesellschaftsschicht der Musikerschaft entgegen, die Gilde der schaffenden Musiker. Welche Möglichkeiten waren dem Tondichter ernster Richtung geboten, im Schuschnigg-Österreich seine Fähigkeiten und Kenntnisse zur Entfaltung zu bringen? Gar keine. Das musikkulturelle Leben lag zur Gänze in den Händen jener hauchdünnen Oberschicht von Intellektuellen, die in Presse, Rundfunk, Theater und Konzert bestimmten, was als fortschrittlich oder rückständig, was als typisch österreichisch zu gelten hatte. Das Untalent wurde künstlich emporgelobt, sofern es entweder den rassischen Anforderungen der Clique ent­sprach, oder als ungefährlicher, kritik- und widerstandsloser Mitläufer gelten konnte. Was in den Jahren seit dem Novemberumsturz an Werken ernster Komponisten zur Aufführung kam, war, abgesehen von einigen wenigen überragenden Namen, die man einfach nicht umgehen konnte, üble Mache land-und volksfremder Elemente, für die kritik- und urteilslose Masse berechnet. Ja selbst Meister wie Richard Strauß, Hans Pfitzner, Franz Schmidt und Joseph Marx, die lebenden Großen unserer Nation, wurden unter der raffiniert eingeschmuggelten Devise „Klassiker zu Lebzeiten“ diffamiert und als überholt, unzeitgemäß und veraltet abgetan. Ähnlich, wenn nicht schlimmer, stand es um die Tonsetzer der heiteren Muse. Das Metier hätte dem Juden so auf die Dauer gepaßt. Da brauchte er sich um kein „Ethos in der Musik“ zu kümmern, da konnte er dem verdorbenen Kunstproletariat schmutzige, schlüpfrige Erotik, im besten Falle verlogene, unaufrichtige Sentimentalitätsduselei als volkstümliche, bodenständige Musik vorsetzen. So war es bei uns, so war es im Reich. Da kam der reinigende Sturmwind des 30. Jänner 1933. Wie Spreu vom Weizen sonderte sich die international-intellektualistische Musikmache von völkischer, gefühlsmäßig gebundener Musik und zerstob nach allen Himmelsrichtungen ins Ausland. Das verdankte man damals dem Führer. Wie ein Strom ergoß sich eine Menge junger Talente über das vom Druck befreite Reich und schuf eine neue Richtung, die, an Altbewährtes anknüpfend, eigene Wege geht. Neidvoll mußten wir Österreicher abseitsstehen, den Aufschwung jenseits der Staatsgrenzen dem Niedergang im eigenen Lande gcgenüberstellend. So ist es Gottes Fügung, daß der 10. April 1938 ins Land zog, an welchem Tag ein gnädiges Geschick dem deutschen Musiker in Österreich die Gelegenheit bietet, dem Führer für alles Gute zu danken. Willst du, deutscher Tondichter, daß deine Werke den ihnen gebührenden Platz im Musikleben wieder einnehmen, willst du, deutscher Komponist symphonischer und dramatischer Werke, wieder Herr im eigenen Haus sein, dann folge heute wie immer der Stimme deines Blutes und bekenne dich zum Führer! Es soll dein Schaden nicht sein.

Denk aber nicht nur an dich! Denk vor allem an die andern, mit denen du die große Gemeinschaft des Volkes bildest und hilf mit am Einigungsakt der deutschen Nation! Hatten die schaffenden Musiker im System-Österreich harten Existenzbedingungen gegenübergestanden, so hatten es die nachschaffenden Künstler nicht um ein Haar besser. Vergegenwärtigen wir uns nur einmal den Leidensweg, den beispielsweise eine Sängerin zu durchschreiten hatte, wenn sie auf anständige und ehrliche Weise Karriere machen wollte. Konzertdirektionen, Theateragenturen und Bühnen in jüdischem Besitz oder zumindest unter jüdischem Einfluß stehend (die Staatstheater des verflossenen Systems nicht ausgenommen). Wohin auch der arische Künstler sich wandte, überall stieß er auf die stahlharte Mauer, auf die geschlossene Phalanx

Für dieses Wort muß das Zitat aus dem völkischen beobachter kurz unterbrochen werden. „Phalanx“, ein Wort, auf das in der Gegenwart immer wieder zu stoßen ist, bei Männern und Frauen, deren rechte Beobachtung „den Rassefremden“ —

der „Alliance israelite universelle“, die den Rassefremden nur dann in ihren Kreis aufnahm, wenn er sich den weltanschaulichen Grundsätzen des Weltjudentums unterordnete, gewissermaßen einer der Ihren wurde. Nicht anders erging es den Instrumentalisten. Um eigene Abende zu geben, fehlte es am nötigen Kleingeld, und auf eine Aufforderung zur Mitwirkung in Orchesterkonzerten konnte man lange warten. Und die Dirigenten? Wehe, wenn es einer wagen sollte, uns Nationale aufzuführen oder völkisch eingestellte Solisten zu beschäftigen! Das geringste, das ihm widerfuhr, war, in der Judenpresse totgeschwiegen zu werden. Das nächste Mal wußte man es dann schon, mit wem man es zu tun hatte. Es gab solche Helden der Gesinnung, deren Namen der breiten Öffentlichkeit mit allem Nachdruck zur Kenntnis gebracht werden müssen. Leopold Reichwein, Oswald Kabasta, Karl Auderieth, Anton Konrath, sie alle sind in manchen Belangen Vorkämpfer des Dritten Reiches geworden. Darum, deutscher reproduzierender Künstler, bedenke eines. Wenn du als Sänger oder Instrumentalsolist wieder vor das Publikum hintreten kannst, weil man dir zuvor den jüdischen Revolutionsschutt bereitwilligst aus dem Weg geräumt und die Bahn wieder freigemacht hat, wenn du, deutscher Dirigent,als freier Mann im freien Land nunmehr Herr deiner künstlerischen Entschließungen bist und, ungehindert durch erzwungene Rücksichtnahme auf Verleger, Konzertdirektoren und Agenten, diejenigen Werke aufführen darfst, die du für gut und aufführenswert hältst, wenn endlich du, deutscher Musiker, der du vom Produktionsprozeß des Rundfunks bisher geflissentlich ausgeschaltet warst, jetzt auch dein Scherflein zur deutschen Kunst auf drahtloser Welle beitragen kannst — dann verdanken wir alle das dem unvergleichlichen Führer der Nation, der aus uns armen, gequälten, geknechteten, jeder Lebenslust und Arbeitsfreude beraubten Seelenkrüppeln wieder gesunde, frohe, aufrechte deutsche Menschen gemacht hat. So steigt in unseren Herzen ein Gefühl mächtig hoch, das alle anderen Empfindungen in den Hintergrund drängt und allgewaltig zum Durchbruch kommt: das Gefühl des innigsten, ergebungsvollsten Dankes, den wir kleinen, ärmlichen Seelen dem großen, reichen Geist abstatten dürfen. Was hat der Führer nicht alles für uns getan. Das Selbstbewußtsein hat er uns zurückgegeben. Ein arbeitsreiches Leben läßt dem Kunstenthusiasten nur wenig Zeit, Musik zu genießen. Und dennoch spart sich der Führer ein paar kostbare Minuten ab, um einige Takte „Tristan“ in der Oper oder ein Bruckner-Scherzo im Konzert zu erhaschen. Wer mit solcher Liebe an der Tonkunst hängt und sie als dringendes Lebensbedürfnis empfindet, dem kann man nur seine tiefe Dankbarkeit in Ergebenheit zu Füßen legen.

Was ihm, Franz Schmidt, „dein Schaden nicht“ war, konnte er nur kurz genießen, denn schon am 11. Februar 1939 kehrte er, Franz Schmidt“ heim zu seinem ersten Herrn, dessen Antlitz auf Erden er nicht weiter schauen und nicht mehr vervollkommnet tonreich bejubeln …

„Das kleine Volksblatt“, 18. Februar 1939

Der Heimgang des Komponisten Franz Schmidt
Zum Ableben des großen Musikers der Ostmark Franz Schmidt versammelten sich gestern um 14 Uhr zunächst die engsten Berufskameraden des Verstorbenen zu einer internen Trauerfeier der Philharmoniker, an der lediglich die Orchestermitglieder teilnahmen und Professor Wilhelm Jerger Gedächtnisworte sprach. Um 15 Uhr fanden sodann die offizielle Trauerfeier im Großen Musikvereinssaale statt, wo der Tote an der Stätte seines langjährigen Wirkens aufgebahrt war. Unter den zahlreichen Freunden und Verehrern, die dem verstorbenen Künstler bei der Trauerfeier die letzte Ehre erwiesen, befanden sich auch Reichsstatthalter Dr. Seyß-Inquart und Minister Dr. Fischböck.
Die Trauerfeier leitete ein Orgelvorspiel ein, worauf Franz Schütz und Wilhelm Jerger das Wort zu Abschiedsgrüßen ergriffen. Beide Redner feierten den Verstorbenen als einen großen Musiker und schilderten seine künstlerische Persönlichkeit. Im Verlaufe der Ansprache wurde bekanntgegeben, daß Franz Schmidt sein letztes großes symphonisches Werk mit dem symbolhaften Titel „Des deutschen Volkes Auferstehung“ nicht mehr vollenden konnte. Zum Abschied erklang unter der Leitung des Grazer Operndirektors Rudolf Moralt das Adagio aus der Siebenten Symphonie Anton Bruckners, das vom gesamten Philharmonischen Orchester gespielt wurde. Sodann wurde der Sarg gehoben und der Trauerzug begab sich zur Karlskirche, wo die feierliche Einsegnung des Leichnams stattfand. Bei der Beerdigung auf dem Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Gemeinde Wien sandte ein Hornoktett der Philharmoniker dem toten Kameraden die letzten Grüße nach.

„Bleibt nur zu hoffen, dass auf diese Wiedergabe weniger apokalyptische Zeiten folgen als auf die Uraufführung anno 1938.“ So steht es geschrieben, am 7. Oktober 2022, in der Tageszeitung des österreichischen Medienstandards, als ob …

Die apokalyptischen Zeiten aber, die auf die Uraufführung folgten, kamen nicht von irgendwo herab auf die Menschen, in diese wurden die Menschen nicht als daran unschuldige Menschen gestellt, die apokalyptischen Zeiten waren der Menschen Werk, herbeiposaunt auch von jenen, die im Musikverein —

Ein Gesegneter würdigt einen Aber-nahe-dran-Heiligen: Cicero, Magazin ehrenwerter Männer

In welchem Magazin sonst könnte ein ehrenwerter Mann einen ehrenwerten Mann würdigen, als in einem Magazin, in dem Ehrenwerte zur Kultur von Ehrenwerten schreiben, in einem Magazin, dessen Konzept das Ehrenwerte ist, in einem Magazin, das sich, darf vermutet werden, bildungsbürgerlich den Namen eines Mannes – Cicero – gab, der in seinen Reden allenthalben von ehrenwerten Männern —

Dietrich Mateschitz jedoch ist nun seit seinem Tode mehr als ein ehrenwerter Mann, er ist, so sagt es Hubert Achleitner, ein ehrenwerter Mann aus Goisern, ein Aber-nahe-dran-Heiliger, und

Sebastian Kurz ist mehr als ein ehrenwerter Mann, er ist ein Gesegneter, seit dem Tage in der Halle, in der Ben Fitzgerald die ehrenwerte Aufgabe der Segnung erfüllte.

So ist es nur recht und billig, daß ein Gesegneter eines Aber-nahe-dran-Heiligen sich würdig erinnert, in einem Magazin der ehrenwerter Männer für ehrenwerte Männer, für das Männer wie Walter Eichelburg „fundamentale Einwände“ …

Solch ein Tag, an dem ein Heiliger seiner Geburt nah‘, ein Gesegneter der wärmsten Worte fähig, ist ein rechter Tag, diesen mit Versen von William Shakespeare zu schließen, aus dem dritten Aufzug seines „Julius Cäsar“, in dem Antonius zum Volke spricht, eindrucksvoller als Cicero über die ehrenwerten Männer spricht, über das Testament von ehrenwerten Männern, über das Vermächtnis, das ehrenwerte Männer hinterlassen —

Mitbürger! Freunde! Römer! hört mich an:
Begraben will ich Cäsarn, nicht ihn preisen.
Was Menschen Übles tun, das überlebt sie,
Das Gute wird mit ihnen oft begraben.
So sei es auch mit Cäsarn! Der edle Brutus
Hat euch gesagt, daß er voll Herrschsucht war;
Und war er das, so war’s ein schwer Vergehen,
Und schwer hat Cäsar auch dafür gebüßt.
Hier, mit des Brutus Willen und der andern
(Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann,
Das sind sie alle, alle ehrenwert),
Komm ich, bei Cäsars Leichenzug zu reden.
Er war mein Freund, war mir gerecht und treu;
Doch Brutus sagt, daß er voll Herrschsucht war,
Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann.
Er brachte viel Gefangne heim nach Rom,
Wofür das Lösegeld den Schatz gefüllt.
Sah das der Herrschsucht wohl am Cäsar gleich?
Wenn Arme zu ihm schrien, so weinte Cäsar;
Die Herrschsucht sollt aus härterm Stoff bestehn.
Doch Brutus sagt, daß er voll Herrschsucht war,
Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann.
Ihr alle saht, wie am Lupercusfest
Ich dreimal ihm die Königskrone bot,
Die dreimal er geweigert. War das Herrschsucht?
Doch Brutus sagt, daß er voll Herrschsucht war,
Und ist gewiß ein ehrenwerter Mann.
Ich will, was Brutus sprach, nicht widerlegen;
Ich spreche hier von dem nur, was ich weiß.
Ihr liebtet all ihn einst nicht ohne Grund;
Was für ein Grund wehrt euch, um ihn zu trauern?
O Urteil, du entflohst zum blöden Vieh,
Der Mensch ward unvernünftig! – Habt Geduld!
Mein Herz ist in dem Sarge hier beim Cäsar,
Und ich muß schweigen, bis es mir zurückkommt.
Noch gestern hätt umsonst dem Worte Cäsars
Die Welt sich widersetzt; nun liegt er da,
Und der Geringste neigt sich nicht vor ihm.
O Bürger! strebt ich, Herz und Mut in euch
Zur Wut und zur Empörung zu entflammen,
So tät ich Cassius und Brutus Unrecht,
Die ihr als ehrenwerte Männer kennt.
Ich will nicht ihnen Unrecht tun, will lieber
Dem Toten Unrecht tun, mir selbst und euch,
Als ehrenwerten Männern, wie sie sind.
Doch seht dies Pergament mit Cäsars Siegel;
Ich fand’s bei ihm, es ist sein letzter Wille.
Vernähme nur das Volk dies Testament
(Das ich, verzeiht mir, nicht zu lesen denke),
Sie gingen hin und küßten Cäsars Wunden
Und tauchten Tücher in sein heilges Blut,
Ja, bäten um ein Haar zum Angedenken,
Und sterbend nennten sie’s im Testament
Und hinterließen’s ihres Leibes Erben
Zum köstlichen Vermächtnis.
Seid ruhig, lieben Freund‘! Ich darf’s nicht lesen,
Ihr müßt nicht wissen, wie euch Cäsar liebte.
Ihr seid nicht Holz, nicht Stein, ihr seid ja Menschen;
Drum, wenn ihr Cäsars Testament erführt,
Es setzt‘ in Flammen euch, es macht‘ euch rasend.
Ihr dürft nicht wissen, daß ihr ihn beerbt,
Denn wüßtet ihr’s, was würde draus entstehn?
So zwingt ihr mich, das Testament zu lesen?
Schließt einen Kreis um Cäsars Leiche denn,
Ich zeig euch den, der euch zu Erben machte.
Erlaubt ihr mir’s? Soll ich hinuntersteigen?
Nein, drängt nicht so heran! Steht weiter weg!
Wofern ihr Tränen habt, bereitet euch,
Sie jetzo zu vergießen. Diesen Mantel,
Ihr kennt ihn alle; doch erinnr‘ ich mich
Des ersten Males, daß ihn Cäsar trug
In seinem Zelt, an einem Sommerabend –
Er überwand den Tag die Nervier –
Hier, schauet! fuhr des Cassius Dolch herein;
Seht, welchen Riß der tücksche Casca machte!
Hier stieß der vielgeliebte Brutus durch;
Und als er den verfluchten Stahl hinwegriß,
Schaut her, wie ihm das Blut des Cäsar folgte,
Als stürzt‘ es vor die Tür, um zu erfahren,
Ob wirklich Brutus so unfreundlich klopfte.
Denn Brutus, wie ihr wißt, war Cäsars Engel.
Ihr Götter, urteilt, wie ihn Cäsar liebte!
Kein Stich von allen schmerzte so wie der.
Denn als der edle Cäsar Brutus sah,
Warf Undank, stärker als Verräterwaffen,
Ganz nieder ihn; da brach sein großes Herz,
Und in dem Mantel sein Gesicht verhüllend,
Grad am Gestell der Säule des Pompejus,
Von der das Blut rann, fiel der große Cäsar.
O meine Bürger, welch ein Fall war das!
Da fielet ihr und ich, wir alle fielen,
Und über uns frohlockte blutge Tücke.
O ja! nun weint ihr, und ich merk, ihr fühlt
Den Drang des Mitleids; dies sind milde Tropfen.
Wie? weint ihr, gute Herzen, seht ihr gleich
Nur unsers Cäsars Kleid verletzt? Schaut her!
Hier ist er selbst, geschändet von Verrätern.
Seid ruhig, meine Bürger!
Ihr guten, lieben Freund‘, ich muß euch nicht
Hinreißen zu des Aufruhrs wildem Sturm.
Die diese Tat getan, sind ehrenwert.
Was für Beschwerden sie persönlich führen,
Warum sie’s taten, ach! das weiß ich nicht;
Doch sind sie weis und ehrenwert, und werden
Euch sicherlich mit Gründen Rede stehn.
Nicht euer Herz zu stehlen, komm ich, Freunde;
Ich bin kein Redner, wie es Brutus ist,
Nur, wie ihr alle wißt, ein schlichter Mann
Dem Freund ergeben, und das wußten die
Gar wohl, die mir gestattet, hier zu reden.
Ich habe weder Witz noch Wort‘ und Würde,
Noch Kunst des Vortrags noch die Macht der Rede,
Der Menschen Blut zu reizen; nein, ich spreche
Nur gradezu und sag euch, was ihr wißt.
Ich zeig euch des geliebten Cäsars Wunden,
Die armen stummen Munde, heiße die
Statt meiner reden. Aber wär ich Brutus
Und Brutus Mark Anton, dann gäb es einen,
Der eure Geister schürt‘ und jeder Wunde
Des Cäsars eine Zunge lieh‘, die selbst
Die Steine Roms zum Aufstand würd empören.
Nun, Freunde, wißt ihr selbst auch, was ihr tut?
Wodurch verdiente Cäsar eure Liebe?
Ach nein! ihr wißt nicht. – Hört es denn! Vergessen
Habt ihr das Testament, wovon ich sprach.
Hier ist das Testament mit Cäsars Siegel;
Darin vermacht er jedem Bürger Roms,
Auf jeden Kopf euch, fünfundsiebzig Drachmen.
Hört mich mit Geduld!
Auch läßt er alle seine Lustgehege,
Verschloßne Lauben, neugepflanzte Gärten
Diesseit der Tiber euch und euren Erben
Auf ewge Zeit, damit ihr euch ergehn
Und euch gemeinsam dort ergötzen könnt.
Das war ein Cäsar: wann kommt seinesgleichen?
Nun wirk es fort. Unheil, du bist im Zuge:
Nimm, welchen Lauf du willst! –
    Ein Diener kommt.
Was bringst du, Bursch?
Diener.
Herr! Octavius ist schon nach Rom gekommen.
Antonius.
Wo ist er?
Diener.
Er und Lepidus sind in Cäsars Hause.
Antonius.
Ich will sofort dahin, ihn zu besuchen,
Er kommt erwünscht. Das Glück ist aufgeräumt
Und wird in dieser Laun uns nichts versagen.
Diener.
Ich hört ihn sagen, Cassius und Brutus
Sei’n durch die Tore Roms wie toll geritten.
Antonius.
Vielleicht vernahmen sie vom Volke Kundschaft,
Wie ich es aufgewiegelt.

Hubert Achleitner, Goisern „und ja:

Die Staats- und Landesspitze verneigt sich vor Mateschitz. Van der Bellen verweist auf den „beeindruckenden Lebensweg“. Auch Hubert von Goisern, Andreas Gabalier und Tobias Moretti erinnern sich auf Nachfrage der Kleinen Zeitung an Mateschitz zurück. Neben Polit- und Wirtschaftsspitzen zeigen sich im Gespräch mit der Kleinen Zeitung auch Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur tief betroffen vom Ableben von Dietrich Mateschitz. Musiker Hubert von Goisern erinnert sich: „Dietrich Mateschitz war visionär wie kaum jemand aus meinem Bekanntenkreis. Und das will etwas heißen, bewege ich mich doch vornehmlich im Umfeld kreativer Menschen. Und ja: er war kein Heiliger, aber nahe dran. So manche die als solche gelten, können ihm in Sachen humaner Gesinnung nicht das Wasser reichen. Dass heute im tibetischen Kloster Rikon Gebete für ihn gesprochen werden, zeigt die Wertschätzung auch außerhalb der Welt des Sports.“

Ob Hubert Achleitner aus Goisern bei seiner Erhebung von Dietrich Mateschitz zum „Aber-nahe-dran-Heiligen“ an den Doppelsinn von heilig auch gedacht haben mag, darf bezweifelt werden, denn er kündet, ihm, also Mateschitz, würden „so manche, die als solche [Heilige] gelten, in „Sachen humaner Gesinnung nicht das Wasser reichen [können]“. Und dies ein Hinweis darauf, daß er nicht an den Doppelsinn von heilig dachte, ihm dieser bekannt ist …

Nicht nur wegen des Doppelsinns von sacerheilig/verflucht – fällt dazu sofort Giorgio Agamben ein, auch wegen dem, was er über Heilige zu berichten weiß, und auch wegen der Pandemie, in der der „Aber-nahe-dran-Heilige“ seine Jünger predigen ließ, etwa den „Buddhisten“, den in seiner Fernsehanstalt für eine nicht kurze Zeit zum Viruskardinal Geweihten, mit seinen fundamentalen Kenntnissen, der weiß, daß es die „lebende Hölle“ gibt, und auch wo auf Erden, der in jedem Atlas sofort zeigen kann, wo die „lebende Hölle“ ist: „Israel“ —

Es kann auch sein, daß die Verkündigung in dieser Tageszeitung an einem Sonntag, 23. Oktober 2022, er, Dietrich Mateschitz, sei ein „Aber-nahe-dran-Heiliger“ das wenn auch noch unsichere Outing des Hubert von Goisern als Tempelkirchengründer; und dies seine erste Segnung, sein noch schüchtern verkündeter erster Heiliger für seine Tempelkirche, nach dem Vorbilde des resoluten, selbstbewußten und geisterfüllten Mannes in der Gotteshalle, der auch seinen Mann segnete …

Und nur ein „Aber-nahe-dran-Heiliger“ kann in solch „humaner Gesinnung“ von einem in der Stadthalle Gesegneten sprechen, der selbst von solch „humaner Gesinnung“, von dessen Leistungen heute noch, einfach wie kurz gesagt, die Medien zu seinem Ruhme übervoll …

Nur ein „Aber-nahe-dran-Heiliger“ weiß um die „Besten“ im Land, und es wird ihm wohl abermals das Herz schwer gemacht haben, daß sein „Bester“ nun nicht in der Hofburg regiert, wie ihm wohl zuvor schon das Herz schwer gemacht haben wird, daß der Mann, den er so scharfsinnig als „sehr intelligent, couragiert und charismatisch“ erkannte, dessen Standpunkte [man] weitestgehend teilen [kann]“, nicht mehr das „Konzept Ballhausplatz“ seiner „humanen Gesinnung“ an ebendieser Adresse —

Wer sonst als ein „Aber-nahe-dran-Heiliger“ weiß um die Mühe der betriebsrätlichen Arbeit, und ist es nicht die edelste, die humanste Gesinnung, den Menschen, die doch mit Arbeit mehr als ausgelastet schon, dies zu ersparen? Von dieser „humanen Gesinnung“ war auch ein Mann beseelt, der wohl auch die Standpunkte in dieser Hinsicht die Standpunkte des „Aber-nahe-dran-Heiligen“ teilen konnte: „Und Betriebsrat. Weg damit.“

Aber das wußte wohl, der den „Besten“ an die Spitze holte, schon einer, daß Arbeitsschutzgesetze nur hinderlich sein können, auf dem Weg von allen im Lande, ein „Aber-nahe-dran-Heiliger“, also ein Mateschitz, zu werden, wie seltsam klänge denn auch eine Anrede wie Betriebsrätin Milliardär

Was können Arbeitsschutzgesetze den Menschen denn noch bringen, das ihnen ein „Aber-nahe-dran-Heiliger“ nicht schon mit Rechten mehr als abgegolten, seine Jünger ihnen ihr täglich‘ Brot geben, etwa der heilige Götz, der heilige Christian, der heilige Andreas, der heilige Michael, der heilige Martin, der heilige Wendelin, der heilige Odin

Dietrich Mateschitz war kein „Aber-nahe-dran-Heiliger“, sondern ein „Heiliger„, allein für sein wirksames Mittel zur raschen Linderung von Migräne, und mit seinem Reinhalten seiner Halle, diese nicht betriebsrätlich zu beflecken, erfüllte er ein weiteres Kriterium …

Das kann ein jeder Mensch bestätigen, der an Migräne leidet. Wer an Migräne leidet, weiß um das letztmöglich wirkende Mittel gegen Migräne, und das ist das Erbrechen. Was für eine Mühsal aber, für eine Pein, wie äußerst unangenehm und schmerzvoll, sich zum Erbrechen bringen zu müssen, etwa mit einem tief in den Rachen zu steckenden Finger, immer und immer wieder, bis endlich erbrochen werden kann, das Erlösung bringende Erbrechen …

Aber wie leicht, wie einfach und angenehm ist es, seit es Red Bull gibt, das Erbrechen: ein einziger, ein einzig kleiner Schluck von Red Bull genügt vollauf, um sich zu übergeben, zu erbrechen, den Magen gänzlich zu leeren, und sofort tritt die Linderung ein, ist es mit der Migräne vorbei. Red Bull, das je beste Brechreizmittel, das nicht nur in ausreichender Menge in der Hausapotheke stets vorhanden, sondern mit dem auch immer die Reiseapotheke gefüllt, sogar dann, wenn etwa nur eine halbtägige Reise in die nähere Umgebung unternommen wird, auf einer solchen, das muß zugegeben werden, die Reiseapotheke nur aus diesem absolut wirksamen Brechreizmittel

Schnieke Ausgehuniform mit Rangabzeichen der Getreuesten im Vereine des Herrn

Es muß, wenn es wieder einmal einen Einzelfall gibt, auch Michael Bauer als Sprecher des österreichischen Verteidigungsministeriums ausrücken, um im Fernsehen das zu erklären – die Sache mit dem Soldaten des österreichischen Bundesheeres, in SS-Uniform …

Aber auch sein Oberfehlshaber rückt sofort aus, um seinem „Schock“ Ausdruck zu verleihen über die „NS-Wiederbetätigung eines Soldaten des Bundesheeres“, und wie wahr er, sein Oberbefehlshaber, dabei sogleich spricht: „Jede Form der NS-Verherrlichung ist aufs Schärfste zu verurteilen und hat keinen Platz im Staatsdienst und in unserer Gesellschaft“ —

Darauf kann, im Angesichte einer SS-Uniform, in die ein Mann, das er, wie berichtet wird, zu seiner Entschuldigung vorträgt, im alkoholischen und also im urösterreichischen Zustand sich steckte, nur mit der größten Fassungslosigkeit reagiert werden; wie muß hingegen einem Mann wie Michael Bauer, dem Sprecher des österreichischen Verteidigungsministeriums, mit der größten Achtung begegnet werden, der so besonnen, so nüchtern, so geschichtlich versiert ehrenvolle Erinnerungen serviert, an Männer, die nicht nur „Soldaten“ waren, sondern auch beispielsweise der Heimat Dichtende, wie Bartsch, Ginzkey, „Pioniere der Raketentechnik, hoch zu Roß

Aber der österreichische Soldat in der SS-Uniform beweist doch selbst auch, wie sehr Bildung in diesem Lande wirkt, insbesondere die Bildungsanstrengung im Heere, so soll er Runen und Reichsadler auch zum Einsatz gebracht haben. Vielleicht träumte er von einer schwindelerregenden Karriere in diesem Land, für die der Einsatz von Runen genüge, das mag ihm Beispiel gewesen sein, wie, geschichtlich ist das kurz her, für einen im Tarnanzug im Unterholz … Die „Bildungsbeauftragte im österreichischen Bundesheer“, muß sie, die Kameradschaft, nicht ganz erfüllt sein von der Wirkung ihres Bildungsfleißes, einer der ihren läßt wieder den Adler …

Wie viele von ihnen trugen, erzählt Michael Bauer, Sprecher des Landesverteidiungsministeriums, der zu Interviews wohl in seiner fleckenreinen und gebügeltsten Ausgehuniform erscheint, schon des Kaisers Soldatenrock, über und über mit seinen „Distinktionen“, mit seinen Rangabzeichen, die es recht wert sind, auch noch und recht besonders heutzutage die bundesheerlichen Ausgehuniformen des Herrn Getreuesten zu schmücken – was für eine edle monarchische Weiterbetätigung und Wiederbetätigung der Soldateska einer Demokratie, die tief durchdrungen von der Sendung, der Herr im Vereine mit seinen Getreuesten sei ein „wehrpolitischer relevanter“ Orden, gesandt höchstselbst vom Herrn, zu wehren die Demokratie …

Geldpest

Am 31. Juli 1973, ohne sich entscheiden zu können, zum Leben gekommen zu sein, genau an dem Tag, ohne sich für das Leben entscheiden zu können, genau an dem Tag das Leben aufgehalst zu bekommen, ohne sich gegen das Leben entscheiden zu können, genau an dem Tag also, am 31. Juli 1973, als Guido Morselli sich dafür entschied, aus dem Leben zu gehen, dieser 31. Juli 1973 wäre, und wieder, ohne sich dafür und dagegen entscheiden zu können, genommen worden, als ein Tag zum Feiern, der 31. Juli aus jedem Jahr genommen worden, dieser 31. Juli, der seit Jahrzehnten nicht gefeiert wegen des Geburtstages, sondern wegen des Todestages.

Genauer: beinahe wäre der 31. Juli genommen worden gewesen, der aber, um genau zu sein, für eine ganze Woche auch tatsächlich genommen worden gewesen war. Genommen von Michael Krüger, der in seinem Nachwort zum in der deutschsprachigen Übersetzung betitelten Roman „Dissipatio humani generis oder die Einsamkeit“ als Todestag von Guido Morselli den 1. Juli 1977 festhält und damit den 31. Juli aus dem Kalender löscht —

[…] Alpen, dieser Mann, Guido Morselli, entschließt sich am 1. Juli 1977, seinem Leben mittels einer Pistole ein Ende zu machen.

Die Vorstellung, ohne den 31. Juli als Todestag weiterzumachen, läßt keine Wahl, keine andere Entscheidung zu, als diese: Es muß das von Michael Krüger in einem Suhrkamp-Buch geschriebene Datum überprüft werden.

Wie gut, das Nachwort von Michael Krüger nicht an einem 31. Juli gelesen zu haben, sondern weit danach, irgendwann spät im Herbst. Eine Entscheidung für eine Überprüfung wäre an einem 31. Juli eine Unmöglichkeit — aber so, weit später nach dem 31. Juli, stellt es sich dann spät im Herbst doch heraus, als nach einer ganzen Woche nach dem Abbbruch des Lesens des Nachworts an der Stelle des Todesdatums die Wahl auf die Prüfung fällt: Guido Morselli nahm sich tatsächlich am 31. Juli 1973 das Leben.

Am 31. Juli 1973 setzt Guido Morselli seine Entscheidung um, sein Leben erfüllt sich in eigener Entscheidung im Tod.

Und damit ist der 31. Juli als Tag der Feier des Todes gerettet.

Nun kann das Nachwort von Michael Krüger weitergelesen werden, und das erheitert. Wie er etwa auf Thomas Bernhard zu sprechen kommt.

Neben dem Kopf des Toten lag eine Mappe mit Briefen […] Neben diesen Briefen an den Schriftsteller Guido Morselli liegt ein Brief von seiner Hand an die Gemeinde von Varese, in dem er schreibt: „Non ho rancori – Ich verspüre keinen Groll“, es ist der Schlussstrich unter eine lange Reihe von Auseinandersetzungen, die der aufgeklärte Bürger mit dem Bürgermeisteramt geführt hat, unter anderem ging es um den Bau einer Versuchsstrecke für Automobile und Motorräder ganz in seiner Nähe, die der lärmempfindliche Schriftsteller um alles in der Welt verhindern wollte. (Man denkt unwillkürlich an die möglichen Beledigungsbriefe von Thomas Bernhard, die dieser geschrieben hätte, wenn es der Stadt Salzburg eingefallen wäre, den Bau einer Versuchsstrecke an seinem Besitz vorbeizulegen!)

Menschgemäß hatte Thomas Bernhard Besitz, aber im Oberösterreichischen, nicht im Salzburgischen; in Ohlsdorf, in Ottnang bei Wolfsegg, die Krucka am Grasberg, eine Wohnung in Gmunden —

Thomas Bernhard hatte, wird berichtet, als Berufsbezeichnung in seinem Reisepaß: „Landwirt“. Das hätte, schreibt Michael Krüger, Guido Morselli ebenfalls als Berufsbezeichnung …

Mit einem Bauern, der ihm, Thomas Bernhard, einen Schweinestall vor seinen Besitz in Obernathal hinstellen wollte, soll der geruchsbesorgte Bauer zu Nathal Auseinandersetzungen … Briefe schrieb Thomas Bernhard tatsächlich, beispielsweise einen lieblichen Leserbrief kurz vor seinem Tod, einen ganz ohne Groll, gesandt an die „Salzkammergut-Zeitung“, in dem er sich gegen die Einstellung der Straßenbahn in Gmunden …

Kurz vor seinem Tod beendete Guido Morselli seinen Roman, der vier Jahre nach seinem Tod, 1977 unter dem Titel Dissipatio H. G. erschien.

Die Menschen haben in dreißig Jahrhunderten ungefähr 5000 Kriege angezettelt. Sie haben das Unrecht begangen (der Gedanke stammt von Albert Camus), die Geschichte, auch wenn sie nicht von ihnen begonnen wurde, fortzuführen. Ich verurteile sie nicht. Ihre größte, oder jüngste, Schuld bestand in der Verunstaltung der Erde. Man pflegte weitere Vorwürfe hinzuzufügen: die Verschmutzung, die Verrohung (beziehungsweise, euphemistisch, die „Gewalt“). Die Inflation (ohne Euphemismus: die Geldpest).

Nur dieser Absatz aus diesem Roman soll zitiert sein, aus dem Buch, dem eine Inhaltsangabe, eine Nacherzählung nicht gerecht werden kann, nur die vollständige Abschrift, nur das Lesen des gesamten Romans.

Thomas Bernhard, vulgo Bauer zu Nathal, schrieb also kurz vor seinem Tod einen Brief der Ortsverliebtheit an eine Lokalzeitung, siebenundreißig Jahre schrieb zuvor Guido Morselli einen Brief an eine Zeitung, das war 1952 – vor siebzig Jahren, veröffentlicht von „La Prealpina“:

La difesa del verde è una necessità sociale.

Michael Krüger stellt neunundsechzig Jahre später – „Die Verteidigung des Grüns ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.“ – die Frage, ob „Morselli in dieser Hinsicht seiner Zeit voraus war, lange bevor Landschaftsschutz zu einer zentralen Kategorie der politischen Auseinandersetzung geworden ist“, die andere bereits vor ihm fragten, wenn auch erst nach seinem Tod, ob Guido Morselli ein ökologischer Vorläufer —

Was für eine auf das Autoritäre hin zugerichtete Frage, ob als irgendwer je voraus, ein einziger Mensch je allen anderen voraus, ein einziger der Zeit von allen je voraus sein könnte, während es doch, auch die Ökologie betreffend, so viele Menschen, also auch schon lange vor Morselli, viele, viele Menschen gab, denen es, ohne ihrer Zeit je voraus sein müssen, klar ist, die „Geldpest“ ist es, die in die Zeit voraussehen läßt, was noch alles zu dem, das durch die Geldpest in ihrer Zeit bereits geschieht, geschehen lassen wird.

Wie von den „Vorläufern“ in jedweder Hinsicht nicht abgelassen werden kann, so wird von den ihnen nachkommenden „Erlösern“ nicht gelassen, die von Menschen als Unbefleckte angenommenen „Erlöserinnen“, die ihnen verkünden, vor ihnen – also auch vor und gerade in den letzten siebzig Jahren – sei, auch die Ökologie betreffend, je nichts gewußt, je nichts oft und breit gesagt, geschrieben worden und je nichts geschehen und mit ihnen erst komme das Eintreten in das Helle

Everlasting …

Dr. Lueger machte übrigens niemals ein Hehl daraus, daß er den antisemitischen Tendenzen seiner Partei innerlich fremd gegenüberstehe. Er schob die Verantwortung für das verübte Unrecht immer anderen Faktoren zu. Als ich ihn einmal wegen der Präterierung der jüdischen Bezirksräte interpellierte, antwortete er in offener Gemeindratssitzung, daß die Ernennung im Stadtrat in seiner Abwesenheit geschehen sei und daß er diesbezüglich jede Verantwortung ablehne.

Dies am 19. September 1926 in Wien, Österreich, im Café Prückel auf dem KL-Platz, in den „persönlichen Erinnerungen an Dr. Lueger“ des Dr. Oskar Hein gleich im Anschluß an die „Erinnerung an Lueger“ von Felix Salten, von dem vor genau einhundert Jahren in ebendieser Zeitung, in der „Neuen Freien Presse“, seinen „Bambi“ als Fortsetzungsroman gelesen, wird sechsundneunzig Jahre später vielleicht in Versuchung geraten, zu spekulieren, ob der „Parteibürgermeister“ ebenso wie der „österreichische Streicher“ nach den Massenverbrechen, nach den Massenmorden in den KLs, ebenfalls gesagt hätte, er sei immer Antisemit gewesen und werde es auch weiterhin bleiben —

Sechzehn Jahre nach dem Tod von Karl Lueger berichtet die „Reichspost“ am Montag darauf über den sonntäglichen Aufmarsch von Hunderttausenden nicht nur über die Hoch-Rufe, die dem „österreichischen Streicher“ gelten, ihrem Denkmal aus Fleisch und Blut, sondern sie weiß auch zu berichten, wer „diese Stadt aus der Ausbeutung landfremder und jüdischer Kapitalisten“ —

Die Hoch-Rufe gelten dem „österreichischen Streicher“, dem nach den Massenmorden zum ersten Präsidenten des österreichischen Parlaments gewählten, ein Leopold, der weiß, wen er freizusprechen hat, und der in einem weiteren Leopold für sich einen Fürsprecher findet.

Der „österreichische Streicher“, ein Paradebeispiel österreichischer traditioneller Gepflogenheiten, dem so viele viel zu verdanken haben, auch ihre Bedeutung, lange, lange nach seinem Tod noch, durch die Zuerkennung des nach ihm benannten Preises —

Der „österreichische Streicher“ ebenso das, was Felix Salten von dem „Parteibürgermeister“ schreibt, ein „Kleinbürger„, ein „Vorstädter“, der weiß, an wen er sich für wen wenden muß, wie auch sein zurzeitiger Nachfolger als Präsident weiß, wann er wen wie zu bedienen hat, wann er was für wen zu opfern hat —

Petty bourgeois unter sich —

96 Jahre danach, sechsundneunzig Jahre später wird vor dem Kaffeehaus Prückel auf dem KL-Platz wieder etwas errichtet, eröffnet, etwas mit Holzlatten, es wird von einem Schaulager gesprochen, vielleicht eine Verkürzung für Holzschaulager, ein Synonym für Holzmesse, verkürzt auf Messe, da die Latten zeitlich beschränkt ausgestellt, und das Wesen einer Messe ja das Temporäre …

Zeitlich nicht beschränkt hingegen in Österreich der Antisemitismus.

Ausgelobt ist nun zwar „Lueger temporär“, aber nicht: Antisemitismus endet.

Das Leben von Karl Lueger war zeitlich auf 66 Jahre beschränkt, davon 35 Jahre in vielen Funktionen, beteiligt an Gründungen, in vielen Ämtern, davon 13 Jahre als Bürgermeister …

Der Antisemitismus in Österreich hingegen nicht ein temporärer, sondern ein permanenter.

Unter dem permanenten Antisemitismus Vorschläge über Vorschläge, für und gegen die Skulptur auf dem KL-Platz, und was für Vorschläge, oh, was für Ideen —

Es ist nicht nur ein permanenter Antisemitismus, sondern auch ein fröhlicher, ein heiterer, der bei aller Bildung dem plattesten Witz nicht abhold. Als ob nicht seit Jahrzehnten um den gesinnunsgemäßen Wanderweg durch die Stadt gewußt wird, zu Plätzen, zu Kirchen, zu Parks, zu Gassen, wird nun auf dem KL-Platz auf Latten Wege …

Um, mit einem Wort, das petty bourgeois inzwischen auch lieben, die Nachhaltigkeit des Antisemitismus hat der „österreichische Streicher“ mehr gewichtige Verdienste als sein Parteikamerad erworben, in seinen 82 Lebensjahren, davon 61 Jahre als Aktivist, in vielen Funktionen, beteiligt an vielen Gründungen, in vielen Ämtern, gestorben 1953, als erster Präsident des Parlaments des sich herausgewundenen, des sich Verantwortung ablehnenden Österreichs …

Es müssen nicht die gesamten „persönlichen Erinnerungen“ von Dr. Oskar Hein zitiert werden, aber der eine und andere Absatz ist es doch wert, zitiert zu werden.

Wer ein objektives Urteil über die politische und kommunale Wirksamkeit abgeben wollten, müßte bei den vielfachen Wandlungen, die er durchmachte, zwischen den einzelnen Phasen dieser Tätigkeit eine scharfe Unterscheidung machen. Aus dem einstigen Demokraten Lueger, dem Parteigenossen Dr. Kronawetters und Verehrer Adolf Fischhofs, wurde der Führer der christlichsozialen Partei, die durch eine skrupellose, vor keinem Mittel zurückschreckende Opposition den Sturz der liberalen Gemeindeverwaltung herbeiführte, nachdem diese mit Preisgebung ihrer Parteiinteressen gegen den Widerstand seiner Partei das große Werk der Vereinigung Wiens mit den Vororten zustande gebracht hatte. Zu den ersten Jahren nach Erlangung der so heiß ersehnten Macht war Dr. Lueger ein Parteibürgermeister und ein Gefangener der von ihm selbst in erbitterten Wahlkämpfen ausgegebenen Schlagworte.

Das schreibt Dr. Oskar Hein, der

An dem heutigen Tage, an welchem das Denkmal Doktor Karl Luegers enthüllt wird, will ich als der einzige Ueberlebende aus der liberalen Gruppe, die ihm als Opposition gegenüberstand, keinen politischen Artikel schreiben, der naturgemäß an vielen seiner Handlungen und Unterlassungen scharfe Kritik üben würde Ich beschränke mich auf einige von den zahllosen persönlichen Erinnerungen und senke die Fahne vor dem toten politischen Gegner.

„einzige Ueberlebende aus der liberalen Gruppe“ an dem Sonntag, an welchem das Denkmal …

Zu der Zeit, als ich in den Gemeinderat gewählt wurde, stand ich schon einem abgeklärten Manne gegenüber, der, im unbestrittenen Besitze der Herrschaft stehend, eifrig bemüht war, die Parteigegensätze abzuschwächen. Wenn ich um meine persönlichen Erinnerungen an Dr. Lueger gefragt werde, so muß ich wahrheitsgemäß feststellen, daß ich persönlich bei Dr. Lueger stets das weitestgehende Entgegenkommen gefunden habe Deshalb wurde ich damals in zahllosen Fällen ersucht, meinen Einfluß bei Dr. Lueger zu benutzen, um drohendes Unrecht abzuwehren oder begangenes Unrecht wieder gutzumachen. Einmal hatte mich eine Deputation des Lehrersvereines im zweiten Bezirk ersucht, bei dem Bürgermeister wegen des Avancements der seit einem Dezennium präterierten jüdischen provisorischen Unterlehrer zu intervenieren. Dr. Lueger, dem ich die Angelegenheit vortrug, sagte mir: »Sie sind ja auch Politik, Sie wissen ja, daß man der Partei, welcher man alles verdankt, Rechnung tragen muß.« Ich erwiderte, daß die Partei Dr. Lueger mehr verdanke als er der Partei. Dr Lueger erklärte, er sehe ein, daß diesen armen Lehrern Unrecht geschehe, er könne aber in diesem Punkte bei seiner Partei nichts ausrichten. Als ich dies bezweifelte, antwortete er mit einem echt Luegerschen Witzworte: »In den den Dingen, wo ich gescheiter bin als die anderen, setze ich alles durch, aber was ein Jud ist, das wissen die anderen ebenso gut wie ich.« Nach wiederholtem Drängen erhielt ich endlich die Zusage, daß der Stadtrat die Unterlehrer sukzessive ernennen werde. Diese Zusage wurde auch loyal eingehalten.

… das erinnert daran, daß Jahrzehnte später wieder ein Politiker von der Partei, der alles … auch etwas Permanentes in Österreich — „Aber was ein Jud ist, das wissen die anderen ebenso gut wie ich.“ Lueger war also nur einer der vielen, in seiner Partei, in Wien, in Österreich, die wußten, „was ein Jud“ …

Wiederholt äußerte er zu mir, daß er die Opposition, sehr gern zu positiver Mitarbeit heranziehen würde, daß es ihm aber wegen Widerstandes seiner Partei nicht möglich sei. Oppositionelle Anträge wanderten damals fast ausnahmslos in den Papierkorb.

Der heutzutage so als Übermächtige Dargestellte, doch ein Ohnmächtiger gegen seine Partei — Ohnmächtigkeit und Ablehnung von Verantwortung, wahrscheinlich auch dafür, Otto Glöckel, der sich gegen die „Diskriminierung von sozialdemokratischen Junglehrern“ einsetzte, entlassen zu haben.

Noch eine Permanenz in Österreich, Immanenz Österreichs: Ablehnung von Verantwortung.

Dr. Lueger hatte eine überaus feine Witterung für die in der Bevölkerung herrschende Stimmung. Wenn er bemerkte, daß eine Interpellation der Volksstimmung Ausdruck gab, lehnte er sofort die Verantwortung und stellte sich auf Seite der Interpellanten. Als ich in meiner Interpellation den Stadtrat wegen der Verbarrikadierung der Ringstraße von Tribünen aus Anlaß des Festzuges angriff, kritisierte er in seiner Interpellationsbeantwortung die Anordnungen des Festkomitees womöglich noch heftiger als ich und sagte schließlich zu dem neben ihm stehenden Schriftführer und Obmann des Festkomitees Dr. Klotzberg: Das übrige, was ich mir denke, werde ich meinem lieben Freund Dr. Klotzberg am Abend nach dem Festzug sagen. »Ich hoffe,« sagte er zu mir gewendet, »daß Sie mit meiner Antwort zufrieden sind.« So nahm er den Interpellanten den Wind aus den Segeln.

Er, Lueger, hatte also eine „feine Witterung“, so wie ein Hund, von dem Felix Salten erzählt. Was Felix Salten über den Hund bereits zu erzählen weiß, wird später, nicht viel später, wieder und totalitärer wohl als je zuvor der Mensch, was der Hund ist, von dem Jankélévitch —

Einmal hatte während der Spezialdebatte über das Budget in Anwesenheit Dr. Luegers wegen einer Aeußerung des Stadtrates Hraba und des hierauf erfolgten Ausschlusses zweier sozialdemokratischer Gemeinderaete mitten in der Nacht eine Obstruktion begonnen. Am darauffolgenden Vormittag hielt Reumann eine mehrstündige Obstruktionsrede über das Armenwesen in den einzelnen Bezirken, deren Ende nicht abzusehen war. Nachmittags eröffnete Dr. Lueger die  Sitzung mit der Erklärung, daß er die Diskussion über das Armenwesen abbreche und die Post Bedeckung und Bilanz zur Abstimmung bringe. Da die Opposition darauf nicht vorbereitet war und sich niemand zu dieser Post zum Worte gemeldet hatte, war die Abstimmung rasch erledigt. Nunmehr sagte der Bürgermeister: Die Steuern sind bewilligt, wir werden daher die Fortsetzung der interessanten Darlegungen des Kollegen Reumann über das Armenwesen erst im nächsten Jahre (es war die letzte Dezembersitzung vor Weihnachten) nach dem Dreikönigstage anhören. Doktor Lueger war aber zu meiner Zeit ein objektiver Vorsitzender. Als ich in einer Debatte über die Versorgung der Vororte  mit Gas die Mehrheit und den Bürgermeister selbst heftig augriff, wollte mich die Mehrheit am Reden verhindern. Dr Lueger verschaffte mir energisch Ruhe, indem er sagte, es müsse im Gemeinderat jedermann gestattet sein, seine Meinung zum Ausdrucke zu bringen.

Damals wurde von „Armenwesen“ gesprochen, heutzutage von „vulnerablen Gruppen“ – die Wörter bleiben nicht die gleichen …

Sehr ergötzlich waren die gegenseitigen Frotzeleien zwischen den beiden Urwienern Lueger und Schuhmeier. Einmal sagte Lueger zu Schuhmeier in offener Gemeinderatssitzung: »Ich habe Sie sehr gern, Sie haben mich auch sehr gern, so bieten wir der Welt ein Schauspiel von zwei feindlichen Brüdern, sehen Sie, tun Sie nicht so auffällig gegen mich, es kommt Ihnen doch nicht vom Herzen.« Ein anderes Mal sagte er: »Gemeinderat Schuhmeier wird gewiß auch finden, daß das, was ich schaffen will, im allgemeinen Interesse gelegen ist (Schuhmeier dazwischenrufend: »Das wir zusammen schaffen wollen.«) Darauf Lueger: »Ja, Sie werden auch mitarbeiten. Die Sache ist nämlich so: Ich werde arbeiten und Sie werden mich sekkieren.«
Als Lueger starb, bewarb sich Schuhmeier um das Landtagsmandat der Leopoldstadt, das durch den Tod Luegers zur Erledigung gelangte. In der ersten Wahlversammlung sagte Schuhmeier, Lueger habe ihn immer seinen lieben Freund genannt, ihm aber nichts hinterlassen. Da melde er sich selbst zu einem Teile der Erbschaft.

Vor sechsundneunzig Jahren fällt Felix Salten zu Schuhmeier und Lueger ein: ein „Baumeister“ – 90 Jahre später kandidiert ein Baumeister für das Amt der Bundespräsidentin … und sechs Jahre später, zum Anlaß der nächsten Wahl, wie wird überrascht in Österreich getan, als hätten sich zuvor noch nie „Clowns“ um dieses Amt beworben, aber auch, als hätten sich noch nie zuvor so viele um dieses Amt beworben; dabei war es bloß einer mehr als 2016 — Und in des Baumeisters Hütte verkündete ein für kurz gewesener Vizekanzler, das war 2019, etwas getan zu haben, gegen die Inflation

Und dazu gehörig, seine Partei, eine Bewahrerin des permanenten … Diese und nicht nur diese hofiert, sondern auch die Partei des „alternden Baumeisters“ und des „österreichischen Streichers“ hofiert Männer, deren Ideal die „Rasse“ —

Es muß der Bruder des „österreichischen Streichers“ tatsächlich äußerst verwirrt, wie gesagt wird, gewesen sein, daß er, im kommenden Jahr werden es einhundertundzehn Jahre her sein, den „sozialdemokratischen Arbeiterführer“ Franz Schuhmeier ermordete, der sich selbst zum „Erben“ des Dr. Karl Lueger ausrief, der wie Lueger wohl auch den Test zur Aufnahme bestanden hätte, in die „Antisemitenliga“ …

100 years of Bambi, a life in that woods

Ob Lueger alles, was er so in Schwung und Umlauf brachte, auch wirklich selbst geglaubt hat, ob es in der Tiefe seiner Brust Überzeugung war, stehe dahin. Er hat die Juden wohl kaum in Wahrheit gehaßt.
Er war sicherlich kein großer Mensch. Auch seiner Politik ermangelte die Größe, ihr fehlte der weite Horizont: sie blieb niederösterreichisch, wienerisch, sie blieb an Stadt und Gelände rund um den Stephansturm gebunden.
Das Blut dieses wienerischen Volkes rollte in seinen Adern. Der wienerische, der niederösterreichische Dialekt war seine Muttersprache Die Ideale der Wiener Kleinbürger waren seine Ideale, ihr Behagen war das seine. Was ihnen Lebensgenuß und Sinnenfreude war, da bedeutete für ihn Lebensgenuß und Sinnenfreude.
Deshalb saß er in den rauchigen Beißeln, in den verqualmten Sälen vorstädtischer Wirtshäuser nicht wie ein fremder Gast, nicht wie ein hochgebildeter, nobler Hof- und Gerichtsadvokat, der sich leutselig herbeiläßt, Wählerstimmen zu werben und dabei schlechte Luft zu atmen. Er saß da, als einer von den kleinen, Leuten, er gehörte zu ihnen, er suchte sich aus ihrer Mitte die Tauglichsten, machte sie zu seinen Generalstäblern und pfiff darauf, ob sie Bildung hatten oder nicht. Je weniger Bildung sie besaßen, desto lieber schienen sie ihm zu sein. Verstand mußten sie haben oder ein großes Mundwerk. Wenn er unter seinen Kleinbürgern und Vorstädtern saß, einer von ihnen, dann leugnete er alle anderen Menschenklassen und -arten, dann schimpfte er auf alle, die nicht dazugehörten, auf Professoren und Aerzte, auf Träger von Wissenschaft, auf geistige Arbeiter. Nichts schien zu existieren, nichts schien wert, daß es existierte, als der Kleinbürger, der Vorstädter und sie glaubten ihm. Sie liebten ihn, weil er wirklich einer der ihrigen war und weil sie ihm glaubten. Er hatte die führerlose Herde, zu deren Führer er sich nun aufschwang, schon auf vielen Wiesen und Weiden gesucht.

Vier Jahre später fallen Felix Salten, als er an Karl Lueger erinnert, wieder die Wiesen ein. Vielleicht deshalb, weil Karl Lueger keine Mutter wie das Rehkitz hatte,

Sie gingen weiter. Mit einem Male wurde es ganz hell vor ihnen, strahlend hell. Das grüne Gewirr von Büschen und Sträuchern war zu Ende, die Straße war zu Ende. Nur ein paar Schritte noch, und sie kamen hinaus in die lichte Freiheit, die sich vor ihnen öffnete. Bambi wollte vorwärtsspringen, doch die Mutter blieb stehen.
»Was ist das?« rief er ungeduldig und schon ganz bezaubert.
»Die Wiese«, antwortete die Mutter.
»Was ist das, die Wiese?« drängte Bambi.
Die Mutter schnitt ihm das Wort ab. »Das wirst du schon selber sehen.« Sie war ernst geworden und aufmerksam. Regungslos stand sie, hielt das Haupt hoch, lauschte angespannt, prüfte mit tiefen Atemzügen den Wind und sah ganz streng aus.
»Es ist gut«, sagte sie endlich, »wir können hinaus.« Bambi sprang los, aber sie sperrte ihm den Weg. »Du wartest, bis ich dich rufe.« Im Augenblick stand Bambi gehorsam still. »So ist es recht«, lobte die Mutter. »Und nun merke genau, was ich dir sage.« Bambi hörte, wie erregt die Mutter sprach, und geriet in große Spannung. »Es ist nicht so einfach, auf die Wiese zu gehen«, fuhr die Mutter fort, »es ist eine schwere und gefährliche Sache. Frag‘ nicht, warum. Du wirst das schon später noch lernen. Für jetzt befolge genau, was ich dir sage. Willst du?«
»Ja«, versprach Bambi.
»Nun gut. Ich gehe also vorerst allein hinaus. Bleibe hier stehen und warte. Und schau‘ immer auf mich. Behalte mich unaufhörlich im Auge. Wenn du siehst, daß ich wieder zurücklaufe, hier herein, dann machst du kehrt und rennst davon, so schnell du kannst. Ich hole dich schon ein.« Sie schwieg, schien zu überlegen und fuhr dann eindringlich fort: »Jedenfalls laufe, laufe, was du kannst. Laufe . . . auch wenn etwas geschehen sollte . . . auch wenn du siehst, daß ich . . . daß ich zu Boden stürze . . . achte nicht auf mich, verstehst du? . . . Was immer du siehst oder hörst . . . nur fort, augenblicklich und so schnell wie möglich . . .! Versprichst du mir das?«
»Ja«, sagte Bambi leise.

die Bambi vor der Wiese warnte, die ihm, auch wenn es sie selbst nicht vor einem grausamen Tod bewahrte, einbläute, auch auf der Wiese, stets auf der Hut zu sein.

„Bambi – Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“: veröffentlicht vor einhundert Jahren. Damals, vor einhundert Jahren, bekam tatsächlich nur ein Tier den Namen „Bambi“.

Einhundert Jahre später werden in Österreich von allen, in allen Medien Frauen mit diesem Tiernamen benannt; soweit ist es mit der Bildung in Österreich gekommen, daß Frauen mit dem Namen eines männlichen Rehkitzes gerufen werden. Es paßt wohl zur „Lebensgeschichte aus dem Walde“, daß einhundert Jahre später eine Bambi in ein Forsthaus eingeladen wird, Bambi auf der Wiese vor oder hinter oder um das Forsthaus zur „Rampensau“ umhertollend Rätsel, die alle in Österreich erforderliche Bildung abverlangen, —

In den einhundert Jahren wurden viele Deutungen von „Bambi“ bemüht. Nicht wenige stopften etwa die Jahre nach dem ersten Erscheinen grausam einsetzende Geschichte mit den nationalsozialistischen und faschistischen Massenverbrechen und Massenmorden in „Bambi“ hinein, manche auch den wenige Jahre vor dem ersten Erscheinen beendeten Krieg, manche auch den ewigen sexuellen Mißbrauch, manche den habsburgischen Mythos, es will ihnen der Fürst genannte

»Er ist der Vornehmste im ganzen Walde. Er ist der Fürst. Es gibt keinen zweiten, der ihm gleichkäme. Niemand weiß, wie alt er ist. Niemand kann sagen, wo er wohnt. Niemand kann seine Verwandtschaft nennen. Nur wenige haben ihn jemals gesehen. Manchmal hieß es schon, er sei tot, denn er war so lange nicht sichtbar gewesen, daß man es glaubte. Dann wurde er doch wieder erblickt, nur für einen Augenblick, und so erfuhr man, daß er noch am Leben sei. Niemand hat es je gewagt, ihn zu fragen, wo er gewesen. Er spricht mit niemandem, und keiner wagt es, ihn anzureden. Er geht Wege, auf denen kein anderer geht; er kennt den Wald bis in die fernsten Fernen. Und für ihn gibt es keine Gefahr. Die andern Prinzen kämpfen bisweilen untereinander, manchmal nur zur Probe und zum Scherz, manchmal im Ernst. Mit ihm hat seit vielen Jahren keiner mehr gekämpft. Und von denen, die früher einmal mit ihm gekämpft haben, vor langer Zeit, ja, von denen lebt nun kein einziger mehr. Er ist der große Fürst.«

Rehbock als Kaiser, als Oberförster Was für eine Interpretation, im Rehbock einen Oberförster auszumachen, wieder einmal einen Oberförster, den es ja in einem anderen Roman schlicht als Oberförster tatsächlich gibt, in einem Roman, dem freilich ebenfalls viele Deutungen widerfahren.

Felix Salten hätte es auch nennen können: eine Todesgeschichte aus dem W…

Bambi wandte sich ab, schlüpfte in den nächsten Busch und verschwand, noch ehe sich die beiden besinnen konnten. Er ging weiter. »Der Junge gefällt mir . . .« dachte er. »Vielleicht treffe ich ihn wieder, wenn er größer ist . . .« Er ging weiter. »Die Kleine«, dachte er, »auch die Kleine ist nett . . . so hat Faline ausgesehen, als sie noch ein Kind war.« Er ging weiter und verschwand im Walde.

So endet der Roman, mit dem Salten etwas, wie ihm fortwährend unterstellt, durch Tiere von Menschen erzählen habe wollen, eines – und diese Deutung wird wohl auch schon irgendwann eine Deutende erfreut, irgendwo einen Interpreten erschaudern haben lassen – Bisexuellen mit inzestiösen

Als Buch

„Bambi“, eine Lebensgeschichte aus dem Walde von Felix Salten, ist im Verlage Ulstein (Berlin) soeben zur Ausgabe gelangt.

Das gibt die „Neue Freie Presse“ am 23. Dezember 1922 bekannt. Zuvor konnte „Bambi“ als Fortsetzungsroman in ebendieser Zeitung bereits gelesen werden, beginnend mit dem 15. August 1922.

Eine Jurorin in einer österreichischen Kleinstadt am See schreibt in einer deutschen Zeitung, in der sie als „eine der wichtigsten österreichischen Literaturkritikerinnen“ vorgestellt werden muß, zum Anlaße „90 Jahre Bambi“ im Jahre 2013. Neunzig von 2013 abgezogen, ergibt — einerlei, wert ist es, sie mit ihrem Zitat

Eine zeitgenössische Kritik in der Zeitschrift „Der Kunstwart“ setzt das in „Bambi“ gespiegelte soziale Milieu noch eine Stufe tiefer an und bemängelt, es werde im Vorwort von John Galsworthy die „Lebensgeschichte eines Rehs“ versprochen: „Aber ach, es ist nur die Geschichte eines Kleinbürgers, dem ein anderer die Gestalt eines Rehes verliehen hat.“

zu zitieren. Wenn bedacht wird, auf welchem Weg John Galsworthy sich befindet,

BAMBI is a delicious book. For delicacy of perception and essential truth I hardly know any story of animals that can stand beside this life study of a forest deer. Felix Salten is a poet. He feels nature deeply, and he loves animals. I do not, as a rule, like the method which places human words in the mouths of dumb creatures, and it is the triumph of this book that, behind the conversation, one feels the real sensations
of the creatures who speak. Clear and illuminating, and in places very moving, it is a little masterpiece.
I read it in galley proof on the way from Paris to Calais, before a channel crossing. As I finished each sheet I handed it to my wife, who read, and handed it to my nephew’s wife, who read, and handed it to my nephew. For three hours the four of us read thus in silent absorption. Those who know what it is to read books in galley proof, and have experienced channel crossings, will realize that few books will stand
such a test. BAMBI is one of them. I particularly recommend it to sportsmen.

als sie „Bambi“ lesen, es könnten sich weitere und menschgemäß nachträgliche Deutungen …

Mit dem von der Jurorin zitierten „Kleinbürger“ bei Karl Lueger, beim Kleinbürger, beim Denkmalkleinbürger angelangt, beinahe. Davor aber ist ein Unrecht an dem Fuchs doch noch gutzumachen. Vor etwas mehr als einem Jahr schreibt Michael Hille auf „TV-Spielfilm“:

Salten hatte über die Jahre mit angesehen, wie sich die Lage der Juden in der Wiener Gesellschaft immer weiter verschlechterte – und drückte das in seinem „Bambi“-Buch aus. Die Rehe werden bei ihm zur Metapher für das Judentum. Das Buch schildert, wie das Wild von einem gelobten Land träumt, in dem sie eines Tages sicher vor den Menschen sein werden – eine klare zionistische Botschaft. Ferner spielt Salten regelmäßig auf die jüdische Kultur an – und schreibt später von einem Fuchs, der heimtückisch die Menschen zu den Rehen führt und sie verrät. Ein aus heutiger Sicht düsteres Vorzeichen dessen, was nur wenige Jahre später in Europa zur Realität wurde. Der Fuchs als früher „Kollaborateur“ und „Denunziant“.

Aber es ist nicht der Fuchs, es ist der Hund.

Durch Schnee und Stauden, Zweige und Wurzeln sprang, kroch und schlüpfte der alte Fuchs. Gleich hinter ihm brach der Hund heran. Es war richtig ein kleiner Hund auf kurzen Beinen. Dem Fuchs war ein Vorderlauf zerschmettert und dicht darüber das Fell aufgerissen. Er hielt das zerschmetterte Bein hoch vor sich hin, das Blut sprang ihm aus den Wunden, sein Atem pfiff, seine Augen starrten weit vor Entsetzen und Anstrengung. Er war außer sich vor Schrecken und Zorn, er war verzweifelt und erschöpft. Mit einem Male machte er kehrt. Ein drehender Wischer, der den Hund verblüffte, so daß er ein paar Schritte zurückwich. Der Fuchs setzte sich in die Hinterbeine. Er konnte nicht weiter. Den zerschossenen Vorderlauf kläglich erhoben, den Rachen offen, mit zuckenden Lefzen fauchte er dem Hunde entgegen. Der aber schwieg keinen Augenblick. Seine hohe, gequetschte Stimme wurde jetzt nur voller und tiefer. „Da!“ schrie er. „Da! Da ist er! Da! Da! Da!“ Er schalt jetzt nicht auf den Fuchs, sprach in diesem Moment gar nicht zu ihm, sondern rief offenbar jemand anderm zu, der noch weit entfernt war. Bambi ebenso wie der Alte wußten, daß Er es war, den der Hund herbeirief. Auch der Fuchs wußte es. Das Blut strömte jetzt an ihm herunter, stürzte von seiner Brust in den Schnee und bildete auf der weißen eisigen Decke einen brennroten Fleck, der leise dampfte. Eine Schwäche wandelte den Fuchs an. Seine zerschmetterte Pfote sank kraftlos herunter, wurde aber bei der Berührung mit dem kalten Schnee von einem glühenden Schmerz durchstochen. Mühsam hob er sie wieder auf und hielt sie zitternd vor sich in die Luft. „Laß mich . . .“ fing der Fuchs zu reden an. „Laß mich . . .“ Er sprach leise und flehend. Er war ganz matt und ganz demütig. „Nein! Nein! Nein!“ fuhr der Hund mit bösem Jaulen ihn an. „Ich bitte dich . . .“ sagte der Fuchs, „ich kann nicht mehr weiter . . . es ist aus mit mir . . . laß mich fort . . . laß mich heim . . . laß mich doch wenigstens in Ruhe sterben . . .“ „Nein! Nein! Nein!“ heulte der Hund. Der Fuchs wurde noch inständiger in seinem Bitten. „Wir sind doch Verwandte . . .“ klagte er, „beinahe Brüder sind wir . . . laß mich heim . . . laß mich bei den Meinigen sterben . . . wir . . . beinahe Brüder sind wir . . . du und ich . . .“ „Nein! Nein! Nein!“ tobte der Hund. Da richtete der Fuchs sich auf, daß er ganz steil dasaß. Seine schöne spitze Schnauze senkte sich zur blutenden Brust, seine Augen hoben sich und er blickte dem Hunde gerade ins Gesicht. Mit völlig veränderter Stimme, gefaßt, traurig und erbittert knurrte er: „Schämst du dich nicht . . .? Du Verräter!“ „Nein! Nein! Nein!“ schrie der Hund. Der Fuchs aber fuhr fort: „Du Überläufer . . . du Abtrünniger!“ Sein zerrissener Leib straffte sich in Haß und Verachtung. „Du Scherge!“ zischte er. „Du Elender . . . du spürst uns auf, wo Er uns nicht findet . . . du verfolgst uns, wo Er uns nicht einholen kann . . . du lieferst uns aus . . . uns, die wir alle deine Verwandten sind . . . mich, der ich beinahe dein Bruder bin . . . und du stehst da und schämst dich nicht?“ Auf einmal wurden viele andere Stimmen laut ringsumher. „Verräter!“ riefen die Elstern von den Bäumen. „Scherge!“ kreischte der Häher. „Elender!“ pfiff das Wiesel. „Abtrünniger!“ fauchte der Iltis. Von allen Bäumen und aus allen Sträuchern zischte und piepte und schrillte es und aus der Luft kreischten die Krähen: „Scherge!“ Alle waren sie herbeigeeilt, hatten aus den Bäumen oben und aus sicheren Verstecken am Boden den Streit belauert. Die Empörung, die aus dem Fuchs hervorbrach, löste die alte erbitterte Empörung in ihnen allen, und das Blut, das hingeschüttet im Schnee vor ihren Blicken rauchte, machte sie rasend und ließ sie jegliche Scheu vergessen. Der Hund sah sich im Kreise um. „Ihr!“ rief er. „Was wollt ihr? Was wißt ihr? Was redet ihr? Alle gehört ihr Ihm, wie ich Ihm gehöre! Aber ich . . . ich liebe Ihn, ich bete Ihn an! Ich diene Ihm! Ihr wollt euch auflehnen . . . Ihr Armseligen, gegen Ihn? Er ist allmächtig! Er ist über uns! Alles, was ihr habt, ist von Ihm! Alles, was da wächst und lebt, von Ihm!“ Der Hund bebte vor Begeisterung. „Verräter!“ schrillte das Eichhörnchen. „Ja!“ zischte der Fuchs. „Verräter! Niemand als du . . . du allein . . .!“ Der Hund tanzte vor heiliger Erregung. „Ich allein . . .? Du Lügner! Sind nicht viele, viele andere bei Ihm . ..? Das Pferd . . . das Rind . . . das Lamm . . . die Hühner . . . von euch allen, aus allen euern Sippen sind viele bei Ihm und beten Ihn an . . . und dienen Ihm!“ „Gesindel!“ fauchte der Fuchs voll unermeßlicher Verachtung. Da hielt sich der Hund nicht länger und fuhr ihm an die Kehle. Knurrend, spuckend, keuchend rollten sie im Schnee, ein zappelndes, wild um sich schnappendes Bündel, von dem die Haare flogen, der Schnee aufstäubte und das Blut in feinen Tropfen sprühte. Aber der Fuchs konnte nicht lange kämpfen. Ein paar Sekunden nur und er lag auf dem Rücken, zeigte seinen hellen Bauch, zuckte, streckte sich und starb. Der Hund schüttelte ihn noch ein paar Male, ließ ihn dann in den zerwühlten Schnee fallen, stand breitbeinig da und rief wieder mit voller, tiefer Stimme: „Da! Da! Da ist er!“ Die anderen waren entsetzt nach allen Seiten geflohen. „Furchtbar . . .“ sagte Bambi in seiner Grube leise zum Alten. „Das Furchtbarste“, entgegnete der Alte. „Sie glauben an das, was der Hund da verkündigt hat. Sie glauben daran, sie verbringen ihr Leben voll Angst, sie hassen Ihn und sich selbst . . . und sie töten sich um seinetwillen.“

Der Hund ist der Verräter, der Scherge, der Abtrünnige, der Überläufer, der Kollaborateur, der Denunziant … Im Übrigen, Menschen werden in diesem Roman nicht „Menschen“ genannt. Es kommt, kann durchaus gesagt werden, einer, nur ein einziger vor, ein Mann muß es wohl sein, wird dieser doch stets „Er“ genannt, immer mit großem Anfangsbuchstaben, genauso wie jene Figur in den Lüften, die so viele als Mann träumen …

Es muß an diesem Sonntag, 19. September 1926, im Café Prückel — noch nicht.

Vielleicht hat Felix Salten die Rehe als Metapher …. gerade aber im Jahr 1922 war ein Roman erschienen, der ohne Metaphern das Übermorgen schilderte, die Vertreibung … und dann die Ermordung von dessen Verfasser rund eineinhalb Jahre vor dem „Huldigungsfestzuge“ von einem Zahntechniker —

Es kann nicht gesagt werden, ob es mehr Deutungen des Romans von Salten als Vorschläge für die Gestaltung des KL-Platzes gibt, aber ein dritter oder gar schon ein vierter Vorschlag zu den hier schon gemachten, kann gesagt werden: einen an der Kette zerrenden Hund zu Füßen des Kunschak-Gemachten und davor, unerreichbar für Kettenhund und seinen Herrn, eine Wiese, auf der ohne Angst, frei und fröhlich umhertollen, Bambi, Faline, Gobo, der Fuchs …

Nun aber endgültig zum Kleinbürger, von dem Felix Salten ganz ohne Metaphern zu schreiben weiß, und von den Kleinbürgerinnen, auch wenn sie damals noch nicht direkt angesprochen wurden, nicht vorgekommen sind, weil Frauen damals, wenn es denn je wirklich so war, mitgemeint waren, wenn von Männern, von Kleinbürgern

Es muß an diesem Sonntag, 19. September 1926, im Café Prückel ein seltsames Erlebnis gewesen sein, in der „Neuen Freien Presse“ die „Erinnerung an Lueger“ zu lesen, ab und an aufzuschauen, hinauszuschauen auf den KL-Platz, mit den Hunderttausenden … die „Erinnerung an Lueger“ von Felix Salten zu lesen und dabei die Rufe bis in das Prückel herein zu hören: „Hoch Kunschak! Servus Poldl!“

Dieses sonderliche Erlebnis im Café Prückel an einem Sonntag vor sechsundneunzig Jahren kann nicht geboten werden, also zur Gänze, es können nicht die Hundertausenden aufgeboten werden, es können nicht die Hoch-Kunschak-Rufe zum Erschallen gebracht werden, aber das Erlebnis, Saltens „Erinnerung an Lueger“ zu lesen:

Das kann sonst gut und gern ein halbes, auch ein ganzes Jahrhundert dauern, bis einem großen, einem verdienten, einem merkwürdigen Mann sein Denkmal gesetzt wird. Die Nachwelt ist ja immer unberechenbar. Zuweilen besinnt sie sich sehr langsam. Dann wieder geht sie augenblicklich entschlossen ans Werk. Mit dem Lueger-Denkmal hat sie es offenbar recht eilig gehabt. Im Grunde kann dabei von einer Nachwelt kaum die Rede sein. Dieses Monument wird von der hinterbliebenen Mitwelt des merkwürdigen Mannes errichtet. Von seinen Zeitgenossen. Genauer: von der Partei, deren Begründer er war. Ganz genau: von denjenigen seiner Freunde, die durch seinen Aufstieg einst mit in die Höhe gelangten. Wer Luegers Aufstieg mit angesehen hat, diesen beispiellosen Aufstieg in eine beispiellose Popularität, kann es jetzt wie einst seinen Freunden, allen seinen Anhängern und Verehrern ruhig bezeugen, daß er ein merkwürdiger Mann gewesen ist, der Dr. Karl Lueger. Merkwürdig und interessant. Auf der politischen Bühne ein hochbegabter, ja, ein hinreißender Spieler. In den letzten Dezennien des alten Oesterreich die repräsentativste Gestalt. Das kann man wohl sagen, selbst wenn man gar keine Ursache hatte, sich seinen Freund oder seinen Verehrer zu nennen. Er war sicherlich kein großer Mensch, doch ebenso gewiß bleibt es, daß er ein voller und echter Mensch war wie sehr wenige. Auch seiner Politik ermangelte die Größe, ihr fehlte der weite Horizont: sie blieb niederösterreichisch, wienerisch, sie blieb an Stadt und Gelände rund um den Stephansturm gebunden. Aber auf diesem Boden war er ein meisterhafter Politiker, ein politischer Zauberer, für sich, für die von ihm geschaffene Partei, für den Augenblick. Diesen Boden da hat er verstanden, dieses Volk, dessen Bedürfnisse, dessen Neigungen und dessen Liebhabereien hat er verstanden wie kein anderer in seinen Tagen. Das Blut dieses wienerischen Volkes rollte in seinen Adern. Der wienerische, der niederösterreichische Dialekt war seine Muttersprache. Die Ideale der Wiener Kleinbürger waren seine Ideale, ihr Behagen war das seine. Was ihnen Lebensgenuß und Sinnenfreude war, da bedeutete für ihn Lebensgenuß und Sinnenfreude. Deshalb saß er in den rauchigen Beißeln, in den verqualmten Sälen vorstädtischer Wirtshäuser nicht wie ein fremder Gast, nicht wie ein hochgebildeter, nobler Hof- und Gerichtsadvokat, der sich leutselig herbeiläßt, Wählerstimmen zu werben und dabei schlechte Luft zu atmen. Er saß da, als einer von den kleinen, Leuten, er gehörte zu ihnen, er suchte sich aus ihrer Mitte die Tauglichsten, machte sie zu seinen Generalstäblern und pfiff darauf, ob sie Bildung hatten oder nicht. Je weniger Bildung sie besaßen, desto lieber schienen sie ihm zu sein. Verstand mußten sie haben oder ein großes Mundwerk. Wenn er unter seinen Kleinbürgern und Vorstädtern saß, einer von ihnen, dann leugnete er alle anderen Menschenklassen und -arten, dann schimpfte er auf alle, die nicht dazugehörten, auf Professoren und Aerzte, auf Träger von Wissenschaft, auf geistige Arbeiter. Nichts schien zu existieren, nichts schien wert, daß es existierte, als der Kleinbürger, der Vorstädter und sie glaubten ihm. Sie liebten ihn, weil er wirklich einer der ihrigen war und weil sie ihm glaubten. Damals wurden die äußeren Vorstädte gerade ins Gemeindegebiet Wiens miteinbezogen. Es gab auf einmal statt zehn Bezirke deren zwanzig. Der kleine Raum in Wien wuchs zu einer ungeheuren Zahl. Lueger vereinigte diese kleinen Leute zu einer ungeheuren Armee. Und mit dieser Armee erkämpfte er seine Macht. Es war eine Zwischenzeit damals.·Der Liberalismus hatte die breite Masse wohl nie erobert und verlor täglich mehr von den Anhängern, die er sonst besaß. Die. Sozialdemokratie konnte die Masse noch nicht durchdringen. Ihr standen zu starke obrigkeitliche Hemmungen entgegen. Aber die Masse war da, sie war wichtig, sie wurde wichtiger von Tag zu Tag.  Lueger kam und fing sie ein. Er hatte die führerlose Herde, zu deren Führer er sich nun aufschwang, schon auf vielen Wiesen und Weiden gesucht. Er war bei den Liberalen gewesen, er war von ihnen weg zu den Demokraten gegangen;er hatte in Schönerers »Wacht am Rhein“ eingestimmt. Aber man liebte ihn nirgendwo und er selbst mochte nirgendwo bleiben. Den anderen schien sein Ehrgeiz zu heftig, sein Machtwille zu deutlich. Und ihm selbst wollte keines dieser politischen Lieder gefallen. Sie wirkten nicht. Sie hatten zu wenig Zündkraft. Sie brachten keine Popularität, er spürte das. Nicht die Popularität, nach der er sich sehnte. So begann er selbst ein Lied anzustimmen. Ganz in der Weise, wie den Kleinbürgern, wie ihm selbst der Schnabel gewachsen war. Es klang gassenhauerisch. Aber der Gassenhauer wirkte; er brachte den Erfolg, er brachte die heißersehnte Popularität, den großen Sieg und die Fülle der Macht. Ob Lueger alles, was er so in Schwung und Umlauf brachte, auch wirklich selbst geglaubt hat, ob es in der Tiefe seiner Brust Überzeugung war, stehe dahin. Er hat die Ärzte, die Professoren, die Bildung und die Juden wohl kaum in Wahrheit gehaßt. Er war ein echter Wiener Kleinbürger, das heißt also, er war kein richtiger Hasser, nur ein rechter Schimpfer. Aber er hatte den tiefen Brustton der Überzeugung, wenn er auf der öffentlichen Bühne stand und seine Reden schwang. Gott im Himmel, was waren das für Reden. Bekam ein denkender Mensch sie zu lesen, dann mußte er lächeln. Denn das alles schien demagogische Phrase, ohne rechten Kern, ohne stichhältigen Zusammenhang, manchmal im Sachlichen treffend, dann gleich wieder tendenziös reizend und für die billigsten Effekte hergerichtet. Hörte aber ein denkender Mensch zu, wenn Lueger redete, dann half es gar nichts, ein denkender Mensch zu sein. Dann vergingen einem die eigenen Gedanken, dann war man von einer elementaren Gewalt ergriffen und wehrlos mit fortgerissen. Aus Luegers Reden klang das aufbrausende Reschsein, der Jähzorn, die Schlagfertigkeit der Fiaker, der Greißler, der Bierwirte und Handelweiber. Aus seinen Reden sprühte der Humor, der Witz, die Frohlaune des Wiener Volkes, das Händepaschen und Dudeln der Heurigenschenken, das Schnalzen und Juchzen der Volkssänger, die Feierlichkeit, die bei Veteranenvereinen üblich ist, und gleich wieder die immer rauflustige Bereitschaft zum Zank, wie sie in kleinen Mietsparteien auf Stiegen, Gängen und in den Höfen riesiger Zinskasernen eigen ist. In Luegers Beredsamkeit war tatsächlich die Wiener Rednergabe zum Element gesteigert. In seiner vollen Baritonstimme, die gleichsam von den Rauchwolken zahlloser Versammlungen durchzogen schien, hörten sich die Wiener sprechen. Sie sahen sich verkörpert in Luegers hochgewachsener und doch behäbiger Figur. In seinem Antlitz sahen sie ihr Wesen erfüllt. Denn es war schön dieses Antlitz, trotz dem schielenden Doppelblick der kleinen hurtigen, klugen Augen, trotz dem spöttischen Zug des Mundes, den der Vollbart verbarg. Er war mit eben diesem in der Mitte geteilten Vollbart, war mit der hohen Stirne und der kleinen netten Nase eines kleinen netten Jungen immer ein schöner Mann, nach dem Geschmack der Vorstand von damals. Er war ein fabelhaftes Temperament, ein Menschenfänger ohnegleichen, ein genialischer Schauspieler und eine prachtvolle Natur. Auch die Gegner vermochten es kaum, dem Reiz seiner Persönlichkeit zu entziehen. Das war die Kraft des Liebenswürdigen, des Sinnlichen, des Lebensfreudigen, des Musikalischen, kurz des Wienerischen an Lueger. Wie hatte er die Massen bezaubert, zu denen er nur sprach, was sie gerne hören wollten, die er des Respektes entband vor allem, was sie ohnehin nicht begriffen und die er in ihrem geliebten, bequemen „Mir-san-mir“-Dünkel rückhaltlos bestärkt hat. Der Ehrgeiz dieses Mannes trachtete nicht nach dem Portefeuille des Ministerpräsidenten Er wäre, auf dem Gipfel des Erfolges, sicherlich an die Spitze der Regierung berufen worden, wenn er das gewollt hätte. Lueger hatte sich ein anderes Ziel gesetzt. Von Anfang an. Schon alo er bei den Liberalen begann, als er dann die Parteien wechselte, immer war es die Idee, die ihn beherrschte, war es das Leitmotiv  seines Strebens: Bürgermeister von Wien zu werden! Zuerst, da er noch ein kleiner, unbekannter Abgeordneter war, hielt man solche Begehren für vermessen. Später schien dieser Wunsch des populärsten aller Politiker rätselhaft bescheiden. Bürgermeister von Wien, freilich, das·war immer ein·hohes, ein wichtiges Amt. Nur, daß die einzigartige Stellung Luegers ihn befähigte, nach höherem, nach dem Höchsten zu greifen. Doch er griff nicht danach. Er trug eine neue, eine größere Auffassung der Bürgermeisterrolle in seinem Herzen. Und er hat diese Rolle dann gespielt, so äußerlich blendend, wie nie einer je vor ihm. Er saß auf dem Bürgermeisterstuhle weitab von all den Machenschaften, die im Parlament so leicht eine ganze Ministerbank umstürzen. Er saß, der wechselnden kaiserlichen Gnade weniger erreichbar, inmitten der Liebe des Wiener Volkes und von ihr behütet. Nichts konnte sein Amt, nichts seine Macht erschüttern. Seine persönliche Macht hatte er dem Kaiser Franz Josef vorher schon gezeigt. Das war an jenem Morgen, da Lueger in der Fronleichnamsprozession dem Baldachin voranschritt. Als Vizebürgermeister. Damals durfte er nicht Bürgermeister sein, denn der Kaiser hatte ihm dreimal die Bestätigung geweigert. Nun schritt er in der Prozession vor dem Baldachin einher und auf dem ganzen Weg umbrauste ihn der Jubelruf der Wiener. Franz Josef, der dem Baldachin folgte, ging im Kielwasser dieser  Lueger-Ovationen. Und das war bitter für ihn. Denn Franz Josef, eifersüchtig auf die Sympathie der Wiener, wurde gereizt, wenn sie einem anderen als ihm Hoch riefen. Er hatte in seiner eifersüchtigen Unduldsamkeit schon Minister entlassen und Erzherzoge verbannt, weil sie in Wien zu beliebt wurden. Den Mann vor sich da,·der alle Begeisterung in Anspruch nahm, der dem Kaiser nichts zurückließ als das eisige Schweigen der Menge, diesen Mann mußte er dulden, und er mußte ihn kurze Zeit nachher auch richtig noch als Bürgermeister bestätigen. Und Lueger wurde nicht bloß der Bürgermeister, er wurde der unumschränkte Gebieter, er wurde der gefeierte Liebling der neuen, großen Stadt Wien. Er wurde der Großunternehmer der Straßenbahn, der elektrischen Beleuchtung. Er nahm alles Erreichbare in städtische Regie, den Tod und das Leben, die Leichenbestattung und die Kinderschulen, Feuer und Wasser, sogar die monarchische Gesinnung und die Kaisertreue. Jetzt begriff man, was für ein großer Herr der Bürgermeister von Wien ist. Es kam eine Zeit des Siegesrausches für den Mann, der nun sein Ziel erreicht, seinen Daseinstraum verwirklicht hatte. Es kam eine Zeit der Orden und Titel für Lueger, dem man es danken mußte, daß Thron und Altar wieder so feste Stützen fanden. Es kam eine Backhendelzeit für alle seine Getreuen. Und es kam ein durch Jovialität gemildertes Gewaltregiment für die Gegner. Dann aber kamen andere Dinge. Der Schuhmeier kam und war ungefähr aus dem gleichen Holz, redete die gleiche Mundart, nur ursprünglicher, volkstümlicher. Und er war jünger. Er war ebenso elementar in seiner Beredsamkeit und in seiner erfrischenden Jugend. Wenn Lueger die Werke von Ibsen gekannt hat, mag er damals wohl öfter an den alternden Baumeister Solneß gedacht haben. Die Krankheit kam, die ihn zermürbte, die ihm das Augenlicht raubte und ihn zum Schatten seiner selbst werden ließ. So trat er, am leuchtenden Sommertag des Jubiläumsfestzugs, beim Burgtor an die Kaisertribüne. Franz Josef, der älter als war Lueger, aufrecht, gefeiert, von Ovationen umbrandet, und sah den gefährlichen Rivalen um die Gunst der Wiener vor sich als gebrochenen, vom Tod gezeichneten Mann. Jetzt wird ein völlig verändertes Wien das Lueger-Denkmal sehen. Ein Wien, das nicht mehr allzuviel an Franz Josef denkt und das von Lueger nicht mehr allzuviel weiß. Die Welt rollt weiter. Man hat ein seltsames Gefühl, wenn einem Menschen, dessen Schicksal miterlebt, dessen Werden und Vergehen man mitangeschaut hat, ein Monument gesetzt wird. Als man seine Aufrichtung beschloß, war das Lueger-Denkmal wohl als Siegeszeichen gedacht, als ein Werk, das die Pietät seiner glücklichen Erben künden solle. Jetzt ist es ein Erinnerungszeichen mehr an die Vergänglichkeit alles Irdischen, aller Erfolge und aller Macht. Und es wirkt wie ein Abschluß eines Kapitels aus der Geschichte Wiens und eines Oesterreichs, das einmal war.